Der Nebel schlängelt sich ganz langsam aufwärts, in Richtung der Kuppel in der Halle des Berliner Silent Green. Es ist dunkel. Nur ein Lichtkegel beleuchtet die Bühne. Dort, in den Schatten zurückgezogen, steht Maria Somerville mit ihrem Bassisten und Schlagzeuger. Sie steht als regungslose Silhouette da, die einzige Bewegung ist das unaufhörliche, hypnotische Anschlagen ihrer E-Gitarre.

Luster Dark Grey Clear Vinyl Edition
Gerade noch erkennt man, dass die irische Musikerin eine Daunenjacke mit Fellkragen trägt, ihre schwarzen Haare fallen ihr ins Gesicht. Umso stärker ist der Eindruck ihrer Stimme. Wenn Maria Somerville singt, ist das fesselnd. Manchmal ist es kaum mehr als ein Flüstern, manchmal versinkt ihre Stimme fast im Rauschen aus verzerrtem Shoegaze, Post-Punk und Ambient.
Während ihr aktuelles Studioalbum Luster ein Werk sanfter, zarter Texturen ist, wird das Publikum an diesem Abend von unerwarteter Kraft und Lautstärke überrascht. Der Ton ist rau, oft verzerrt. Chords erscheinen als Schleier – ein Gewebe, das sich in Wellen hebt und senkt, Ebene für Ebene wird übereinandergelegt. Die Körnung hat etwas Post-Punkiges, Grunge- und Noise-Rockiges, dazu kommen der schwere Bass und das kraftvolle Schlagzeug.
Zwischen diesen Schichten öffnen sich warme, helle Passagen wie Lichtreflexe in der Dunkelheit, bevor sie von der nächsten Woge der Lautstärke überrollt werden. Es sind diese kurzen Momente, in denen die Leichtigkeit erahnbar wird, die doch vermeintlich Somervilles Musik kennzeichnet. Von der an diesem Abend aber nicht viel übrigbleibt. Einige der Songs sind kaum wiederzuerkennen. Schade, da diese fein platzierten Konturen und Facetten Luster so reizvoll und vielseitig machen.
Der Körper der Band wirkt massiver – ein kontrolliertes, aggressives und sphärisches Dröhnen.
Doch die Neuinterpretation der Songs fesseln die Aufmerksamkeit des Publikums. Wie erstarrt nimmt es jede Sekunde Musik in sich auf. Somervilles Stimme funktioniert in diesem speziellen Klima nicht als Erzählerin, sondern als klares Stilmittel. Häufig bleibt sie im Hall stehen, während sich Wortfetzen immer wieder auflösen. Gerade weil vieles nur als Silben, Atem und entfernte Melodie ankommt, wirkt der Körper der Band massiver – ein kontrolliertes, aggressives und sphärisches Dröhnen.
Der Kontakt zum Publikum bleibt sporadisch. Es gibt eine kurze Vorstellung der Band und einen kurzen Shoutout an den Support-Act Nashpaints (aka Finn Carraher McDonald, der auch an der Produktion von Luster beteiligt war und Mitglied der Band Princ€ss ist), der zuvor vage, zeitlose Texturen mit beeindruckend geschmeidigem Pop-Echo performt.
All das passt und erweitert zugleich ihre künstlerische Position. Das Konzert steht neben Luster wie eine zweite Lesart derselben Idee: Mystik und Realität nicht als Gegensatz, sondern als sich überlagernde Einheiten. Auf der Platte entdeckt man, dass man sich zwischen all den Facetten verlieren darf. Live ist das anders. Hier stellt sich eine Körperlichkeit ein, eingehüllt im Hall des Gesangs und den immer weiter wogenden verzerrten Wellen der Gitarren findet man zur Form.
