Wenn Post-Internet-Musik so etwas wie einen Star hat, so ist es wohl Oneohtrix Point Never. Der New Yorker, der für seinen Künstlernamen die Frequenz einer Radiostation umdichtete, veröffentlicht zwar schon seit den Nullerjahren Musik. Ihr haftet aber in vielen Fällen ein spezieller Hauch von Verheißung an, eine kindliche Freude an der Rekonfiguration, der Rekalibrierung ehemals fest zugewiesener Teilstücke, die fortan einen neuen Zweck erfüllen.
Tranquilizer bildet keine Ausnahme. Das knapp einstündige Album klingt, als spielten Algorithmen im Glasfaserkabel ihre Version von klassischer Musik – und hat doch eine menschliche Komponente, die die Tracks mechanisch atmen lässt. In »Modern Lust« tönt von Weitem ein Saxofon, nur kurz aufgebockt von hektischen Kicks. Der Track resoniert mit maschinellem Antlitz in die Stille hinein und hofft auf Antwort. Das nimmt erstaunlich stark mit, bedenkt man, dass Daniel Lopatin die Musik auf diesem Album aus einem Archiv für sogenannte Gebrauchsmusik zusammengeschustert hat.
Auch ohne die reichlich pathetische Bemerkung, dass hier jemand die Töne aus der Sklaverei heraus und ihrem eigentlichen Sinn – dem Genuss, vielleicht auch dem Selbstzweck – zuführt, überzeugt Tranquilizer. Weil es nicht nur ein Konzept hat – das hat Oneohtrix Point Never schließlich immer, manchmal auch zu viel davon –, sondern schlicht und einfach gut anzuhören ist. »Vestigel« schwillt mächtig wogend auf und ab und zeugt von einem Produzenten, der seine Bibliothek unter Kontrolle hat. »Cherry Blue« beweist, wie das ganze Album, dass aus vorgegaukelten Gefühlen echte werden können.


