Music Porträt | verfasst 07.03.2017
New Record Labels #26
Parallel Berlin, Power Vacuum, Superfly und Super Rhythm Trax
Jeden Monat stellen wir euch Labels vor, die neu bei uns im Shop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Parallel Berlin, Power Vacuum, Superfly und Super Rhythm Trax.
Text Kristoffer Cornils, Niklas Fucks , Übersetzung Sebastian Hinz

ParallelFind it at hhv.de: Parallel Berlin Parallel Berlin ist ein 2016 von Riet Meert und Daniela La Luz gegründetes, deutsches Plattenlabel aus Berlin. Angefangen aber hat alles fast ein Jahrzehnt zuvor – und zwar über MySpace. Dort lernten sich Meert und die Produzentin La Luz kennen. Die erste Party unter dem Titel Parallel veranstaltete Meert noch in Belgien, von wo aus sie sich nach Deutschland verabschiedete und bald schon organisierten die beiden mehr oder weniger regelmäßig von Augsburg und Belgien Parallel-Nächte. »Die Veranstaltungen waren sehr erfolgreich und Daniela tauchte immer tiefer ins Produzieren ein und bekam viel positives Feedback aus aller Welt, obwohl sie eine Newcomerin war«, erinnert sich Meert. »Schritt für Schritt wurde Musik so zum Hauptgegenstand unseres Lebens.«

2011 siedelten die beiden nach Berlin über, wo sie den »Planet Parallel« in die hiesige Griessmühle, das Golden Gate oder das ://about:blank brachten. 2016 schließlich eröffnete Daniela La Luz selbst mit ihrer EP »Foreverness« das neu gegründete Plattenlabel mit dem Titel Parallel Berlin. Warum die vielen Namen? »Obwohl wir nun wirklich keine großen Nummern sind, kam es oft vor, dass andere unseren Namen, unsere Logos und Artworks verwendeten«, erklärt Meert. Deswegen die Erweiterung durch die Standortmarke Berlin, worunter sich die hauseigene Booking-Agentur und eben das Label zusammen finden. Der Planet Parallel und Parallel Universe sind zwei Veranstaltungsreihen, der eigene Podcast mit DJ-Mixen nennt sich Parallel Berlin Voyager Series und die Parallel Radio Show wird von La Luz selbst gehostet, derweil die beiden auch Grafikarbeiten unter dem Titel Parallel Graphics erledigen.

Das ist ganz schön viel, aber anders wollen es die beiden auch nicht. »Wir sind neugierige Geister«, erklärt La Luz. »Wir lieben Vielfalt, Fortschritt und alle Farbtöne, die es nur gibt.« Techno und House mögen die Eckpfeiler des breiten Parallel-Universums sein, dazwischen und daneben aber ist alles erlaubt. _»Daring is caring!«, nennt La Luz das, was allerdings nur Artists aus dem eigenen Kader vorbehalten ist, wie etwa dem Produzenten B.E.F., der mit stoischem Acid Techno die zweite Parallel Berlin-Katalognummer bestritt. »Wir wollen die DJs da draußen zum Experimentieren bringen und ihnen die Erfahrung verschaffen, dass ihre Crowd wesentlich aufgeschlossener ist, als sie das vielleicht annehmen«, ergänzt Meert. Ziemlich hohe Ansprüche, aber Meert und La Luz schaffen es schließlich schon seit geraumer Zeit, eine ganze Menge verschiedener Projekte unter einen Hut zu bringen. KC

Parallel Berlin bei Facebook | Parallel Berlin bei Soundcloud

Power VacuumFind it at hhv.de: Power Vacuum Power Vacuum ist ein 2012 vom Produzenten Milo Smee alias Bintus gegründetes, britisches Label aus London. Smee ist in erster Linie Pragmatiker. »Das ist eben ein Weg, an Musik zu kommen, die ich gerne auflege«, erwidert er lakonisch auf die Frage nach seiner Motivation, ein Label zu gründen. Er sei zwar kein Vinyl-Dogmatiker, ziehe die Decks aber den CDJs vor und selbst ein paar Platten herauszubringen bedeutet eben auch, ständig gutes Material in der Tasche einstecken zu haben. Der minimalistische Ansatz in Sachen Verpackung und Design hat bei Power Vacuum einen Hintergrund. »Ich erinnere mich an Mark Broom, der seine Platten für einen Gig packte und jede einzelne befand sich nur in einem weißen Inner Sleeve, woran ich selbst nie gedacht hätte und was für mich total Sinn ergab«, erinnert sich Smee an ein Erweckungserlebnis. »Warum das Extragewicht der Papp-Sleeves mitschleppen, wenn ich stattdessen mehr Platten einpacken kann?« Die Clubkompatibilität erstreckte sich ursprünglich auch auf die einzelnen Releases, die zwischen fünf bis sechs Tracks versammelten und damit als kleine Sammlung von Geheimwaffen in der DJ-Booth aushelfen sollten.

Und was ist drin? Klingt zuerst nach paranoidem, Acid-lastigem Techno britischer Hausart, der sich viele Tricks aus dem Hardcore Continuum leiht. »Dem kann ich eigentlich nichts hinzufügen. Mach ich aber trotzdem, weil das eine der wenigen Dinge sind, die mir glasklar sind. Setz dir lieber einen Tee auf«, grinst Smee und beginnt zu schwelgen. Von den goldenen Jahren 1991 und 1992 im Nordosten Londons, wo er im Club Tootos mit britischem Hardcore von Prodigy bis Altern-8 sozialisiert wurde. Power Vacuum soll nicht nur an diese Tradition anschließen, sondern sie mit Releases von Bintus selbst, Techno-Legende Mark Broom oder dem Allrounder DMX Krew unter seinem EDMX-Pseudonym weitertreiben. »Ich will mir die Leute gerne genauso aufgeladen vorstellen, wie ich es war, als ich damals in einem Raum voller Spinnern diese freakigen Sounds hörte!« Doch nicht nur altgediente Pioniere, sondern auch Youngsters kommen bei Power Vacuum zum Zuge. Die Compilation-Serie »Vectors« etwa versammelte bereits Beiträge von Objekt, J. Tijn oder zuletzt Pan Daijing und Duran Duran Duran.

Essentieller Teil des Konzepts der »Vectors«-Serie ist die Option, dass die vertretenen Artists später mit einem eigenständigen Release zu Power Vacuum zurückkehren. Das andere realisierte sich im Januar 2017 mit dem Release der dritten Ausgabe: Jeder Track wurde von einem Video von John Brown begleitet. »Ich bin ja selbst ein gescheiterter Künstler«, lacht Smee, der während seiner Zeit an der Universität selbst Videos produzierte und diese Aufgabe mittlerweile auf sein kreatives Umfeld umverteilt. Obwohl Power Vacuum im Kern eine One-Man-Show ist, so helfen ihm doch viele Menschen – ob nun mit Videos, digitalen Artworks oder anderen Dingen, wie Smee freimütig einräumt. Solange die Platten im Koffer genug Platz sparen und auf dem Floor den Spirit vergangener Tage aktualisieren, soll’s recht sein. KC

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SuperflyFind it at hhv.de: Superfly Superfly ist ein 2011 von Paulo Goncalves und Manu Boubli gegründetes, französisches Plattenlabel aus Paris. Im 3. Pariser Arrondissement, irgendwo zwischen dem Centre Pompidou und dem Apollon-Theater, findet sich ein Plattenladen für speziell interessierte Digger. Auf Soul, brasilianische und afrikanische, Jazz sowie lateinamerikanische Klänge ist Superfly laut eigener Aussage spezialisiert. Das hauseigene Label, das 2011 mit einem Reissue von Frankie Zhivago Youngs Soul-Perle »The Age Of Flying High« seinen Auftakt nahm, spiegelt diese Interessen wider. »Wir stellten ein Bedürfnis nach Neuauflagen von alten, unbekannten Platten fest«, sagt Goncalves, der sich hauptsächlich um den Labelzweig des kleinen Superfly-Imperiums kümmert. »Was wiederum darauf zurückzuführen war, dass wir unsere Liebe für einige Platten mit anderen teilen wollten, damit sie nicht für immer unbekannt bleiben.« Auf den Nassauer Soul-Sänger Young folgten so schnell weitere untergegangene Schätze aus Ghana und Mali, Reissues von der Kelenkye Band und Super Rail. Tatsächlich nennt Goncalves die eigene Umtriebigkeit für einen der Gründe, warum der Geschmack der beiden Betreiber so international ausfällt. Während es einerseits darum geht, dem auf Reisen ausprägten Musikinteresse nachzugehen, sind Superfly stets auf der Suche nach Besonderheiten. »Sir Waziri ist ein perfektes Beispiel dafür: Keineswegs offensichtlich, aber auf dem Markt gibt es schlicht nichts Vergleichbares«, sagt Goncalves über den kuriosen Fusion-Sound des Nigerianers.

Ein dermaßen breit gefächerter Geschmack bedingt nicht nur ein ebenso breites Angebot, sondern auch weitreichende Verbindungen in alle Welt. Hilfe bei Lizensierungsfragen kommt aus Europa, Afrika und Japan, die Idee für das hervorstechende Merkmal der Covergestaltung direkt von der Quelle. Masao Maruyama von Disques Dessinee habe dem Superfly-Team dazu geraten, die Artworks mit einem sogenannten obi zu versehen, einer um die Platte geführten Papierstreifen, welcher auf Japanisch zusätzliche Informationen zum Release bereit hält. »Die Japaner sind einfach die besten, wenn es um Platten geht«, schwärmt Goncalves. »Der obi ist ein Detail, welches emblematisch für ihre Plattenkultur steht.« Die Liebe fürs Detail schlägt sich bei Superfly wiederum in streng limitierten Pressungen – der Markt sei sowieso klein und mit einem Vertrieb arbeiten sie nicht, heißt es – und dem Drumherum nieder. Denn nicht nur ist Superfly als Plattenladen und Label eine Adresse für Digger aus aller Welt, sondern lässt auch per Blog und eigener Radio-Sendung andere an der Suche nach unbekannten Schätzen teilhaben, die Goncalves und Boubli genau das nicht mehr bleiben sollen: unbekannt. KC

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Super Rhythm Trax Logo jpgFind it at hhv.de: Super Rhythm Trax Super Rhythm Trax ist ein 2014 von Jerome Hill gegründetes, britisches Plattenlabel aus London. Hill mag der Stadt zwar kürzlich an »einen ruhigeren Ort« entflohen sein, doch als Producer, Labelbesitzer und Radio-DJ ist er seit über einem Jahrzehnt ein wichtiger Pfeiler der Londoner Elektro-Szene. Ende der Neunziger fängt er an, Techno zu produzieren, 2000 gründet er das bis heute aktive Label Don’t und experimentiert seitdem mit so ziemlich allen Facetten elektronischer Musik, angefangen bei Garage über Ghetto House bis zu Breakbeat-lastigem HipHop. Super Rhythm Trax gründete er 2014 aus dem einfachen Grund, dass es »eine Menge Kram gab, den ich veröffentlichen wollte, der aber nicht auf meine anderen Labels passte«. Seitdem erschienen auf Super Rhythm Trax 16 12inch EPs von verschiedenen Künstlern.

Jeder, der im Plattenladen schonmal ein Release von Super Rhythm Trax entdeckt hat, kann bestätigen, dass sich ihre charakteristischen 12inches in charakteristisch unbedruckten Außenhüllen sowohl ästhetisch als auch im Klang an der elektronischen Musik der Vergangenheit, besonders an den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, orientieren. Die meisten Releases wurden von kontemporären Künstlern produziert, die sich komplett ehrlich an nostalgisch beäugten Dance-Genres wie Acid House, Miami Bass, Electro oder frühem Techno bedienen. Als roten Faden zwischen den Veröffentlichungen kann man gut und gerne den Drumcomputer-lastigen Lagerhaus-Rave-Sound, der Ende der Achtziger aus Chicago und Detroit nach Europa schwappte bezeichnen und man kann Super Rhythm Trax nicht vorwerfen, dass sie diese Inspirationen nicht ehren: Zum Beispiel ist der Name des Labels eine Anspielung auf die 1985 erschienene »Super Rhythm Trax« EP des späten House-Pioniers Jesse Velez und erinnert an die legendäre Jive Rhythm Trax Reihe. Außerdem wäre da noch die ungebrochene Leidenschaft für die 12inch-Single (»Vinyl begeistern mich noch nach all diesen Jahren, besonders diese Art Musik. Ich möchte auf Vinyl existieren.«) und natürlich die Tatsache, dass einige Releases Edits von raren Songs der legendären DJs Fast Eddie und Marshall Jefferson sind.

Doch bei aller Homogenität Super Rhythm Trax möchte Hill kein »Label führen, bei dem sich jede Veröffentlichung genau gleich anhört.« Label-Identität ist ihm wichtiger als einfach nur Platten von Freunden als Gefallen herauszubringen: »Ich wähle die Musik sehr vorsichtig aus und die Musik kommt immer zuerst.« Das bedeutet natürlich auch, dass Hill konstant auf der Suche nach jungen Talenten ist, die in das Profil von Super Rhythm Trax passen würden. »Ich höre mir ständig Demos an und würde auch nicht zögern, eine EP von einem unbekannten Künstler zu veröffentlichen, wenn die Musik mich begeistert«, erzählt der Brite. »Tatsächlich ist das genau das, was ich gerade mache, also – junge Produzenten – meldet euch!«

Derweil tendiert die Zukunft von Hill und seiner Labelfamilie zum Rosigen. 2017 kommen mindestens zwei Veröffentlichungen auf Don’t und vier auf Super Rhythm Trax. Das Label hat sich als wichtige Figur des Rave-Revivals etabliert, doch Hill hat keine Lust auf Larry Sherman-esken Erfolg. Seine Vorbilder sind schließlich »die vergessenen Labels der späten Achtziger und frühen Neunziger – Labels, die wirken als wäre alles selbstgemacht; die das, was sie taten, wegen nichts als Spaß machten.« NF

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