Audio88 & Yassin – Der bessere Diss

09.02.2021
Auf das verflixte fünfte Album von Audio88 und Yassin mussten Fans verflixte fünf Jahre warten. Im Zuge des Weltgeschehens ist es kein Wunder, dass sie radikaler auftreten als je zuvor. Ein Interview anlässlich des neuen Albums »Todesliste«

Audio88 und Yassin sind nicht nur das normalste Duo im Deutschrap, sondern wahrscheinlich auch das griesgrämigste. Das beweist ihr fünftes Studioalbum »Todesliste« zum wiederholten Male. Denn mit dem 2016 erschienenen »Halleluja« hatten sie doch eigentlich die Regeln für ein friedliches Zusammenleben vorgegeben. Dass diese nicht befolgt wurden, hat nun zur Folge, dass die beiden Rapper ihren Feinden ganz offen mit dem Tod drohen – natürlich nur als künstlerisches Stilmittel. Der Albumtitel bezieht sich dabei auf die immer wieder in Medienberichten auftauchenden »Feindeslisten«, die in rechtsradikalen Netzwerken geführt werden. Mit ihrem fünften Album reißen sie auf ein Neues die Deutungshoheit der Kritik, der Kunst der Beurteilung an sich und sagen offen und ehrlich ihre Meinung. Dabei kommt das Projekt überraschend häufig ohne doppelten Boden aus. Im Interview sprechen die Rapper darüber, warum sie heute lieber auf Zynismus verzichten und über die neue Eindeutigkeit der Feindbilder.

Audio88 & Yassin
Todesliste
Normale Musik • 2021 • ab 26.99€
Wer steht ganz oben auf der Todesliste?
Yassin: Darf man das öffentlich sagen?
Audio88: Ich glaube, davon sollten wir tatsächlich die Finger lassen. Aber wir sind ja Künstler, unsere Liste muss keiner bestimmten Ordnung folgen. Auf unserer Todesliste ist jede:r gleich viel wert.

Habt ihr überhaupt eine wirkliche Liste erstellt? Vielleicht als Inspiration?
*Audio88: Willst du uns eine Spezialeinheit nach Hause schicken mit deinen investigativen Fragen? Natürlich haben wir keine Todesliste. Wir haben ein großartiges Album gemacht, das diesen Namen trägt. Das ist unsere Todesliste, das ist eine Metapher – Wir haben nicht vor, jemanden umzubringen.
Yassin: Wer herausfinden will, wer drauf stehen könnte, muss unser Album hören und mitschreiben.

Sind eure Feindbilder eindeutiger geworden?
Yassin: Als junge Erwachsene war unsere Wut sicherlich etwas allgemeiner. Mit dem steigenden Informationsgrad klärt sich der Fokus. Gerade durch unabhängige Berichterstattung und soziale Medien wurde mir bewusst, wer es eigentlich verdient hat, als Feindbild zu dienen. Es gibt viele Leute, mit denen wäre ich nicht gerne befreundet. Die stehen aber nicht auf derselben Stufe mit Horst Seehofer.

Im klassischen Battlerap wird durchaus oft nach unten getreten. Eine Besonderheit eures Albums ist wohl, dass ihr darauf größtenteils verzichtet, oder?
Yassin: Im Deutschrap wird vor allem häufig auf Unbeteiligte gezielt. Auf irgendwelche Mütter von irgendwelchen Rapper:innen.
Audio88: Fiktive Mütter.
Yassin: Wir versuchen natürlich, nicht nach unten zu treten. Das ist zugegebenermaßen schwer, wenn man alleine an der Spitze steht. Ich mag auch klassischen Battlerap wie MOR oder Westberlin Maskulin. Das war lustig, weil ich zu der Zeit den gleichen pubertären Humor hatte. Damals hat Rap Tabus gebrochen. Heute kann ich dir nicht mehr zum hundertsten Mal erzählen, dass ich deine Mutter ficke. Das muss irgendeinen Twist haben.

Auf »Vater Mutter Kind« ist das Feindbild die klassische Hetero-Familie.
Yassin: Intern war das für uns die Fortsetzung von »Hundestammbaum«. Familien sind komplex, das bietet viel Angriffsfläche. Man kann die Frage stellen: Was hast du von deinen Eltern mitgegeben bekommen? Was machen deine Eltern, was dir peinlich sein sollte? Junge Menschen geraten zurzeit mit ihren Eltern in Streit über Covid-19 und brechen den Kontakt ab. »Deine Eltern sind Coronaleugner« ist ein viel besserer Diss, als die Mutter flachzulegen.

»Wir versuchen natürlich, nicht nach unten zu treten. Das ist zugegebenermaßen schwer, wenn man alleine an der Spitze steht.« (Yassin)

Auf eben jenem Song rappt Yassin die Zeile: »Ich kann nicht mal mehr entspannt / deine Familie unpolitisch fronten in diesem scheiß Land«. Ist unpolitische Kunst nicht mehr zeitgemäß?
Yassin: Ich finde es vollkommen legitim, Kunst vom politischen Geschehen zu entkoppeln. Dann bleiben allerdings nicht viele Themenfelder. Selbst Drogenrap ist in gewisser Hinsicht politisch. Wenn vermeintliche Clankriminalität zum Wahlkampfthema gemacht wird, gewinnt auch Gangsterrap an politischer Kraft. Liebeslieder gehen halt klar. Du hast außerdem das politische Potenzial nicht immer in der Hand.
Audio88: Du hast keine volle Kontrolle über die Interpretation deiner Musik. Am Ende sitzt Orgi in einer Talkshow und wir haben den Salat.

Denkt ihr, »Todesliste« ist ein zeitloses Album?
Audio88: Wir sind keine Band, die es schafft, jedes Jahr ein Album hinzuscheißen. Das letzte Album ist fünf Jahre her. Dann ist es umso wichtiger, dass die Musik zeitlos ist. Ich erwähne keine Namen von RTL2-Persönlichkeiten, die man nächstes Jahr wieder vergessen hat. Für die Themen, die ich anspreche, finde ich andere Worte. Damit die Texte auch in zehn Jahren noch verständlich sind. Früher habe ich mit TV-Formaten um mich geworfen, die gibt es nun seit einigen Jahren nicht mehr.
Yassin: Das hat dann wenigstens Archivcharakter.
Audio88: Irgendwann stehst du auf einer Bühne und keiner weiß, worüber du sprichst.
Yassin: Dass wir viele und wichtige Inhalte transportieren, ist ein guter Schutz davor, dass die Musik zu schnell altert.

Apropos Inhalte: Hat euer Zynismus etwas nachgelassen?
Audio88: Das politische Weltgeschehen ist so menschenfeindlich geworden, dass sich unser Zynismus erübrigt hat. Auf die Verschwörungstheorien, die herumgehen, lässt sich kein Witz mehr draufsetzen. Es fällt schwerer, sich über die Dinge zu stellen.
Yassin: Er herrscht in unserer Gesellschaft wahnsinnig viel Ignoranz. Den wirklich großen Problemen gegenüber verschließt sich die Politik komplett. Zynismus ist zu kurz gegriffen, wenn diese Probleme für einige Menschen lebensbedrohlich sind.

Ihr reiht euch eher in die Absurdität ein und versucht, Ordnung zu schaffen, richtig?
Yassin: Eine Todesliste bringt Struktur in den Hass. Der Track »Lauf«, auf dem Audio88 die Verstrickung von Rechtsextremismus und Exekutive mit Pinzette und Lupe seziert, kommt ohne Zynismus aus, ist aber sehr klar und deutlich. Nur wenn Musik die Realität scharf auf den Punkt bringt, kann sie Ignoranz bekämpfen.
Audio88: »WUP« hingegen ist komplett zynisch.

Dreh-und Angelpunkt des Albums ist der Tod. Ist das in dieser Drastik neu für euch?
Audio88: In meinem Solo-Werk ist das Sterben kein neues Thema. Ich wünsche sehr oft Leuten den Tod und erkläre dann auch, warum. Gerade im Jahr 2020 sind wir massiver als je zuvor mit dem Tod umgeben gewesen. Täglich kriegen wir Todeszahlen in den Nachrichten präsentiert.
Yassin: Diejenigen, auf die wir mit diesem Album zielen, sind Menschen, für die der Tod anderer völlig akzeptabel ist. Wir zeige, dass wir deren Sprache sprechen. Mir gehen Drohungen nicht leicht von der Hand, aber sie sind ein probates Stilmittel, um klarzustellen, wie ernst einem die Inhalte sind. Ohne Drastik gehen wir im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie unter. Unser eigenes Ableben lassen wir dabei nicht außen vor. Gerade auf »Ende in Sicht« ist es unser aller Tod. In 30 Jahren soll Unsterblichkeit ein realistisches Szenario der Wissenschaft werden. Die Zeit bis dahin sollte man nutzen, um davon zu träumen, wie man abdankt.

Ist euer Hass ein Zeichen von Empathie?
Audio88: Klar, sonst wären wir komplette Psychopathen. Wir suchen uns die Leute, vor deren Tür wir stehen, schon gezielt aus.
Yassin: Die Gewaltandrohungen in unserer Musik entstehen größtenteils aus einem Gerechtigkeitssinn. Die Menschen, die auf »Todesliste« genannt werden, sorgen real dafür, dass es anderen schlechter geht.

Gleichzeitig fängt man sich wohl schon eine Kugel, wenn man Glitzer im Gesicht trägt?
Audio88: Die Zeile wurde intern durchaus diskutiert. Ich habe mich durchgesetzt, weil ich den Lacher haben wollte. Manchmal muss man die Prinzipien dem Witz unterordnen.

Habt ihr ein schlechtes Gefühl, wenn ihr eure Fans beleidigt?
Yassin: Nein, Mann.
Audio88: Überhaupt nicht.
Yassin: Noch nie gehabt. Nicht im Ansatz.

Gab es im letzten Jahr auch Ereignisse, die Freude gebracht haben?
Audio88: Die Master-Abgabe für »Todesliste« war mein absolutes Highlight. Gerade in einer Zeit, in der wirklich nicht viel Positives passiert, war es ein sehr gutes Gefühl, ein Projekt abgeschlossen zu haben.
Yassin: Unter den widrigsten Umständen etwas so Gutes schaffen zu können, ist eine Erkenntnis, die ich mir aufbewahren möchte.

Reviews zum Künstler