Aigners Inventur – Februar 2012

22.02.2012
Foto:HHV Handels GmbH
Lana Del Rey, Haftbefehl, Deichkind: Plakativeres hätte man ihm dieses Mal kaum vor die Nase setzen können. Dennoch vergisst unser Kolumnist vom Dienst wie üblich auch die abseitigeren Releases nicht.
Gangrene (The Alchemist & Oh No)
Vodka & Ayahuasca
Decon • 2012 • ab 11.19€
Dass sich da zwei Brothers from other mothers gefunden haben, ließen bereits die ersten Gangrene-Teaser vor knapp zwei Jahren erahnen. Nun also folgt bereits die zweite Langspielrille von Alchemist und Oh No, auf der sich die beiden CL-Produzenten und Regionalliga-MCs dieses Mal kräftig mit Wodka & Ayahuasca eingedeckt haben und damit nebenbei dem Titel You can’t imagine how much fun we’re having näher kommen, als es Atmosphere je taten. Das einzige, aber durchaus gravierende Problem an dieser Sause ist und bleibt aber, dass The Alchemist nach wie vor mit der Eleganz des späten Thomas Ds flowt und auch Oh No einfach ein signifikant besserer Knöpfchendreher als Rapper bleibt. Auffallen tut dies hier v.a. auch deswegen so, weil man sich mit Kool G Rap, Roc Marciano und Prodigy nun wirklich keine Leichtgewichte auf die gammeligen Studiocouches eingeladen hat. Aber sei’s drum: Spaß macht das trotzdem.

Während Oh No und Alchemist scheinbar erst in etwas gesetzterem Alter komplett austicken, ist Schoolboy Q so kodeinzerfressen, dass auch mal ganze Strophen auf das Wort »Pills« gereimt werden und die übrigen Silben mit semikohärentem Gestammel gefüllt werden. Auf diese Art und Weise nahm ich vor ziemlich genau zwei Wochen das erste Mal Kendrick Lamars Protegé bewusst war, auf die euphorischen Jubelreden des Kollegen Kunze hin, der in Köln gastierte um sich mit Shlohmo darüber zu unterhalten, warum Drakes Take Care das beste Album aller Zeiten sei. So, Nähkästchen geschlossen, zurück zu Habits & Contradictions, Qs zweitem Album, das neben der geilen Debilität von Druggys With Hoes Again oder Trillwave-Stolperern wie How We Feeling auch seriöse Ostküsten-Unterhaltung mit dem Alchemisten und Chef Kendrick bietet, immer aber vorgetragen im herrlich schnodderigen Tonfall dieser neune Rappergeneration. Late Adopter Aigner feiert das jetzt auch, Kollege Kunze!

DJ Adlib
Hi-Hat Club Volume 6 - Haus & Garten
Melting Pot Music • 2012 • ab 13.99€
Derweil reiht sich das Kölner Urgestein DJ Adlib mit Haus & Garten endlich in den Hi-Hat Club ein, mit dem typischen Kölner-Schluffigkeits-Impetus und zeitlosen Produktionen, ohne sich dabei aber vor Synth-Spielereien und Gastraps zu fürchten. Große Überraschungen bleiben aus, aber dass man zu keinem Zeitpunkt hört, ob das nun Maßarbeit made in Ehrenfeld oder doch Oxnard ist, ist ja auch ein Qualitätsmerkmal.

V.A.
Beat Fight #2
Melting Pot Music • 2011 • ab 12.99€
Und gleich nochmal Köln und Melting Pot Music. Dort fand letztes Jahr wieder der Beat Fight statt, den Dexter gewann, ein Umstand, der durchaus verwundert, hört man das auf Vinyl gepresste Protokoll der Veranstaltung. So brillieren vor allem Shuko (mit ungewohnt verspielten Tönen) und Haftis neuer Lieblingsproduzent Fid Mella mit wesentlich druckvolleren und variableren Produktionen als Dexters Pete Rock Nachlassverwaltung. Nun gut, jedem das Seine, in der Summe ist Beat Fight #2 so oder so eine angenehme Erscheinung zum Karottenschälen, Fensterputzen oder Couchheadbanging.

Haftbefehl
Kanackis Premium Edition
Azzlackz • 2012 • ab 18.99€
Zurück zu Haft. Unser aller Lieblingsdadaist hat bekanntermaßen sein zweites Opus draußen und was er macht, ist nicht deutsch, sondern Kanackis. Die ganz Großen haben das Schmuddelkind in ihr Herz geschlossen und die Cheias haben ihn selbstverständlich immer noch lieb, Maaaaann. Natürlich ist Haftbefehl auch weiter eine der leichtesten Zielscheiben in Deutschland, was man bei all den halbgaren Namensgags, den holprigen Reimen und demonstrativem Assi-Tum, aber nicht vergessen sollte: Er hat Humor und ein besseres Händchen für Beats als Restdeutschland. Und wenn er auf gefühlten 40 BPM einer Angestellten im Ralph Lauren Store erklärt, dass sie schon richtig liegt und der SL da draußen ihm gehört, will man (oder zumindest ich) ihm einen herzlichen Fistbump geben und ihn rufen hören: yeah, Mama, I made it!

1000 Names
Invisible Architect
Project: Mooncircle / HHV • 2011 • ab 15.99€
Für Project: Mooncircle-Verhältnisse ungewohnt Boogie-beeinflusst und leichtfüssig bewegen sich dei Bulgaren von 1000 Names auf Invisible Architect. Manchmal klingt das gar so, als hätten Tiger & Woods Remixes beim frühen Hud Mo bestellt, so transparent sind in der ersten Albumhälfte die 80s-Zitate. Eine Plakativität die PMC durchaus gut zu Gesicht steht, so kurz vor dem Frühling, und wer es etwas ominöser braucht konzentriert sich eben auf Seite C + D.

Bonobo
Black Sands Remixed
Ninja Tune • 2012 • ab 5.59€
Etwas enttäuschend hingegen ist die Bequemlichkeit, die sich auf vielen der von Bonobo bestellten Remixes zu Black Sands breit macht. Mit Ausnahme des wie üblich wahnwitzigen Analog-Workouts von Funkineven, dem vertrackten Arp 101-Remix und der brillanten Vocal-Inszenierung von Blue Daisy, muss man durchaus enttäuscht sein, wie viele große Namen sich hier zu eingelullter Fließbandarbeit haben hinreißen lassen. War aber auch nicht ganz einfach, nachdem Floating Points vor längerer Zeit bereits so vorgelegt hatte.

Benjamin Damage & Doc Daneeka
They!live
50 Weapons • 2011 • ab 18.99€
Nicht bequem, aber seltsam zerfahren, ist die auf den Namen They Live? hörende Kollaboration von Benjamin Damage & Doc Daneeka, die über Modeselektors 50 Weapons unlängst erschienen ist. Von Electro-beeinflusstem UK-Bass, Marke Boddika, über R&B-Sample-Wuchtbrummen á la Jacques Greene bis zu lupenreinem Techno, wie ihn Cosmin TRG an selber Stelle vor kurzem präsentierte, reicht die Spannweite der acht Tracks, aber eine wirklich eigene Identität kann man dem Duo nicht bescheinigen, auch wenn das natürlich alles geschmackvoll angerichtet ist.

Scuba
Personality
Hotflush • 2012 • ab 9.99€
Überhaupt, Techno. Auch Scuba verlässt auf seinem mittlerweile auch schon dritten Album zunehmend diese so fruchtbare Basis zwischen britischer Rhythmik, der Tiefe Detroits, dem analogen Chicago und der Melancholie von Bristol, um ein astreines Peak-Time-Album zu veröffentlichen, das, wie schon seine letzten beiden Singles, offensiv mit Trance- und Tech House-Klischees kokettiert und sich auch den brettharten Electro-Entwurf des Instra:Mental-Albums einverleibt. Das kann bisweilen grandios aufgehen, manchmal fehlt mir auf Personality aber dieser snobistische »Ich weiß es eigentlich besser«-Habitus. Scuba wird zunehmend Dienstleister und das hat er, der als Hotflush-Chef immer wieder beweist, dass man auch hakenschlagend Crowdpleaser sein kann, überhaupt nicht nötig.

John Talabot
Fin
Permanent Vacation • 2012 • ab 17.99€
Uneingeschränkt super ist dafür John Talabots Mini-Epos ƒin, auf dem sich der schüchterne Katalane von jeglichen Funktionalitätszwängen befreit und ein krautiges, aber dennoch nie zu verschrobenes Album produziert, das immer noch deutlich in House und Disco verwurzelt ist und mit dem Überhit So Will Be Now in einem furiosen Crescendo endet. Mehr muss man hier auch nicht sagen, so viel berechtigtes Lob der gute Mann allerorts dafür in den vergangenen Wochen bereis eingeheimst hat.

Blondes
Blondes
Rvng Intl. • 2012 • ab 10.99€
Talabots Brüder im Geiste sind die beiden New Yorker von Blondes, die für ihr Debütalbum die drei bisher veröffentlichten 12-Zoller mit zwei neuen Stücken und jeder Menge hochklassigen Remisen, u.a. vom erklärten Aigner-Liebling John Roberts, anreichern und ihren von komplexen Melodieführungen und Songstrukturen dominierten Autoren-House mittlerweile derart perfektioniert haben, dass man nur staunen kann. Wenn das endlich mal mehr Leute mitbekommen würden, wäre hier ein Crossover in Pantha Du Prince’schem Ausmaße nur folgerichtig.

Lindstrom
Six Cups Of Rebel
Smalltown Supersound • 2012 • ab 18.99€
Hoffen wir mal, dass weder Talabot, noch die Blondes eine ähnliche Entwicklung nehmen wie Lindstrøm, der sich in den letzten Jahren zusehends in verqueren Tangerine Dream-Schwülstigkeiten verstrickte und dabei Kicks und Claps zunehmend in fiesen Orgelsoli untergehen ließ. Six Cups Of Rebels besinnt sich nun allerdings wieder auf typische skandinavische Tugenden: verspielte Disco-Not-Disco-Tracks für Flurromantiker.

Demdike Stare
Elemental Part Three: Rose
Modern Love • 2012 • ab 18.99€
Beinahe konkurrenzlos verquer sind Demdike Stare, die mit ihrer klaustrophobischen Goth-Electronica seit geraumer Zeit Albträume so brillant vertonen wie kaum jemand seit Carpenters Hochphase. Rose ist der dritte Teil der Elemental-Reihe, mehr Industrial als zuvor, subtil, aber immer gefährlich. Music to piss your pants to.

AIR
Voyage Dans La Lune (A Trip To The Moon)
Astralwerks • 2012 • ab 16.76€
Während Demdike Stare Beerdigungsszenerien vertonen, bleiben Air ihrem eskapistischen Leitmotiv treu. Auch Voyage Dans La Lune flüchtet gen Mond, vergisst dabei aber weitgehend diese zuckersüßen Melodien, die Moon Safari annodazumal selbst bei Crips & Bloods zum Standardwerk für unangekündigten Damenbesuch machten. Oft schaffen es die, für sich genommen interessanten, Ambientskizzen nicht sich in das Gesamtbild einzufügen. Zwiespältige Angelegenheit.

Leila
U&I
Warp • 2011 • ab 2.79€
Wir halten es artpoppy und lassen uns von Leilas krudem U&I überfordern. Natürlich erscheint das über Warp, natürlich ist das zickig, natürlich steht hier Techno neben Shoegaze, natürlich sind die Vocals von Mt. Sims demonstrativ hingeschnoddert. Ich kann mir dennoch nicht helfen: Gang Gang Dance machen das einfach besser.

2 Bears
Be Strong
Southern Fried • 2012 • ab 23.99€
Und das Motzen hört nicht auf. Auch 2 Bears, das Projekt von Hot Chip Joe Goddard und Rat Daddy, will nicht so recht überzeugen. Während bei Goddards Hauptarbeitgebern diese programmatische All-Over-The-Placeness meist sympathisch und nerdy wirkt, ist Be Strong ein erschreckend oberflächliches Album mit lauwarmen 80s-Referenzen, billigen Rave-Signalen und gezwungen wirkenden Anknüpfungspunkten an UK-Bassmusik-Standards.

Deichkind
Befehl Von Ganz Unten
Universal • 2012 • ab 19.99€
Über die Mario Barthisierung von Deichkind muss man sich 2012 nun wirklich nicht mehr echauffieren, weil das in etwa so viel Sinn macht, wie vor Burger King zu kampieren und die Leute darauf hinzuweisen, dass es im Bioladen um die Ecke gesünder ist. Besoffene BWLer, frustrierte Alleinerziehende und biathlonbegeisterte Einzelhandelskaufmänner wollen Remmidemmi und sie kriegen, was sie wollen. Immer und immer wieder. Und weil Deichkind es mühelos schaffen, dass sich die breitgefächerte Zielgruppe qua ironischem Lyrik-Duktus so viel cleverer fühlt als die Atzen-Fanschar, wird auch Befehl Von Ganz Unten Erstsemester-WG-Parties dominieren. Gut, dass ich eine eigene Wohnung habe.

Lana Del Rey
Born To Die Deluxe Edition
Polydor • 2012 • ab 19.99€
Da kann ich dann auch heimlich diese Lana Del Rey-Platte hören, ohne mich wie ein Spießer zu fühlen. Weil: eigentlich mag man die als notorisch-abgeklärter Seen-It-All-Wichtigtuer ja jetzt schon nicht mehr, es sei denn man muss 15.000 Zeichen füllen und hat noch verstaubte Soziologie-Hausarbeiten in der Schublade liegen, mit Hilfe derer man sich dann in krude Gesellschaftsanalysen anhand einer schlauchbootlippigen Männerfantasie wie Frau Rey verlaufen kann. Deswegen an dieser Stelle nur so viel: Born To Die ist ein opulentes Pop-Album, reich an Zitaten, leider weniger Lo-Fi als Video Games es erhoffen ließ, aber dennoch so gut, wie Blockbuster-Pop 2012 sein kann. Enjoy it while it lasts!

Wendy Rene
After Laughter Comes Tears: Complete Stax & Volt Singles + Rarities 1964-1965
Light In The Attic • 2012 • ab 28.99€
Schließen wir mit einer Stimme, die jeder kennt, die jedoch nie wirklich die Aufmerksamkeit geschenkt bekommen hat, die sie verdient gehabt hätte. Light In The Attic ändert dies mit After Laughter Comes Tears: Complete Stax & Volt Singles + Rarities nun und versammelt Wendy Renes zum Teil sehr sehr schwer zu kriegenden Aufnahmen aus den Jahren 1964 und 1965 auf einer Doppel-LP. Natürlich fehlt das titelgebende Lamento nicht, interessant sind aber gerade auch die anderen zahllosen Balladen, die verdeutlichen, warum Wendy Rene so gut in die RZA’sche Samplebibliothek passte und dort fachmännisch zwischen Ann Peebles und Carla Thomas eingeordnet wurde. Oh, diese Stimme…