Neben ihrer theatralischen Art, Songs zu performen, ist es vor allem ihre emotionale Direktheit, die Mitski so einmalig macht. Man hat manchmal das Gefühl, als würden ihre aufgeladenen Lyrics ungefiltert aus ihrem Kopf in unsere Ohren fliegen. Als Texterin schreibt sie mit ihrer Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit denkwürdige Zeilen, die dann eben auch auf TikTok funktionieren. Ein Beispiel von ihrem 2016 veröffentlichten Meisterwerk Puberty 2: »I will go jogging routinely / Calmly and rhythmically run / And when I find that a knife sticking out of my side / I’ll pull it out without questioning why.« Solche Zeilen sind so stark, gerade weil sie nicht noch mal überdacht wurden.

Nothing's About To Happen To Me Black Vinyl Edition

The Land Is Inhospitable And So Are We Black Vinyl Edition
Auf ihrem achten Album Nothing’s About to Happen to Me zeichnet Mitski das Bild einer zurückgezogenen Frau, die in einem unordentlichen Haus lebt, dort unzählige Katzen hält und mal wieder panisch von Raum zu Raum rennt, weil sie vor lauter Verwirrung ihr Handy verlegt hat — ein Bild, das man nicht unbedingt mit gefeierten Indie-Stars verbinden würde. Solch ungewöhnliche Charakterstudien, die Mitski dann in verspielte Indie-Rock-Songs wie »Where’s My Phone?« verpackt, sind auch deshalb so gelungen, weil sie etwas über Mitskis ambivalentes Verhältnis zu ihrem eigenen Erfolg aussagen. Sie sehnt sich nach Ruhe. Doch dazu später mehr.
Musikalisch ist das Album als Fortführung des Vorgängers The Land Is Inhospitable And So Are We (2023) zu betrachten, denn ähnlich wie darauf zieht Mitski wieder Inspiration aus der Countrymusik. So beginnt die Platte mit ländlichen Akustikgitarren, einem Akkordeon und Banjo. Aber: Irgendwann setzt die Autohupe ein und der Opener verwandelt sich in ein jazziges Großstadtchaos; dazu die Worte »In a big city you can start over«. Damit macht das Album schon zu Beginn deutlich, dass es weitreichender als der Vorgänger ist. Mitski greift auf verschiedene Ästhetiken ihrer älteren Werke zurück und dringt gleichzeitig in neue Gefilde vor.
Zwischendurch grübelt sie auf Nothing’s About to Happen to Me sogar, ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn sie bereits gestorben wäre …
Immer wieder fallen ihre komplexen Gesangsmelodien auf, die Mitski und ihr langjähriger Produzent Patrick Hyland dann in zugängliche Popsongs verpacken. Was spannend ist: Mitski ist überhaupt nicht mit Rockmusik aufgewachsen und hat eigentlich Komposition studiert. Das hört man auf der gesamten Platte — auch, weil sie sich nie auf andere Indie-Rock-Acts bezieht, zumindest nicht direkt. Man könnte fast sagen, dass ihr größter Einfluss eigentlich immer sie selbst ist, was zu dem puren, elementaren Charakter ihrer Songtexte passt. Mitski bewegt sich nicht innerhalb irgendwelcher Traditionen, sondern ist eine völlig instinktive Musikerin. Das gefällt vor allem jungen Menschen.
Im Kopf allein passiert ja schon genug
Die erwähnte Zeile »In a big city you can start over« ist irreführend, weil es auf Nothing’s About to Happen to Me vor allem um Isolation und den Rückzug ins Private geht. Eine spätere Zeile ist sehr viel repräsentativer für das Album: »I’m where nobody can reach« – also: »Ich bin dort, wo mich niemand erreichen kann«. Mitski singt hier über jene bereits erwähnte Frau, die am liebsten zu Hause bleibt und dort mit ihren Katzen abhängt; sie singt davon, wie sie aus dem Fenster schaut und die vorbeifahrenden Autos beobachtet. Es scheint also, als würde sich die Musikerin nach einem ruhigen Leben in den eigenen vier Wänden sehnen.
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Laurel Hell
Im Highlight »I’ll Change For You« singt Mitski darüber, dass sie sich komplett für ihr romantisches Gegenüber verändern würde, nur damit die Person dann bei ihr zu Hause bleibt. Obwohl das natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist und eine gewisse Tragik symbolisieren soll, wären solche Aussagen auf früheren Mitski-Platten undenkbar gewesen, weil sie sich damals eher als eine Frau definiert hat, die niemals völlig in ihre Umgebung reinpassen wird und am liebsten ausbrechen würde. Auch in »Where’s My Phone?« scheint dieses Thema durch: Da geht es gar nicht so sehr darum, dass sie ihr Handy verloren hat, sondern um eine Sehnsucht nach der Freiheit und Ruhe ohne diese ständige Erreichbarkeit. Mitski hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihrem Erfolg, und jetzt sehnt sie sich nach Anonymität, nach einer Trennung vom Rest der Welt. Zwischendurch grübelt sie auf Nothing’s About to Happen to Me sogar, ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn sie bereits gestorben wäre …
Doch Isolation und Anpassung scheinen für Mitski nicht unbedingt schlechte Dinge zu sein, sondern eher Auswege. Um den Albumtitel hinzuzuziehen: Dass ihr nichts passiert, das scheint Mitski ganz gut zu finden. Weil sie festgestellt hat, dass in ihrem Kopf schon so viel abgeht, dass ihr auch allein zu Hause nicht langweilig wird.
