City Pop war vielleicht das erste echte postmoderne Musikphänomen. Er griff bestehende Stile – Disco, Boogie, Funk, Soul, Modern Pop und Soft Rock – auf und stellte sie in einen neuen Kontext. Das Ergebnis war gleichermaßen lokalspezifisch wie Ausdruck einer zunehmend globalisierten Welt. Er war damit der kulturelle Ausdruck eines gesellschaftlichen Paradigmenwechsels während der wirtschaftlichen Blütezeit der 1970er und 80er Jahre – der Soundtrack des neuen japanischen Bürgertums. City Pop war in diesem Sinne weniger ein Genre als vielmehr ein Vibe – weshalb er in den 2010er-Jahren auf YouTube ein Revival erlebte. Das ebnete den Weg für unzählige Compilations mit Perlen dieser Ära.
Tokyo Pulse – Japanese Funk, Modern & City Pop from the Tokyo Scene 1974-88 ist bereits die dritte WeWantSounds-Compilation, die sich auf eine bestimmte musikalische Strömung in der japanischen Hauptstadt konzentriert, und wurde wie »Funk Tide« und »Tokyo Bliss« von DJ Notoya aus dem Nippon-Columbia-Katalog zusammengestellt. Es überrascht kaum, dass Notoya eher zur funkigeren Seite tendiert, doch die neun Songs durchlaufen zwischen Naomi Chiakis jazzigem Opener und Higurashis grandiosem, souligen Finale »Anata wa doko ni irundesuka« viele Facetten; streifen Reggae, Synth-Pop, Yacht Rock und noch mehr.
Was »Tokyo Pulse« zum Gegengewicht lustloser Cash-Grab-Compilations und KI-generierter YouTube-Mixes macht, ist einerseits Notoyas sorgfältige Sequenzierung in Form eines eleganten DJ-Sets und sein Fokus auf die Deep Cuts. Der Vibe ist eindeutig da, an Substanz mangelt es deswegen aber nicht.
