Aigners Inventur – Juni 2015

01.07.2015
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Vince Staples, Motrip, Nils Frahm und Hudson Mohawke.
Vince Staples
Summertime '06
Def Jam • 2015 • ab 26.99€
Starten wir doch direkt mit einem der hungrigsten Rapper und nebenbei unterhaltsamsten NBA-Follower momentan: Vince Staples sei auch das unsägliche Doppelalbumsformat verziehen, erstens weil er dank eines Systemfehlers so vielleicht eher die Miete bezahlen kann und zweitens weil »Summertime 06« selbst auf zwei CDs (#tbt) nur sechzig Minuten Aufmerksamkeit einfordert. Es wurde viel geschrieben, wie geschickt Staples die Bloods & Crips Kultur reflektiert, wie er offen und wunderbar zynisch Heuchelei nicht mit dem Zeigefinger, sondern einem Old English in der Hand kommentiert und trotzdem so nah an der Corner geblieben ist, wie Kendricks Good-Kid-Protagonisten. Folgerichtig entsteht hier also auch kein Bruch, wenn Staples im einen Moment rollig am Pool steht und im nächsten hektisch durch Long Beach hetzt, musikalisch wie lyrisch. Wäre Earl nicht exklusiv mit sich selbst beschäftigt, hätte er genau dieses Album gemacht.

Ka
Days With Dr. Yen Lo
Iron Works • 2015 • ab 27.99€
Und hätte Vince Staples einen Onkel, bei dem Verbitterung und maximale Desillusionierung dazu geführt haben, dass Pools durch New Yorker Parkbänke ersetzt wurden, dann wäre »Days With Dr. Yen Lo« eine brillante Familienzusammenführung. Wiedermal völlig entkoppelt von allem was Mann gerade im Rap zu tun hat um wahrgenommen zu werden, flext sich Ka hier durch die minimalistischen Loops von Preservation, Drums würden Kas Poesie ohnehin nur ausbremsen. So viel Misfit-Tum muss unterstützt werden.

Main Attrakionz
808S & Dark Grapes III
Vapor • 2015 • ab 7.14€
Ach, die mit dem Rocky Feature und den Clamsy Beats – exakt, es gibt ein neues Main Attraktionz Album und weil Cloud Rap als Stilblüte in etwa noch so beliebt ist wie Witch House oder Wonky, lassen wir die Vergangenheit mal ruhen und freuen uns über ein erstaunlich poliertes Sounddesign. Im soliden Mittelfeld zu verorten, aber Fleißpunkte für Sorgfalt.

Anscheinet gibt es wirklich viele Leute, die sich von Meek Mill bereitwillig länger als 10 Minuten anbrüllen lassen. Das leuchtet mir theoretisch ein, der Dreamchaser bleibt auch auf »Dreams Worth More Than Money« ein geschickter Beatpicker und zudem technisch für diese Ära erstaunlich versierter Rapper, aber manchmal sind die ältesten Limonadenweisheiten von Guru Erklärung genug: It’s Mostly Tha Voice

MoTrip
Mama
Vertigo • 2015 • ab 24.99€
Damit muss sich Motrip glücklicherweise nicht herumschlagen, seine Stimme gehört zu den besten im Deutschrap und auch technisch iniestat er sich ohne jede Anstrengung durch die Holzböcke im Spiel. Aber: Motrip mag Kalendersprüche. Und wenn er sich auf »Mama« wie üblich zu Beginn den Hintern abflext, mühelos Konzepte durchdekliniert, alle seine Gäste in den Schatten gestellt hat und eigentlich den Deckel draufmachen müsste, werden wir gen Ende doch tatsächlich von Pennäler-Poesie und Sonnenschein/Mut/Leben-Metaphern belästigt. Schade, aber immerhin sind die Kinderchöre und Xavier-Hooks noch weit entfernt.

Celo & Abdi
Bonchance
Azzlackz • 2015 • ab 11.99€
Da kommen doch Celo & Abdi gerade recht. »Bonchance« ist wieder Brudi-Ebonics im Quadrat und wer ernsthaft noch behauptet, die beiden wären kein Hauptgewinn für Linguisten, philosophiert gerade wahrscheinlich am Stammtisch über die Vorzüge der australischen Flüchtlingspolitik. Nun gut, nach drei Tracks habe ich dann aber auch hiervon genug, man bestellt sich im Restaurant ja auch keine Tüte Kartoffelchips und knabbert dann genüsslich 50 Minuten vor sich hin.

Marsimoto
Ring Der Nebelungen Ultra Vinyl Limited Edition Acrylbox
Four Music • 2015 • ab 99.99€
Durchaus geil übrigens: die neue Marsimoto. Keine Ahnung welches Ottotum Menschen dazu verleitet sich zu weigern Marteria als gewitzten Texteschreiber anzuerkennen, vielleicht liegt es ja immer noch an Pro7, Cora et al. Aber auch »Ring der Nebelungen« beweist, dass er es noch kann. Egal ob er metahumorig den ganzen pseudosubversiven Kiffern Mary Jane ausspannt oder Pegida-Dummbeutel mit »Zecken Raus« vor unlösbare Probleme stellt: der Marten ist schon einer der Guten. Und musikalisch werden im Deutschrap immer noch sehr selten Alben produziert, die so detailverliebt und professionell sind wie das hier.

Knxwledge
Hud Dreems
Stones Throw • 2015 • ab 30.99€
Es ist endlich wieder passiert: ich habe mich in ein Beattape verguckt. Nun ist »Hud Dreems« weder »Donuts« noch irgendeine dieser legendären Madlib CD-Rs, die man sich damals mit zitternder Unterlippe über Soulseek besorgt hat, in der Hoffnung, dass dieser eine Este nicht vorher wieder offline (lol whut?) ging, aber Knxwledge nimmt sich der speziellen Verantwortung auch noch auf Stones Throw zu veröffentlichen mit maximaler Gelassenheit an. Antizyklisch ist das, soulful, aber trotzdem nicht in dieser Endlosmimikrie gefangen, die solche Geschichten seit März 2006 häufig so zäh gemacht haben.

Hudson Mohawke
Lantern
Warp • 2015 • ab 9.99€
Ich weiß gar nicht warum mich »Lantern« so wütend macht. Ohne pochende Halsschlagader ist Hud Mos Neue zwar keinesfalls eine Sensation, aber sich jetzt über Go Big Or Go Home aufzuregen macht eigentlich wenig Sinn, wenn man bedenkt, dass Hudson Mohawke eigentlich immer schon Festhallen-kompatible Musik produziert hat und auch der Schulterschluss mit EDM spätestens seit TNGHT ohnehin beschlossene Sache war. Ich glaube viel schlimmer als diese halbherzigen Radiosingles mit austauschbaren Vokalistinnen und Überresten aus der Trap-»Ära« ist dieses Gefühl, dass er das doch alles so viel besser könnte.

Während sich Hud Mo ganz viel vorgenommen hatte und dabei in erster Linie seine eigene Limitiertheit demonstriert, profiliert sich Chance The Rapper weiter völlig unprätentiös als narrenfreister Rapper des Hier und Jetzt. Diese Einsicht hatte ich zwar noch nicht beim allseits geschätzten »Acid Rap«, dafür aber nun dank »Surf«. Chance assistiert hier seinen Kumpels Donnie Trumpet & The Social Experiment und langsam glaube ich tatsächlich, dass dieses, mal eben so ohne große Fanfaren frei erhältliche Tape, das ist was Andre damals auf »The Love Below« vorhatte und ILoveMakonnen vielleicht auch gemacht hätte, wenn sich dieses Ignant-Ding gerade nicht auch so dermaßen lohnen würde. Es wird gerappt hier, aber eigentlich ist Surf vor allem ein völlig befreites Pop-Album, zuckerwattig, melodienverliebt, aber immer so understated, dass man den Sony A&R direkt nölen hören würde: »Da fehlt noch was zum gaaaanz großen Hit.« Aber genau das macht »Surf« so geil schluffig und eigenständig.

Beat Detectives
Climate Change
Not Not Fun • 2015 • ab 18.99€
Eigenständigkeit ist auch der Hauptgrund warum die Beat Detectives gerade so viel Lärm machen. Nach zahlreichen Leckerlis auf 1080p und 100 % Silk folgt nun das Album für Not Not Fun und wie hier House in all seiner strukturellen Verklemmtheit an die Hand genommen wird, ist großartig. »Climate Change« klingt dann auch ein bißchen wie eine L.I.E.S. Platte, auf der dem K-Hole mit einem Cornetto Zitrone versucht wird zu entkommen. Toll, toll, toll.

Hunee
Hunch Music
Rush Hour • 2015 • ab 15.99€
Hunee hat endlich sein Album. »Hunch Music« war überfällig, konnte schon im Vorfeld wenig falsch machen und zementiert jetzt das, was alle Konvertiten bereits wissen: Hunee ist nicht nur einer der besten DJs seiner Generation, sondern auch ein souveräner Produzent, der hier alle Fäden zusammenführt, Nu Groove und Jersey neben Sun Ra und Steve Reich stellt und mit Harvey und Beppe Loda noch barfuß einen Absacker trinkt.

Jose Padilla
So Many Colours
International Feel • 2015 • ab 39.99€
Vielleicht gesellt sich hierzu auch noch Jose Padilla, der in letzter Zeit nicht nur viele spannende Anekdoten über den Ibiza-Gründungsmythos zum besten gegeben hat, sondern sich auch noch Mark Barrott, Jan Schulte, Telephones und Tornado Wallace in die Finka geladen hat um für International Feel ein Album zu machen, das diesen Geist aufgreift. Ab und an pluckert «So Many Colours« etwas zu selbstgefällig vor sich hin, vor allem wenn diese initiale Balearen-Romantik etwas zu druckvoll von DFA- und Nu-Disco-Standards zerschossen wird, aber dennoch ein starkes Alterswerk.

Jaakko Eino Kalevi
Jaakko Eino Kalevi Limited Deluxe Edition
Domino • 2015 • ab 23.99€
Noch einen Tacken besser ist Jaako Eino Kalevis Album für Domino, auf dem der Finne sein strähniges Haupthaar am liebsten über discoide Midtemponümmerchen wallen lässt. Wenn Yacht und Soft Rock nicht so sehr von Eitelkeit und Kokain geleitet gewesen wäre und die Finnen häufiger mehr als vier Stunden täglich Sonnenlicht gehabt hätten, vielleicht wäre dieses Album schon vor zwanzig Jahren erschienen.

Arthur Russell
Corn
Audika • 2015 • ab 26.09€
Vielleicht auch als Reaktion auf Arthur Russells Geniestreich »Corn«, einem nun veröffentlichten Demo-Tape, dem man seine Skizzenhaftigkeit zwar stellenweise anhört, das aber – nicht nur wegen eines grandiosen Alternative Takes des Klassikers »How We Walk On The Moon« – absolute essentiell nicht nur für Komplettisten ist. Meine Güte, was für ein Unikat da viel zu früh gegangen ist.

Orb, The
Moonbuilding 2703 AD Special Edition
Kompakt • 2015 • ab 26.99€
Weder Thomas Fehlmann noch Alex Paterson gelten als sonderlich bequem, wenn nun also nach gut zehn Jahren ein neues The Orb Album erscheint, darf man davon ausgehen, dass den beiden Eminenzen »Moonbuilding 2073 AD« tatsächlich sehr am Herzen liegt und nicht nur die Krümel zusammenfegt, die sich in der Zwischenzeit auf dem Studioboden angesammelt haben. Unbedingt sollte man hier im Übrigen zur Deluxe Version greifen, weil diese zusätzlich zum epischen Albumkern unter anderem mit viel Herzblut gechoppte Dilla-Verbeugungen, wohlgenährten Dub Techno und verdrehtesten Ambient auffährt.

Nils Frahm
OST Victoria
Erased Tapes • 2015 • ab 22.99€
Ein besser ungenannt bleibender Mag’ler gab neulich zu, dass Nils Frahm einer der ganz wenigen Penisbesitzer wäre, bei dem er sich damit abfinden müsste, wenn dieser Frahm ihm die Freundin ausspannen würde. Mein (musikalischer) Mancrush für Frahm hat sich hingegen eher langsam entwickelt, nachdem ich aber kürzlich »Victoria« gesehen habe, verfluche ich meine Eltern, dass sie mich nie ans Piano geprügelt haben. Auf dem das irre Tempo des Films gekonnt konterkarierenden Soundtrack lässt Frahm sich seine hier recht zurückhaltenden Melodiebögen in jeder Menge White Noise und dronigen Bässen verlieren, den brachialen Koze-Einstieg mal ausgenommen. Nicht nur deswegen vielleicht tatsächlich das deutsche »Drive«, mit völlig anderen Mitteln versteht sich, aber ähnlicher kultureller Signifikanz. Also, Schallplatte mit ins nächste Programmkino nehmen, die bemühten Zwirbelbärte der anderen Gäste mit der eigenen Bio-Rhabarberschorle verhöhnen, sich nach 140 Minuten Headfuckery paranoid an jeder Straßenecke mehrmals umsehen und hoffen das nirgends dieser Frahm steht und einfach die Freundin mit nach Hause nimmt.