Various Artists

Traces Three

Recollection GRM • 2014

In der schon über ein halbes Jahrhundert währenden Geschichte der Pariser Groupe de recherches musicales haben nicht nur überlebensgroße Pioniere wie Bernard Parmegiani, Luc Ferrari oder Gründer Pierre Schaeffer unser postelektronisches Musikverständnis mitgeformt (oder vorweggenommen), auch zahlreiche weitgehend unbekannt gebliebene Musiker haben dort ihre Spuren hinterlassen, die es gilt, vor dem Verlöschen zu bewahren. Dem widmet sich die »Traces«-Serie auf Re:GRM, die hier mit einer Sammlung von vier Arbeiten aus den späten Siebzigern in die dritte Runde geht. An Charles Clapauds »Ruptures« lässt sich zeigen, was diese alten Arbeiten so besonders macht: der lange Atem oft monatelanger Arbeit, der bei entsprechendem Formwillen zu Stücken führt, zu deren dramatischen Bögen und überraschenden Brüchen sich auch in jahrelangen Studiojams nicht finden lässt – sowie ein melodisches Denken, das den avantgardistischen Klangideen gewachsen ist. Dessen gegatede, knistrige Träger und die dräuenden Schwärme und Eruptionen, durch die sie sich bewegen, müssten sich in keiner aktuellen Produktion verstecken. Der Slowene Janez Matičič wäre wiederum mit »Hypnos« auch auf Spectrum Spools gut zuhause: Die Nebellandschaft sanft heran- und wieder wegsummenden windspielartigen Arpeggien und kleinen dudelnden Blinktierchen klingt in ihrer Suspense absolut modern. Umseitig wird die Tiefe der Geschichte spürbar: Servio Tulio Marins »Impresiones fugitivas« werfen zwar in eine fremde Welt voll fremdartiger, sprudelnder, auseinanderstiebender Ereignisse (inklusive wuchtiger Bässe), in der es kein Halten zu geben scheint, aber mit einer damals schon zwanzig Jahre langen Hallfahne. Mit dem polnischen Elektro-Akustik-Pionier Eugeniusz Rudnik folgt jedoch dann der Star dieses Vinyls: Seine fast Industrial-kompatible Erzählung vom globalen Kasernenhof (bellende Befehle und Gesänge, marschierende Stiefel) und deren Treatments (Vocodermelodien!) entfacht einen unterhaltsamen, beklemmenden, post-dadaistischen Zeitstrudel, der aus einer anderen Ära mahnt und trotzdem fesselt.

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V.A.
Traces Three
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