Audio88 & Yassin – Die »normale« Gang

09.03.2015
Foto:Thomas von Wittich / © hhv.de mag
Audio88 & Yassin haben ihr erstes gemeinsames Album seit 2011 vor allem: verschoben, verschoben und verschoben. Doch am Ende fühlt sich das Erscheinen von »Normaler Samt« einfach vollkommen »normal« an. Ein Interview.

In vier Jahren schließen andere die Oberstufe, ein Praktikum und ein FSJ ab – Audio88 & Yassin haben in derselben Zeit zwar eine handvoll Soloprojekte sowie einen denkwürdigen Fast-Sommerhit mit Platinproduzenten/Kinderarzt Dexter geschrieben, aber seit 2011 vor allem ein weiteres gemeinsames Album verschoben, verschoben und verschoben. Umso verwunderlicher, dass sich das Erscheinen von »Normaler Samt« als eines der meist erwarteten Deutschrapalben 2015 am Ende dann doch einfach vollkommen »normal« anfühlt.

Nach »Grüner Samt« und »Lila Samt« kommt nun »Normaler Samt«. Warum stellt man 15 Jahre nach Release von »Blauer Samt« eine Referenz zu Torch her?
Yassin: Es gab doch einen Re-Release – das ist doch ein hochaktuelles Thema. (Gelächter)
Audio88: Es gibt ja auch nicht so viele Deutschrap-Klassiker und dann muss man sich halt unter den Wenigen, die es gibt, aussuchen, welchen man ablösen möchte. Wir dachten uns »Okay, sein Samt ist blau – unser ist normal«.
Yassin: Aber es wäre ein Trugschluss zu glauben, das Album wäre jetzt »Blauer Samt 2.0«. Es ist einfach »Normaler Samt 1.0«. Wie wir zu dem anderen Samt stehen…
Audio88: Vielleicht beziehen wir uns ja auch auf den David Lynch-Film und nicht auf Torch…

Torch wird gerne als moralische Instanz für deutschen Hip Hop inszeniert. Sind Audio88 & Yassin dann die Nestbeschmutzer für deutschen Hip Hop?
Yassin: Also, wir sind jetzt nicht die Hip Hop-Polizei – auch, wenn wir manchmal so tun. Wir sind aber auch nicht so drauf »Ey, Rap ist unser Vater und ihr dürft nichts gegen ihn sagen!«. Aber manche Leute in diesem Rap-Nest kennen unseren Vater einfach nicht – denen muss man den erstmal vorstellen. Ich glaube auch, dass jeder Rapper in diesem »Nest« andere Beschmutzer sieht. Wir finden aber halt, dass wir am Richtigsten liegen.

Warum habt ihr dieses Mal ausschließlich mit Torky Tork gearbeitet – ihr hättet ja auch andere Kontakte aktivieren können?
Yassin: Wir sind ohnehin gut mit ihm befreundet. Die Freundschaft hat sich auch gefestigt, bevor überhaupt die Entscheidung fiel, das Album nur mit ihm zu produzieren. Da wir sowieso immer mit einem einzelnen Produzenten zusammenarbeiten wollen, hat sich das einfach angeboten. Das ist einfach eine interessante Arbeitsweise, weil man viel stärker Einfluss auf alles nehmen kann als, wenn man jetzt einfach nur Beats von verschiedenen Leuten zugeschickt bekommt. Gleichzeitig hatte Torky Tork auch einen guten Einfluss auf unser Schreiben.
Audio88: Torky Tork verschickt auch keine Beats – du musst zu ihm kommen, wenn du etwas willst.
Yassin: Wir hingen viel miteinander rum. Ende 2013 fuhren wir gemeinsam eine Woche nach Polen, in so ein kleines Waldhäuschen – das war quasi der Startschuss für die Produktion. Vorher haben wir mal ein paar Beats zusammen gemacht, vielleicht etwas geschrieben, es eventuell aufgenommen und es anschließend wieder verworfen. In und nach Polen entwickelte sich das Ganze dann zu so einer Art »Band«-Kunstwerk mit Breaque, Torky und uns beiden.

»Wenn man es genau nimmt, gab es in letzter Zeit auch gar nicht so viel Rap über Rap. Es gab Rap über Drogen, Rap über Autos, Rap übers Kiffen – unser Album ist jetzt quasi eine Selbstreinigung.« (Yassin)

Habt ihr zu Beginn darüber nachgedacht, euren Sound komplett zu verändern?
Yassin: Das ist auf dem Album ja passiert. Generell sind wir aber keine Beat-Nazis, die bestimmte Sachen kategorisch ausschließen. Wenn wir etwas feiern können, dann machen wir auch etwas drauf. Wenn es hinterher beschissen klingt, kriegt es halt keiner zu hören. (lacht)
Audio88: Niemand kennt unsere Reggaeton-Songs (Gelächter).
Yassin: Wir waren mit »Nochmal zwei Herrengedeck, bitte« einfach sehr zufrieden und hatten das Gefühl, dass es diesem Themenspektrum nichts Entscheidendes mehr hinzuzufügen gab. Außerdem haben wir uns auch an der Lehre anderer Künstler orientiert, die das Gleiche, was sie schon einmal gut gemacht haben, noch einmal versuchen und daran scheitern.
Audio: Ja, »Nochmal zwei Herrengedeck, bitte« war ja schon quasi nochmal das erste Album – nur in konsequenter.

Mancher könnte sich darüber brüskieren, dass ihr sehr viel über Rap rappt.
Audio88: Wir sind nicht sehr darauf fixiert, eine breite Themenpalette abzustecken, nur um viele Hörer zu erreichen. Der eine feiert dann das Liebeslied, der nächste die Battle-Raps und der Letzte ist ein Storyteller-Fan, der irgendwelche abgefahrenen Geschichten über Banküberfälle hören will – du kannst es eh nicht allen Recht machen.
Yassin: Das Album ist auch eine kleine Reminiszenz an die Zeiten, wo Rap über Rap eigentlich Hauptthema war und das auch total geil war. Ursprünglich sollte »Normaler Samt« auch eine reine Battlerap-Platte sein – jetzt ist es ein bisschen mehr geworden.
Audio88: Rap über Rap ist ja auch nicht gleich Rap über Rap. Ich kann es auch nicht leiden, wenn mir einer über drei Strophen erzählt, wie geil sein Flow ist – das höre ich doch, ob der Flow geil ist. Aber generell ist es ja nichts Verkehrtes, sich mit Rap auseinanderzusetzen.
Yassin: Wenn man es genau nimmt, gab es in letzter Zeit auch nicht so viel Rap über Rap. Es gab Rap über Drogen, Rap über Autos, Rap übers Kiffen – unser Album ist quasi eine Selbstreinigung: Wir wollen Themen im Rap wieder kaputtmachen (lacht).
Audio88: Du musst Rap erst verstehen, um ihn zerstören zu können.

Die Antilopen Gang sagt »Deutschrap muss sterben, damit wir leben können« …
Yassin: Ja, dann sollen Sie das so sehen (lacht)… Also, ohne denen jetzt zu nahe zu treten: die machen ja trotzdem Deutschrap. Wir machen auch Deutschrap. Und wir mögen auch Deutschrap. Es wäre total affig zu sagen, dass deutscher Rap keine Daseinsberechtigung hat und wir das aber die ganze Zeit machen. Wir mögen diese Kultur – auch, dass es so viel Wackness gibt. Das gehört alles dazu und ich finde, dass man sich auch freuen kann in so einem ambivalenten Umfeld, Musik zu machen. Besser als in einem Umfeld, wo alles gleich »okay« ist.

Vor allem Megaloh und DCVDNS rechnet man als Featuregäste nicht direkt eurem Umfeld zu. Wie kam es zu diesen Zusammenarbeiten?
Audio88: Das sind einfach Homies von uns. Wir haben beide bei Auftritten kennengelernt und uns einfach gut verstanden. Als wir dann einen Anlassen hatten, haben wir beide angefragt und beide haben sich auch sehr gefreut, dabei zu sein. Wir auch – wir haben in der Platte übrigens auch Liner-Notes, die sehr viel zum Entstehungsprozess erzählen.

Ihr habt mittlerweile diverse Slangbegriffe wie »normaler Move« oder »du Schmutz« in den Umlauf gebracht. Wie groß ist eure Angst/Hoffnung ein neues »Leider geil« zu installieren?
Audio88: Ein neues »Leider geil« wäre perfekt. Wir haben uns »normaler Move« jetzt auch schützen lassen. Es gibt ja auch ein paar Leute, die das ohne unsere Erlaubnis verwendet haben – die hören aber bald von unserem Anwalt! (lacht)
Yassin: Wir sind uns unserer Verantwortung auch sehr bewusst und wollen weiterhin dafür sorgen, dass die Sprache verroht und die Kultur verfällt. Ich sage mal so: Wir fangen jetzt mit T-Shirts an und am Ende stehen wir im Duden.
Audio88: Das wäre auf jeden Fall übelst »geilon«.

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