Music Kolumne | verfasst 02.09.2015
Aigners Inventur
August 2015
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: The Weeknd, Sean Price, Beach House und Zoovox.
Text Florian Aigner

the weeknd beautyFind it at hhv.de:CD Boah ey, Fader, danke für nichts. Da mache ich mir seit zehn Tagen Gedanken wie die neue von The Weeknd denn nun einzuordnen ist, lese mit ungeahnter Energie jede noch so wilde These zur Popstarifizierung Abel Tesfayes, berate schon mal mit dem Sprechstunden-Thema und dann kommt ihr, einen Tag vor meiner Deadline und klaut mir alle Pointen? Life as a Wichtigtuer shouldn’t be so rough. Also: »Beauty Behind The Madness« ist eben nicht der volle Ausverkauf, Max Martin spielt höchstens eine periphere Rolle, in seinen besten Momenten ist das zweite offizielle Album eher »House of Balloons« als »Kiss Land« und Abel immer noch ein Riesenarschloch mit einem ungeheuerlichen Talent die herzlosesten Sachen zu sagen und diese dann chemisch zu rechtfertigen. So weit, so gut. Aber Can’t Feel My Face ist immer noch der Song des Sommers und in seiner Unverschämtheit nichtsahnende Muttis zu Yayo-Doppelagentinnen zu machen, ein Geniestreich im Breitbandpop wie er nur alle paar Jahre einmal vorkommt. Allein dafür Applaus.
 

2 chainz trap a velli tre Sind Selbstmitleid und Misanthropie die Leitmotive in der Musik von The Weeknd, so dürften Megalomanie und Ignoranz am ehesten 2 Chainz’ Weltbild prägen. Nachdem er erst vor kurzem DEN definitiven 2 Chainz Vers als Gast auf 3500 zum besten gab, bietet »Trap-A-Velli Tre« nun leider wenig erwähnenswertes, wie auch, nachdem er zuvor bereits zu Protokoll gegeben hatte Muttermilch im Lean-Cup zu sich genommen zu haben und sich in seinem Haus primär brustschwimmend vorwärts zu bewegen. So gibt es hier einen leidlich amüsanten OC Maco Ripoff, viel musikalischen Einheitsbrei und die übliche handvoll Kopfschüttel-Lines für die man 2 Chainz halt abonniert hat.
 

gangrene disgust Find it at hhv.de:2LP | CD Gewisse Ermüdungserscheinungen zieht auch die neue Gangrene nach sich, was wie eigentlich immer bei den Herren Oh No und Alchemist weniger an der Beatselektion liegt, sondern viel mehr daran, dass die beiden am Mikrofon selten über Cheech & Chong-Humor und Paarreim-Holzigkeiten hinaus kommen und Gäste wie der selige Sean Price oder Action Bronson unserem Duo immer wieder die Grenzen aufzeigen.
 

sean price songsFind it at hhv.de:CD Ach Püüüüü, schön, dass du zumindest posthum gerade den dritten Frühling erleben darfst. Duck Down veröffentlicht für die Trauergemeinde nun das Mixtape »Songs In The Key Of Price« und das ist nicht nur als Erinnerung seinem Lebenswerk zu gedenken eine gute Sache, sondern auch weil die skizzenhafte Struktur P-Bodys Fähigkeiten perfekt unterstreicht. Ein rotziger 32er, Impro-Refrain, on to the next one. Das macht Spaß und bestätigt mal wieder was jeder nach Sean Prices viel zu frühem Ableben sinngemäß schrieb: wer Sean Price nicht mochte, mochte sich selbst nicht.
 

zoovox great catsFind it at hhv.de:LP Alles richtig machen derweil Zoovox, nicht nur weil sie sich im Titel ihres Albums für das exzellente Lectric Sands Label dem Team Katze zuordnen (die einzige globale Glaubensfrage, die anscheinend wirklich alle beschäftigt), sondern auch weil »Great Cats And Weak Dogs« genau diesen Schluffihouse und Post-Irgendwas-Boogie auffährt, mit dem mich Konsorten wie Benedek, Moon B oder Ruf Dug immer wieder kriegen. Wenn dann gen Ende sogar noch eine Reinterpretation des immer noch göttlichen Why hinzukommt, vergesse ich mich doch direkt über den starken Dollar aufzuregen und die 25 Euro, die man mittlerweile routinemäßig zu latzen hat.
 

midnight runnersFind it at hhv.de:LP Auch super: der in Indonesien residierende Midnight Runners, der dort ebenfalls diesen geil schlingernden Analog-Disco-Funk zusammenzimmert, der niemals so aufdringlich ist, dass man müsste, aber immer so fokussiert, dass man könnte. Wenn der Sommer sich jetzt noch ein, zwei Wochen mit Händen und Füßen gegen die Nieselei wehrt, könnte »Open Labs« wirklich einen sehr nachhaltigen Eindruck bei mir machen.
 

lockah cloudyFind it at hhv.de:2LP Das bereits geschafft hat Lockah, der uns auf »It Gets Cloudy« mit Androiden-Industrial zu Beginn erstmal auf die falsche Fährte lockt, ehe seine Bboyism-für-die-Generation-Hashtag-Agenda im Anschluss expliziter wird. Das ist auch deswegen so geil, weil Lockah einer der wenigen ist, der diese Electro/Boogie/Protohouse-Versatzstückelei völlig ohne Retrofetisch betreibt und gerade deswegen auch nicht mit den eben genannten Zoovox oder Midnight Runners konkurriert.
 

health cokeFind it at hhv.de:LP Ich habe Nine Inch Nails nie verstanden, präexistentialistische Sommerferien im Jahr 1995 vielleicht mal ausgenommen, deswegen kann ich all die Trent Reznor Vergleiche, die sich die neue Health eingehandelt hat nur sehr unzuverlässig kommentieren. Für mich klingt »Coke Magic« ein bißchen so als hätten es dieser eine Unsympath von Crystal Castles geschafft erwachsen zu werden und endlich eine passable Platte zu machen. Damit tue ich jetzt sicher allen unrecht, aber ehrlich gesagt: ganz verstanden habe ich Health halt auch nicht. Hat das alles auch was mit Depeche Mode zu tun?
 

Beach House - Depression Cherry Find it at hhv.de:LP+CD | LP+CD Wobei, vielleicht kapiere ich das doch, wenn Health nämlich Balladen schreiben, dann klingt das manchmal kurz wie Beach House und Beach House kapiere ich, weil jeder Beach House kapiert. Weil eine neue Beach House Platte geil ist, weil Beach House irgendwie nie etwas falsch machen, weil Beach House tolle Titel (»Depression Cherry«) haben, weil Beach House genau jenen Level an künstlicher Nonchalance aufrechterhalten, bei dem ich mich fühle als würde jemand ein Konzert in einer riesigen Waschmaschine geben und dabei knöcheltief in Rotwein stehen. Weil Beach House halt Beach House sind und mir wirklich nicht mal ein halbes Argument einfiele, daran etwas auszusetzen zu haben.
 

Destroyer - Poison SeasonFind it at hhv.de:LP Ach ich gebe ja zu, dass mir Destroyer nach dem Kalkül von »Kaputt«, dem Vorgänger, der ihm endlich Anerkennung jenseits der üblichen Blazer-Klientel einbrachte, sympathischer geworden ist als zuvor. Nun gut, manchmal kann diese späte Rockstargeste auch daneben gehen und schwupp hat man sich in der Selbstgefälligkeit des späten Twin Shadow verloren. Aber »Poison Season« zieht die richtigen Lehren aus dem Vorgänger. Klar ist das ein bißchen campy, ein bißchen zu prononciert im Schritt und in seinem Rockoper-Kitsch durchschaubar, aber erstens habe ich keine Angst vor Saxophonen und zweitens ist das Was wäre wenn – Experiment mit den Assoziationen Cohen und Springsteen für mich durchaus interessant geblieben.
 

Kurt Vile – B'lieve I'm Going Down… Nun wäre es auch ein leichtes das Lieblingspuddingteilchengesicht der aktuellen Generation an Master-Absolventinnen mit Dreck zu beschmieren und Kurt Vile vorzuwerfen mal wieder das gleiche Album wie immer gemacht zu haben. Hier die zwei gut gelaunten und nicht mehr sonderlich überraschenden Pop-Singles, dort die Baby’s Arms Balladen und dazwischen ein bißchen Psych- und Noise-Kokettierei. Aber Vile bleibt auch auf »B’lieve I’m Goin Down« der souveräne Patentinhaber und nebenbei ungenierteste Vokal-Verdreher und Emphasen-Harlekin seit Young Jeezy. Und allein dieser Vergleich sollte deutlich machen, warum wir für heute den Laden mal überpünktlich dicht machen sollten.
 

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Pünktlich zur kalten Jahreszeit werden wir von einer wahren Flut neuer Alben überschwemmt. Unser Kolumnist Florian Aigner hat sich wie üblich für euch durchgehört und trennt die Spreu vom Weizen.
Music Kolumne
Records Revisited
DJ Shadow – Endtroducing (1996)
Vor 25 Jahren erschien mit »Endtroducing« ein Hip-Hop-Album, das Björk mit Metallica und finnischer Fusion zusammendachte. DJ Shadow grub dafür im Keller. Und fand Gold. Dann schuf er ein Album, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint.
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Sarah Davachi
Echo der Unendlichkeit
Intensität ist das Wort, das in den Sinn kommt. Bei ihrer Musik und bei ihren Sätzen. Ihr Sound fühlt sich an, als ob jemand mit einer Fingerspitze über die Seele streicht. Jetzt erscheint Sarah Davachi neues Album »Antiphonals«.
Music Porträt
Dais Records
Klang als Kollektion
Zwischen Experiment und Erwartung, Neuem und Altem wagt Dais Records seit Jahren den Spagat. Gibby Miller und Ryan Martin ziehen dort ihre Kreise, wo Linearität bewusste Störung erfährt – und treten so in die Fußstapfen großer Vorgänger.
Music Porträt
Leslie Winer
Der unbekannte Weltstar
Björk, Grace Jones, Boy George und Sinéad O’Connor zählen zu ihren Bewunderern. William S. Burroughs war ihr Mentor. Irgendwie hat sie auch Trip-Hop erfunden. Dennoch ist Leslie Winer heute nur Insdern bekannt. Das könnte sich jetzt ändern.
Music Porträt
DJ Koco
Guest Mix
Bei DJ Koco treffen atemberaubende Mixing-Skills auf eine Selection von ungeheurer Raffinesse. Kaum einer cuttet seine Breakbeats tighter ineinander als er. Das Verblüffendste: Der japanische DJ beschränkt sich in seinen Sets auf 7Inches.
Music Kolumne
Aigners Inventur
September & Oktober 2021
Keift und brummt sich wieder durch die Veröffentlichungen der letzten zwei Monate: Aigners Inventur, mit Bärlauch-Antipathie und Seerobben-Ehrfurcht. Dazwischen Alben von Flying Lotus, Erika De Casier, Space Afrika und Maxine Funke.
Music Kolumne
Records Revisited
John Coltrane – Africa/Brass (1961)
1961 markierte »Africa/Brass« den Anbruch eines neuen Zeitalters: Für John Coltrane war es der Beginn seiner Impulse!-Jahre, für viele afrikanische Staaten der Start in die Unabhängigkeit. Musikalisch war es sein ambitioniertestes Vorhaben.
Music Kolumne
Records Revisited
Björk – Vespertine (2001)
Mit »Vespertine« schien Björk Guðmundsdóttir das Versprechen ihres vorherigen Werks nicht einzulösen. Weil sie dieses Mal einen vollkommen anderen Ansatz wählte. Was »Vespertine« von 2001 zu einer ihrer besten Platten bis heute macht.
Music Porträt
Polo & Pan
Eklektisch in den Weltraum
Polo & Pan sind bereit abzuheben. Nachdem sie es mit ihrem kunterbunten Stilmix bis ins Hotelzimmer von Elon Musk schafften, blicken sie nun höheren Sphären entgegen. Die irdischen Fans beglückt das Duo derweil mit dem Album »Cyclorama«.
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Music Kolumne
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In mancher Hinsicht scheint »Breaking Atoms«, das Debüt von Main Source, ein Klassiker aus der zweiten Reihe geblieben zu sein. Doch die Produktion von Large Professor definierte einen Signature Sound für das Goldene Zeitalter des Hip-Hop.
Music Kolumne
Records Revisited
LFO – Frequencies (1991)
Die niederfrequenten Schwingungserzeuger LFO aus Leeds schufen mit »Frequencies« eines der ersten Techno-Alben. Ihre hohen Bleeps und tiefen Clonks haben Technogeschichte geschrieben. Bis heute kann, äh, muss man dazu tanzen.
Music Kolumne
Records Revisited
Funkadelic – Maggot Brain (1971)
Mit »Maggot Brain« begeben sich Funkadelic auf die dunkle Seite des Funk. Das triumphierende Lustprinzip wird mit dystopischer Eschatologie durchsetzt und stellt der Feier des Lebens eine beklemmende Endzeitstimmung zur Seite.
Music Kolumne
Aigners Inventur
Juli & August 2021
Hier wird nicht lange gefackelt und sogar auf halbgare UEFA-Gags wird verzichtet. Stattdessen wird im Sinne der Schallplatte gehandelt und an die 20 Vinyl-Scheiben werden zum Drehen gebracht.
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Das vergangene halbe Jahr hat gefühlt ganze fünf gedauert. Ein nie endender Winter, quälende Isolation. Und die Musik? Die lief weiter, auf unseren Plattenspielern. Diese 50 Schallplatten blieben dabei besonders im Gedächtnis.
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Evidence
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Evidence ist Producer, Cratedigger und Rapper, und zwar einer, der in 15 Karrierejahren die Lust am Entdecken nie verloren hat. Jetzt erscheint sein Album »Unlearning Vol.1«. Wir fragten nach 10 Schallplatten, die ihn geformt haben.
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Am 12.6.2021 findet nun der erste von zwei Record Store Days in diesem Jahr statt. Allein dafür sind wieder mehrere hundert exklusive Releases angekündigt. Wir haben daraus zwölf Schallplatten gepickt, die wir euch ans Herz legen wollen.
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