Music Review | verfasst 16.11.2016
Rider Shafique
I-Dentity
Young Echo, 2016
Text Kristoffer Cornils
Deine Bewertung:
/
Nutzer
8.5
Redaktion
Cover Rider Shafique - I-Dentity

Es ist ein Statement, direkt die Kamera zu starren, das Publikum fest in den Blick zu nehmen. Popstars tun das kaum, sie schauen zur Seite oder nach schräg oben und wenn sie doch direkt ins Objekt gucken, dann mit einem sanften Lächeln. Im Rap wird seit Anfangstagen direkt in die Kamera gestarrt, ernst und manchmal auch mit wütend kraus gezogener Stirn. Dabei ist der Blick in die Kamera nicht allein konfrontativ, er bedeutet auch eine Preisgabe. Wer starrt, zieht Aufmerksamkeit auf sich, wird zurückbemustert. Der britische MC und Spoken-Word-Künstler Rider Shafique schaut vom Cover seiner Single »I-Dentity« nahezu emotionslos und doch fest sein Publikum an. Er sieht nichts, wir sehen… Ja, einen Schwarzen. Einen Schwarzen, der zum Schwarzen gemacht wurde: »When I was five, my mother told me that I was Black«, beginnt das von Sam Kidel alias El Kid produzierte Titelstück. Über auf und ab wogenden, kreischenden Streicherdrones erzählt Shafique davon, wie aus einem Menschen ein Schwarzer wurde. Wie seine Lippen und Locken Zeugnis ablegen. Über das, was sich Wurzeln oder Background nennt, vor allem über seine Andersheit. »I know you notice«, sagt er mit sonorer, ruhiger Stimme einer Gesellschaft, der er sich auf dem Cover dieser Single präsentiert und zählt alle Worte und Schubladen auf, mit denen seine Identität festgeschrieben wird. »I remember being asked ‚What am I?‘, not who I am.« Das schmeckt bitter, wird von Shafique aber gegen Ende gewendet, wenn er aus der gewaltsamen Einschreibung eine Wahl macht. »Freedom Cry«, ein ähnlich ruhig und weniger beunruhigend produziertes Stück von Amos Childs alias Jabu, erzählt zwar von Müdigkeit und doch ist darin ein Manifest, ein Appell enthalten: Nicht aufgeben! »I-Dentity« liefert im Großbritannien des Jahres 2016 ein deutlicheres Statement ab als es Babyfathers Album konnte oder wollte. Es enthält keine Hits und wird, obwohl es dem Young Echo-Umfeld entstammt, wohl kaum im Club zu hören sein. Dennoch ist es eine wichtige Platte. Weil sie nach vorne schaut, ihr Publikum in den Blick nimmt und sich zugleich selbst preis gibt.

Die EP »I-Dentity« von Rider Shafique findest du demnächst bei hhv.de.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 24.06.2015
Jabu ft. Chester Giles
Slow Hours
Das Bristolische Duo Jabu zeigt sich minimalistisch. »Slow Hours« mit Lyriker Chester Giles bringt trotzdem viel Tiefe mit.
Music Kolumne | verfasst 12.12.2016
Jahresrückblick 2016
Top 20 12-inches
Was ist eine 12inch? Die Defintion ist schwammig, wir haben uns für Maxi-Singles und EPs entschieden. Damit standen wir vor einer unüberschaubaren Menge an Material – und haben uns für die 20 besten entschieden.
Music Review | verfasst 20.11.2020
Jabu
Sweet Company
Auf »Sweet Company« zeigt sich das Trio Jabu ausnahmsweise gut gelaunt. Der Musik fehlt trotzdem etwas. Das ist das Tolle daran.
Music Liste | verfasst 01.12.2020
Jahresrückblick 2020
Top 50 Albums
Sprechen wir es aus: Musik ist in Gefahr, weil sie nicht gemeinsam erlebt werden kann und weil ihre Macher*innen sich seit Monaten in einer existenziellen Krise befinden. Auf Schallplatte gab es dennoch einiges zu hören, wie diese 50 Alben.
Music Liste | verfasst 11.08.2017
Ausklang | 2017KW32
8 essentielle neue Platten
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Liste | verfasst 01.12.2020
Jahresrückblick 2020
Top 20 12inches
Tanzen war 2020 nicht wirklich. Aber die Vinyl 12" war trotzdem ein begehrtes Format. Und zwar für Musik, die von einer Zeit nach der Katastrophe träumt. Hier sind unsere Top 20. Einen Bonus in Form einer Vinyl 7" gibt’s obendrauf.
Music Review
Cody Currie
Moves EP
Der in Berlin lebende Brite Cody Curry legt auf Toy Tonics mit der »Moves EP« sein Solodebüt vor.
Music Review
Zopelar
Universo
Synthesizer-Jazz, Hip Hop-Breaks, brasilianische Note: Zopelar ist zurück mit »Universo«, einem neuen Release auf Apron.
Music Review
Merope
Salos
Folk, Ambient, Chorgesänge: Das belgisch-litauische Projekt Merope bleibt mit seinem vierten Album »Salos« in Bewegung.
Music Review
Various Artists
Heisei No Oto - Japanese Left-Field Pop From The CD Age (1989-1996)
»Heisei No Oto« versammelt 16 verquere und träumerische Alternative-Pop-Songs aus einer Ära, in der die CD in Japan ihren Siegeszug antrat.
Music Review
Nermin Niazi
Disco Se Aagay
Grandiose Widerentdeckung: Als die Geschwister Nermin Niazi und Feisal Mosleh 1984 »Disco Se Aagay« aufnahmen, waren sie noch Kinder.
Music Review
Stereolab
Switched On Vol.4: Electrically Possessed
Das große Reissue-Projekt von Stereolab findet nun mit »Switched On Vol.4: Electrically Possessed« ein Ende.
Music Review
Mouse On Mars
AAI
Inspiriert von einem Text über künstliche Intelligenz von Louis Chude-Sokeis haben Mouse On Mars ihr neues Album »AAI« produziert.
Music Review
A Winged Victory For The Sullen
Invisible Cities
Adam Wiltzie und Dustin O’Halloran haben als A Winged Victory For The Sullen Musik für das Theaterstück »Invisible Cities« komponiert.
Music Review
Legowelt
Pancakes With Mist
»Pancakes With Mist«, das neueste Werk des niederländischen Virtuoso Legowelt, ist nun auch auf Vinyl erschienen.
Music Review
Various Artists
Rocksteady Got Soul
Soul Jazz wühlte einmal mehr in den Archiven von Studio One mit der Erkenntnis »Rocksteady Got Soul«.
Music Review
Wolfgang Voigt
Rückverzauberung Exhibition
Bei seiner Rückkehr zu Astral Industries fordert Wolfgang Voigt mit »Rückverzauberung Exhibition« bei seinen Zuhöreren Geduld ein.
Music Review
Pauline Anna Strom
Angel Tears In Sunlight
»Angel Tears In Sunlight« sollte das erste Album von Pauline Anna Strom nach 30 Jahren werden. Kurz vor Veröffentlichung ist sie verstorben.
Music Review
Tindersticks
Distractions
Lenkt die Liebe vom Leben oder das Leben von der Liebe ab: Tindersticks haben mit »Distractions« ein spannendes Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Somewhere Between: Mutant Pop, Electronic Minimalism & Shadow Sounds Of Japan 1980-1989
Japan in den 1980er Jahren, 14 unerhörte Songs. Zur neuen Compilation »Somewhere Between« auf Light In The Attic.
Music Review
The George Otsuka Quintet
Loving You George
WeWantSounds macht mit »Loving You Geroge« eine Live-Aufnahme des The George Otsuka Quintets aus dem Jahr 1975 wieder verfügbar.
Music Review
Nancy Sinatra
Start Walkin' 1965-1976
»Start Walkin‘ 1965-1976« vereint die wichtigsten Songs von Nancy Sinatra und ist in diesem umfassenden Paket ein Pop-Schmankerl.
Music Review
Moggi (Piero Umiliani)
News! News! News!
»News! News! News!«, das Piero Umiliani vor 40 Jahren unter seinem Pseudonym Moggie veröffentlichte, wurde neu aufgelegt.
Music Review
Egyptian Lover
1986
Kraftwerk kann sich schleichen: Egyptian Lover lässt nicht locker und veröffentlicht mit »1986« neue Musik.
Music Review
Roots (Barney Rachabane)
Roots
»Roots«, das 1975 eingespielte Album des südafrikanischen Saxofonisten Barney Rachabane, wurde bei Frederiksberg wiederveröffentlicht.
Music Review
21 Savage & Metro Boomin
Savage Mode II
»Savage Mode II« von 21 Savage und Metro Boomin löst das Versprechen ein, dass die beiden 2016 auf ihrem Erstling heraufbeschworen haben.
Music Review
Stella Chiweshe
Ambuya!
Stella Chiweshes Musik entstand unter Widrigkeiten. Das Reissue ihres Debütalbums setzt folgerichtig ein Ausrufezeichen hinter dessen Titel.
Music Review
Omar Khorshid
With Love
Das 1978 im libanesischen Exil entstandene Album »With Love« des ägyptischen Gitarristen Omar Khorshid wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Al Wootton
Maenads
Mit »Maenads« kehrt der hochaktive Al Wootton auf sein Label Trule Records zurück. Die vier Tracks strömen eine ahnungsvolle Atmosphäre aus.
Music Review
Conny Frischauf
Die Drift
Lustig und nachdenklich, albern und rätselhaft: die Musik von Conny Frischauf auf »Die Drift« lässt auf eine Fortsetzung hoffen.
Music Review
Condry Ziqubu
Gorilla Man
Sehr sexy geballte Energie gegen Gewalt: Afrosynth veröffentlicht auf »Gorilla Man« Stücke des südafrikanischen Musikers Condry Ziqubu.
Music Review
Black Country, New Road
For the First Time
Black Country, New Road ist die Band der Stunde in Großbritannien. Ihr Debüt »For the First Time« ist soeben bei Ninja Tune erschienen.
Music Review
Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou Dahomey
Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou Dahomey
Tout puissant! Auf Superfly wurde das selbstbetitelte 1972er Album von Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou Dahomey wiederveröffentlicht.
Music Review
Laurent Petitgirard
Suite Epique
»Suite Epique« des französischen Komponisten Laurent Petitgirard, erstmals 1972 erschienen, wurde jetzt bei Superfly wiederveröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Profondo Nero
Mit der Dekmantel-Compilation »Profondo Nero« beleuchtet der DJ Cinema Royale die dunkle Unterseite des Italo-Disco-Hypes.
Music Review
Witch
Introduction
Rockmusik aus Sambia: »Introduction«, das Debüt von Witch aus dem Jahr 1972, wurde bei Now-Again aufgehübscht und wiederveröffentlicht.
Music Review
Shame
Drunk Tank Pink
Wer hinter den Krach blickt, entdeckt eine Fülle an Details: die britischen Rocker Shame präsentieren mit »Drunk Tank Pink« ein neues Album.
Music Review
Biosphere
Angel's Flight
Gerade ist das Beethoven-Jahr vorüber, da veröffentlicht Biosphere mit »Angel’s Flight« auf dem »String Quartet No.14« basierende Musik.
Music Review
Various Artists
Berlin Atonal – More Light
2020 setzte auch das Berlin Atonal aus und kondensiert das geplante Programm nun in eine Compilation von außergewöhnlicher Geilheit.
Music Review
Hieroglyphics
Hiero Oldies Vol.1
Bis auf Kassette und digital erschienen, gibt es »Hiero Oldies Vol.1« der kalifornischen Rapcrew Hieroglyphics nun auch auf Schallplatte.
Music Review
Yu Su
Yellow River Blue
Auf ihrem Albumdebüt »Yellow River Blue« verfolgt die im kanadischen Vancouver beheimatete Musikerin Yu Su eine klare Idee.
Music Review
Tiziano Popoli
Burn the Night / Bruciare la Notte. Original Recordings, 1983-1989
Mit »Burn the Night / Bruciare la Notte« wird dem disparaten Schaffen des italienischen Eigenbrödlers Tiziano Popoli ein Denkmal gesetzt.
Music Review
Various Artists
Two Synths A Guitar (And) A Drum Machine
»Two Synths A Guitar (And) A Drum Machine« versammelt an die Achtziger angelehnten Post-Punk, der zum Tanzen einlädt.
Music Review
Emmanuelle Parrenin & Detlef Weinrich
Jours de Grève
Die Folklegende Emmanuelle Parrenin & Detlef Weinrich alias Tolouse Low Trax haben mit »Jours de Grève« ein wunderliches Album abgelegt.
Music Review
François De Roubaix
Les Secrets De La Mer Rouge O.S.T.
erstmals wird die Musik zur TV-Serie »Les Secrets De La Mer Rouge O.S.T.« von François De Roubaix auf Schallplatte veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Spiritual Jazz 13: NOW!
Nach einem halben Dutzend Ausgaben widmet sich »Spiritual Jazz 13: NOW!« nun den aktuellen Tendenzen des titelgebenden Genres.
Music Review
Various Artists
Cuba: Music and Revolution 1975-85
Gilles Peterson und Stuart Baker haben mit »Cuba: Music and Revolution 1975-85« die innovativen Momente der Zeit zusammengetragen.