Records Revisited: Brian Eno – Another Green World (1975)

14.11.2025

Wirklich Neues ist selten. Another Green World von Brian Eno war 1975 radikal, ohne laut zu sein, und klingt bis heute unerwartet modern. Ein Album, das zeigt, wie zugänglich Experiment sein kann.

Etwas sei »völlig neu« oder »total groundbreaking«, das ist schnell gesagt. Doch nur in den seltensten Fällen stimmt es. Einer dieser Fälle nennt sich Another Green World. Brian Eno bezieht sich hier auf kaum etwas, das schon vorher da war; diese Platte ist keine Synthese von Einflüssen, sondern ausschließlich aus dem Innersten der beteiligten Künstler entstanden. Nicht, was schon einmal funktioniert hat, war hier die Messlatte. Sattdessen entstand Another Green World nach dem folgenden Prinzip: Wenn wir Person X in einen Raum mit Person Y stellen, dann wird das sicherlich gut wirken! Let’s try!

Enos drittes Soloalbum sucht, erst Recht im Kontext des Jahres 1975, seinesgleichen. Kein anderes Werk war damals so eigensinnig – weder Springsteens Born to Run noch Patti Smiths Horses, weder Pink Floyds Wish You Were Here noch Led Zeppelins Physical Graffiti. Alles Meisterwerke. Aber über keines kann man sagen, dass es auch morgen erscheinen könnte und immer noch genauso modern klänge. Über Another Green World schon.

Als Ex-Mitglied von Roxy Music kam Brian Eno ursprünglich aus dem Glam-Rock – auch seine ersten beiden Soloplatten gingen noch in diese Richtung –, doch Another Green World lebte von einer Anti-Rock-Haltung. Das Album verläuft nach einem eigenen Muster und erschließt sich vollkommen intuitiv: Die schneidende Vier-Ton-Melodie im Opener »Sky Saw« lässt sich kaum einem Instrument zuordnen, im Hintergrund fliegen krumme Geräusche durch die Luft. Das war sicherlich nur das Intro, denkt man sich; der zweite Song wird bestimmt ein richtiges Lied sein! Aber nein: »Over Fire Island« besteht hauptsächlich aus einem instrumentalen Basssolo. Nur in fünf der vierzehn Songs (bzw. Skizzen) wird überhaupt gesungen.

Schlangengitarre und ungewisses Klavier

Die Überhightlights »The Big Ship« und »Becalmed« weisen bereits in die Richtung von Brian Enos puren, wegweisenden Ambient-Platten der späten Siebzigerjahre – allen voran »Ambient 1: Music for Airports« (1978) –, leben aber noch stärker von großen, durchaus emotionalisierenden Harmoniestrukturen.

Brian Eno ist eine Art David Lynch der Musikwelt, ein neugieriger Kreativitätsguru und ultimativer Artschool-Studenten, der gewissermaßen einen Theoretiker ästhetischer Praktiken darstellt und sich trotzdem eine gewisse Amateurhaftigkeit bewahrt hat; für ihn ist die Entscheidung zu einem künstlerischen Akt bereits die halbe Miete ist. Seine künstlerischen Techniken, die er auch bei Another Green World verwendete, beinhalten beispielsweise das Hinzuziehen selbst konzipierter Karten, auf denen Dinge stehen wie »use an old idea«, »only one element of each kind« oder »work at a different speed«. Den Sounds, die daraus entstanden sind, gab Eno in den Album-Credits letztlich Bezeichnungen wie »snake guitar« oder »uncertain piano«. Warum? Weil sie die Klangwelt von »Another Green World« am treffendsten beschreiben.

Radikal und schockierend sein, kann jeder.

Das Album ist auch eine Zusammenfügung ultratalentierter Menschen: Percy Jones am bundlosen Bass, King-Crimson-Ikone Robert Fripp an der Gitarre, John Cale an der Viola, kein Geringerer als Phil Collins am Schlagzeug. All sie ermutigte Brian Eno, ihren Ansatz des Musikmachens zu überdenken. Später wurde das zu Enos Hauptmerkmal: David Bowie, U2 und den Talking Heads half er, ihre eigene Komfortzone zu verlassen.

Das Unglaubliche ist, dass Another Green World trotz seiner radikalen Experimentierfreudigkeit nicht herausfordernd, sondern in seiner großen Schönheit zugänglich klingt. Radikal und schockierend sein? Einfach. Kann jeder. Aber radikal und zugleich eingängig zu sein, das bleibt der stärkste Akt der Kreativität.

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