Music Kolumne | verfasst 03.04.2018
Vinyl-Sprechstunde
Roc Marciano – RR2: The Bitter Dose
Roc Marciano ist zurück, geändert hat sich nicht: Drums, die dir die Zähne ausschlagen, Samples fürs Seelchen, und Reim-Skills für die Ewigkeit. Unsere Autoren fühlen sich zu Hause.
Text Florian Aigner, Pippo Kuhzart, Kristoffer Cornils
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Florian Aigner: Vielleicht ganz gut, wenn ich das als 90s-New York-Brontosaurus anmoderiere – mit einer wichtigen Frage: Gab es für euch in den letzten zehn bis zwölf Jahren überhaupt loopdominierte NYC-Alben, die euch so abgeholt haben wie Marci? Außer Ka vielleicht?
Philipp Kunze: 21 Savage, larl. Ne, okay, NY, hmm. Ka, klar. Aber mehr?
Florian Aigner: Weil für mich sind ja »Return of the Mac« und »Fishscale« voll wichtig und irgendwie die klarsten Referenzen für das hier.
Philipp Kunze: Oh… die sind nicht älter?
Kristoffer Cornils: Die Frage kann ich Rap-Halbanalphabet sowieso nicht beantworten. Die letzte Monomythosplatte aus New York, die ich geil fand, kam von Princess Nokia (die EP wohlgemerkt, nicht die Resteverwertungs-LP).
Philipp Kunze: Ich finde, man braucht da jetzt aber auch nicht waaahnsinnig viel Bezug zu haben. Wenn man so Musik einmal gehört hat, kennt man sie. Wenn man sie einmal richtig gefühlt hat, fühlt man es immer. Und Punkt 2 ist wahrscheinlich der entscheidende.
Florian Aigner: Ist ja trotzdem interessant das in eine Tradition zu stellen, weil auch Marci und Ka wesentlich mehr unerwartete Liebe kriegen als der durchschnittliche 40-jährige Haudegen.

Kristoffer Cornils: Ich muss »Return of the Mac« erstmal googlen, hatte aber bei mindestens zwei Songs auf »RR2« an »Shook Ones« gedacht, Piano-Sample-mäßig. Was mich dann wieder denken ließ: Wie zeitgemäß kann das 2018 schon sein? Aigner, du schriebst, Roc habe Rap gerade besser verstanden als der Rest. Wieso’n eigentlich?
Kunze: Ja, warum muss Roc Marciano trotz fossiloidem Sound nicht mit DJ Stylewarz in Karlsruhe spielen?

Florian Aigner: Also ich glaube Roc ist deswegen so Pitchfork-relevant, weswegen auch Doom und Ghostface schon pitchfork-relevant waren: das ist einfach auch Delivery und Pattern-mäßig unglaublich – öööh – advanced.
Kristoffer Cornils: Ja, das merk’ ja selbst ich: Das ist Reimketten-Bukakke at its best. Puh.
Philipp Kunze: Naja, Pattern-mäßig, komm, das kann im Grunde jeder zweite Block-Onkel aus New York. Und da ist es dann auch scheißegal, wie überholt das Game schon wieder ist, weil alte Liebe rostet nicht, sie lattenrostet.
Florian Aigner: Ist das dein Ernst? Pattern-mäßig? Das ist Vince Staples, nur dass Roc wahrscheinlich irgendwann tatsächlich schon mal jemanden im Hudson hat verschwinden lassen.
Philipp Kunze: Ich sage ja nicht, dass der nicht ziemlich ausgefeilt reimt. Meine aber: was das anbelangt, hebt er sich nicht von irrelevant gewordenen anderen Eastcoast-Rappern ab. Also an der Art wie der REIMEN kann, liegts m.M.n. nicht, dass der nicht nur von verkrusteten Technics-Oberlehrern gehört wird.
Florian Aigner: Ellipsen/Phonologie-Massaker plus random ass Referenzen in bester Doom-Tradition, Dude, der Typ special.
Kristoffer Cornils: Eben, vielleicht liegts halt doch auch an der Technik? Das ist doch schon eine krasse Antithese zum melismatischen Autotune-Geblubber, vielleicht schlägt das Pendel wieder gegen, äh, »Authentizität« oder, äh, »Können« aus?

Florian Aigner: Was sind denn eure drei Lieblingstracks? Weil bei mir komischerweise »The Sauce« und »CVS«, neben dem Intro. Und die fallen ja so ein bißchen aus dem Rahmen, beatwise.
Kristoffer Cornils: Lee Moses-Finale (das ist doch Lee Moses?) ist schon hart Gänsefleisch bei mir, dann natürlich TWO GUNS JUST FOR SYMMETRY-Lolmoment dank Action Bronson und »Bedspring King« weilwegen da fühle ich mich zwischen Nas und Doom (ich kenn ja nur zwei Rapper) gut abgeholt. Aber du fischst natürlich nach dem Moment überhaupt für mich: Der Lattenrostswagger. Irrwitzig.
Florian Aigner:Ich liebe diesen Lattenrostshit, weil ich einfach keine Ahnung habe, wann der mich trollt und wann er es ernst meint. Ich glaube er meint es immer ernst, aber woher soll man das wissen? #mamabiscuits
Philipp Kunze: »Corniche«, »Happy Endings«, »Power«.
Florian Aigner: Alter, 8 verschiedene Lieblingstracks, vielleicht ist das die beste Antwort auf die Frage, warum Marci relevant ist.
.
Philipp Kunze: Erklär doch mal den noch nicht Textsicheren, was es mit »Mama Biscuits« auf sich hat.
Florian Aigner: Naja, das ist halt auch so witzig geadlibt, und diese nix gegen das Essen von Muddi, sonst feuer ich dir mit meinem Biscuit die Birne weg, das ist halt guter alter NY-Ebonics-Shit. (Biscuit = Essen / Biscuit = Wumme, für die Almans)
Philipp Kunze: Ja, da stehe ich halt so hart drauf bei dem Album, deswegen finde ich das fresh: man hat die ganze Zeit keine Ahnung, ob man gleich mit einem Butterfly für eine Newport besprungen wird, oder ob so n gutgelaunter Dude ein einfach anlabert, um einen random ass Schenkelklopfer von sich zu geben.

Kristoffer Cornils: Ich glaube, das meint er als Punchline ernst, nicht aber inhaltlich? Keine Ahnung. Allgemein: Ich hätte hier erst mal gar nicht gelacht, wenn du es nicht so witzig finden würdest. Denn er klingt ja so unfassbar staubtrocken ernst, auch dieses bescheuertes “Live by the gun”-Sample ist ja… Ich weiß nicht, da sehe ich recht wenig Ironie drin. Witzig finde ich’s trotzdem.
Florian Aigner: Ich bin da aber halt auch so anfällig sowas auch mit 0% Ironie total witzig zu finden, deswegen war 21 Savage als Einstieg gar nicht so falsch. Vielleicht sind die beiden da unfreiwillig ein gutes Beispiel für die Zeitlosigkeit von Cutthroat-Rap.

Philipp Kunze: Ich muss mal kurz ausholen: wenn ein Album, das SO klingt, 2018 erscheint, dann fällt das ja natürlich in den Lil Xan vs. Pac, Bawwrz vs Mumble Rap, Old School vs New School-Diskurs. Also für Journalisten, die diesen tristen Scheiß aufgreifen müssen. Aber eben auch für viele der Rapper, die sich einer der beiden Schule verpflichtet fühlen. Und Marci klingt ja erstmal total Old School. Findet aber trotzdem nicht in diesen Gegensatzpaaren statt.
Kristoffer Cornils: Aber wieso nicht?
Florian Aigner: Stört euch das denn, dass es hängengeblieben ist und ihr es trotzdem geil findet?
Kristoffer Cornils: Nein, es stört mich nicht. Es ist unglaublich faszinierend.
Philipp Kunze: Naja, es gibt auch einfach zwei Arten von »hängengeblieben«. Das auch als Antwort auf deine Frage, Kristoffer. Das eine »hängengeblieben« ahnt, dass es das ist. Kann aber nicht anders als hängengeblieben zu sein. Es liebt auch einfach nur das gute Alte, kann es sich aber niiiiemals hundertprozentig eingestehen. Weil: Minderwertigkeitskomplex in Anbetracht des Fortschritts. Das zweite »hängengeblieben« weiß, dass es als hängengeblieben betrachtet wird. Gibt darauf aber den majorsten Fick aller Zeiten, weil es weiß, was es liebt und dazu steht.
Florian Aigner: Ach, das ist einfach relevant, weil er genau so ignant ist, wie NY 95 war. Das ist zeitlos. Plus: Roc Marciano ist ja auch nicht hängengeblieben, Eminem hätte eine Anspielung auf »American Pie« benutzt, Roc spielt halt galant auf »Get Out« an, während er souverän noch Schnee schippt (»I’m with that white girl / I’m in that sunken place«).

Kristoffer Cornils: Ah damn, wo’s wieder läuft: Nominiere »Happy Endings« als meinen fünften Top 3-Song weil muss einfach. Diese schüchtern hingeschnurrte Hook, das ist schon – ja, vielleicht ist’s das, was mich so anzieht. Trotz Lattenrostloops und Biscuit-Pathos steckt viel Zärtlichkeit, viel Liebe zum Game in »RR2«. Und eine Duran Duran-Anspielung lol wut.
Florian Aigner: JA! DURAN DURAN!
Kristoffer Cornils: Und da ist es dann auch scheißegal, wie überholt das Game schon wieder ist, weil alte Liebe rostet nicht, sie lattenrostet.
Florian Aigner: Die Anspielungen sind eh so maximal Doom-random, das ist total geil. Halt auch einfach so eine Anspielung auf Cornbread, zwischen ich beiß dein Gesicht. Der Typ checkts einfach.

Philipp Kunze: Ey, auf die Texte kommts bei mir halt so null an. Zumal das genuschelter ist als Mumble Rap. Ich höre das eher so wie ich ein Soul Album höre, ich finde »RR2« SCHÖN! Ich kann dazu Ferrero Küsschen essen.

Roc Marciano – RR2: The Bitter Dose Webshop ► Vinyl 2LP + #CD Kristoffer Cornils: Ich stand gestern Nacht mit einem 0,25l Heineken an der Tramhalte, alles dunkel und neon, da war sie auch super. So ein bisschen geballte-Faust-in-der-Hoodietasche-Pathos ist da voll drin,
Philipp Knuze: JA DAS EH VOLL! Dafür ist die ja!
Florian Aigner: Ich hab ja letztes Jahr in New York immer wieder Burkina Faso vom letzten Album gehört und dachte halt echt: bring it on! Hätte ich mich fast getraut an der Myrtle bei Popeyes reinzusteppen.
Kristoffer Cornils: Obwohl er kein erkennbares Narrativ hat, zumindest kann ich keins erkennen. Aber was er kann ist Stimmungen zu modulieren.
Florian Aigner: LOL, sorry, war kurz abgeschweift. Könnte auch das Cover dieser Platte sein.
Kristoffer Cornils: Review: »Ich hatte die 3 Scheiben Huhn Option, dass ich mit Pommes Frites, Biscuit mit Cola Light. Ich hatte Probleme gearbeitet. es war sehr sättigend.« BISCUIT!
Philipp Kunze: Aber nochmal zu Faust in der Tasche: Ich höre so ein Album halt auch immer krass als wohl behüteter White Boy. Weil neben diese kurzen Hood Tales, die da so gedanklich in einem aufpoppen (Timbos, Tanke, Popeyes), wo man sich dann kurz so drin vorstellt, ist das für MICH vor allem: gemütlich. Steckt einfach eine unglaubliche Vertrautheit drin. Und egal, wie viele Dudes da in den Zeilen verschrottet werden – ich fühle mich innerlich als würde ich King Of Queens gucken.
Florian Aigner: Poah, das ist so stark, weil so was ähnliches hat man als Korkboden-Teenie in den Neunzigern auch über »Illmatic« gesagt (ja klar, übertriebener Vergleich jetzt, aber so von den Feels). Also dieses Gefühl: ich sitze an der Project Window, aber muss nicht wirklich raus, Mutti hat die Socken gewaschen und gleich ist Fußballtraining. Halt dieser POV-Shit, der NY in den 90ern so unstoppable gemacht hat.
Philipp Kunze: Dass ist so weird, dass das ja eher so Stash House-Mucke ist, sich für mich aber anfühlt, als wäre ich Kevin alleine in New York bei der ersten Pizza alleine im Plaza Hotel.
Kristoffer Cornils: Voll, da schaltet sich diese Angstlust gar nicht ein, sondern nur Wohlbefinden. Und sättigend ist halt dieses Album auch. Drei Scheiben Huhn, Fritten, Cola Light wegen des Blutzuckers und voller Probleme mit Extrahustle. Brauche wieder für sechs Monate kein Rap-Album, habe dieses hier, 5/5 Sterne.

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Sault
Black is …
Sault sind die inoffizielle musikalische Stimme der Black Lives Matter Bewegung. Voll radiotauglichem Soul und Jazz, hinter dem die längst überfällige Revolution steht.
Music Kolumne
Aigners Inventur
November & Dezember 2020
Das Virus? Nah, unser furchtloser Kolumnist fürchtet nur eines hinter jeder Straßenecke: Clueso. Aigner schmeißt sich in fiktive Nachtbusse und bückt sich n zu den REWE-Spaghetti runter, weil die von Barilla wieder weggepreppt wurden.
Music Kolumne
Records Revisited
The Pharcyde – Labcabincalifornia (1995)
Pioniere im Andersdenken. Vor 25 Jahren wurden die überdrehten Klassenclowns von The Pharcyde auf ihrem zweiten Album »Labcabincalifornia« zu zynischen Antihelden. Daran trug auch ein damals unbekannter producer namens J Dilla Schuld.
Music Porträt
Tidal Waves
Die Welle reiten
Eine kräftige Welle hat schon so manchen Schatz an Land gespült. So gesehen passt der Name, denn das belgische Reissue-Label Tidal Waves sucht, findet und veröffentlicht verlorengeglaubte Perlen der Musikgeschichte.