Aigners Inventur – Juli 2015

05.08.2015
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Future, Seven Davis Jr., Four Tet und Tame Impala.
Future
DS2
Epic • 2015 • ab 39.99€
Von all den Spielübernehmern der letzten Zeit ist Future der unwahrscheinlichste. Mittlerweile wahlweise als Reinkarnation von Jimi Hendrix oder Jesus akzeptiert, ist Futures Hype mit »Dirty Sprite 2« so unkontrollierbar geworden wie die gesamte #futurehive – ääääh – Bewegung” (?) selbst. Das Perfide daran ist:, seit sich Ciaras Ex öffentlich derart ungeniert seiner patentierten Lebensphilosophie zwischen Turn-Up-Nihilismus und Come-Down-Weinerlichkeit hingibt, enthält jedes Mixtape mindestens eine, meist sogar zwei Hände voll mit Keepern. Das ändert sich auch auf »Dirty Sprite 2« nicht, wobei das kostenlose “»56 Nights« Futures zerfressene Seele vielleicht noch etwas effektiver, weil musikalisch dezenter zur Schau stellte. Nichtsdestotrotz: so verwaltet man das Momentum und futtert in Gucci-Flip Flops Seelen at the same damn time.

Jenes Momentum ist seit gut vier Jahren Gunplays Problem. Auf jedes »Rollin« folgte eine unfertige Freestyle-Skizze, auf jedes »Bible On The Dash« erst Stille, dann Albumvertröstungstaktiken. 2015 ist Gunplay nun nicht mehr dort, wo er 2011 mal einige Wochen war. Aber angesichts unmitfickbaren Fähigkeiten und einer cleveren Reduktion auf 11 Tracks ist »Living Legend« zumindest qualitativ ein fast schon altmodisches Rap-Album, dessen größtes Problem es ist, dass es einen roten Faden vermissen lässt – ein Vorwurf der für viele seiner Kollegen überhaupt keine Bedeutung mehr hätte. Nur, wer Galle spuckend und Mittelfinger schwenkend seit langem Klassenbester sein könnte, von dem muss man mehr erwarten dürfen.

L'Orange & Kool Keith
Time? Astonishing! Colored Vinyl Edition
Mello Music Group • 2015 • ab 20.99€
Als ich »Time? Astonishing« das erste Mal hörte, dachte ich: schön, endlich hat Kool Keith auch sein Mini-»Madvillainy«. Dann fiel mir ein: Kool Keith hatte sein Maxi-»Madvillainy<« ja schon. Und so gut seine Zusammenarbeit mit dem französischen Oddball-Produzenten L’Orange auch ist:, man kommt nicht umher es immer wieder mit der unerreichten Dr Octagon Sternstunde zu vergleichen. Diesem unfairen Vergleich – Kool Keith ist mittlerweile 52 Jahre alt – trotzend, muss das Fazit aber ein anderes sein: »Time? Astonishing« gibt Kool Keith endlich wieder ein musikalisch funktionierendes Forum für seine zeitlosen Offbeat-Wahnsinnigkeiten und lässt einen der einflussreichsten Rapper aller Zeiten in Würde altern. Mehr als man erwarten konnte eigentlich, aber dann fiel mir ein, dass das hier eigentlich auch noch gar nicht sooo lange her ist. Oder das

Ghostface Killah & Adrian Younge
Twelve Reasons To Die Volume 2
Linear Labs • 2015 • ab 21.99€
Und weil Konzeptalben für alte Herrschaften überproportional häufig eine gute Idee sind, kann ich auch am zweiten »12 Reasons To Die« von Ghostface Killah und Adrian Younge an sich nichts verkehrt finden, auch wenn ich mich bei Ghost immer wieder ertappe, wie ich den einfachen Weg nehme und neues Material nach fünf Minuten wahlweise mit »Daytona 500« oder »Mighty Healthy« abwürge. Undankbares Pack, diese Langzeit-Fans.

Crack Ignaz
Kirsch
Melting Pot Music • 2015 • ab 16.99€
Deswegen ist »Kirsch« auch so frisch: Crack Ignaz habe ich bisher immer nur mit einem halben Ohr verfolgt und ihn jetzt einen meiner Lieblingsdialekte so konsequent auf Hi-Hat-Ratata und (geile!) Metro Boomin – Verschnitte pressen zu hören, das ist ein ganz großer Spaß. Steht Melting Pot Music gut, das mit dem Kopf aus. Man kann da natürlich zu recht monieren dass das eigentlich nur Glo-Up-Gangismen auf das nächste Level hievt, anstatt Alpen zu versetzen, aber ey: mit Schmäh kriegt man mich einfach.

Nächster Lieblingsdialekt, Mate. JME bleibt für mich zwar auch nach »Integrity« noch etwas hinter dem Paten Wiley und Ami-Darling Skepta zurück, aber wie smart der kleine Bruder des letzteren hier seine meist simplen LDN-Weisheiten auf polierten Grime (sic) packt, veranlasst mich ja schon wieder kurz darüber nachzudenken, mir einen himmelschreiend peinlichen Cockney-Akzent für das nächste englisch geführte Gespräch runterzuladen.

Miguel
Wildheart
RCA • 2015 • ab 7.12€
Zu dieser Miguel-Sache habe ich irgendwie immer noch keine konstante Meinung. Ich verstehe ja was es hier zu lieben gibt: Miguel ist keiner dieser Chris Songz – Amöben, die sich an R&Bs Sextropen etwa so leidenschaftlich kredibel abarbeiten wie ein Fließbandarbeiter an Schrauben und natürlich ist Miguel, in all seiner Semi-Schleimigkeit tatsächlich ein begnadeter Musiker, der R&B aus seiner vernebelten Depressivität holt und dabei lyrisch bemerkenswert selten Fremdscham auslöst. Ähnlich wie Frank Ocean, fühle ich das aber einfach nicht, all die von der Presse herbeiphantasierte Sexiness – ich finde sie nicht. Und irgendwie ist und bleibt R&B nichts für mich wenn er sich nicht an den vordefinierten Parametern abarbeitet und an diesen entweder scheitert oder sich aber direkt in die Matrix verabschiedet. Zeit für einen Aaliyah-Schluchzer.

Seven Davis Jr.
Universes
Ninja Tune • 2015 • ab 18.89€
Etwas enttäuscht war ich von Seven Davis Jrs Debütalbum, nicht weil »Universes« ein schlechtes Album wäre, im Gegenteil. Aber gerade dieser junge Kerl hatte mit wenigen Singles bereits so viele aufregende Perspektiven für die Schnittstellen zwischen House, Soul und Funk aufgezeigt wie vielleicht keiner mehr seit der goldenen KDJ-Ära. Schade also, dass es sich nun anfühlt als hätte er hier eher den Krkic als den Messi gegeben. Album Nummer Zwei wird trotzdem Wahnsinn, ganz bestimmt. In der Zwischenzeit darf man sich auf zwei essentielle Maxis pro Monat freuen.

Omar Souleyman
Bahdeni Nami
Monkeytown • 2015 • ab 29.99€
Ich gestehe: die Obsession mit Omar Souleyman wirkt irgendwie verkrampft. Nicht dass etwas dagegen einzuwenden wäre, wenn sich Four Tet, Gilles Peterson, Modeselektor und Legowelt syrischer Folklore annehmen und traditionelle arabische Sangeskunst in einen okzidentalen Kontext übersetzen, aber für mich wirkt »Bahdeni Nami« sehr bemüht und von dieserm entglutenisierten Tokenism umgeben, der eben nicht zu mehr Anerkennung der ursprünglichen Fähigkeiten Souleymans führt, sondern die beiden traditionellen Stücke, die hier noch mit drauf durften, als Kuriositätenkabinett brandmarkt. Vielleicht ist das zu viel gedacht für Musik, die jedes steife Technoset direkt zum eklektischen Parceforceritt macht, aber aufstoßen muss ich hiervon trotzdem.

Four Tet
Morning / Evening
Text • 2015 • ab 18.99€
Apropos Four Tet: irgendwie ist da gerade auch etwas die Luft raus. Beide Seiten seiner »Morning/Evening-Suite« mäandern weitestgehend Höhepunkt-frei zwanzig Minuten vor sich hin, teilweise ausgebremst von enervierenden Hauptsamples, die das wie üblich ausgefuchste Drum-Programming überschatten. Nicht scheiße, aber auch nicht richtig Four Tet.

Matrixxman
Homesick
Ghostly International • 2015 • ab 20.85€
Wie Four Tet in seiner Ringer-Phase klingt stellenweise Matrixxmans reduziertes »Homesick« für Ghostly International. Natürlich fügen sich in die technoide Meditation immer wieder Störfeuer ein, anders als bei Ital aber, dessen letzter Longplayer am ehesten hiermit zu vergleichen ist, ordnen sich diese nach kurzer Irritation aber bereitwillig dem hypnotischen Puls unter. Ein erstaunlich fokussiertes, Zweifler würden sagen eindimensionales Album für einen Produzenten, der in wenigen Jahren gefühlt schon alles ausprobiert hat.

Rasmus Hedlund
Alster
Ljudverket • 2015 • ab 15.19€
Wem bei Matrixxman die Sicherheit fehlt, sich final fallen lassen zu können, könnte Rasmus Hedlunds »Alster« eine Chance geben. Mit klarer Dramaturgie im Kopf arbeitet sich der Finne an den dystopischen Fixpunkten Ambient, Drone und Dub Techno ab, verglichen mit den Dystopian- oder Giegling-Rabauken wirkt Hedlund aber noch feingeistiger als Guardiola neben Kalle Rummenigge.

Suzanne Kraft
Talk From Home
Melody As Truth • 2015 • ab 20.89€
Der kleine knuddelige Diego aka Suzanne Kraft arbeitet nun auch schon einige Zeit daran als – pähähä – richtiger Musiker statt als Housegranatenschrauber wahrgenommen zu werden. Oft heißt das: Viervierteltakt und Claps gegen Rhodeswichserei und gefilterte Zupferei zu tauschen und irgendwas von Can und Stockhausen zu brabbeln. »Talk From Home« tappt machmal auch kurz in diese Falle und die ein oder andere Snare mehr hätte uns allen nicht weh getan, der Unterschied aber ist, dass Suzanne Kraft diesen House-Not-House-Quatsch besser kann als viele, wenngleich ihm zu Spezies wie Max D und dessen New Age Trips vermutlich noch zehn Jahre Rotwein fehlen.

Ruf Dug
Island
Music For Dreams • 2015 • ab 21.99€
Auch Ruf Dug gönnt sich nach 5.000 gut gemachten Edit-Platten und noch mehr überragenden Mixen auch eine Entschlackung. Für »Island« hat sich Ruffie nach Guadeloupe ausquartiert und drei Monate lang mit mobilem Ministudio zwischen Sonnenaufgangsgemütlichkeit und Fliegenfischerei den Geist von Jose Padilla gesucht. Wenn das der Kunze liest, sitzt er übermorgen direkt im Flieger. Eskapismusromatik hin oder her: »Island« genügt sich in seiner balearischen Gemütlichkeit manchmal etwas zu sehr selbst und schippert so stellenweise in die Beliebigkeit. Manchmal braucht es zum Frühstück offensichtlich doch Smog und Presslufthammer.

Domenique Dumont
Comme Ca
Antinote • 2015 • ab 18.99€
Oder aber mehr Ideen. Die hat nämlich Domenique Dumont zuhauf in den kaum 25 Minuten seines ebenfalls psychedelisch-balearisch verschlumpften Albums »Comme Ca«. Was als ohrwürmiger Knuddelpop beginnt, kulminiert in verquerem Post-Hippietum, glücklicherweise aber ohne jeglichen Kommunenmuff. Nein, nein, Domenique Dumonts Musik riecht wie Zedernholz, womit ich mir endlich auch mal den (Alb)Traum erfüllt habe, mich an Parfumo.de-Poesie zu versuchen.

Ducktails
St. Catherine
Domino • 2015 • ab 21.24€
Und weil mich der Domenique schon so weichgeklopft hat, nehme ich direkt noch Ducktails in die ausgestreckten Arme. Kollege Martin Silbermann mahnt zwar zurecht an, dass sich Matthew Mondanile hier in gemachte Betten legt und sich in stabiler Seitenlage nicht mehr bewegt als notwendig, aber so lange das Wetter mitspielt, bin ich auch empfänglich für solchen Lau-Fi-Pop.

Tame Impala
Currents Colored Vinyl Edition
Fiction • 2015 • ab 26.99€
Eines meiner Lieblingsphänomene ist ja, wenn sich Hypebeast-akzeptierte Rapper aus dem Nichts zu Gitarrenbands äußern, die sie gerade mögen. Im Falle von Tame Impala hat das mittlerweile Ausmaße angenommen wie damals bei Oracular Spectacular Und wenn Travi$ Scott zu Protokoll gibt, dass »Currents« »so fucking fire« sei, dann weiß ich auch: ich muss niemals lernen über Jungs mit Gitarren zu schreiben, ich kann mich auf das Wesentliche konzentrieren. Ergo: »Currents« = haja, geil.