Aigners Inventur – April 2014

02.05.2014
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Kelis, SZA, Sohn, Legowelt und Dillon.
Pharaohe Monch
PTSD (Post Traumatic Stress Disorder)
W.A.R. Media • 2014 • ab 27.99€
Bevor wir uns über die unaufhaltsame Diversifizierung von R&B in den 2010er Jahren unterhalten, vielleicht zu Beginn noch ein, zwei Sätze zu »Post-Traumatic-Stress-Disorder«. Ja, so heißt Pharoahe Monchs neue LP tatsächlich. Und allein dieser Titel versinnbildlicht wieder warum Pharoahe Monch seit »Simon Says« eigentlich nur im Rückwärtsgang ungelenk versucht hat seitwärts einzuparken. Ehrlich ist das, ungeheuer ambitioniert, produziert von langjährigen Weggefährten wie Lee Stone, phonetisch und reimschematisch besser als alles was 2014 auf Nahright und 2Dopeboyz gepostet wurde, aber auch so tragisch am Zeitgeist vorbei, dass man, auch ob der hier verarbeiteten Depressionen, gar nicht umhin kann, mitleidig dreinzublicken, um im nächsten Moment dann eben doch diesen vermaledeiten neuen Gucci Mane-Remix auf Soundcloud anzuklicken und Pharoahe Monch wieder für vier Jahre zu vergessen.

Future
Honest
Epic • 2014 • ab 5.19€
Oder aber man landet bei Future und »Honest«, dem Album nach der großen Red Carpetisierung von Herrn Ciara also, auf dem er, wie schon auf dem Türöffner Pluto, unglaublich geschickt zwischen Hood-Attitüde und Loverboy-Plattütden chargiert und aus Mikewillmadeit und Konsorten durchaus sehr inspirierte moderne R&B-Produktionen kitzelt. Dazu dann noch Schützenhilfe von Pusha T bis Drake und fertig ist ein Album, wie es in diesem Kontext eigentlich nicht wesentlich besser sein könnte.

Futures Kalkül ist mir da in seiner Transparenz auch lieber als der aktuelle Hype um SZA. Auf »Z« wird mir mit Chance- und Kendrick-Features, xxyyxx-Zweitverwertung, Disclosure-ismen etwas zu sehr auf Airplay von Benji B und Gilles Peterson spekuliert. Handwerklich solide, aber in ihrem eigenen Tumblr-Narzissmus irgendwie unsexy.

Dann doch lieber #fullretard gehen wie Iggy Azelea. Die ist auch auf Album Nummer 2 eine völlig überzeichnete Rap-Karrikatur, inklusive kaukasischem Implantatsarsch und Swaggy P Liaison, aber auch dermaßen drüber, dass man sowieso alles was auf »The New Classic« passiert mit einer ganzen Hand voll Salz betrachten sollte. Musikalisch nach einer unterhaltsamen Viertelstunde dann freilich irgendwann fällig redundant, aber hey, das Miami Vice Cover sieht schon geil aus als Mini-Thumbnail in iTunes.

Kelis
Food Limited Edition
Ninja Tune • 2014 • ab 11.69€
Wo diese ganzen Neon-Tussen heute sind, war Kelis schon vor 15 Jahren. Und deswegen macht sie jetzt auch keinen futuristischen R&B mehr, sondern lässt sich von TV On The Radios Dave Sitek eine Soul- meets Softrock-Perle schreiben und für die XLR8R-Verlinkungen spendiert Ninja Tune direkt noch Remixes von Mount Kimbie, Actress, Machinedrum und und und. Gerade zweiterer Schachzug interessiert mich bisweilen mehr als das relativ biedere Album, aber als Karriere-Reanimation durchaus ein unerwarteter Schachzug.

SOHN
Tremors
4AD • 2014 • ab 25.99€
In dieser immer noch relativ neuen Grauzone zwischen Sadboy-Bon-Iver-ismen und Weeknd-Akkorden hat es sich nicht nur How To Dress Well bequem gemacht, auch der Wiener S O H N lässt auf seinen Hit »The Wheel« ein ziemlich deprimiertes Post-R&B-Album (oder was auch immer man da an #hypebeast #hashtags dranhängen will) folgen . Das ist nicht so unglaublich arschlochig wie »Kissland« und nicht so verwirrt wie »Total Loss«, aber genau aufgrund der relativen Geradlinigkeit auch wesentlich belangloser.

Downliners Sekt
Silent Ascent
Infine • 2014 • ab 9.99€
Mit wenigen Ausnahmen hält sich meine Wertschätzung für Spaniens musikalische Leistungen in den letzten Jahrzehnten deutlich in Grenzen, aber mal wieder stellt Barcelona die Ausnahme der Regel dar. Downliners Sekt, ein katalanisches Duo, fiel bereits in der Vergangenheit via Soundcloud positiv auf mit verquerem Post-Burial-Trip-Step-Gewaber, wie stringent geil produziert nun aber »Silent Ascent« ist, überrascht dennoch ein kleines bisschen. Ungeheuer dicht und kohärent, passt das zwar eigentlich musikalisch besser in den Herbst, aber das ist auch schon das einzige, was man den beiden vorwerfen könnte.

Loops Haunt
Exits
Black Acre • 2014 • ab 18.99€
Etwas weniger gelungen ist »Exits«, das Debüt von Loops Haunt, auf dem sich der Schotte redlich bemüht die Brücke vom Blackest Ever Blacks Signature-Sound zur Modern Love-Ästhetik zu schlagen und dabei streckenweise auch die verschlepptesten Tri Angle-Tracks zu evozieren. Nur dass er dabei selten so zwingend ist. Solide, nicht mehr.

Millie & Andrea (Andy Stott & Miles Whittaker of Demdike Stare)
Drop The Vowels
Modern Love • 2014 • ab 21.99€
Apropos Modern Love: dort hat sich Andy Stott nun doch zu einem Album unter dem Millie & Andrea Moniker hinreißen lassen, jenes Projekt mit Miles Whitaker also, auf dem Andy Stott seinen morastigen Zeitlupen-Techno gegen schiefe UK-Rave-Breaks eintauscht. Nun ist »Drop The Vowels« auf ganzer Länge nicht so hektisch und rastlos wie vorangegangen 12 Inches, dafür ist Andy Stott auch viel zu sehr Musiker, aber gerade als Kontrast zu Stotts letztjährigem Portishead-Via-Gorleben-Statement »Luxury Problems« dennoch sehr bemerkenswert. Und gut.

Tobias.
A Series Of Shocks
Ostgut • 2014 • ab 17.99€
Seltsam bieder hingegen wirkte auf mich »A Series Of Shocks«, das nächste Album von tobias. für Ostgut Ton nach dem wirklich gelungenen Vorgänger. Klar, da sind wieder diese wissenden Detroit-Synths und ungewöhnlich ambitioniert-produzierte Kraut- und Postrock-Elemente, verschwitzte Acid-Lines und allgemeines Auskennertum, aber zünden will das nicht so wirklich, insbesondere weil hier Risiko nur vorgegaukelt wird. Ballbesitz um seiner Selbstwillen, aber lassen wir die Bayern-Real-Aufarbeitung an dieser Stelle vielleicht doch lieber bleiben.

Ron Morelli
Periscope Blues
Hospital Productions • 2014 • ab 16.99€
Ron Morellis Alben sind bisher recht befremdlich. Auch sein zweites für Hospital Records versucht gar nicht mehr zu sein als hingerotzte Outtakes und Skizzen, vorgetragen in dieser typischen Punk-Attitüde, die L.I.E.S. zu einem solchen Spektakel gemacht hat, mittlerweile aber dazu führt, dass dort dringend mal wieder jemand Unkraut jäten sollte. Nun gut, aber zurück zum Chef selbst: »Periscope Blues« ist ein Tacken mehr Ambient als Noise, ein bisschen mehr Drone als Techno, aber dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass Morelli uns hier eigentlich in erster Linie verarscht. Und dafür sind wir halt einfach doch zu sensibel, richtig?

Legowelt
Crystal Cult 2080
Creme • 2014 • ab 17.99€
Da lobe ich mir doch den Akkordarbeiter Danny Wolfers, der mal eben wieder ein neues Legowelt Album rausgeballert hat. Wie üblich nerdy maschinenverliebt, so proggy wie House nur sein kann und so melodiengeil wie Techno meist nicht sein darf. Riesentyp, immer.

Moon B
II
Peoples Potential Unlimited • 2014 • ab 19.99€
Ebenfalls eine kleine Sensation ist mal wieder Moon B, dessen zweites Album für PPU so klingt als hätte jemand Larry Heards Amnesia-DATs bei 60 Grad gewaschen und anschließend einen Laienorgler die Synthlines neu einspielen lassen. Ganz großartig geiler Retrofetischscheiß, vor allem weil hier wenig gedacht und viel gemacht wird.

Todd Terje
It´s Album Time
Olsen • 2014 • ab 17.99€
Ein sicherer Kandidat für ›Occupy Balkonien‹ kommt aus dem hohen Norden, wo sich Todd Terje nach über einem Jahrzehnt als Tausendsassa endlich mal die Zeit genommen hat, ein Album zu aufzunehmen. Das heißt pragmatisch »It’s Album Time«, enthält mit Inspector Norse, Strandbar und Johnny & Mary direkt drei Hits und läuft leichtfüßiger ins Ziel als Ronaldinho 2006 in den Strafraum. Irgendwie ist das dann auch das Album, das Tensnake vor fünf Jahren hätte machen sollen.

Duck Sauce (Armand Van Helden & A-Trak)
Quack
Ed Banger • 2014 • ab 17.99€
Apropos spät: Viel zu spät kommt »Quack«, andererseits ist es fast wieder sympathisch, wie geil demonstrativ Laissez Faire es eigentlich von Van Helden und A-Trak ist den Streisand-Irrsinn nicht ad infinitum gemolken zu haben. Auch auf dem Duck Sauce Album wird die Formel beibehalten und würden nicht diese ganzen Disco-sampelnden French House und Van Helden Maxis von vor 15 Jahren eh viel geiler und genuin euphorischer klingen als diese relativ sterilen Edits, hätte das vielleicht sogar eine Daseinsberechtigung. So bleiben einige spaßige Loops und viel Tam Tam um nichts.

Dillon
The Unknown
BPitch • 2014 • ab 18.87€
Weil ich jetzt schon ganz ekstatisch darauf warte mit Kollege Philipp Kunze die nächste Sprechstunde Dillon und »The Unknown« zu widmen, verschleudere ich an dieser Stelle mal nicht direkt Kalauer. Nur so viel: der Kunze, der mag großes Plattitüden-Squirting über banale Pianoakkorde von eitlen Artchicks nicht. So gar nicht.

Chet Faker
Built On Glass
Future Classic • 2014 • ab 22.99€
Ich war so bereit Chet Fakers ganzen Habitus an dieser Stelle selbstgerecht wie eh und je zu dekonstruieren, ihn als den entbehrlichen Jamie Lidell brandzumarken, vermutlich hatte ich mir schon wieder eine Jack Johnson Punchline zurecht gelegt und wollte vermutlich thematisieren, dass die Deutschland-Tour bestimmt von der Intro präsentiert wird. Aber hey: »Built On Glass« ist irgendwie geil. Klar, das mufft krass nach WG-Küche und 80% seiner deutschen FB-Follower benutzen sicherlich ohne schlechtes Gewissen Adjektive wie »gechillt«, aber eigentlich ist das streckenweise wirklich schon von aufreizender Lässigkeit. Und lässig ist ein tolles Adjektiv.

Damon Albarn
Everyday Robots
Parlophone • 2014 • ab 28.99€
Bury me a Quadrat, aber ich habe keinen Bock mehr auf Damon Albarns Stimme. Als Fan sollte man sich über Albarns Rückkehr freuen. Fans tun das, zum Teil öffentlich, in meinem Facebook-Feed und an anderen Orten, an denen heute digital Meinung gemacht wird. Ich hingegen stelle nach »Everyday Robots« nur erschreckend gleichgültig fest: ich könnte ohne einen einzigen neuen Damon Albarn Song jetzt alt werden. Dabei ist »Parakeet« eigentlich eine wirklich schöne Ballade und überhaupt muss Albarn auch keinem mehr beweisen, dass er ein stilsicherer Typ ist und immer bleiben wird. Aber puh, das ließ mich alles so kalt, dass ich kurz über Selbstgeißelung nachdachte, aber mir dann doch einfach lieber einen Cookie mit Nougatfüllung gegönnt habe.

Timber Timbre
Hot Dreams
Full Time Hobby • 2014 • ab 19.99€
Den ich dann, wie hier vorgeschlagen, mit einem Whiskey und der neuen Timbre Timbre runtergespült habe. Mein Gott, nun bin ich bei diesen Kanadiern wahrlich Late Adopter, aber »Hot Dreams« ist vielleicht das Album, das mich dieses Jahr assoziativ am meisten angefasst hat. Da tanzt David Lynchs Zwergen-Inventar unkoordiniert durch eine Schulaufführung von Effie Briest, da fahren Menschen mit makellosem Bartwuchs im Lanvin-Blazer Monstertruck und Grizzly Bären gucken sich beim Koitus in die Augen. Wunderschön, das alles.