Music Review | verfasst 13.12.2013
Heatsick
Re-Engineering
PAN Records, 2013
Text Sebastian Hinz , Übersetzung Julia Frohn
Deine Bewertung:
7.0
Nutzer (2)
7.7
Redaktion
Cover Heatsick - Re-Engineering

Die von William S. Burroughs und den Beatnicks praktizierten Praktiken »Cut-Up« oder »Fold-In« haben das Bewusstsein für Literatur gestärkt und erweitert. Wendet man diese Techniken an, erschließen sich schnell Zusammenhänge, wo vorher keine waren. Und Synapsen verbinden sich, um neue Einsichten herzustellen. Das ist unterhaltsam, komisch und schnell langweilig – oder wie oft erwischt man sich selbst dabei, Buchseiten ineinanderzufalten und über die Bruchkanten hinüber zu lesen oder seinen Shakespeare aus dem Regal zu ziehen, ihn zu zerschneiden und neu zusammensetzen, auf das die Literatur neu zu funkeln beginne? Ja, dieser Spaß ist nicht unendlich. Ein wenig fürchte ich »Re-Engineering« könnte dasselbe Schicksal erleiden. »Re-Engineering« beginnt mit dem gleichnamigen Track, in dem eben zahllose Begriffe, Idiome, Überschriften von einer Frauenstimme aneinandergereit werden. Das Gesagte bedeutet viel und sagt ganz wenig. Das erhält dann seinen Witz durch sein Spiel mit Strukturen und Beziehungsgefügen. Dieser erste Track erklärt also das Prinzip des gesamten Albums, auf dem Steven Warwick Versatzstücke der elektronischen Musik ungewöhnlich zusammensetzt: Wenn man eine Tom erwartet, bekommt man eine Snare, wenn die Bassdrum einsetzen soll, erklingt die Melodie eines Spielzeugkeyboards, wenn man denkt, ›na hoppla, Techno‹, dann wird im nächsten Augenblick frei auf Tropenhölzern getrommelt, die Saiten einer spanische Gitarre gezupft (das ist der Wevie Stonder-Moment), dann setzen jene Saxophone ein, vor denen man in den 1980er Jahren bereits seine Ohren verschlossen hat (das ist der Oneohtrix Point Never-Moment), dann ist man 24 Sekunden Ohrenzeuge einer U-Bahnfahrt der Linie 1 durch Berlin, dann ist man doch auf einem Rave, unterwegs mit einer komischen Gestalt zu einem Ost-Londoner Grimeclub, schließlich wacht man im Vogelkäfig auf. Diese Musik ist so herrlich bekloppt. Doch sie ist mit Ernst betrieben, weiß ganz ganz viel von elektronischer Musik, groovt und möchte gehört werden.

Das Album »Re-Engineering« von Heatsick findest du demnächst bei hhv.de.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Bericht | verfasst 12.05.2014
Vessel & Heatsick
Live am 8.5. im Berghain in Berlin
Es dürfte schwer fallen, ein gegensätzlicheres Programm erfolgreich im selben Club zu vereinen, als dies bei der Veranstaltung »Certain People #18« im Berghain in Berlin der Fall war.
Music Review | verfasst 12.09.2014
Lee Gamble
KOCH
Mehr als ein würdiger Nachfolger. Lee Gambles neue Platte »KOCH« führt die Stärken seiner Durchbruch-Platten aus dem Jahr 2012 zusammen.
Music Review | verfasst 15.06.2015
HELM
Olympic Mess
Stressbewältigung durch Musik: Luke Younger wagt als HELM mit »Olympic Mess« den Versuch, mit dem eigenen Chaos umzugehen.
Music Review | verfasst 30.06.2016
Valerio Tricoli
Clonic Earth
Bedrückender, gespenstischer Horror. Valerio Tricoli malt mit »Clonic Earth« eine Welt ohne Bild. Gibt es Schrecklicheres?
Music Review | verfasst 01.12.2016
Rashad Becker
Traditional Music of Notional Species Vol. II
Mastering-Legende Rashad Beckers zweites Album »Traditional Music of Notional Species Vol. II« für PAN macht eine ganz eigene Welt auf.
Music Review | verfasst 21.03.2017
Various Artists
Mono No Aware
»mono no aware«, die erste Compilation aus dem Hause PAN ist ein Plädoyer für offen gehaltene Ohren.
Music Review
De Ambassade
Standhouden
Der auch als Dollkraut bekannte Musiker Pascal Pinkert legt mit »Verwijder Jezelf« und »Standhouden« zwei neue Tracks als De Ambassade vor.
Music Review
Gerhard Heinz
OST The Story Of The Dolls
Mucke für Tage, an denen einem die Sonne aus dem Arsch scheint: »OST The Story Of The Dolls« von Gerhard Heinz wird wiedervöerffentlicht.
Music Review
Ebi Soda
Ugh
Jede Woche neue interessante Jazzbands aus Großbritannien: Nun haben die aus Brighton kommenden Ebi Soda ihr Debüt »Soda« veröffentlicht.
Music Review
Imagination
Shake It
Das Label The Artless Cuckoo veröffentlicht zum vierzigjährigen Jubiläum das vielgesuchte »Shake It« der Düsseldorfer Band Imagination neu.
Music Review
Zmatsutsi, Tross, Houschyar
Various Lurkers 3
Mit »Various Lurkers 3« setzt Space Ritual ihre Labelreihe fort. Darauf sind sehr gute Tracks von Zmatsutsi, Tross und Houschyar zu hören.
Music Review
Earl Sweatshirt
Feet Of Clay
»Feet Of Clay« ist ein Fragment dessen, was Earl Sweatshirt ausmacht. Es besitzt die Dringlichkeit und Haltung, die Underground verkörpert.
Music Review
Jon Hassell
Seeing Through Sound Pentimento Vol.2
Nur konsequent: Zwei Jahre nach »Listening To Pictures« geht es bei Jon Hassell mit »Seeing Through Sounds« synästhetisch weiter.
Music Review
Minyo Crusadres / Frente Cumbiero
Minyo Cunbiero
Japan trifft Kolumbien: Auf »Minyo Cunbiero« verschmilzt das beste der Kombos Minyo Crusadres und Frente Cumbiero zu einer wilden Sause.
Music Review
Jessy Lanza
All The Time
Wieder gemeinsam mit Jeremy Greenspan bündelt Jessy Lanza auf »All The Time“ ihre Kräfte zu auf den Punkt angespitzten R&B-Pop-Nummern.
Music Review
Jason Molina
Eight Gates
Sieben Jahre nach seinem Tod erscheinen mit »Eight Gates« nun unveröffentlichte Aufnahmen des amerikanischen Songwriters Jason Molina.
Music Review
Eiko Ishibashi
Hyakki Yagyō
Auf »Hyakki Yagyō« bringt Eiko Ishibashi auf zwei Klangcollagen wunderbar-wunderliche Sounds in fließende Bewegungen.
Music Review
Tadao Sawai, Kazue Sawai, Takeshi Inomata, Norio Maeda, Hozan Yamamoto
Jazz Rock
Mr Bongo veröffentlicht das zuerst 1973 veröffentlichte »Jazz Rock« des Koto-Spielers Tadao Sawai und weiterer Mitstreiter erstmals neu.
Music Review
Manfredo Fest
Brazilian Dorian Dream
»Brazilian Dorian Dream«, das 1976 erschienene Album des Brasilianers Manfredo Fest, ist Bossa Jazz der ansteckend eleganten Sorte.
Music Review
Various Artists
Kaleidoscope: New Spirits Known & Unknown
Auf »Kaleidoscope: New Spirits Known & Unknown« beleuchtet Soul Jazz Records die umtriebige britische Jazzszene vielfältig und genau.
Music Review
Voz Di Sanicolau
Fundo De Mare Palinha
Analog Africa hat »Fundo De Mare Palinha«, 1976 aufgenommene Musik der kapverdischen Band Voz Di Sanicolau, wiederveröffentlicht.
Music Review
SW.
Night
»Night« ist das dritte Album von Stefan Wust unter seinem Alias SW., das erste außerhalb seines Labels SUED. Diese Platte ist ein Abenteuer.
Music Review
Adult Fantasies
Towers Of Silence
Eine ausgesprochen verdienstvolle Zusammenstellung bringt uns Stroom in diesen Tagen mit »Towers Of Silence« der Belgier Adult Fantasies.
Music Review
Zara McFarlane
Songs Of An Unknown Tongue
Femininer Vocal Jazz muss nicht wie Norah Jones klingen: Zara McFarlane hat mit »Songs Of An Unknown Tongue« ihr viertes Album vorgelegt.
Music Review
Blu & Exile
Miles
Nach acht Jahren kommen Blu und Exile wieder für ein Album zusammen. »Miles« zeigt, dass sich nur wenige Duos so ergänzen wie diese zwei.
Music Review
Sharhabil Ahmed
The King Of Sudanese Jazz
Wunsch nach einer neuen Freiheit: Mit »The King Of Sudanese Jazz« veröffentlicht Habibi Funk nun Musik von Sharhabil Ahmed.
Music Review
Bob Dylan
Rough And Rowdy Ways
Mit »Rough And Rowdy Ways« lädt Bob Dylan ein, sich auf dem Schoß des Onkels endlich gemütlich zu machen. Oder ist bloß alles eine Finte?
Music Review
Adaye
Turn It Up
Leise spielen ist nicht: »Turn It Up«, der Bubblegum der südafrikanischen Band Adaye (ihr einziger Hit), sollte laut gehört werden.
Music Review
Karate Boogaloo
Carn The Boogers
Urlaub in Italien war gestern. Heute holt man sich Aruba, die Beach Boys, gute Laune mit Karate Boogaloos »Carn The Boogers« ins Schwimmbad.
Music Review
Jim O'Rourke
Shutting Down Here
Anfang der Neunziger war Jim O’Rourke erstmals in den legendären GRM-Studios zu Gast. Für »Shutting Down Here« kehrte er dorthin zurück.
Music Review
Nullptr
Future World
Der Electro von Nullptr auf »Future World« kommt dem Titel widerstrebend ohne aufgesetzte Zukunftsvisionen aus.
Music Review
Yumiko Morioka
Resonance
Mit »Resonance«, ihrem einzigen Album aus dem Jahr 1987, lässt Yumiko Morioka Teile postklassischer Musik jüngerer Machart obsolet wirken.
Music Review
Julianna Barwick
Healing Is A Miracle
Julianna Barwick lässt auf »Healing Is A Miracle« den einen oder anderen Fremdkörper in ihrer Musik zu. Tut das nur wohl oder sogar Not?
Music Review
Jay Glass Dubs
Soma
Jay Glass Dubs tritt auch auf »Soma« für mehr Melodie, für mehr Hall, für Elegie am Sonnendeck ein.
Music Review
Jura Soundsystem
With You EP
Kevin Griffiths hat für sein Projekt Jura Soundsystem die alten Maschinen wieder angeschmissen und die »With You EP« aufgenommen.
Music Review
Rie Murakami
Sahara
»Sahara« von der ansonsten unbekannten Japanerin Rie Murakami wurde 1984 veröffentlicht. Ein Album ohne Eigenschaften, doch voller Hits.
Music Review
Vague Imaginaries
L'ile Sous L'eau
Nur kurz nach Erscheinen seines Albums »L’Île D’or« legt Vague Imaginaries mit »L’ile Sous L’eau« eine EP nach.
Music Review
Alhousseini Anivolla & Girum Mezmur
Afropentatonism
Verschmelzen der Welten: Auf »Afropentatonism« treffen Alhousseini Anivolla aus dem Niger und Girum Mezmur aus Äthiopien zusammen.
Music Review
Haiyti
Sui Sui
Das Prädikat Pop reicht hierfür nicht aus: »Sui Sui«, das vierte Album von Haiyti, ist eine Machtdemonstration.
Music Review
Skudge
Time Tracks
Mit »Time Tracks« will Elias Landberg alias Skudge mal wieder die Zeit anhalten. Doof nur, dass er sie manchmal zurückdreht.
Music Review
The Exaltics & Heinrich Mueller
Dimensional Shifting
The Exaltics macht erstmal mit Heinrich Mueller alias Gerald Donald gemeinsame Sache. »Dimensional Shifting« ist eins nicht: vorgestrig.
Music Review
Mulatu Astatke & Black Jesus Experience
To Know Without Knowing
Auch auf »To Know Without Knowing«, seinem neuen Album mit Black Jesus Experience, ist Mulatu Astatke unverkennbar.
Music Review
Croatian Amor
All In The Same Breath
Loke Rahbek hat mit »All In The Same Breath« ein neues Album unter seinem Moniker Croatian Amor bei Posh Isolation veröffentlicht.
Music Review
Dee Dee Bridgewater
Afro Blue
1974 nur in Japan veröffentlicht, bekommt »Afro Blue«, das Debüt von Dee Dee Bridgewater jetzt eine zweiten Anlauf auf Mr Bongo spendiert.
Music Review
Soul Media
Funky Stuff
Das 1975 nur in Japan veröffentlicht Album »Funky Stuff« von Jiro Inagaki’ Soul Media wurde jetzt bei Nippon Columbia wiederveröffentlicht.
Music Review
Oiro Pena
2
Der finnische Multiinstrumentalist Antti Vauhkonen veröffentlicht Versponnes mit seiner bei Jazzaggression erschienenen Vinyl 10-inch »2«.
Music Review
Groupe RTD
The Dancing Devils Of Djibouti
Hand hoch, wer Dschibuti auf dem Globus auscheckt. Musikalisch war das afrikanische Land noch gar nicht auf der Landkarte verzeichnet.