yeule (Pronomen: they/them) ist der perfekte Popstar für die schwer greifbare, widersprüchliche Jetztzeit: multidisziplinär wie multimedial, offensiv verletzlich und zugleich ausgestellt künstlich, überdreht und gleichzeitig depressiv, nicht nur in Bezug auf Gender-Identität non-binär. Seit dem Durchbruch Glitch Princess sind erst drei Jahre vergangen, und ein paar wenige Glitches finden sich auch hier. Trotzdem hat sich der Sound deutlich in Richtung Dance-Pop mit großen Hooks entwickelt. Der absolute Wille zum Mainstream ist spürbar. Dem erklärten Vorbild Avril Lavigne kommt Evangelic Girl Is a Gun ebenso näher wie sich Vergleiche zu Grimes erneut aufdrängen.
Kontrastiert werden die eingängigen Upbeat-Hits in Tank Girl-Optik mit dunklen, intimen Texten, mit Variationen wie Trip-Hop-Beats und Irritationen wie Grunge-Gitarren – garniert mit einem Schuss 100 gecs. Mit diesen Parametern könnte wohl auch eine KI recht ähnliche Songs generieren – wären da nicht yeules stellenweise wirklich eindringliche Vocals. Unter der wahren Produzentenriege A.G. Cook, Mura Masa, Clams Casino oder Fitnesss stechen Kin Leonn, Co-Produzent des Vorgängeralbums softscars, und Chris Greatti heraus. Greatti half schon Yves Tumor, vom herausfordernden Avantgarde-Künstler zum veritablen Rockstar zu mutieren – nun hilft er yeule, ein Cyberpunk-Popstar zu werden.
Auf mich wirkt das letztlich doch etwas kuratiert und kalkuliert – aber das muss wohl so sein. Denn zum Zeitgeist gehört eben auch, dass alte Säcke wie icke langsam nicht mehr zur Zielgruppe gehören.

Evangelic Girl Is A Gun Black Vinyl Edition