Yassin – »Rap kann dich weiterbringen«

28.01.2019
Seit mehr als zehn Jahren ist Yassin nun im Geschäft, und nun ist mit »Ypsilon« sein erstes Soloalbum erschienen. Dass ihm Rapmusik eine Herzensangelegenheit ist, war schon vorher klar. Im Gespräch wurde es noch einmal klarer.

Als ich das erste Mal von »Ypsilon« hörte, dem ersten Soloalbum von Yassin, dachte ich sofort, dass es doch heiße wie Andy Ypsilon, der eine von den Fantastischen Vier. Dann kam ich mir schrecklich alt vor. Denn wer kennt diesen noch auf Anhieb, zumal er der am wenigsten schillernde der Band ist? Yassin natürlich, denn er hört schon lange Rap und früher eben auch die Fantastischen Vier, zu Grundschulzeiten, wie wir alle damals. Die Einleitung ist natürlich sehr konstruiert, gefällt mir aber dennoch. Denn auch Moses P referenziert an die Fantastischen Vier, das ist mehr als 20 Jahre her und war nicht nett gemeint, und ist dennoch hier wichtig zu erwähnen, denn er brachte den gebürtigen Darmstädter Yassin letztendlich zur Rapmusik. Zu der Musik, die sich seither von einer Nischenmusik, deren Hörer alles andere als »cool« galten, zum weltweit erfolgreichsten Genre entwickelte.

Yassins Soloalbum erscheint nach mehr als zehn Jahren im Game, lange, nachdem sein Partner Audio88 erstmals ohne ihn unterwegs war und es ist anders, als die Arbeiten der beiden: weniger Sarkasmus, weniger Aggressivität, dafür mehr Emotionen sind auf »Ypsilon« zu finden, das nach seiner Veröffentlichung letzte Woche auch die Top 10 der deutschen Album-Charts erreichte – eine Zahl nur, klar, gewiss nur eine Momentaufnahme und doch könnte das ein Vorbote sein.

»Ich glaube, dass es in den letzten Jahren an dem gefehlt hat, wofür Rap so bekannt ist und von so vielen Leuten geliebt wird: Dass Rap einen super intim berühren kann, wie ein Gespräch mit einem guten Freund.

»Rapmusik muss wieder den deepen Touch von früher mit dem modernen, energetischen, abwechslungsreichen, all dem also, was heute Rap sein kann, kombinieren.« (Yassin*)

Dass Rap einen emotional, weltanschaulich, teilweise auch persönlich oder charakterlich weiter bringen kann, das haben viele durch diese Musik erfahren, nicht nur mein gesamtes Umfeld und ich, die mit Rap sozialisiert wurden. Und dieser Aspekt scheint jetzt wieder aufgegriffen zu werden. Die Leute merken, dass das wieder geht und wollen mehr. Deswegen glaube ich, sind die Alben von OG Keemo und Döll so eingeschlagen, warten die Leute sehnsüchtig auf das neue Album von Savas auf die kommenden Releases von Tua oder Dendemann Und ich hoffe, auch mit meinem Album ein Stück dazu beitragen zu können, dass dieser Aspekt zurückkommt.«

Auch wenn die genannten Künstler und einige mehr, sich auf einen schon einmal im Rap gewesenen Aspekt zurückbesinnen, eine musikalische Umkehr geht damit keineswegs einher. So auch bei Yassin nicht. Ganz im Gegenteil: »Leute reagieren ja mittlerweile auf Musik teilweise sehr empfindlich, als wäre ihr Weltbild erschüttert, wenn jemand musikalisch etwas macht, womit sie nicht gerechnet haben. Die Reaktionen auf Trettmann damals und wie er jetzt gesehen wird, zeigen das ganz gut… oder nehmen wir Bilderbuch, die man am Anfang nicht fassen konnte, weil sie in keine Schublade gepasst haben. Was aus so einem Wagnis wachsen kann, finde ich sehr cool und ohne mich da jetzt einreihen zu wollen, finde ich so eine Entwicklung durch einen Release genauso spannend, wie das zu perfektionieren, was man schon seit Jahren macht. Beides hat seinen Reiz.«

Yassins Track »Haare grau« ist nicht nur ein Beispiel für dessen musikalische Entwicklung, der Song wurde auch bewusst am Anfang des Albums platziert: »Der Sound ist laut, er ist anstrengend, anders als auf den Sachen, die ich davor gemacht habe. Dann war relativ schnell klar, dass der Song am Anfang stehen und eine Zäsur darstellen wird, für alles was danach kommt. Er signalisiert den Zuhörern, dass sie sich darauf einlassen oder es bleiben lassen müssen.« Für den Beat zeichnet sich hier Farhot verantwortlich. Produktionen von Torky Tork Dienst und Schulter oder auch Nico von K.I.Z. sorgen für den musikalisch abwechslungsreichen und doch in sich stimmigen Unterbau der anderen Tracks, die alle bis auf »Nie So«, das zusammen mit Mädness entstand und dessen Idee schon länger von den beiden verfolgt, für dieses Album geschrieben wurden. _»Kendrick Lamar oder das letzte J Cole-Album haben gezeigt, dass es sich im Rap immer noch lohnt, zu bleiben wie man ist. Vielleicht sind die Alben, die demnächst geballt erscheinen werden, so was wie Nachwehen davon.

Ob die Alben, wie zum Beispiel die in naher Zukunft erscheinende neue Platte von Mädness – eine Platte, die so in Deutschland noch nie jemand gemacht hat, und die meiner Meinung nach das deutsche J Cole-Album darstellen wird – sofort einen Impact haben werden oder eben gerade, weil sie anders sind, etwas Zeit brauchen, das weiß ich nicht. Rapmusik muss wieder den deepen Touch von früher mit dem modernen, energetischen, abwechslungsreichen, all dem also, was heute Rap sein kann, kombinieren. Die Leute spüren, dass da was kommt. Und ich bin froh darüber, mit meinem Album ein kleiner Teil davon werden zu können.«

Reviews zum Künstler