Ah! Kosmos – Zwischen Körpern und Planeten

07.05.2015
Foto:Yusaku Aoki / © Denovali Records
Zwei Jahre nach ihrer EP »Flesh« veröffentlicht Başak Günak als Ah! Kosmos ihr selbstproduziertes Debüt »Bastards«. Die 27-Jährige lotet darin die Hörbarkeit des Nichts aus. Ein beängstigendes, ein wunderschönes, ein großes Album.

Eine Studie darin, wie Sound von den Wänden und zwischen den Körpern abprallt, ein Hinterherlaufen in das Reich der anorganischen Dinge, das sei ihre Musik, sagt Başak Günak. »So wie Planeten und der Kosmos funktionieren.« Über acht Tracks entfaltet die Künstlerin aus Istanbul auf »Bastards« eine Atmosphäre, die sich wie der Raum ausbreitet, sich vortastet. Minimal, House, Ambient findet sich alles darin. Trotzdem hat Günak, die sich als Musikerin Ah! Kosmos nennt, bereits ein eigenes Verständnis, eine eigene Ästhetik auf ihrem Debüt eingefasst.

»Das Album hatte seine eigenen Hindernisse und Annehmlichkeiten. Der schwerste Teil der Arbeit war im Sommer, als ich fast die ganze Zeit in meinem Studio war und mich auf die Songs, die Produktion und die Komposition konzentrieren musste«. Eineinhalb Jahre dauerte es, »Bastards« entstehen zu lassen. Eineinhalb Jahre, in denen sich Başak Günak viele Gedanken über den Fluss des Albums gemacht hat.

Der Fluss des Albums
»Ich fühlte mich bei der Produktion meines Albums wohler als bei meiner EP. Ich trete so oft es geht live auf, das ändert viel daran, wie du an die Komposition herangehst«, sagt sie. »Bei meinem Debüt war es mir wichtig, wie ein Track in den nächsten fließt, der Fluss der Gefühle. Ich mag es, wenn diese Platte ihren eigenen Mikrokosmos kreiert, ihre eigene komponierte Aura meiner Gefühle, Sinne, Eindrücke und ihre eigenen Bilder, die dich irgendwo in den akustischen Raum führen.«

Ihre erste EP »Flesh«, die mit dem Release von »Bastards« eine Neuauflage bekommt, fungiert dabei vor fünf Jahren als Eintrittstor. Die drei Tracks bauen den Vorraum dieser Kapelle im Kosmos auf. Schon hier tauchen die dunkle Atmosphäre, die das Rückenmark massierenden Beats auf. In »II« zieht zum Ende hin eine Gitarre ein und lässt ein paar Reste einer Melodie zurück. Mit 13 Jahren startete Günak mit der Gitarre. »Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich immer noch die Tendenz habe, meine Gefühle damit auszudrücken. Danach startete ich mit dem Spielen des Bass und ich kann sagen, dass der Bass zu meinem Hauptinstrument geworden ist.«

»Ich mag es, wenn diese Platte ihren eigenen Mikrokosmos kreiert, ihre eigene komponierte Aura meiner Gefühle, Sinne, Eindrücke und ihre eigenen Bilder, die dich irgendwo in den akustischen Raum führen.« (Ah! Kosmos)

Nach ihrem Bachelor wendet sich Başak Günak dem Masterstudiengang in Sound Design und Engineering zu. Währenddessen hat sie Gelegenheit sich neben den analogen Machbarkeiten mit den elektronischen Möglichkeiten zur Erschaffung von Sound auseinanderzusetzen. »Ich fing an, mich mehr auf Improvisation und Komposition zu fokussieren. Nachdem ich begann, Musik alleine auf dem Computer zu machen, wurde das zu einer anderen Erfahrung, die viel mächtiger und introvertierter ist.« Daneben arbeitet sie auch an verschiedenen Installationen.

Tracks wie »And Finally We’re Glacier« auf dem Debüt von Ah! Kosmos entwickeln über ihr repetitives Moment einen irrsinnigen Sog. Der Rhythmus gräbt sich tief in die Dunkelheit, der ganze Sound bebt, atmet. Immer wenn Başak Günak etwas Besonders berührt, ergreift sie es. So wie bei diesem Song. »Ich war sehr eingesunken in die Musik und probierte viele Scratches aus. Irgendwann fühlte ich, dass ich endlich meine Gefühle so klar wie möglich ausdrücken konnte.«

Stücke von Lebendigem
Ah! Kosmos projiziert in ihren Songs immer noch Stücke von Lebendigem. Die Kälte umschließt nichts, sie ist da, aber sie ist nicht der tragende Teil ihrer Musik. Stattdessen hat das Herz dieses Albums Venen und Arterien, die unter all dem unermüdlich pumpen. »Always In Parentheses« ist so ein Track, bei dem man nur das Ohr richtig anlegen muss, um das zu hören.

Das Atmosphärische ist bei Ah! Kosmos jedoch keine bewusste Entscheidung, sondern eine Frage des eigenen Empfindens. »Für mich fühlt es sich einfach richtig an. Ich habe sehr viel Herz hier reingelegt.« Die Verschmelzung der letzten zwei Jahre ihrer eigenen Biographie.

Mit »Bastards« verschmelzen bei Ah! Kosmos der Club und das Universum, das Innere und das Äußere, der Raum und die Zeit. Das Empfinden steht gleichberechtigt neben dem Sound. »Für mich ist das Veröffentlichen von Musik gleichzeitig ein Emanzipieren«, sagt Günak. »Deswegen ist es wichtig, die Verbindung zwischen mir und dem Song zu brechen, ihn zu veröffentlichen, um neue Verpflichtungen und Verbindungen einzugehen.« Denn es gibt noch viel zu entdecken. Der Sound ist irgendwo dort draußen.