Schnipo Schranke

Satt

Buback • 2015

Lässt sich mit Musik den Sachzwängen entkommen? Wer sind wir, und wenn ja, warum nicht besser? Wie lässt sich das Hinkriegen mit der einen, großen Liebe, wo doch alle nur am Tindern oder Abwägen sind? Es sind Fragen wie diese, welche die beiden Wahlhamburgerinnen von Schnipo Schranke in ihre schneidige Schunkelschlager einfließen lassen. Aber von Anfang: Zuerst war da das Musikstudium und die grausige Aussicht auf ein Blockflötenlehrerinnendasein, dann ein Keyboard und eine Webcam und irgendwann Rocko Schamoni, dem Daniela Reis und Fritzi Ernst eine CD in die Hand drückten. Der Rest ist Internetgeschichte: »Pisse« vom Staatsakt-Sampler »Keine Bewegung« ging mit Piller-Video und prustendem Pathos viraler als Blasenentzündungen im Frühherbst. Das lässt sich zum großen Teil mit dem Witz der beiden erklären: Schnipo Schranke-Texte sitzen. Selbst auf Albumlänge. »Satt« drückt konkrete Probleme in leichtfüßige Lyrics, die Pointendichte ist noch tighter als das Klavier-Schlagzeug-Bett, über das der wechselnde Gesang der beiden hüpft. Es geht auf »Satt« um gescheiterte Beziehungen, einseitige Beziehungen, gewalttätige Beziehungen, fiktive und Fick-Beziehungen, kurzum: Das gesamte Kuddelmuddel, das der Kapitalismus in unserem Liebesleben angerichtet hat, wo wir uns nicht mehr als Liebende, sondern fleischgewordene Kosten/Nutzen-Bilanzen begegnen. Es geht aber ebenfalls um Fluchten. Vor den Selbstoptimierungszwängen und den kleinen großen Alltagstragödien. Diese Fluchten führen entweder in das Reich der Fantasie, die gesellschaftsabseitige Karriere im Musikbiz oder gleich in die Karibik für ein bisschen Gangbang mit der Animateursmeute. Am Ende steht aber die schönste aller Fluchten. Denn zwar formulieren Schnipo Schranke auf »Satt« niederschmetternde Realitäten, wie sie derzeit auch in Philosophie und Kulturtheorie von zum Beispiel Eva Illouz (»Warum Liebe weh tut«) diskutiert werden. Was Reis und Ernst aber dagegen ins Feld führen ist die utopische Idee, dass sich über jedem stinkendem Genitalbereich irgendwo ein Herz befindet, das mit einem anderen kompatibel ist. Naiv, vielleicht. Aber habt ihr eine bessere Idee?

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