Ausklang | 2017KW31 – 8 essentielle neue Platten

Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Beyonce
Lemonade Yellow Vinyl Edition
Columbia • 2017 • ab 33.99€
Anderthalb Jahre später ist Beyoncés Abrissbirne »Hold Up« also immer noch der beste Song, der dem enttäuschenden Lover entgegen geschmettert werden kann und außerdem noch die schönste Liebeserklärung diesseits von »God Only Knows«. Beybey halt, Diplo halt, Airhoooooooooorn over and out. Alles gesagt und gefühlt. Jetzt auch (offiziell) auf Vinyl, nur eben ohne Video, aber eben auf Vinyl. Wenüüüüüül. Es gibt da, kurz gesagt, nicht mehr viel zu sagen, aber immer noch viel dran zu haben. Auch anderthalb Jahre und ein knilchiges Sorry über die Tidal-Exclusive-Schiene später. KC
Oddisee
The Iceberg Clear Vinyl Edition
Mello Music Group • 2017 • ab 31.99€
Zweites wieder erhältliches Statement zur Situation der schwarzen Erfahrung: Während Kendrick zu G-Funk und kruder Erlösungsmetaphorik zurückkehrt, bleibt Oddisee auf dem PVC-Boden der Tatsachen und Low-Key-Marxist durch und durch: »You were made the same / As those before you came / Cause you grew up«, rappt er auf »You Grew Up« und hegelt sich durch alle Entfremdungsphänomene der letzten 30 Jahre im spätesten Kapitalismus unserer Zeiten, ohne darüber allerdings dessen ideologischen Konsequenzen zu vergessen. Klingt nach liberalem gotta-hear-both-sides, macht aber vor allem die Seiten zwischen oben und unten, das heißt dir und mir und euch und uns neu auf. Probleme sind eben gemacht und nicht Teil des göttlichen Plans. KC
Shintaro Sakamoto
Love If Possible
Mesh-Key • 2016 • ab 21.99€
Drei Wochen raus gewesen. Tagsüber fraß sich der Sand zwischen die Zehen ein, nachts überzogen ohrenbetäubende Stille und verschwitzte Laken die salzige Haut. Das Bier schmeckte süffig und schwer, das Telefon griff vergeblich nach den Strahlen der Zivilisation. Das war gut, das könnte nächstes Mal anders werden. Next destination also: Tokyo. Shintaro Sakamoto im Ohr vielleicht und im Hinterkopf eine Antwort auf den Konjunktiv, der in diesem Album verborgen liegt. KC
Yasuo Sugibayashi
The Mask Of The Imperial Family
Lullabies For Insomniacs • 1981 • ab 22.99€
Oder eben doch mit Yasuo Sugibayashi durch die Datennetze stillgelegter Teletechnologie jagen, morgens den Krähen von Shibuya beim Müllzerpflücken zusehen und am Selbstbedienungsautomaten eines zwischen zwei Schickeria-Geschäften gepressten Imbisses verzweifeln. Dann gegen Mittag die Monorail durch Odaiba nehmen, ankommen und gleich wieder zurückwollen, weil der Weg hier das bessere Ziel ist und der Rhythmus der Reise den satteren Groove hat. Es wäre beides völlig in Ordnung und schön. KC
Nina Kraviz
Pochuvstvui
Trip • 2017 • ab 10.99€
Bleiben wir aber mal zwischen gestern und heute, das heißt auf dem Tanzboden der Tatsachen, denn Nina Kraviz knallt mal wieder raus und liefert mit »Pochuvstvui« einen Omar-S auf Ritalin, sibirisch understated und so brachial-funktional, dass den House-Floors dieser Welt schon die Kieferknochen schlackern, bevor die hibbeligen Sonarsignale den Traktor-Heroes dieser Welt befehlen, den Sync-Button zu pushen wie andere im schummrigen Toilettenlicht den Stoff, der hier unbedingt als Beigabe zu empfehlen ist oder vereinfacht gesagt landet Kraviz landet anders als ich auf dem: . KC
M500 & 3Mb
Jazz Is The Teacher
Metroplex • 1993 • ab 11.99€
Aber weil’s das eben auch noch nicht gewesen sein kann, laden Juan Atkins, Moritz von Oswald und Thomas Fehlmann nach 24 Jahren zur zweiten Elefantenhochzeit, weil Jazz noch immer der Teacher und der Chill-Out-Raum der Misere letzter Notnagel ist. Neben dem offensichtlichen M500 & 3Mb-Klassiker muss insbesondere »Cosmic Courier« mal wieder im Club laufen, so völlig neben der Spur und mit dem Kopf in den Gaswolken, durch die sterbende Sterne kullern. Wenn schon Knicklichter, dann bitte doch rektal gesetzt. Wenn die Bassline nämlich erstmal drückt, leuchten alle Augen auf. Per aspere ad astra, sagten die alten Römer. Und was sagt Hinz zu welchen Platten? KC
Danny Wolfers (Legowelt)
Unfolding The Future With Amateur Space Jazz
Nightwind • 2017 • ab 19.99€
Ich sage: was Kristoffer Cornils für den Musikjournalismus, ist Danny Wolfers (meist als Legowelt) für die elektronische Musik: einer der umtriebigsten Produzenten auf seinem Gebiet. Einem Release folgt ein Release folgt ein Release. Wobei Masse und Klasse sich überhaupt nicht ausschließen müssen. Wenn er sich mal nur eine Minute zum Durchatmen lässt, so müssen wir dieses Jahr erfahren, dann erfindet der Niederländer halt schnell ein neues Genre (»Amateur Space Jazz«) – bei dem es in der Umsetzung nicht mehr braucht als eine Korg Microstation und eine Effektbox wie die Yamaha GSP-100 – und zeichnet dazu eine 24-seitige Graphic Novel. SH
Danny Wolfers (Legowelt)
Unfolding The Future With Amateur Space Jazz
Nightwind • 2017 • ab 19.99€
Sigha loopt mit seinem Remix für South London Ordnance’ »Parallel Window« grobkörnige Zeitrafferaufnahmen von überfüllten Plätzen, von Geschiebe im Gedränge, immer ein bisschen schnell abgespielt, was die Paranoia nur steigert. Zum Runterkommen nicht geeignet.Schönes Wochenende! SH