Music Kolumne | verfasst 28.06.2018
Records Revisited
Dynamite Deluxe – Deluxe Soundsystem (2000)
Deutsch-Rap in seiner ersten Blüte, das Ende der Neunziger, der Anfang eines neuen Jahrtausends. Kein Album wurde mehr erwartet als das vorliegende. Und »Deluxe Soundsystem« schlug dann auch ein wie eine Bombe.
Text Kevin Goonewardena
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Ich war 15 Jahre alt und ganz gewiss kein Hopper, wie man so sagte. Gut, ich trug zwar die üblichen Baggiepants längst verblichener Marken und Skaterschuhe, ohne jemals auf einem Board gestanden zu haben. Aber ich fuhr weder zu Jams, noch malte oder breakte ich – ich reihte noch nicht mal billige Reimketten unter der Dusche aneinander. Aber ich verfolgte deutschsprachigen HipHop auf eine Weise, die noch möglich war in einer Zeit, in der Musikjornalismus noch Relevanz besaß und auf MTVIVA tatsächlich noch Clips über die Mattscheibe flimmerten. Und ich liebte das. Die Singles »Ladies & Gentleman« und vor allem »Wie jetzt?« hatten mich geflashed, auch Stieber Twins – »Malaria« (1999) war mir bekannt und »Füchse« der Beginner (1998) ist heute immer noch einer meiner Favs, so albern das vielleicht klingen mag. Bei beiden Klassikern involviert: Dieser »Mic Maestro«, der kein »Blatt vor den Mund« nahm und dessen Ego allein einen Raum zu füllen vermochte – wobei wir schon bei einem wichtigen Kriterium des Erfolgs von Dynamite Deluxe wären: Der erdrückenden Präsenz des MCs Samy Deluxe. Doch der Reihe nach.

HipHop ist Competition. Eine, die man auch gewinnen kann, ohne vulgär zu sein. HipHop in Deutschland erlebte zu dieser Zeit seine erste, flächendeckende und kommerziell erfolgreiche Blütephase. Denn während die Die Fantastischen Vier schon seit Anbeginn ihrer Karriere wirtschaftlichen Erfolg für sich verbuchen konnten, setzen Acts wie Absolute Beginner, Freundeskreis, Fettes Brot, Afrob, Eins Zwo oder Massive Töne erstmalig in den zwei, drei Jahren vor Erscheinen von »Deluxe Soundsystem« ihre Duftmarken in den Media Control Charts – heute in Zeiten in denen sich Rapper wöchentlich an der Chartspitze abwechseln kaum mehr vorstellbar. Ein nicht unerheblicher Teil dieser legte in dieser Phase des ausgehenden Jahrzehnts das erfolgreichste wie wichtigste Werk des eigenen Schaffens vor. Heute sind die damals erschienenen Alben Meilensteine deutschsprachiger HipHop-Geschichte. So auch Dynamite Deluxe mit ihrem nie wieder erreichten Standard »Deluxe Soundsystem«.

»… weil unser Scheiß nun mal für sich steht, wie ‘ne Insel« paraphrasiert Samy im »Intro« der Platte und hätte doch kaum besser das Erfolgsrezept der Formation erklären können: Es ist die Kombination des charismatischen MC Samy Deluxe auf der einen Seite und DJ Dynamite und Tropf auf der anderen, die diese Platte zu einem zeitlosen Klassiker werden ließ. Denn sowohl der MC, als auch seine für die Produktion verantwortlichen Kompagnons waren nicht nur füreinander geschaffen – sie liefen auf ihrem Langspieldebüt zur Höchstform auf. Während andere Akteure dieser Zeit gesellschaftskritisch (Beginner), humoristisch (Fettes Brot, Fischmob), dem Storytelling verhaftet waren (Eins Zwo) oder gar schlicht keinen über den (lokalen) Rap-Underground hinausgehenden Einfluss hatten (M.O.R., Westberlin Maskulin, Royal TS), gelang der Formation ein Werk, dass sich dem ursprünglichen HipHop verpflichtet sah, doch gleichzeitig chartkompatibel war – selbstredend ohne sich anzubiedern. »Deluxe Soundsytem« erwies sich als perfekt zwischen Szene-Ansprüchen und Mainstream ausbalanciertes Werk, das folglich bei den Heads und dem Radio-Hörer gleichermaßen funktionierte . Der hohe Charteinstieg (Platz #4) zeugt davon, die erst sieben Jahre später verliehene Goldene Schallplatte unterstreicht den langwährenden Erfolg, wie auch den Klassikerstatus.

Obwohl Samys Vater afrikanischer Herkunft ist und er allein großgezogen von seiner Mutter aufwuchs, versuchte der MC klugerweise nicht daraus einen Straßen Habitus Berliner Zeitzeugen oder deren US-amerikanischer Pendants zu stricken, wenn auch er diese persönliche Situation und daraus resultierende Themen wie Alltagsrassismus im Laufe seiner Karriere immer wieder zur Sprache brachte. Samy battelte sich zwar »ohne Jemanden namentlich zu dissen« durch 16 Tracks, denn für ihn war Rap »nun mal Competition«, verzichtete dabei aber konsequent auf das Denunzieren anderer Leute Mütter, ordinärer Schimpftiraden oder vulgären lyrischen Ergüssen. Dynamite Deluxe - Deluxe SoundsystemFind it at hhv.de:Vinyl 3LP
Doch die dem Battlerap ur-eigene Überhöhung der eigenen Person durch den Künstler selbst, ist auch hier der inhaltlich rote Faden. Dass Samy nie Straße war und auch nicht so tat, ist auch in der Art der Verherrlichung seines Drogenkonsum zu sehen: Diese kommt hier eher wie die Zutat eines HipHop-Baukastens daher, ohne die kein Rapper respektive Album komplett ist, denn wie ein notwendiger Aufschrei der Leid und Leben, Sucht und Straße in die Öffentlichkeit bringt. Die zahnlose Kiffer-Hymne »Grüne Brille« ist dabei so auf den Mittelstands-ASTA-Partybesucher getrimmt, wie überhaupt fast alle deutschsprachigen Songs zu der Thematik – und lief folglich auch im Radio/TV rauf und runter.

Ebenso maßgeblich für den Erfolg waren nicht nur der MC, der radio- und damit massenfreundliche Inhalt und die Art wie Samy diesen vortrug, sondern die schon angesprochene Produktion von DJ Dynamite und Tropf. Ihre Instrumentals waren modern. Die Produktion klar, nein, brillant und ebenso raumfüllend wie die Präsenz ihres MCs. Viel wichtiger ist jedoch das den beiden das Kunststück gelang ihrem MC dabei nicht einen Meter Raum wegzunehmen.

Samy Deluxe hätte auch ohne dieses Album eine erfolgreiche Solokarriere hingelegt, doch beschleunigte der Erfolg von Dynamite Deluxe diese erheblich – nur ein Jahr und eine erfolgreiche Tour später an dessen Ende DJ Dynamite die Gruppe verließ, veröffentlichte Samy Deluxe sein selbstbetiteltes erstes Solo-Album das auf Platz 2 der Media Control Charts einstieg und ihm zahlreiche Preise einbrachte.

Das Folgealbum »TNT« und bis dato letzte der Gruppe erschien nach deren Wiedervereinigung mit acht Jahre später – und konnte ebenfalls überzeugen. Den Klassiker schuf man allerdings bereits zur Jahrtausendwende.

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