Aigners Inventur – November & Dezember 2019

13.11.2019
Kommt gerade vom Gruppenkuscheln auf der Ersti-Party und weiß trotzdem, wer das beste Deutschrap-Album aller Zeiten veröffentlichen wird. Es kann sich dabei nur um unseren Kolumnisten handeln.
OG Keemo
Geist Limited Box Set
Chimperator • 2019 • ab 59.99€
40 Jahre Inventur und die steilste These kommt im November 2019: OG Keemo wird in einigen Tagen mit »Geist« mindestens das beste Deutschrap-Album aller Zeiten droppen. Behaupte ich ungehört und selbst wenn Keemo außer »216« nur noch Schiefertafelnkratzen auf das Album packt, bleibt’s dabei.

Danny Brown
Uknowhatimsayin¿
Warp • 2019 • ab 26.99€
Gegen Keemos Gravitas wirkt selbst ein sich neu erfindender Danny Brown noch wie ein aufgeregter Vorschüler, wobei »Uknowhatimsayin¿« alle Insignien des Spätwerks mit staatsmännischer Selbstverständlichkeit trägt. Q-Tip als Executive Producer, die Delivery der Silkroad-Ära entwachsen, die Hooks für jedes Vice-Feature zu grummelig und dazu mit .JPEGMAFIA Feature die eigene Legacy sinnvoll erweiternd.

Angel Bat Dawid
The Oracle
International Anthem • 2019 • ab 23.99€
Wenn ein Jazzer 2019 durch die eigene Bubble getrommelt wird, liegt das entweder daran, dass irgendjemand beim Utrechter Le Guess Who? keinen Platz mehr in den beiden großen Konzertsälen gefunden hat oder aber weil ein Album so universal funktioniert, dass man die eigene Bräsigkeit gegenüber kontemporärem Jazz endlich mal vergisst. Angel Bat Dawid spielte am Wochenende zwar natürlich auch in Utrecht, aber die algorithmische Omnipräsenz, die »The Oracle« momentan in jeden gut trainierten Feed treibt, dürfte sich eher mit der einzigartigen Mischung aus atonalen Arrangements und tiefster spiritueller Hingabe erklären lassen. Wäre 1974 ein Klassiker gewesen, ist heute vielleicht die Rettung für alles.

Anadol
Uzun Havalar
Pingipung / Kinship • 2019 • ab 19.99€
Die einzige Platte, die dieses Jahr eine ähnliche Stimmung erzeugen konnte, wenngleich die musikalischen Mittel nur in wenigen Ansätzen übereinstimmen, kommt aus Berlin-Kreuzberg. Gözen Atila verändert auf »Uzun Havalar« die DNA des Folksongs im mittleren Osten komplett, indem traditionelle Instrumentierung durch billige Vintage Synths und endlose Impro-Sessions teilersetzt werden. »Ay Çürüdü« ist eindeutig das Epos des Jahres, aber diese gesamte Anadol Schallplatte wird in jeder ernstzunehmenden Top 10 auftauchen müssen.

Tunes Of Negation (Shackleton)
Reach The Endless Sea
Cosmo Rhythmatic • 2019 • ab 28.99€
2021 dann eine Anadol-trifft-Shackleton-Platte, bitte. Bis dahin macht letzterer einfach weiter seine jährliche Torpfostenverschieber mit wechselnden KollaborateurInnen. Als Tunes Of Negation bimmelt sich Shackleton nun als Ensemble-Chef den Hades hinunter, luzide Chöre und Sprachfetzen kommen und gehen, 6th World Percussion dröppelt manchmal kaum hörbar im Hintergrund, um dann doch zum dominierenden Element zu werden und Col. Kurtz lässt sich eine gotische Kirche neben den Steg bauen. Genieshit halt.

Boreal Massif (Pessimist & Loop Faction)
We All Have An Impact
Pessimist Productions • 2019 • ab 20.99€
Nicht, dass Pessimists vorherige Platte mit Karim Maas schlecht gewesen wäre, aber erst seine neue Zusammenarbeit mit Loop Faction ließ mich deren Defizite erkennen. Als Boreal Massif schaffen es die Beiden mit der monochromen Farbpalette Pessimists wesentlich ungezwungener umzugehen. Im Grunde ist »We All Have An Impact« die beste Trip-Hop-Platte seit mindestens 1997, auch weil Boreal Massif abgeklärt genug sind um anstatt melodiöser vor allem rhythmische Schlüsse aus Bristol zu ziehen. Eingerahmt ist das in einen lobenswerten, wenngleich auch nicht unbedingt ausformulierten FFF-Rahmen.

Slikback
Lasakaneku / Tomo
Hakuna Kulala • 2019 • ab 23.99€
Slikbacks erste beiden EPs waren ein Erdbeben im modernen Club, vergleichbar vielleicht mit den ersten Tracks von Jlin. Mit gut einjähriger Verspätung erscheinen »Lasakaneku/Tomo« jetzt als Quasi-Album, angereichert mit drei neuen Stücken. Ähnlich wie Jlin ist Slikback deswegen allen Deconstructed-Krampfern um Lichtjahre voraus, weil der Club hier gar nicht dekonstruiert, sondern bedingungslos luxussaniert wird. Slikbacks Tracks verarbeiten in vier Minuten teilweise dutzende Subgenres, ohne sich jedoch mit diesem sehr europäischen IDM-Gestus der Fußnote zu entkörperlichen. Stattdessen überall Cyborgs mit blauen Flecken und geschürften Ellenbogen. Und LOL, wer braucht bitte Melodien?

Dengue Dengue Dengue
Zenit & Nadir
Enchufada • 2019 • ab 25.99€
Luxussanierung, Part 2. Dengue Dengue Dengue bedienen sich auf »Zenit & Nadir« zwar geographisch expliziter aber aus der immer gleichen eurozentrischen Perspektive sind die Bezüge zu traditionellen peruanischen Spielarten genau die Unsicherheitsfaktoren, die Dengue Dengue Dengue zu einer solchen Blackbox machen. Kaum hat man sich an den ungewohnten 6/8-Groove angepasst, unterbrechen Gqom-Synkopen die Harmonie, kaum hat man sich mit der eigenen Körperklausigkeit arrangiert, bietet uns das Duo ein Midtempo-House-Friedensangebot an. Nicht alles auf »Zenit & Nadir« funktioniert, aber kaum jemand hat sich mehr getraut dieses Jahr.

DJ Nigga Fox
Cartas Na Manga
Principe • 2019 • ab 23.99€
Natürlich sind Principe-Platten immer auch Tools, aber »Cartas Na Manga« so lange zu ignorieren bis einem DJ Nigga Fox in einem DJ-Set neue perkussive Tore aufgestoßen hat, wäre doch arg phlegmatisch. Also los, du Jürgen, sei einmal mutig.

Pelada
Movimiento Para Cambio
Pan • 2019 • ab 19.99€
Nochmal Clubmusik jenseits von Bass-Biedermeyer. »Movimiento Para Cambio« ist vermutlich die euphorischste PAN-Platte aller Zeiten und Chris Vargas’ energetischen spanischen Vocals machen aus kitschigen Eurohouse-Bigroomern, Shut Up And Dance Breaks und Mixpak-Reggaeton gefährliche Hymnen. Wer des Spanischen mächtig ist, rafft freilich, dass Peladas musikalische Sorgenfreiheit vor allem auch konterkarrierendes Stilmittel ist, aber gute Alben funktionieren bekanntermaßen auch mit Sprachbarrieren.

Klein
Lifetime
Ijn Inc. • 2019 • ab 23.99€
Ich müsste lügen, wenn ich behaupte »Lifetime« als Gesamtwerk bisher ausreichend Zeit gewidmet zu haben, zu subtil, leise und vor allem drum-frei gestaltet Klein hier ihre Collagen, dafür aber ist »Claim It« der Song des Jahres, ach des Lebens.

Kim Gordon
No Home Record Colored Vinyl Edition
Matador • 2019 • ab 18.99€
Genau das Gleiche gilt für Kim Gordons bestimmt insgesamt auch wirklich gutes [»No Home Record«](https://www.hhv-mag.com/de/review/10819/kim-gordon-no-home-record,) aber alles was ich mit Sicherheit sagen kann: »Paprika Pony«, Juuuuunge.

Omma
1905
Antinote • 2019 • ab 17.99€
Auch super: die nächste LP auf Antinote Olga kommt aus Russland, nennt sich Omma und macht geil dösigen Dream-Pop, geil daddeligen 2012er-Dubstep und geil dödeligen Duke Dumont (ist jetzt ein Genre, basta).

Carla dal Forno
Look Up Sharp
Kallista • 2019 • ab 20.99€
Irgendwie trifft man immer wieder Menschen, die mit Carla Dal Fornos eigener Musik nicht vollständig glücklich sind. Alles am richtigen Platz, die richtigen Einflüsse, die Lyrics unpeinlich postmodern, aber trotzdem feelzy – kurz gesagt wohl die Bürde schulternd, offensichtlich eine der Coolsten zu sein, Low Company Ehrenurkunde und NTS Creds inklusive. Ich mag die Dal-Forno-Sachen ja trotzdem, auch wenn sie vielleicht niemals selbst so wunderschön seltsame Sachen produzieren wird, wie sie auflegt, aber an diesem Anspruch scheitern ohnehin 99,5 Prozent.

Chromatics
Closer To Grey Blood Red Vinyl Edition
Italians Do It Better • 2019 • ab 39.99€
Äh, vermutlich ist Chromatics pumpen 2019 ungefähr so edgy wie Fila und CBD, aber hey, ich freu mich insgeheim trotzdem über die neue Platte. Natürlich beginnen wir mit einem Normie-Cover, natürlich wird man auch bei den nächsten zehn Chromatics-Platten wechselnd die Tollen von Lynch, MacLachlan und Gosling vor dem inneren Auge vorbeirauschen sehen und natürlich ist das schon auch alles Gruppenkuscheln auf der Ersti-Party 2009, aber irgendwie auch mal okay synchrone Nostalgie zuzulassen, es ist immerhin November.

Kris Baha
Palais
Cocktail D'Amore • 2019 • ab 26.99€
Kris Bahas »Palais« hat glaube ich (k)ein Haltungsproblem. Tadellos produzierter EBM Synth Pop und eine klare künstlerische Identität sollten jedenfalls kein Stolperstein sein, jedoch fällt schon auf, dass dieses Album 2016 sicher nicht so untergegangen wäre wie im jetzigen 140+-Klima, zumal auffällt, dass Bahas minimalistische Definition akzeptabler Trance-Bögen dem zur Zeit wieder exaltiert wiehernden Flur nicht gerade entgegen kommt.

Solitary Dancer
Rites Of Passage
Private Possessions • 2019 • ab 27.99€
Noch eine Spur eleganter und ja, modernener kommt das Debütalbum von Solitary Dancer um die Ecke gevoguet, inklusive slickem Pansonic-Techno, unterkühlten Ambient-Interludes und angelischem Designer-Trap. »Rites Of Passage« ist dabei insgesamt so minutiös konzeptionell ausgearbeitet, dass man sich die ein oder andere Irritation in diesem Audio-Lookbook wünschen mag, aber das ist eigentlich kleingeistige Nörgelei.

Tom Of England
Sex Monk Blues
L.I.E.S. • 2019 • ab 18.99€
Tom Of England hat in seiner langen Karriere genug klugen Scheiß gemacht, dass die Ankündigung eines Suicide-beeinflussten Albums für L.I.E.S. mich durchaus angehibbelt hatte. Leider fehlt mir dann auf »Sex Monk Blues« aber Vega’sches Charisma am Mikrofon und wirklich radikale Ideen.

Tribe Of Colin
Age Of Aquarius
Honest Jon's • 2019 • ab 27.99€
Dann doch lieber **Tribe Of Colin***, der auch auf seinem ersten konventionell vertriebenen Album nichts von seiner misanthropischen Schroffheit abgelehnt hat. Während Jamal Moss Chicago House und Sun Ra als Ausgangspunkt für seine Strukturverweigerungen benutzt, ist britischer Murder Boys Techno und Soundsystem Culture die Basis für »Age Of Aquarius«, ästhetisch haben sich hier aber zwei gefunden. Die ungehobeltste Sensation des Quartals.

rRoxymore
Face To Phase
Don't Be Afraid • 2019 • ab 20.99€
Unterdessen macht rRoxymore das Album, das ich von Floating Points erwartet hätte. Quirky, jazzy, vertrackt, aber melodieverliebt, Radiotracks, die in den richtigen Händen aber auf Grund ihres überragenden Sounddesigns auch im Club funktionieren könnten, aber halt nicht müssen. »Face To Phase« löst die immer noch undankbare Aufgabe des Techno-Albums, indem es Techno weitgehend ignoriert und stattdessen an die Magie der B-Seite glaubt.

Floating Points
Crush HHV Exclusive Edition
Ninja Tune • 2019 • ab 23.99€
Floating Points tourt für »Crush« hingegen durch seinen ausgiebigen Back-Katalog als Inspiration und freut sich sympathischerweise diebisch darüber auch im Albumformat endlich mal bolzen zu dürfen. Das ist kathartisch, das ist besser als die x-te Prog-Platte und mit Ausnahme der doch arg prolligen ersten Single der beste Floatie seit zehn Jahren.

Barker
Utility
Ostgut Ton • 2019 • ab 18.99€
Niemand muss eigentlich für Barkers Idee, Techno die Kickdrum-Abhängigkeit zu nehmen, mit Gehirnexplosionsemojis hantieren; die Idee ist nicht neu. Neu ist aber vielleicht wie wenig sich Barkers Arpeggios, zum Beispiel im Vergleich zu Lorenzo Sennis reißerischen Trance-Loops, aufdrängen. »Utitilty« schließt auch deswegen diese Kolumne, weil selbst ein Melodieskeptiker (s.o.) wie ich hier neidlos anerkennen muss, wieviel Rhythmus das Gehirn von alleine ausfüllt, wenn man es auf nur genug auf Entzug setzt.