Records Revisited: Aphex Twin – Drukqs (2001)

30.10.2026

Aphex Twins einziges offizielles Album in den 2000er-Jahren war nicht nur ein Drill’n’Bass-Banger. Zwischen den hektischen Beats streute er das, was später zum Neoklassik-Hype heranwachsen würde.

Es wäre spannend, heute auf die Musikwelt zu schauen, wenn Richard D. James am Rande der Jahrtausendwende nicht seinen USB-Stick mit 180 unveröffentlichten Tracks im Flieger nach Schottland verloren hätte. Denn – glaubt man der ewigen Legendenbildung um James und seinen bekanntesten Alter Ego Aphex Twin – war das Oktober 2001 erschienene Album Drukqs nie geplant. James wollte schlicht einem möglichen Leak zuvorkommen. Wer auch immer den USB-Stick gefunden hatte, muss, vom Inhalt überfordert, das Ding einfach formatiert haben. Zu einem Leak kam es nie. 

Es wäre nicht die Drill’n’Bass-Welt, die heute anders aussehen würde. Auch wenn Stücke wie »Vordhosbn« und das monumentale »Mt Saint Michel + Saint Michaels Mount« nach wie vor in ihrer Detailtiefe und Programmierfinesse des rhythmischen Splittersturm ihres Gleichen suchen. Auch wenn die ganzen verrückten schnellen Beateskapaden, die nur 40 Prozent der 30 Tracks ausmachen, heute auf etablierten Labeln wie Analogical Force Jungle-Hektik und Acid-Electro-Coolness zu einem eigenen kleinen Subgenre geformt haben. Das wäre auch so passiert. Denn was in den Rhythmen und Melodien in alle Himmelsrichtungen durcheinanderwirbelte, hat James ein paar Jahre später unter seinen Reinkarnationen als The Tuss (The Rushup Edge, Rephlex) und AFX (Analord 1-12, Rephlex) konsequent fort- und in den Electro überführt. 

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Die Beats sind hier egal

Vielmehr wäre spannend, ob wir heute einen Nils Frahm, Ólafur Arnalds oder eine Hanja Rania so selbstverständlich in den Playlists hätten. Wichtiger als die Drill’n’Bass-Banger, die viele Kritiker*innen der damaligen Musikpresse (fälschlicherweise) als lauwarmen Abklatsch des 1997 erschienen Albums Richard D. James (Warp Rec.) abwatschten, war 2001 das, was zwischen den Langstücken passierte. Dass die vermeintlichen Interludes den eigentlichen Kern von Drukqs bildeten, suggerierte bereits das Cover-Artwork. Diesmal gab es kein manisches Grinsen des Altmeisters wie auf all seinen Veröffentlichungen seit 1995. Stattdessen die Detailaufnahme eines präparierten Klaviers. 

»I want it to be really fucking awkward, I am very fucking awkward«

Aphex Twin

Bei der Vinyl-Veröffentlichung ging James sogar noch weiter. Statt des klassischen Albumformats erschien das Vierfachvinyl in einer gestreckten Box von 12×17”, die dem Klavier-Bild mehr Detailraum gab. James quittierte die Sorge seines Label-Chefs Steve Beckett, dass diese »Chocolate Box« in Plattenläden schwer einzuordnen sei, in seiner nonchalanten Bestimmtheit: »I want it to be really fucking awkward, I am very fucking awkward«. Dass auch seine Fans sich mit dem unhandlichen Format schwertun würden, das Cover irgendwo zwischenlagerten, an die Wand nagelten oder zurechtschnitten… geschenkt. Alle kauften ein Drittel Klavier mit dem Vinyl. 

Vierzehn der insgesamt 30 Titel von Drukqs sind (vermutlich) in irgendeiner Form mit einem präparierten Klavier erschaffen wurden. Bei der 1938 von John Cage eingeführten Technik, werden Alltagsgegenstände an bestimmten Saitenabschnitten eines Klaviers platziert. So wie viele Jahre später Nils Frahm mit Klobürsten auf den Saiten des Flügels trommelte, nutzte Cage damals Radiergummis, Nägel und Papier, um dem angestaubten Klang des Klaviers neue Töne zu entlocken. 

Hardcore Neoklassik Galore 

Was James genau für seine 14 Kleinststücke nutzte, ist bis heute rätselhaft und eigentlich auch unwichtig. Mit Drukqs landete 2001 für mehrere Wochen ein Album in den Top 10 der UK-Dance-Charts, das dem britischen Hardcore-Kontinuum seltsame Klassikmomente unterjubelte. James verzahnte damit Gehöre, die sonst wenig Schnittmenge zueinander fanden: die damals noch fest voneinander abgegrenzte ernste Musik und Unterhaltungsmusik. Klassik und Elektronik. Klassik und Pop. 

Ganz neu war das natürlich nicht. Seit Jahrzehnten hatten Komponisten wie Philip Glass, Ludovico Einaudi und Ryuichi Sakamoto an der Genregrenze balanciert. Ersterer steuerte 1995 auf Aphex Twins Donkey Rhubarb EP (Warp Rec.) sogar einen Remix zu »Icct Hedral« bei. James selbst hatte – inspiriert von Björks Nutzung von Streichern – im selben Jahr bereits mit »Next Heap With« seinem Gemischtwarenalbum I Care Because You Do… (Warp Rec.) eine reine Streicher-Orgel-Elegie untergemischt. Und natürlich lugte auch der französische Komponist Erik Satie (1866-1925) allenthalben durch die Saiten. 

Im Gegensatz zu den Urahnen der heute als Neoklassik betitelten Musik, war mit Aphex Twin und seinem Album Drukqs die Überschneidung von Techno und Klassik aber offiziell. Legit. Ein Hardcore-Head machte plötzlich Hochkultur und zertrampelte die Grenzen zwischen dem Akustischen und Elektronischen, dem hochnäsigen Ernsten und vermeintlich rein Unterhaltsamen. In vielen Gehörgängen wird damals dieser kleine seltsame Samen mit einem breiten Grinsen Wurzeln gebildet haben. 

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