Zwölf Zehner – November 2011

04.12.2011
Willkommen im Dezember. Doch vorher lassen Florian Aigner und Paul Okraj den Monat November musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Floating Points
Shadows
Eglo • 2011 • ab 18.99€
Ein schlechtes Gewissen haben wir schon. Egal, was Floating Points veröffentlicht, das Apologeten-Team Okraj/Aigner steht brav bei Fuß, betont sofort, wie brillant dieser Typ all seine Einflüsse unter einen Hut bringt und dabei so unverwechselbar und eigenständig klingt. Für gewöhnlich wird dann hervorgehoben dass die Synth-Melodien so klingen, wie sich das vor 25 Jahren Larry Heard für das Jahr 2011 gewünscht hätte und dass es momentan keiner versteht, gleichzeitig so subtil und groovy zu sein wie Sam Shepherd. All das träfe auch wieder auf Arp 3, den Geniestreich seiner neuesten EP zu. Der auf 125 BPM beschleunigte, technoide Bruder des Semiklassikers Vacuum Boogie, der dessen Schwerelosigkeit ein Synth-Arpeggio hinzufügt, das sogar in der o2-Arena noch mächtig klingen würde, sich nach dem Klimax aber sehr schnell wieder in die Zwischenräume verabschiedet, um diesem unwiderstehlichen 4×4 Drumpattern nicht zu lange die Schau zu stehlen. Oder, wie Kollege Okraj neulich meinte: unfassbar, der Typ ist so ein Vollblutmusiker und produziert momentan über den Dingen.

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Young Jeezy lässt das Trappen mal Trappen sein, lädt sich die Vagina-Pros Jiggamayne und Andre Dreitausend ein, bestellt bei M16 klassischen Soul und hat für sein kurz vor Weihnachten erscheinendes Album nun nicht nur einen großartigen Teaser, sondern nebenbei auch die einzig logische Fortsetzung zu UGKs International Players Anthem. Und weil sowohl Jay als auch Andre ihre Schäfchen im Trockenen haben, erklären sie dem Snowman dann auch gleich, wie man sich zu verhalten hat, wenn man die Damenwelt nicht nur kurz bürsten will, sondern bei dieser auch direkt einen Thronfolger produzieren lässt. So freut sich Andre (der immer noch unbedingt öfter rappen sollte) darauf, dass seine Kleine 2030 im Club für Ohnmachtsattacken sorgen wird und Jay fasst im Stotterflow die Familienplanung im Hause Carter zusammen. Powered by emotion, diese Großkopferten.

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Machen wir uns nichts vor: spätestens in einem halben Jahr wird Lana Del Rey von genau jenen Facebook-Freunden kolonisiert sein, die man schon seit Jahren löschen wollte, sich aber nie traute, weil man damals im Bio-Grundkurs zwei ganze Nummern bei ihnen abgeschrieben hat. Nun ist das aber zum einen nicht die Schuld des schlauchbootlippigen Hipster-Pinups selbst und zum anderen ändert das nichts an der Tatsache, dass Video Games ein Song epischen Ausmaßes ist, an dem sich Miss Rey ihre ganze Karriere wird messen lassen müssen, ohne ihn je zu übertreffen. Dank Joy Orbison findet er nun auch den verdienten Weg in die Peaktime, Lanas fragile Vocals behält Orbison, ganz Stratege, komplett bei und obwohl er sich eine seiner mächtigen, patentierten Synthlines nicht verkneifen konnte, bleibt der Track erstaunlich lange sehr understated, bis Orbison nach dreieinhalb Minuten die Zügel loslässt und aus einer House-Ballade ein Rave-Brett macht. Kommt das jetzt vielleicht auch endlich mal auf Vinyl, bevor sich keiner mehr traut es zu spielen?

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Aus der Masse der allgegenwärtigen Früh-90er-Housebackclash-Platten sticht Creepy Autographs Curiosityyy gleich beim ersten Hören deutlich heraus. Klar, da steckt auch Jimmy Edgar dahinter. Diese analoge Wärme, die prägnanten Ravestabs, die zur Peaktime schielen, allerlei Kleinigkeiten aus diversen Drumkits, dazu der hauchende Sex des weiblichens Vokalorgans. Eine Wucht zur Mitte der Nacht, die selbst den letzten zweifelnden, kopfnickenden B-Boy auf die Tanzfläche spült. Wenn das nicht reicht, dann leisten die vielen abenteurlich eingesetzten klassichen Drumbreaks (Take Me to the Mardi Gras, Amen-Break) Abhilfe, die Curiosityyy zu einem imposanten, auch kuriosen Stilhybrid verwandeln.

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Storm Queen (Morgan Geist & Damon C. Scott)
It Goes On
Environ • 2011 • ab 14.99€
Egal, mit wem man sich darüber unterhält, das Ergebnis bleibt am Ende das gleiche. Etwas bieder mutet It goes on nämlich zu Beginn an, zu sehr sehnt man sich nach der mondän molligen Eleganz von älteren Metro Area Stücken. Doch wie das dann so ist mit diesen Titeln der Marke Grower, entfalten sie langsam ihren Sog. Unausweichlich dieser Pfad, den man mit der tiefen Stimme des Vokalisten Damon C. Scott beschreitet und der in einem Danceanthem mündet, wie er doch eigentlich nur aus dem Big Apple stammen kann. Morgan Geist hat sie genauer studiert als andere, er kennt sich aus mit Arthur Baker, er hat von Tee Scott gelernt, Walter Gibbons-Exegese betrieben und sich auch mit Tom Moulton, Shep Pettibone und Bob Blank beschäftigt. Diese Schule mit summa cum laude abgeschlossen, versteht er wie nur wenige Andere diese Kunst des Weglassens, die mit einfachsten Mitteln erlesene Klubperlen kultiviert. Und ein witziger Zeitgenosse ist er auch noch, das aber nur so nebenbei.

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Wir hatten wirklich Angst vor James Blakes scheinbar unaufhaltsamer Bon Iverisierung. Nicht, dass man ihm all diese Coverstories, ausverkauften Touren und auf die Bühne fliegenden Comme des Garcons BHs nicht gegönnt hätte, aber als Bassdrum-Aficionado durfte man sich nach zwei Spex-Platten innerhalb eines Jahres durchaus Sorgen machen von Mr. Blake vergessen zu werden. Seine vor kurzem über Hemlock erschiene EP zerstreute schon einige Zweifel, war aber zu verkopft, um wirklich zu begeistern. Es ist also wieder an R&S (auf der Blake ja bereits das jetzt schon legendäre CMKY veröffentlichte) ein Ausrufezeichen zu setzen. Auf At Birth schwingt Blake hierfür die Techno-Keule und liefert seinen vielleicht bisher geradlinigsten Track ab, Love What Happened Here ist ein Cut-Up-R&B-Spektakel, aber auf das, was abschließend passiert, war man dann tatsächlich nicht gefasst. Auf Curbside legt Blake ein Quasimoto-Sample, Katzenjammer und ein kaputtgepitches Lamento über einen ständig alternierenden, verschleppten Hip Hop Beat, der klingt als hätte sich Madlib im Bombshelter endgültig den letzten Funken Verstand aus der Birne geraucht. Insanity!

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Mit Funkineven und Gifted & Blessed erobern gerade zwei junge Produzenten die Stunde – oder zumindest die Herzen Okraj/Aigner – die von einer identischen Grundlage ausgehend, in komplett konträre Richtungen strömen und sich dabei doch äußerst gekonnt ergänzen. Während der eine, Funkineven, gerne mal zur diabolischen Hetzjagd ausholt oder den Kompressor bis zum Anschlag ausreizt, kontert der andere mit anmutigem Analogfunk aus seinem opulenten Maschinenpark, der es in vortefflicher Manier versteht, die Essenz verschiedener Einflüsse zwischen Larry Heard, Cybotron oder Dâm-Funk zu tranchieren. The Receiver, entnommen aus der auf eine tatsächlich kleine Anzahl von 150 Exemplaren limitierten The-Provider-EP, bildet hier, man muss sagen: mal wieder – ein bravoröses Beispiel. Kein Wunder, dass Eglo-Labelvater Alexander Nut Gifted & Blessed (aka The Abstract Eye) jüngst für ein neues Release auf Eglo hievte.

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Real Talk Teil Zwei: In sein Haus hat er euch reingelassen, in seinem Ruhm habt ihr euch gesonnt. Nach über zwanzig Jahren einer bewegten Karriere und all den Songs und Melodien, die er euch und der Welt geschenkt hat: Verlassen habt ihr ihn, hinter seinem Rücken habt ihr über ihn gelästert in seiner schwärzesten Stunde. Sein Haus soll er verloren haben? Er bringe es nicht und ein Comeback unwahrscheinlich? Ihr alle habt ihn fallengelassen. Und er? Liegt in den düstersten Augenblicken seiner Karriere im Krankenhaus, krümmt sich vor lauter Seelenpein, schluchzt bittere Tränen und fürchtet sich vor einer komplizierten Halsoperation, die über den weiteren Fortgang seiner Bestimmung entscheidet. Lasst ihn alle in Ruhe, verschwindet, Shut Up!
Robert Sylvester Kelly, his future ain†˜t his past, er wird es euch allen zeigen, spätestens in seiner im Frühjahr 2012 erscheinenden Autobiographie Soulacoaster Bis dahin: Hört genau hin, merkt, was ihr ihm eigentlich zu verdanken habt und zu welcher Musik eure Kinder gezeugt worden sind. You haters are so slow.

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Superlife
Go Bananas
Peoples Potential Unlimited • 2011 • ab 19.99€
Der neueste Wahnsinn aus Andrew Morgans einzigartigen ReIssue-Label Peoples Potential Unlimited widmet sich einer verlorengegangen Electro/Techno-Perle aus Detroit, die, wie es der gemeine native speaker so schön zu sagen pflegt, in ihrem Entstehungsjahr anno 1982 way ahead of its time war. Dem gilt es nicht widersprechen, aber da wir uns in dieser Kolumne lieber auf aktuelle Produktionserzeugnisse konzentrieren möchten, schnappen wir uns einfach den Remix unseres Lieblingsniederländers Legowelt, der sich aus seinem atmosphärisch eingerichteten Studiozimmer in eben jene Zeit zurückversetzt, mit dem schleppend gebrochenen Original ein Stück weiter Richtung Industrial reist und es einer infernanel Basskur unterzieht. Bei all den namhaften Kollegen, die sich in der Namensliste der Remixer einfügen, seien es Peanut Butter Wolf oder Steve Summers, macht Legowelt die überaus überzeugenste Figur. Grandios!

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Eliphino
More Than Me
Somethinksounds • 2011 • ab 8.99€
Sitzt eigentlich in jeder zweiten Londoner Wohnung irgendein 18-Jähriger, der von der Pike an mittags R&B und nachts Rinse FM pumpt, sich vor seinen Rechner setzt und fünfzehn Hyph Mngos auf der Festplatte liegen hat? Man könnte zumindest den Eindruck gewinnen, wenn man Eliphinos More Than Me hört. Wie so oft in der britischen Premierleague fußt auch dieser Track auf einem perfekt timegestretchten R&B-Vocalsample, das sich mit jeder Wiederholung noch tiefer ins Gehirn bohrt und funktional von einer monströsen Bassline, allerlei Synth-Pornographie und knochentrockenen, geraden Drums geführt wird. Klar ist das jetzt nicht mehr gamechanging, mindexpanding oder revolutionary, um mal die gängigsten Hype-Hyperbeln zu benutzen, aber ein verdammt guter Track für den Tanzboden, dessen lasziven Beginn und ungenierten Höhepunkt man nicht vergessen wird.

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