Music Kolumne | verfasst 14.06.2019
Records Revisited
Joy Division – Unknown Pleasures (1979)
Mit ihrem Debütalbum »Unknown Pleasures« verhalfen Joy Division der introvertierten Aggression des Post-Punk zum großen Durchbruch und galten fortan als traurigste Band der Welt. Sind sie auch 40 Jahre später noch so düster?
Text Tim Caspar Boehme
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Manchmal hilft es ja, das Ende einer Geschichte schon vorab zu kennen. Man kann dann genauer darauf achten, über welche Stationen sie auf ihr Finale zusteuert. Dieses Wissen kann allerdings auch dazu führen, dass man jedes Detail einzig und allein im Hinblick auf das Ergebnis interpretiert. Alles wird so zum Vorzeichen. Wenn die Geschichte übel ausgeht, könnte man auch sagen: zum bösen Omen.

Bei der Band Joy Division ging die Geschichte bekanntlich nicht gut aus. Ihr Sänger Ian Curtis erhängte sich am 18. Mai 1980. Das zweite und letzte Album »Closer« der Band war da noch nicht erschienen, ihr Debütalbum »Unknown Pleasures« noch kein ganzes Jahr alt. Ian Curtis’ Suizid gehört seitdem untrennbar zum Mythos von Joy Division, ebenso wie seine Depression und Epilepsie. Auch die Rezeption der Musik lässt sich davon heute nicht mehr trennen.

Und es stimmt ja: Die zehn Songs, mit denen sich das Quartett aus Manchester auf »Unknown Pleasures« einer größeren Öffentlichkeit präsentierte, fallen nicht durch ausgelassene Heiterkeit auf. Schon der erste Titel »Disorder«, der vom Tempo her noch als extrem reduzierte Punk-Nummer durchgehen könnte, auch was den Grad der technischen Perfektion angeht, weist durch den stark introvertierten Gesang von Curtis und die – im Gegensatz zur Punk-typischen Kompaktheit – klanglich stark isolierten Instrumente in eine ganz eigene Richtung. Die Aggression des Punk scheint in melancholische, gärende Kontemplation verwandelt. Der zweite Song »Day Of The Lords« verstärkt das mit einem zähen Groove, einer Synthesizermelodie aus wenig mehr als zwei langgezogenen Tönen und vor allem diesem insistierenden Gitarrenriff aus ebenso wenigen Zutaten.

Darüber Ian Curtis’ Stimme, die irgendwo zwischen gepresst und belegt klingt, in einem monotonen Singsang, der nicht immer exakt auf den vermutlich beabsichtigten Tönen landet. Dafür bricht sich zwischendurch immer wieder eine Wut Bahn, die irgendwo tief da drinnen zu köcheln scheint. Seltsam alterslos klingt das, nicht nach einem gerade mal Erwachsenen Anfang zwanzig. Wenn er etwa in »Insight« die Zeilen »But I remember / When we were young« singt, nimmt man ihm das sofort ab.

Die Songs auf »Unknown Pleasures«, das mit seinem von Peter Saville gestalteten Cover – dem Negativbild der Radiowellen eines Pulsars – eine der ikonischsten Plattenhüllen aller Zeiten hat, verweisen immer wieder ziemlich direkt auf Curtis’ eigene Situation. Am eindeutigsten tut das »She’s Lost Control«, in dem die epileptischen Anfälle einer jungen Frau beschrieben werden, die Ian Curtis während seiner Tätigkeit im Arbeitsamt von Macclesfield als Arbeitslose betreut hatte. Dass er selbst von der Krankheit betroffen war, kommt als zusätzliche selbstreflexive Ebene hinzu. Dazu harte, isolierte Schläge der Perkussion wie von einem Drumcomputer und die zahnradartige Mechanik, mit der Gitarre und Bass sich rhythmisch insistierend verkeilen.

Dass Joy Division gern als die traurigste Band der Welt vermarktet wurden, hilft nur sehr eingeschränkt, wenn man sie ein wenig verstehen möchte.

Ein fröhliches Album ist das wahrlich nicht. Doch dass Joy Division gern als die traurigste Band der Welt vermarktet wurden, hilft nur sehr eingeschränkt, wenn man sie ein wenig verstehen möchte. Die Sache wird nicht allein durch das Schicksal von Curtis erschwert, das seither rückwirkend auf der Musik lastet. Hinzu kommt, dass mit dem Aufkommen von Post-Punk ein ganzer Kosmos aus düsteren Genres erwachsen ist, in dem eine melancholische Grundhaltung mitunter noch zu den erfreulicheren schattenseitigen Erscheinungen gehört. Und man mit Bands wie Interpol längst die Kopien der Originale als eigenständiges Inventar des Indie-Rock im Pop-Bestand hat. Joy Division geraten darüber zur ewigen Blaupause der Betrübnis im Pop schlechthin.

Um die Musik von Joy Division anno 1979 heute gleichwohl jenseits des Etiketts Depri-Rock zu hören, hilft es womöglich, wenn man sie als Ausdruck eines sehr spezifischen Lebensgefühls ihrer Zeit hört. Als Reaktion auf eine nicht rein persönliche psychische, sondern auch allgemeine wirtschaftliche Depression in England, die im Norden mit seinen einst mächtigen Industriestädten wie Manchester besonders ausgeprägt war. Das Grau, das man in den Songs von Joy Division zu hören meint, begleitete damals umfassend den Alltag der Musiker.

Joy Division - Unknown PleasuresWebshop ► Vinyl LP So ein Gefühl des sozialen Verfalls und der großen umgebenden Kälte beschreibt etwa der Autor Stephen Barber in seinem Roman »White Noise Ballrooms«. Darin schildert er Eindrücke rund um das Futurama-Festival in Leeds im September 1979, bei dem Joy Division einer der Headliner waren. Die Kälte, durch die der Protagonist des Buchs allein und meistens des Nachts schreitet, wirkt wie ein Echo auf die Musik und Texte von »Unknown Pleasures«.

Die eisige persönliche Situation von Ian Curtis führte bei ihm im Alter von 23 Jahren zum Tod. Er gab damit eine radikale Antwort auf eine verzweifelte Lage. Es ist nicht zwangsläufig die Antwort, die Joy Division auf »Unknown Pleasures« gaben. In »Shadowplay«, einem der treibendsten Songs der Platte, lautet die letzte Zeile: »To the centre of the city in the night, waiting for you«. Das ist kein auswegloses Ende, sondern ein Zwischenstand. Selbst wenn es ein verzweifelter sein mag.


Die Schallplatten von Joy Division findest du im Webshop von HHV Records.

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