Aigners Inventur – April 2011

17.05.2011
Foto:The Binh HHV Handels GmbH
Zugegeben: es war nicht einfach neben den Marktschreiern der Wolf Gang in den letzten vier Wochen noch andere Stimmen zu vernehmen, aber bei genauem Hinhören gab es für die Musikindustrie doch noch ein Leben neben OFWGKTA.
Tyler The Creator
Goblin
XL Recordings • 2011 • ab 13.99€
Wir beginnen mit Weltbewegendem: Was Tyler, the Creator und sein Wolfsrudel in den letzten 15 Monaten erreicht haben, erinnerte zu Beginn an die frühe Wu-Tang-DIY-Ästhetik und kulminiert nun in der Slim Shadysierung durch Goblin. Tyler mag technisch ein weit weniger spektakulärer Rapper als Eminem sein, aber ähnlich wie dieser, nutzt er sein zweites Album um zwischen Tabubrüchen, Psychoanalyse und Stream Of Consciousness-Swag zu alternieren. Und er tut das mit einer wesentlich dickhosigeren Stimme als Herr Mathers. Diese ist dann auch der Grund dafür, warum die relativ minimalen Piano/Synth-Beats eher Tylers »Teenage Angst« begleiten als diese nachdrücklich zu unterstreichen. Ein schwieriges, aber fesselndes Album.

Atmosphere
The Family Sign
Rhymesayers • 2011 • ab 13.59€
Sturm und Drang endgültig hinter sich gelassen hat Slug, der auf The Family Sign primär sein gar nicht mal so interessantes Leben als 38-jähriger Vater reflektiert und generell die Balance zwischen emotionaler Ehrlichkeit und nerdigem Dummschwätzertum verloren zu haben scheint, die frühere Atmosphere-Alben noch interessant gemacht haben. Das eigentliche Problem ist aber, dass Slug Ant damit angesteckt hat. So spiegelt sich die lyrische Belanglosigkeit auch in den größtenteils vor sich hindümpelnden, von Gitarren-Licks und kontemplativen Pianos dominierten, Instrumentals wieder. La-La-La-Langweilig, leider.

Blueprint
Adventures In Counter-Culture
Rhymesayers • 2011 • ab 4.99€
Die Rhymesayers-Fahne hält Blueprint hoch, der sich nach dem sehr starken Vorgänger 1988 aus dem Jahr 2005 und seiner Zusammenarbeit mit RJD2 immer wieder längere Auszeiten gegönnt hat. Adventures in Counter Culture ist ein ungewöhnlich ambitioniertes HipHop-Album, weil es versucht Prints durchaus vielfältigen musikalischen Vorlieben unter einen Hut zu bekommen. Konkret heißt das: krautige Cosmic-Synths, 80s-Pop-Reminiszensen, El-P-Dystopien, Wave-Überreste, R&B-Flirts, Radiohead’ismen, Autotune, feiste Raps – you name it. Manchmal erinnert das in seiner positiven Energie an James Pants, auch wenn Blueprint eine wesentlich niedrigere Trefferquote hat.

Blu
Her Favorite Colo(u)r
Nature Sounds • 2011 • ab 13.99€
Die liegt bei Fast-Namensvetter Blu insgesamt höher, aber Her Favorite Colo(u)r illustriert gleichzeitig auch das Hauptproblem des Kaliforniers: so bodenständig-sympathisch er die grundsoliden, rhythmisch oft erfrischend komplexen Instrumentals auch beackert: das Charisma fehlt.

Derweil beerdigt sich Elzhi mit der Schnapsidee, seine eigene Version von Illmatic aufzunehmen, direkt mal selbst. Sollte man meinen. Umso schöner, dass Elmatic nicht annähernd so redundant geworden ist, wie man befürchten musste. Elzhi tweakt sowohl Musik als auch die Songkonzepte nämlich so, dass Nasty Nas’ epochales Debüt eben nur als lose Assoziation durch die Membranen geistert. Vielmehr zementiert Elzhi mit dieser unlösbaren Aufgabe seinen Status als einer der besten Rapper der letzten zehn Jahre.

Beastie Boys
Hot Sauce Committee Part Two
Capitol • 2011 • ab 16.99€
Brillante Rapper sind die Beastie Boys nie gewesen. Dass man aber auch mit anderen Mitteln einen Platz in der »Hall Of Fame« klarmachen kann, hat das Trio dafür ein ums andere Mal bewiesen. The Hot Sauce Committee Pt.2 ist (natürlich) kein Karriere-Highlight, aber ein kurzweiliges Spätwerk, das am ehesten an die Ill Communication-Phase erinnert. Was genau die richtige Reaktion auf MCAs annähernd überstandene Krebserkrankung ist.

Robot Koch & John Robinson
Robot Robinson
Project: Mooncircle / HHV • 2011 • ab 12.99€
Während John Robinson auf seiner letzten Kollaboration gemeinsam mit Lewis Parker in die goldenen Neunziger zurückblickte, richtet er im Verbund mit Robot Koch nun den Blick nach vorne. Robot Robinson nennt sich das Duo auf den acht Tracks, die kürzlich auf Project:Mooncircle erschienen sind und die leider auch die Inkompatibilität des wonkigen Digi-Hops Kochs und der zurückgelehnten Delivery Robinsons verdeutlichen. Jene Chemie, die Robinsons Zusammenarbeit mit Lewis Parker auszeichnete, sucht man hier vergebens.

Wer sich in letzter Zeit mal die Mühe gemacht hat, die Production-Credits des momentan zweitgrößten viralen Rap-Phänomens Lil B zu checken, dürfte bereits über den Namen Clams Casino gestolpert sein. Dieser australische Jungspund verschenkt dieser Tage ein pragmatisch Instrumental Mixtape tituliertes – äh – Mixtape, welches ein Gros seiner Produktionen für Lil B und Soulja Boy, sowie unveröffentlichte Instrumentals enthält. Unfassbar eigentlich wie dieser Pisser aus blechernen YouTube-Samples, ungemasterten Drums und jeder Menge Zeitlupen-Pathos völlig mühelos einen Gänsehaut-Beat nach dem anderen fabriziert. Zukünftig dann primär instrumental, u.a. auf der Chillwave-Not-Chillwave-Instanz Tri-Angle.

J.Rocc
Some Cold Rock Stuf
Stones Throw • 2011 • ab 37.99€
Wesentlich akkurater produziert J Rocc, der mit seinem Debütalbum nicht nur die Erwartungen des Kollegen Paul Okraj übertraf. Some Cold Rock Stuff ist ein wirklich überzeugendes, sehr facettenreiches und ausformuliertes Instrumental-Epos, in dessen Verlauf J Rocc auf allen Kontinenten Halt macht und auch vor hohen Tempi nicht zurückschreckt.

Daedelus
Bespoke
Ninja Tune • 2011 • ab 4.19€
Zu viel Gas hingegen gibt dann Daedelus auf Bespoke, einem Album, das zwar die Stärken des Koteletten-Weirdos aus Los Angeles erneut untermauert, das aber aufgrund der ruhelosen Grundstimmung manchmal Erinnerungen an seine wildesten Zeiten (A Gent Agent) weckt. Dabei hatte man sich doch gerade an den unkomplizierten Daedelus gewöhnt.

James Pants
James Pants
Stones Throw • 2011 • ab 5.98€
Auch immer verkopft, aber dabei so bemerkenswert lässig: James Pants, Stones Throw’s Köln-Immigrant, der nicht nur von Tyler, the Creator für seine Quirkiness und Unberechenbarkeit verehrt wird. Sein drittes, selbstbetiteltes Album ist nicht ganz so dunkel und verquer wie der Vorgänger, bedient sich aber auch wieder scheuklappenfrei in der Dollar-Bin-Abteilung, absurde 80s-DIY-Wave und luftige Boogie-Grooves inklusive. Ohne Zweifel: was ursprünglich viele als Insider-Witz von Peanut Butter Wolf missverstanden haben, ist nun endgültig in Stones Throw’s Belle Etage angekommen.

Africa Hitech (Mark Pritchard & Steve Spacek)
93 Million Miles
Warp • 2011 • ab 11.96€
Noch mehr All-Over-The-Placeness gibt es auf Afrika Hitech zu hören, dem Projekt des ewigen Alleskönners Mark Pritchard und Steve Spacek, jener Stimme also, deren eigenwilliger Zugang zu leftfieldigen Soul-Geschichten unter anderem auch vom großen James Yancey geschätzt wurde. __93 Million Miles- bringt auf beeindruckende Art und Weise zusammen, was musikevolutionstechnisch eigentlich zusammen gehört, aber so selten funktioniert: Wilder Staccato-Grime trifft auf Drexciyanische 808-Electro-Akrobatik, Dancehall-Rhythmen verbrüdern sich mit Detroit-Synths, afrikanische Tribal-Drums mutieren zu 2-Step-Workouts und im Hintergrund geistert Spaceks Stimme irgendwo durch den Äther. Groß!

Kode9 & The Spaceape
Black Sun
Hyperdub • 2011 • ab 5.10€
Damit gewinnt das Duo Pritchard/Spacek dann sogar das britische Pokalfinale gegen das Gespann Kode9 & Space Ape, die auf ihrem Zweitling zwar auch wieder 35 Ideen pro Minute verwirklichen, Presse und Hörer aber bei weitem nicht mehr so überrumpeln wie noch auf dem Debüt. Das mag daran liegen, dass Kode9 nun schon relativ lange an diesen billigen UK-Funky-Elementen festhält oder aber daran, dass mittlerweile halb Britannien House als Inspirationsquelle entdeckt hat. Vielleicht aber auch daran, dass Space Apes kryptisches Patois-MCing einfach transzendentaler klingt, wenn es durch 4000 Filter gejagt wird. So bleibt Black Sun ein gutes Album, aber eben keine Blaupause.

V.A.
Hessle Audio: 116 & Rising
Hessle Audio • 2011 • ab 29.99€
Nicht nur bei Hyperdub wird seit einigen Jahren routiniert an der Zukunft des Basses gewerkelt, auch Hessle Audio’s Big Three (Pangaea, Ramadanman, Ben UFO) begeisterten bisher fast mit jeder Katalognummer mit next-leveligen UKismen. Auf 116 & Rising feiert man sich nun selbst auch mal auf zwei Silberlingen, von denen für fleißige Vinylkäufer primär der erste (bzw. das begleitende Triple Vinyl) von Interesse sein sollte. Dort bieten die Briten nämlich zwölf neue Tracks feil, die wie gewohnt äußerst clever zwischen vertrackten Rhythm-Tracks, epischen Synth-Dubs, flurfreundlichen Garage-, Bootytechno- und House-Tunes changieren und noch weiter verdeutlichen, dass Hessle Audio in 20 Jahren nicht nur eine Fußnote in der britischen Tanzmusik-Historie sein wird.

Jamie Woon
Mirrorwriting
Polydor • 2011 • ab 9.89€
Wie lange man sich an Jamie Woon erinnern wird, vermag ich nicht zu sagen, immerhin aber dürften zumindest seine Zusammenarbeiten mit Burial und die sehr eingängige Single Lady Luck eine anständige Halbwertszeit aufweisen. Der Rest von Mirror Writing offenbart dann aber doch einige Probleme. Ohne inspirierte Produktionen, die Woon aus seiner Komfortzone herauslocken, ist das hier vermutlich nah an dem dran, was man von James Blake befürchten muss, wenn er zu viel Gefallen an Radio 1-Airplay und Indiepressen-Props findet.

Art Department
The Drawing Board
Crosstownrebels • 2011 • ab 13.56€
Wir schlenkern etwas ungelenk rüber zu untertourigem House mit lakonischen Vocals. Das Art Department hatte 2010 mit ihrem Zombie-Chugger Without You dermaßen auf den üblichen Kanälen abgeräumt, dass ein Album nur eine Frage der Zeit war. The Drawing Board perfektioniert die Formel der ersten Single, verliert dadurch aber auch relativ schnell an Reiz. Erst wenn gen Ende Kenny Glasgows Schlafwagenorgan auf In The Mood durch ein dezentes R&B-Lamento und Breakbeats abgelöst wird, erwacht man aus diesem Ketamin-Delirium.

Robag Wruhme
Thora Vukk
Pampa • 2011 • ab 17.99€
Weniger formulaisch und sehr introspektiv ist Thora Vukk, Robag Wruhmes erstes Album für Pampa. Autoren-Techno, der weder Angst vor Downtempo-Pathos, noch vor uncool gewordenen Mnml-Patterns hat. Rein von der Geisteshaltung durchaus mit John Roberts’ letztjährigem Meisterstück zu vergleichen, aber weniger furios und viel mehr Berlin als Chicago.

Morphosis
What Have We Learned
M>O>S • 2011 • ab 16.99€
Auch überraschend musikalisch: Morphosis’ What Have We Learned. Der in Venedig lebende Libanese war zuvor oft durch sauber durchexerzierte Jack-Huldigungen aufgefallen, während er nun die Roland zwar immer noch gerne rumpeln lässt, darüber aber beeindruckende, fast schon jazzige Improvisationen schichtet, die den versammelten neun Tracks eine ungeheuer klaustrophobische Eigenständigkeit geben. Wäre der Begriff nicht so vorbelastet, könnte man an dieser Stelle auch die IDM-Bombe abwerfen.

JTC
Creep Acid
Nation • 2011 • ab 21.99€
Etwas konventioneller agiert das Universalgenie Tadd Mullinix als J.T.C. Wie gewohnt wenn der Typ known as Dabrye to the 90 BPMers sein Acid-Alter-Ego bemüht, wird aus der TB-303 alles herausgesquelcht, was das arme Gerät hergibt, inklusive Gehörsturz-Attacke auf Relentless Order. Das fügt den Klassikern von Pierre und Spanky zwar so gar nichts neues hinzu, aber das war auch nie das Anliegen von James T. Cotton.

Gene Hunt presents
Chicago Dance Tracks Part 1
Rush Hour • 2011 • ab 16.99€
So, kommen wir zu einer weiteren von Rush Hour initiierten Epiphanie. Gene Hunt, der schon als Steppke an der Seite von Ron Hardy in der Music Box sein Unwesen trieb, hat seinen Keller aufgeräumt und dort unveröffentlichtes Material der ersten Chicagoer Garde gefunden, das nun unter dem nüchternen Titel Chicago Dance Tracks erscheint. Heard, Poindexter, Jefferson, Loftis, Hurley, Punktpunktpunkt – so eingejizzt hat sich der Aigner seit, ja exakt, Resurrection nicht mehr. Und Romanthony kommt dieses Jahr auch noch. Uffff.

Mark E
Stone Breaker
Spectral Sound • 2011 • ab 9.57€
Dass Mark E in den letzten 1-2 Jahren auch verstärkt über den großen Teich schielt und seine untertourigen Edit-Meisterwerke größtenteils durch Sample-freie Housenummern substituiert hat, die in ihrer Dynamik durchaus an Wildpitch-Großtaten erinnern, ist mittlerweile landläufig bekannt. Auch auf Stone Breaker geht Evetts diesen Weg weiter, bekennt sich sie zu Detroit, Chicago, Manchester, London, sowie großen Synth-Flächen und schafft es in jedem Track mindestens ein Wow-Element unterzukriegen. Etwas wehmütig wird man dann aber schon, wenn er mit dem bittersüßen (aber angeblich auch ohne Samples auskommenden) The Day das eigene Frühwerk zitiert.

6th Borough Project
A Night In The Borough
Delusions Of Grandeur • 2011 • ab 22.99€
Die Sample-Phase noch nicht hinter sich, hat das aus The Revenge und Craig Smith bestehende 6th Borough Project. Auf der ersten Langspielrille geben sich epische Slo-Mo-Tracks und unterkühltere House-Tracks im gewohnten 120er BPM-Bereich die Klinke in die Hand. Gerade letzteren fehlt ab und an die Sexyness dieser liebestrunken vor sich hin schwofenden Edits-Not-Edits, andererseits machen sie One Night In The Borough zu einem angenehm eklektischen und abwechslungsreichen Album, das auch als solches funktioniert.

Black Devil Disco Club
Circus
Lo Recordings • 2011 • ab 26.99€
Als Bernard Fevre vor einigen Jahren mit 28 After aus der Versenkung verschwand und den Black Devil Disco Club reanimierte, tat er dies mit kryptischen Odd-Ball-Disco-Tracks, die so einzigartig klangen, dass manch einer spekulierte, hinter dem ganzen Spuck stünde nicht ein Midlife-kriselnder Franzose sondern Richard D. James. Nach einigen Alben, die die Ästhetik von 28 After mehr oder weniger erfolgreich duplizierten, meldet sich Fevre mit einem neuen Konzept zurück. Er bat eine Vielzahl von Gastvokalisten ins Studio (u.a. Nancy Sinatra, Afrika Bambaataa und Jon Spencer). Während dies auf Fevres Sound glücklicherweise nur geringe Auswirkungen hatte, ist es doch manchmal etwas unbefriedigend, dass er diese zum Teil wirklich hervorragenden Songs, ganz dem Pop-Imperativ folgend, bereits nach dreieinhalb Minuten abwürgt. Ein summa summarum gelungenes Experiment, aber bitte etwas mehr Geduld beim nächsten Mal.

13 & God (Notwist & Themselves)
Own Your Ghost
Alien Transistor • 2011 • ab 11.87€
Unterdessen trifft Weilheim erneut Idaho. Teutoniens wichtigste (Achtung: Arschlochvokabel) Indietroniker The Notwist haben sich wieder mit Dose One und Jel (alias Themselves) kurzgeschlossen und ein sperriges, aber treibendes, ein verkopftes, aber dennoch improvisiert klingendes Album als 13&God abgeliefert. Own Your Ghost findet wie schon der Vorgänger erstaunlich leichtfüßig die Balance zwischen Jels emphatischen MPC-Passagen, Dose Ones Scribble Jam-Schtick und dem distinguierten Indie-Gestus der Notwister.

Fleet Foxes
Helplessness Blues
Sub Pop • 2011 • ab 25.99€
Ja, der Aigner mochte einige Songs des ersten Fleet Foxes-Albums. Und ja, er mag auch einige dieser heulsusigen Pfadfindermomente auf dem zweiten, mit Helplessness Blues gewohnt weicheirig betitelten, Album dieser schlecht frisierten Hippies mit den Akustikgitarren und den Knabenchor-Refrains. Deal with it. Dass uns bei einem mit einem A beginnenden Internetriesen aber nahegelegt wird, Helplessness Blues zusammen mit Goblin zu bestellen, geht dann doch etwas zu weit.