Zwölf Zehner – Oktober 2011

03.11.2011
Willkommen im November. Doch vorher lassen Florian Aigner und Paul Okraj den Monat Oktober musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Einblick in den Findungs- und Produktionsprozess der Zwölf Zehner, die Zweite: Es vergeht kaum ein Tag, an dem das besagte Kolumnisten-Tag-Team Aigner/Okraj sich gegenseitig Tracks via Facebook empfiehlt und diese mit kurzen Schlagworten Marke »GOAT!«, »ADONISGOAT«, »GAMECHANGER« oder »EPIC« anreichert. So (auch) geschehen an einem Montag im Februar, da macht gerade ein neuer Resident-Advisor-Podcast die Runde, der von Mädchenschwarm Caribou bestritten wird und nach wenigen Minuten direkt zu eben beschriebenen Verhalten veranlasst. Ein Track nämlich besticht dabei mit Drums so cross wie Wasa, die Synth hingegen mächtig, ehe sich aus dem Nichts unerwartet das liebreizende Soul-Sample gesellt. Theo Parrish? Könnte man meinen. Stammt aber aus Dan Snaith’s eigener Feder, der unter seinem Daphni-Moniker seit kurzem auch eigene Edits produziert. Mit Yes, I Know verzichtet er auf den üblichen etwas überladenen Afro Beat, dreht die Shaker zum Anschlag und drückt das unwiderstehliche Sample in der Vordergrund. »Massive«, wie man in England so schön zu sagen pflegt.

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Paul Woolford & Psycatron
Stolen
Hotflush • 2011 • ab 7.99€
Paul Woolford? Ich gebe zu auf dem Papier war Stolen eine der unbemerkenswertesten Hotflush-Platten seit langem, was eventuell auch damit zu tun haben könnte, dass ich den Zusatz And Psycatron – warum auch immer – völlig überlesen hatte. Nicht, dass jenes Duo in letzter Zeit die zwingendsten Platten gemacht hätte, man hätte dann aber bereits auf dem Schirm haben können, dass Stolen eine Menge Druck haben würde. Wenn ich dann Woolfords wohldokumentierte Big Room-Affinität nicht als No-Go abgetan, sondern als entscheidenden Twist wahrgenommen hätte, hätte ich dieses ganz und gar garstige, dabei aber sehr soulful bleibende Acid Techno-Epos antizipieren können? Vermutlich nicht. Denn die Art und Weise, wie sich Stolen immer weiter hochschraubt, stets geleitet von der altehrwürdigen 909 um schließlich nach sechs Minuten im von der Dramaturgie absolut zwingenden, aber dennoch überraschenden 303-Inferno zu kulminieren, hat so viel Verve, so viel Eier, ja so viel Swag, wie derzeit kaum eine andere Veröffentlichung mit vergleichbarer Zielgruppe.

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Funkineven
Apron EP
Apron • 2011 • ab 11.99€
Fulminant wie Funkineven dieser Tage ein ergreifendes Roland-Inferno nach dem anderen aus dem Ärmel schüttet. Ob Beat Crash, Fuck Off oder Iron Cloud – jeden einzelnen Titel seiner brandneuen Apron EP (erschienen auf seinem neuen, gleichnamigen Apron-Imprint) würden wir ironiefrei in diese Zwölf Zehner packen. So entscheiden wir uns am Ende aber doch für Beat Crash, das den gebrochenen Takt bis zur Schmerzgrenze durch den Kompressor drückt, die Snare mit diaobolischem Hall ausstattet und mit der rigorosen Synth ausreichend Endorphin produziert, um es mit der versammelten Hooliganschar von Dynamo Dresden aufnehmen zu wollen.

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Kuedo
Severant
Planet Mu • 2011 • ab 20.99€
»So night bus.« Dieses lapidare Fazit im ewigen Hispterblog Fluokids greift zwar viel zu kurz für Kuedos ungemein dichtes Salt Lake Cuts, es beschreibt aber auch treffend die Atmosphäre, die der ehemalige Vex’d-Krachmacher nun auf Solopfaden erzeugt. Die Synths werden nun sehr klassisch benutzt, ob man dafür eher Carpenter, Schulze, Göttsching oder Haack als Referenz zitieren will, ist Makulatur. Auch das Tempo hat sich beruhigt, Londons ruheloser Herzinfarkts-Puls wurde durch wavige Percussion ersetzt, in der die 2 und die 4 nun als Harmonie-stiftende Elemente anerkannt werden. Die Wall Of Sound ist zwar in der Vielzahl der verwendeten Spuren nachzuvollziehen, sie erdrückt einen aber nicht mehr. Eine bemerkenswerte Metamorphose.

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Floating Points
Danger
Eglo • 2011 • ab 8.99€
Ein in sich gekehrtes Rhythmuskorsett schwingender Rimshots, ein akkurat genüpfter Streicherteppich, genuin eingespielter Subbass, filigran nach vorne treibende Hi-Hats. Dem nicht genug schwebt ein unverkennbarer 303-Groove über allem, der von DJ Pierre nicht simpler und dabei so wirkungsvoll hätte besser programmiert werden können. Keine Frage: Auf Danger beweist Sam Shepherd aka Floating Points mal wieder in eindrucksvoller Manier, wie sich die Virtuosität einer klassischen Musikerausbildung und die pure Energie Rolandscher Klangerzeuger in Einklang bringen lassen. Hoffen wir mal, dass die angekündigte Serie der Techno-7inches, die mit Danger ihren Anfang nimmt, ähnliche Muster entfaltet. Oh ja, lieber Sam, wir freuen uns drauf.

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Floating Points
Danger
Eglo • 2011 • ab 8.99€
Kann eine Debütsingle derart abgeklärt produziert sein? Kurz recherchiert und die Antwort heißt »Nein«. Telemachus ist das neue Alias des UK-Veterans Chemo, der seit 1999 für eine Vielzahl britischer Traditionalisten produziert hat und zumindest klangästhetisch durchaus mit der Gallionsfigur Lewis Parker vergleichbar ist. Für Scarecrows buchte er sich nun den momentanen König in Sachen humorloser Gutter-Tristesse also known as Roc Marciano. Der schildert über einen sehr cineastischen Beat, in den man durchaus auch eine Menge Bristol 1996 hineininterpretieren darf, warum auf diesen Straßen immer noch ain’t a damn thing funny ist. Dazu noch ein düsteres Video, das aus Szenen aus King of New York zusammengestückelt wurde, et voila: da ist es wieder, dieses Gefühl aus dem vergangenen Jahrtausend. Peinlich, dass wir das erst drei Monate später bemerkt haben.

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Kaum zu glauben, dass sich anderthalb Jahre nach Ableben des selbsternannten King of Pops, die hippe Jugend doch lieber mit dem Frühwerk seiner kleinen Schwester Janet beschäftigt. Machte vergangenen Monat noch Hudson Mohawke mit einem üppigen Remix von sich Reden sorgen in diesem Monat die New Yorker von New Look mit einer Coverversion von Miss Jacksons He Doesn†˜t Even Know That I†˜m Alive für Furore. Und auf die Gefahr hin, mich selbst zitieren zu müssen, greifen New Look zur bewährten Schablone und verwandeln Janets Hi-NRG-Dance-Pop-Single Marke 1986 in eine prägnante Hi-NRG-Dance-Pop-Single Marke 2011. Keck sezieren sie die druckvolle Bassline des Originals und konservieren den in der GI-Disco aufgeschnappten Boogie. Gespannt blicken wir in die Zukunft: Erst Phil Collins, jetzt Janet Jackson, wer sammelt als nächstes die Ehre ein, die ihm/ihr gebührt?

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BNJMN
Black Square
Direct Current • 2011 • ab 5.99€
Es ist schon erstaunlich wie abgeklärt dieser Bnjmn Musik produziert. Trotz seines jungen Alters findet der Brite fast spielerisch die richtige Balance zwischen Kopf und Bein. Ein Gros der Tracks auf seinem neuen Mini-Album klingen so als hätte sich Actress länger mit den stillen Momente von Drexciya beschäftigt und sich dabei das Ziel gesetzt die Percussion auf ein minimales zu reduzieren. Das ist schön, noch schöner aber ist es, wenn Bnjmn seine Zurückhaltung aufgibt. Nicht notwendigerweise so explizit wie auf Open The Floodgates, eher im Sinne von Keep The Power Out, einem Stück, das erneut mit Ambientschlieren beginnt, bevor es die Hypernervosität des einsetzenden Vocal-Samples in einem dicken 808 Groove und den traurigsten Synth-Lines aus Joy Orbisons Baukasten auflöst. Was da noch auf uns zukommt..

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Was bleibt zur neuen Rush-Hour-Serie zu sagen, dass sich nicht aus der offiziellen Trackinfo einfach ins Deutsche übersetzen ließe: »Die neue Serie startet mit einem unveröffentlichten Track des mysteriösen Duster Valentine. Ein hymnischer Disco Track mit einem eingängigen Klavier-Loop, der der goldenen Zeit der New Yorker House-Musik Tribut zollt. Musik, die Sie zum Schwitzen bringen wird!« Genug gesagt. Und je weiter ich weiterhin versuche noch genauer hinzuhören und herauszufinden, was das Vocal-Sample auf (My Back) Against the Wall tatsächlich noch zu sagen versucht, verliere ich mich immer tiefer in diesem zeitlosen Piano-Groove, der in diesem Monat seinesgleichen sucht.

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Eigentlich war man sich doch einig. 2011 werden keine Edits mehr gekauft, vor allem nicht die der ekelhafteren Sorte, die offensiv mit ihrer Cheesiness und offensichtlichem Ausgangsmaterial kokettieren und mit ihrer penetranten Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner nerven. All das macht auch der uns bislang völlig unbekannte HNNY, der auf dem schwedischen Alex Boman-Stammlabel Studio Barnhus Mariah Careys Schmalzpfropfen-Cover des White Trash Verbrechens I Wanna Know What Love Is nicht nur als Vorlage für einen untertourigen Synth-Jam benutzt, sondern das Original auch ganz unerschrocken unbearbeitet einbaut. Das ist dreist und im Edit-Geschäft das Äquivalent zu einem derben Furz-Witz aber so unverschämt, dass man nicht anders kann, als sich diebisch zu freuen. Noch besser wäre es, wie die Kollegen von Resident Advisor bereits anmerkten, allerdings gewesen Careys Original nur als Koda zu benutzen und nicht gleich mit jenem Furzwitz zu beginnen. Aber dafür gibt es ja die reinste Form des Edits: den hausgemachten Mix.

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