Music Kolumne | verfasst 05.03.2021
Aigners Inventur
März & April 2021
Die ganze Welt verarbeitet im März 2021 immer noch den März 2020, nur unser Kolumnist ist weiterhin auf der Suche nach Wrong-Speeder-Optionen. Aigners Inventur: Dub aus dem Abyss und durch die FFP2-Maske gerauchte Kippen.
Text Florian Aigner

boldy james sterling tolesVinyl LP Auch im März hängt der Schatten von Daniel Dumile immer noch über dieser Kolumne, der Anlass hierfür ist dieses Mal »Manger On McNichols«, ein von mir sträflichst übersehenes Album von Boldy James & Sterling Toles, dessen Repress aktuell auch schon quasi nicht mehr zu bekommen ist, aber vielleicht habt ihr ja Glück und irgendwer verdaddelt seinen Preorder abzuholen. Boldys Delivery und sehr direkten Lyrics haben wenig mit MF DOOM zu tun, die Art und Weise wie Sterling Toles hier Loops und Band-Passagen schachtelt, faltet und knickt erinnert aber mehr an Madvillain als alles, was ich seither diesbezüglich mitbekommen habe. Ein Album, das ohne Vocals schon ein Monolith wäre, aber in dieser Konstellation Rap vollkommen anders denkt als Rap aktuell denkt.
 

Slowthai – TYRONVinyl 2LP Irgendwie auch ein kleines bisschen befreiend, dass Slowthai nach diesem ganzen Award-Desaster ein bisschen mehr als das evaluiert werden kann, was er eigentlich schon immer war: der Mike Skinner dieser Generation, prone to being ein bisschen onkelig peinlich und ein bisschen geezerhaft hilarious. »TYRON« ist dann auch gleichzeitig ein feixendes und ein entschuldigendes Album, ein Spagat, um den man ihn sicher nicht beneidet, aber zumindest musikalisch und lyrisch so clever gelöst, dass sich Slowthai auf längere Zeit in der ersten Reihe neben Stormzy und Headie One wird halten können.
 

Ssiege – Fading SummerVinyl LP Vielleicht mein Album des Winters und das trotz für YOUTH-Verhältnisse erstaunlicher Melodiedichte: Das 2019 bereits als Tape erschienene »Fading Summer« von Ssiege. Irgendwie wild in beatlosen Stücken auch mal wieder Italians Do It Better Synthchords zu hören und generell Ambient mit weniger bierenster Austerität aufgetischt zu bekommen, unterbrochen von weniger als einer handvoll durchaus gutgelaunter Drum-Machine-Ausflügen. Ein absolut unverkrampftes Album und schön, dass da via Knekelhuis bald nachgelegt wird.
 

low khey neverVinyl LP Auch super, aber mit wesentlich weniger narrativem Anspruch schmeißt Low Khey auf »Never Trust A Cyborg« bevorzugt die 808 an und setzt in seinen Beats Dembow und 4×4 gleichberechtigt nebeneinander. Macht einfach alle solche Riddim-Platten und ich ich bin glücklich. Ah und dank 45-er-Pressung endlose Wrongspeeder-Möglichkeiten gratis obendrauf.
 

saele valese ivicVinyl 2LP Saele Valeses »Ivic« ist im falschen Moment ein Blackest Ever Black Demotape, frühe Raime ohne Belzebub im Nacken, im richtigen aber purer, metallischer Abyss-Dub, in dem einen der Halftime-Rhythmus ständig ein Sicherheitsgefühl vorgaukelt, bis man am Ende dieser gemeinen Platte schwindlig gespielt wurde. Review-Klischee des Jahrtausends, aber puh, schon ein TRIP.
 

yl hooiVinyl LP YL Hoois Dub ist leichtfüßiger, poppiger. »Untitled«, noch so ein Tape-Only-Ding, erscheint dieser Tage über Efficient Space auch auf Vinyl und verlängert den Relase-Run der Australier auf Heat 2012 Level. Hoffentlich kommt so schnell keiner auf die Idee diese Konstanz mit einem edgelordigen Gähnen wegzusmirken, insbesondere hier verpasst man nämlich wie eine Sea Urchin meets Carla Dal Forno Platte geklungen hätte.
 

om unit acidVinyl LP Om Units Dub ist tooliger und wie der Titel schon verrät 303-lastig. »Acid Dub Studies« reduziert die für Om Unit typische rhythmische Komplexität auf Schunkelniveau und dennoch ist das in seiner Genügsamkeit das coolste Album der britischen Brechtaktinstanz. Schön auch, dass sich das dann in seinen überschaubaren Variationen so gemütlich durchhören lässt wie eine klassische Digi-Platte.
 

Emeka Ogboh - Beyond The Yellow HazeVinyl 2LP Dub ist auch für Emeka Ogboh elementar, sein über A-Ton endlich richtig vertriebenes Kurzalbum »Beyond The Yellow Haze« orientiert sich dabei aber eher am frühen Shackleton auf 33 1/3 RPM und den sich daraus ergebenden gedehnten Polyrhythmen. Dazu eine Menge Straßenlärm aus Lagos und dichte, beatlose Phasen – eine Platte, die alle Formeln kennt und deswegen keine braucht.
 

8ball eleusiusVinyl 2LP Etwas formulaischer wird traditonell bei Sneaker Social Club programmiert, wobei 8ball auf »Eleusis« Jungle und Breaks recht sparsam einsetzt und sich ansonsten auf klassische Weightless Grime Signifier konzentriert. Wie so oft bei diesem Label lässt sich über den Innovationswert dieser Platte streiten, aber wie eigentlich immer ist das extrem gut gemacht.
 

lutto lento legendoVinyl LP Lutto Lento entwickelt sich währenddessen stetig weiter zu einem der idiosynkratischsten Dance Music Produzenten. »Isles« klingt gleichzeitig nach anachronistischem frühem Industrial, hochkontemporärem Shanghai-Club, Neunziger-Brit-Dub und zeitlos uncoolem RPG. Es bleibt dabei: was auf Haunter erscheint, sollte man nicht skippen.
 

exael floweredVinyl LP Interessant auch wie gut ein abfallender Spannungsbogen als Überrumpelungstaktik immer noch funktioniert. Exael beginnt »Flowered Knife Shadows« mit wüstesten Peak-Böllern, idm-t sich ohne “richtig” sitzende Hi-Hat oder Snare durch die Mitte und löst dann alles in typischer Experiences LTD Manier in Bliss auf.
 

richard skelton theseVinyl 2LP Etwas klassischer und cinematischer ist Ambient traditionell bei Richard Skelton, der auf »These Charms May Be Sung Over A Wound« irgendwo zwischen Johannson, Frost und Tarkovsky dronet. Schotte ist er auch noch und Ambient selten so morastig.
 

Pauline Anna Strom – Angel Tears In SunlightVinyl LP Pauline Anna Strom hat nun derweil posthum ihr vielleicht funkiestes Album veröffentlicht. »Angel Tears In Sunlight Black« ist intuitiv, ja, teilweise fast euphorische Analoggear-Daddelei , die am ehesten darunter leidet, das Stroms Sound in den letzten zehn Jahren hundertfach von Buckethead tragenden Gearhuntern kopiert wurde und es zumindest dutzendfach auch in den Release Schedule diverser Labels geschafft hat, die es eigentlich hätten besser wissen können. Der echte Deal reicht, danke.
 

plo man Public Static V.Vinyl LP Eine wunderbar unergeizige Chillout-Platte kam im Februar von Plo Man & C3d-E, die auf »Public Static V.« nicht mehr wollen als Orbital und den guten alten zweiten Flur vom Zelt ins Wohnzimmer zu verlegen. Gurgelige Arpeggi, ein Trip Hop Intermezzo und vor allem jede Menge Flächen, »Public Static V.« wäre 93 auf Warp weder besonders positiv noch negativ aufgefallen, und das darf man durchaus als Kompliment verstehen.
 

Bicep – IslesVinyl 3LP Bicepunterdessen vorzuwerfen, sie hätten ihre Hausaufgaben nicht gemacht, wäre auch auf »Isles« daneben: Digger-Samples, UK-Heritage-Patterns, die zumutbaren Passagen von Prog House kombiniert mit dieser immer etwas zu offenen Melancholie – auch die beiden Nordiren sind gute Handwerker, nur eben mehr Michael Bay als Michael Haneke. »Isles« ist kontaktfreudig prollig und jederzeit vollkommen transparent und damit natürlich das falsche Album für diese Zeit.
 

steven rutter riddleVinyl 2LP Absolut bemerkenswert bleibt wie leicht es Steven Rutter fällt total nach B12 zu klingen ohne nach B12 zu klingen. Auch »Riddle Me Sane« ist wieder mehr als eine Fußnote wert im Spätwerk des Duos, aber gleichzeitig ist Rutter auf seine alten Tage, wie schon auf »Brainfog«, rhythmisch und in der Wahl der Klangfarben noch wesentlich undogmatischer geworden als in der Sturm und Drang Phase.
 

Reymour – Leviosa	Vinyl LP Zum Abschluss noch dreimal Pop, bzw. wie Pop 2021 klingen könnte. Reymour bedienen auf »Leviosa« vollkommen ungeniert jedes französische Coolness-Klischee und rauchen vermutlich sogar durch die FFP2-Maske Kippen im Wartezimmer. Das klingt dann 70% der Zeit wie der Stroom-Fund der letzten sechs Monate, die anderen Prozent fühlt man sich vielleicht doch etwas zu sehr an Naturwein-Klischees auf Instagram erinnert. Faire Aufteilung, reicht für mich zumindest locker zum Kauf.
 

Smerz – BelieverVinyl LP Irgendwie geil, dass *Smerz*mit jedem Album beknackter werden, anstatt es sich einfach zu machen. »Believer« kommt natürlich auch nicht um die ein oder andere trendy Trip Hop-Pattern herum, aber insgesamt ist das eine Platte, bei der man das Gefühlt hat, dass hier aus den richtigen Gründen vier Singles auf dem Rechner liegen gelassen wurden um algorithmisierte A&Rs mit zerhackten Glitch-Interludes den Schweiß auf die Stirn zu treiben.
 

Bobby Would - World Wide WorldVinyl LP Letzte Platte für heute: »World Wide World« aka die richtig wehtuende Erinnerung wie befreiend es doch 2019 gewesen ist in der falschen Spelunke die falschen Getränke zu trinken und sich mit steigendem Pegel mit jedem Toilettengang die Hände ungewissenhafter zu waschen. Bobby Would ist ein Pub-Lad im Low Company’schen Sinne und diese Platte die schmerzlich lange Warteschleife für den AstraZeneca-Fix auf den wir alle warten.
 

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