Ausklang | 2017KW43 – 8 essentielle neue Platten

27.10.2017
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Pierre Bastien
Mecanoncentric Worlds Of Pierre Bastien
Discrepant • 2017 • ab 20.99€
Manchmal kann man einfach nichts anderes sagen als, »leck’, ist das gut!« und direkt darauf traurig, beschämt und trotzig selbstbewusst konstatieren: der innere Sean Connery ist allerhöchstens ein verschrumpeltes Entlein. Der »Leck’«-Auslöser ist Pierre Bastien und seine Automaten. Der französische Mulitinstrumentalist lässt Maschinen Instrumente bedienen, das hier ist eine Live-Aufnahme. Klingt als seien Gnawa und die Eisenbahn zeitgleich und aufeinander basierend im selben Land erfunden wurden, oder eben als würden Gebilde aus Schrauben und Nähten ein abstraktes George Condo-Gemälde interpretieren. PK
Kundan Lal
Periodic Perciotic
YNFND • 2017 • ab 17.99€
Wenn es in diesem Jahr an etwas nicht gemangelt hat, dann waren es Fourth-World-Fantasien. Kundan Lal kommt laut Soundcloud-Ortsmarke zwar aus – ach, was – Rostock, aber lädt sich per MPC die halbe Welt auf den Beat. Und obwohl damit zwei Sorten Rucksackmentalität zusammenkommen ist das Ergebnis immerhin liebevolle Manufakturarbeit, Öko-zertifiziert und kommt ohne Ethno-Ziselierungen aus. Zwischendurch lugt sogar Nils Frahm durch die Seitentasche und nervt nicht mal. Bemerkenswert korrekt, das alles. Rostock, ey, der fusselige Bauchnabel der vierten Welt. KC
Jun Fukamachi
Nicole (86 Spring And Summer Collection: Instrumental Images)
WRWTFWW • 2017 • ab 19.99€
Wo wir schon bei Textilien sind, können wir sogleich zu Texturen übergehen beziehungsweise beides ineinander weben: Jun Fukamachi, mir unbekannt, hat 1986, vor meiner Geburt, für die Modelinie des Designers Mitsuhiro Matsuda, nie gehört, namens Nicole, komischer Name, einen Soundtrack geschrieben, dessen Existenz mir nicht bekannt war und der wohl, ah ja, der nächste holy grail aus dem Nischenmusiksektor ist, den wir vermutlich nicht erkunden würden, wenn nicht WRWTFWW den Kram scheffelweise in die Crates abläden. Klingt nach einer »Blade Runner«-Adaption, in der jemand die retirement-Metaphorik wörtlich genommen hat und also wie etwas, das wir tatsächlich an schwermütigen Sonntagen unbedingt in unserem Leben brauchen. Wer hätte es gewusst. Ich nicht. KC
Zazou / Bikaye / CY1
Noir Et Blanc (Remastered)
Crammed • 1983 • ab 18.99€
»Lamuka« kennt dafür jeder, für den akzeptable Discogs-Mediane dreistellig sein müssen, Rotary-Mixer als Pimmelprothese besser funktionieren als SUVs und Urlaub im Kofferraum auf kroatischen Parkplätzen mit Tütensuppe folglich die einzige finanziell vernünftige Entscheidung des Jahres ist. Vielleicht aber auch mal den Rest des Albums anhören, weil Zazou, Bikaye & CY1 haben da halt 1983 auf Crammed ( <3 <3 <3 ) dermaßen koordinatendurchsuppten Zeitlupen-Highlife mit Downtown-Post-Was-Weiß-Ich bumsen lassen, dass David Byrne wahrscheinliich heute noch direkt anfängt Krokodilstränen zu verdrücken . FA
N'Kouri Percussions
N'Kouri Percussion
Superfly • 1980 • ab 25.99€
Bei einem Titel wie N’Kouri Percussions schwillt natürlich jedem gleich der Bürzel, dessen liebstes Kämmerchen im Amsterdamer Rotlichtbezirk das kleine Radio ist. Statt 200 zahlt man jetzt auch nur noch 25,99 Euro für eine Einheit, tschechische Verhältnisse auf dem Plattenmarkt. PK
Floating Points
Ratio
Pluto • 2017 • ab 11.99€
Manchmal braucht es nur 19 Minuten um halbwegs ohne Blessuren aus der Wüste zu kommen. Floating Point wusste, dass er dafür Opfer bringen musste: ein paar befreundete Mucker zurücklassen; die Freiheit im Kopf mit der Freiheit im Rücken tauschen; die Ravioli von Tesco kalt aus der Dose essen. Manchmal muss eben die »Ratio« entscheiden. Der Musik zuliebe. SH
2 Katara
Break At Home
Into The Light • 2017 • ab 19.79€
Manchmal braucht es nur 17 Minuten um sich einen Sonnenstich zu holen. 2 Katara wussten 1991 vermutlich nicht was sie taten, als sie »Greek Lady III« zusammenzimmerten. Eine völlig wahnwitzige Tribal-Balearic-Oper, die sich im 5-Minuten-Intervall in Nyabingi-Transzendenz ballert, nur um dann wieder mit Soft Rock zu kuscheln. Ach ja, ein super seltsames Faux-Industrial-Intro hängt da ja auch noch an und komplett entweltlichte griechische Chöre machen das alles nur noch gemeingefährlicher. Nüsse, voll Nüsse. FA
Circuit Des Yeux
Reaching For Indigo
Drag City • 2017 • ab 24.99€
Orchestraler Power-Folk oder so von Circuit Des Yeux. Für alle, die Antony Hegarty in Richtung HudMo verlassen hat: schmerzgeladen, kunstvoll, non-binär und sicher nicht für Pommes im Freibad zu haben. PK