Records Revisited: Aphex Twin – Selected Ambient Works 85-92 (1992)

12.02.2022
Ausgewählt von Freunden, waren Aphex Twin die Tracks seines Debüts von 1992 egal. Er hätte andere genommen. Dass »Selected Ambient Works 85-92« eine ganze Subkultur prägte, ist dreißig Jahre später trotzdem Teil der Geschichtsschreibung.

»Alles was ich will, ist nicht arbeiten und Tracks machen bis ich tot umfalle«. Selbst als eine gerade dem Untergrund entstiegene Ikone verlor Aphex Twin nie den Sinn fürs Wesentliche, auch nicht für seinen Humor. Aussagen des irischen Wunderkindes waren und sind zwar stets mit Vorsicht zu genießen, insbesondere wenn es um seine Biografie, seine Motivation und Musik geht. Doch blieben im Laufe der Jahre einige Wahrheiten über ihn an den weit verzweigten Fluren elektronischer Musik haften, die in seinen Arbeiten zeitlose Zeugnisse finden. Als »Selected Ambient Works 85-92« im November 1992 über R&S Records erschien, war Techno kaum mehr als eine Spielerei der urbanen Jugend, die sich auf der Suche nach Tanz und Entrückung neuen Arten des Musikmachens zuwandte. Punk und Industrial waren in ihrer Hochphase, Hip-Hop und Acid auf dem Weg zum Peak, da blies der Zeitgeist seine nächste Kontraktion als schnell schlagendes Rhythmuswerk über den Planeten, getrieben von technologischen und soziokulturellen Verwerfungen. James war Teil dieser städtischen Subkultur – und irgendwie auch nicht. An den Küsten von Cornwall machte er sich im Alter von 15 als DJ einen Namen, legte mit Tom Middleton auf, schraubte aber zeitgleich eigene Synths und Drum-Computer zusammen und entwarf damit angeblich schon Mitte der Achtziger erste Acid-House-Tracks, zwei Jahre bevor der Begriff überhaupt Schule machte. »Als ich anfing, hatte ich keinerlei Equipment«, sagte er im April 1993 in einem Interview mit Future Music. »Ich machte Tape-Loops und spielte sie auf Ghetto-Blaster-Motoren oder Reel-To-Reels, die es für fünf Kröten beim Schrotthändler gab. Mit dem Kram habe ich verdammt viel gemacht, ganze Sound-Collagen entworfen und fünffach kopiert. Dann habe ich alles synchronisiert, die Tapes rückwärts laufen lassen und die Geschwindigkeit fluktuiert, um Effekte wie Flanging, Chorus oder Phase-Shifting zu kreieren«.

Die Genese völlig idiosynkratischer Klänge, oft auf minderwertigem Equipment radikal moduliert, wurde zum Merkmal des elektrotechnischen Eigenbrötlers, den käsige Titel wie »MDMA Mozart« stets kalt ließen. In der Schule belegte er Technik-Kurse, zuhause zerlegte er seinen Roland 100M Monosynth aus blanker Geldnot. »Musik und Elektronik gingen Hand in Hand«, betonte er immer wieder. »Außerdem hatte ich keine Kohle! Wenn ich irgendetwas verändern wollte, musste ich nutzen was ich hatte oder etwas Neues bauen«. Konkret bedeutete das: Für Jahre blieb kein Gerät ganz, alles wurde neu verdrahtet, gelötet und gecodet. Sequencing-Programme schrieb James auf dem Sinclair Spectrum, baute Controller, die oft nur einen Sound generierten und über Schaltungen oder Volt-Veränderungen angesprochen wurden. »Ich will keine vorprogrammierten Drum Sounds nutzen. Auf den Ambient Works gibt es zwar modulierte 808s, aber nur, weil die Tracks schon vier bis fünf Jahre alt sind«, merkte er 1993 noch an. Er selbst war dann auch überrascht von der Resonanz, welche die »Selected Ambient Works 85-92« schon kurz nach Veröffentlichung auszulösen vermochten. Über ein Hi-Fi Deck auf Standard-Audiokassetten gemastered, wurde das Album zuvor von Freunden und Kollegen aus einer größeren Track-Sammlung selektiert, der sie über Autoradio oder Walkman lauschten. »Beim ersten Track ›Xtal‹ war das Tape schon an sieben verschiedenen Stellen gefressen worden«, erinnerte sich James Jahre später.

Aus der Stille seiner insulären Arbeitsumgebung channelte Aphex Twin hier etwas, das dem Lebensgefühl eines ganzen Jahrzehnts vielleicht näher kommt als irgendeine Erinnerung es je könnte – und doch klingt das alles beunruhigend modern.

Unterm Strich gab es nach dem Selektionsprozess wenig bis gar keine Bearbeitung des Materials. Kaum ein Track wurde EQ’d, Glitches nicht digital beseitigt. Die Samples stammen entweder aus den zuhause zusammengeschraubten Soundplatinen oder einem Nachmittag auf dem Schrottplatz, ausgestattet mit Schlägern und Hämmern. Es ist eine Retrospektive auf James’ frühes Schaffen, seine autonome Arbeitsweise, die LSD-geschwängerte Experimentierwut und jugendliche Neugier. Sie verleiht etwa dem neunminütigen »Tha« eine imperfekte, rohe Energie, die das Schauspiel aus geisterhaften Voicesamples und blau fluoreszierenden Flächen beseelt – weniger Weltraum als eine Welt von Räumen. Rituell im Beat, futuristisch in Klangfarben und Texturen meistert auch »Ageispolis« den delikaten Balanceakt zwischen Ambient und Techno auf Philippe-Petit-Level, Kilometer über dem Boden schwebend. Die Produktion dieses Albums verschwimmt, gerät dann wieder merkwürdig konkret, entgleitet und fokussiert in Kaskaden. Ihr ganzes Genie wirkt sich in der quelchenden Acid-Programmierung von »Green Calx« zwischen Samples des Opening Themes von Carpenters »The Thing« und »Robocop« ebenso dramatisch aus wie im aufbäumenden »Heliosphan«, das gleich eines Bodyloads in hallenden Soundwellen anflutet. Aus der Stille seiner insulären Arbeitsumgebung channelte James hier etwas, das dem Lebensgefühl eines ganzen Jahrzehnts vielleicht näher kommt als irgendeine Erinnerung es je könnte – und doch klingt das alles beunruhigend modern. »Schottkey 7th Path« ist ebenso eine Vorwegnahme von Ambient- wie von Industrial-Techno, genussvoll demoliert durch Samples bauchiger Metalltonnen und gezähnter Fahrradketten. Eine ominöse Vision der Zukunft, die nicht umsonst in Fanvideos immer wieder mit Bildmaterial der ersten Atombombentests unterlegt wurde.

Aphex Twin
Selected Ambient Works 85-92
Apollo / R&S • 2008 • ab 26.99€
Stellenweise wirkt diese Musik fast schon improvisiert, wie etwa im klirrend kalten »Hedphelym« oder dem völlig konträren »Delphium«, dann aber doch wieder organisch miteinander verwachsen. Tatsächlich ist das Album zu 99% durchsequenziert und beschwört unter Verwendung selbst gebauter oder gekaufter Sequencer eine Anziehungskraft, die in den Folgejahren massiv an Momentum gewinnen sollte, teilweise forciert durch Labels wie R&S, Warp, Wax Trax oder Chain Reaction. Das gegenwärtige Angebot etlicher digitaler Synths und DAWs, hunderter Sample-Datenbanken mit Millionen blutleerer Sounds erscheint da fast wie ein faustischer Fluch. Denn vielleicht liegt die Zeitlosigkeit der »Selected Ambient Works 85-92« tatsächlich nicht nur in dem, was sie klanglich offenbarten, sondern in ihrer Qualität zu verschleiern, wie sie entstanden.