Aigners Inventur – Juni & Juli 2012

25.07.2012
Letzten Monat im wohlverdienten Urlaub holt unsere Kolumnist vom Dienst das Verpasste nach und setzt sich mit der Veröffentlichungsflut, die die letzten beiden Monate brachten, auseinander.
Nas
Life Is Good Deluxe
Def Jam • 2012 • ab 7.59€
Nachdem Kollege Okraj und ich in unserer letzten Kolumne Nas mal wieder so richtig auf den Leim gegangen sind, folgt nun die Probe auf’s Exempel. Natürlich ist »Life Is Good« nicht das beste Nas Abum seit »Illmatic«, natürlich waren die vorausgeschickten Leaks erneut besser als das Gesamtprodukt, natürlich haben sich auch dieses Mal wieder einige Katastrophen-Hooks und mediokre Beats eingeschlichen und natürlich ist Nas 38 und nicht 18 Jahre alt. Dennoch: »Life Is Good« ist ein solides Album, irgendwo im Mittelfeld der eigenen Diskografie einzuordnen, und so lange der technisch und lyrisch vielleicht beste Rapper aller Zeiten immer noch sporadisch Hymmen wie »Loco-Motive« oder »The Don« produziert, obwohl er seit 18 Jahren nichts, aber auch gar nichts, mehr zu beweisen hat, sollte man ihm doch ab und an zugestehen, dass er die Geister, die er rief, mal für 60 Minuten hinter sich lassen darf.

Frank Ocean
Channel Orange
Def Jam • 2012 • ab 12.99€
So, direkt zum schwierigsten Fall des Monats. Frank Ocean ist bisexuell. Das ist an und für sich vollkommen irrelevant, wie bereits an anderer Stelle diskutiert. Oceans romantisch-melodramatisches Coming-Out-Manifest, so persönlich es auch gewesen sein mag, sorgt nun aber merklich dafür, dass »Channel Orange« zu einem Meisterwerk verklärt wird, das es nicht ist. Natürlich gibt das wiederum keiner der emotional von »Deutschland sucht den Superstar« Storylines vernarbten Kollegen explizit zu, aber faktisch ist Oceans klassisch informierter R&B mehr Winehouse als Wonder, mehr The Weeknd als Babyface. Das ist nicht verkehrt, die Art und Weise wie »Channel Orange« jetzt aber zu einer der ganz großen Coming-Of-Age-Geschichten des modernen Abendlandes hochgejazzt wird, meist anhand von Zeilen, die poetisch nichtmal einen Zehntklässler vom Hocker reißen würden, ist fast unappetitlicher als diese scheinheilige Debatte um Homosexualität in einer hypermaskulinen Umwelt. Lasst es doch einfach sein, was es ist: ein manchmal unausgereiftes, aber angenehm ambitioniertes Neo-R&B-Album, das es mit etwas Glück noch schafft in die Rotation für den Herbst rübergerettet zu werden.

Cro
Raop
Chimperator • 2012 • ab 18.99€
Ich wollte eine lange Abhandlung schreiben über Cro, ihn mit den neuen Ami-Fashionistas A$AP Rocky und Danny Brown vergleichen, minutiös seine Unzulänglichkeiten, sowohl als Rapper, als auch als Kunstfigur, dekonstruieren, mich über die erneute Fettes Brotisierung und Abihüttisierung des deutschen Rap-Spiels amüsieren und hervorheben, dass ich niemanden mit Personalausweis kenne, der Cro tatsächlich gut findet. Dann zwang ich mich »Raop« (lolmaoroflcopter, wie clever) tatsächlich aufmerksam zu hören. Fazit: »Raop« ist so unsagbar banal, so traurig talentfrei und substanzlos, so unlustig und scheiße, dass all das viel zu viel Aufwand wäre. Deutschland, komm’ zur Vernunft, schnell!

Cro
Raop
Chimperator • 2012 • ab 18.99€
Vielleicht hilft gegen diese penetrante Pennäler-Lebensfreude ja das neue Album des notorisch schlecht gelaunten Shurik’N. Ähnlich wie Nas kämpft auch dieser mit dem eigenen Erbe, er schafft es auf »Tous m’appellent Shu« aber ganz respektabel die französische Shaolin-Ästhetik zu beerdigen, ohne in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Manchmal erinnert das an Prodigy und dessen Bemühungen der letzten Jahre und ähnlich wie dieser profitiert auch Shu immens von seinem Organ, das eben auch auf zeitgenössischen Synth-Beats bedrohlich und elegant zugleich klingt.

J Dilla
Rebirth Of Detroit Poster Bundle
Ruff Draft • 2012 • ab 17.99€
Ich glaube wir sind uns einig, dass die Verwaltung des Dilla’schen Nachlasses bisher eher suboptimal war. Ein Umstand, der sich auch mit »Rebirth Of Detroit« nicht wirklich ändert. Auch hier schafft es kaum einer der größtenteils aus Detroit stammenden Rapper den Beats des Maestros wirklich gerecht zu werden. Seltsam auch, dass aus dem angeblich so umfangreichen Werk immer wieder Beats, die bereits auf den legendären J Dilla Beattape-Leaks aus dem Jahr 2005 bekannt sind, recycelt werden. Sich darüber zu beschweren mag undankbar sein, aber hatten wir uns im März 2006 nicht alle damit zu trösten versucht, dass wir die nächsten zwei Jahre jeden Monat, konservativ geschätzt, 30 neue Beats unserer Lichtgestalt hören würden?

House Shoes
Let It Go
Tres • 2012 • ab 5.40€
House Shoes, der als Dilla-Spezl schon oft seine Unzufriedenheit mit den post mortem erschienenen Projekten geäußert hat, hat mit »Let It Go« ironischerweise ein Album gemacht, das genau die gleiche Problematik aufweist wie das besagte »Rebirth Of Detroit«. Mit einigen Ausnahmen gähnende Langeweile am Mikrofon, ein Umstand dem House Shoes immerhin dadurch Rechnung trägt, dass er die Instrumentals gleich beigelegt hat.

Apropos Instrumentals: das absolut erstaunliche an Clams Casino ist ja nach wie vor, dass dessen häufig aus käsigen Dadrock-Compilations und Yoga-Soundtracks gesampelten Beats so grandios für sich stehen, dass auch das jüngst zum freien Download angebotene zweite Care-Paket ohne A$AP Rocky und Lil B fast so eindrucksvoll ist wie mit. Einige Exklusives gibt es obendrein, Geld will Clamsy auch keins, es gibt also keine Ausreden sich das nicht regelmäßig nach einer langen Nacht in die matschige Birne zu knallen. Audio-Aspirin – ein Genretag, den ich mir hiermit bitte patentieren lassen will.

El-P
C4C (Cancer For Cure) HHV Bundle
Fat Possum • 2012 • ab 16.99€
Dass man sich nach einem El-P-Album auch eine Aspirin gönnen kann, ist durchaus nicht so böse gemeint wie es klingt. Auch »Cancer 4 Cure« ist eine Herausforderung, aber weder so verspult wie »Fantastic Damage«, noch so psychotisch wie »I’ll Sleep When You’re Dead«, dafür aber ein von gewohnt mächtigen Drums und gewaltigen Synthwänden getragenes Ventil für El-P sich auszukotzen, über alles und jeden. Und auch dieses Mal wird das dazu führen, dass ich mir sage: ein handwerklich extrem gelungenes Album für das ich nie in der richtigen Stimmung sein werde.

Waka Flocka Flame
Triple F Life: Friends, Fans and Family
Warner • 2012 • ab 4.79€
Der Weg von El-P zu Waka Flocka Flame ist gar nicht so weit wie man denkt. Natürlich würde sich letzterer nie Gedanken über häusliche Gewalt und politische Unsitten machen, aber allein schon der Energielevel seiner Delivery, gekoppelt mit den mächtigen Synthbrettern, ist Anlass genug für diese hanebüchene, Delling-inspirierte Überleitung. Doof nur, dass Waka mit Flockaveli alles gesagt – äh – gebrüllt hat, was zu sagen – äh – brüllen war. Sein neues Album »Triple F Life« beinhaltet mit »Rooster In My Rari« zwar eine wunderschöne Anleitung für den guten alten Bezumjot, aber irgendwie präferiere ich in dieser Nische mittlerweile doch den Swastika-Spastiker Gunplay.

Eine andere Klientel bedient Joey Bada$$, der sich, noch nicht mal volljährig, ungeniert bei den Großen bedient und u.a. Instrumentals von Lewis Parker, J Dilla, MF Doom und Lord Finesse mit einer beeindruckenden Nonchalance geschmackvoll neuinterpretiert. Die nicht geborgten Instrumentals können da noch nicht ganz mithalten, dennoch ist »1999« ein weiteres gutes Beispiel für die nicht zuletzt von Kendrick Lamar wiederhergestellte neue, alte Ernsthaftigkeit im amerikanischen Rapspiel.

Weniger existentialistisch rappt naturgemäß Smoke DZA, dessen Schluffigkeit in Verbindung mit dem momentan einen guten Lauf habenden Harry Fraud aber durchaus sympathisch wirkt. Wer Curren$y mochte und Devon The Dude auch nach zwei Dekaden immer noch gerne zuhört, sollte »Rugby Thompson« etwas Platz auf der Festplatte einräumen.

Peaking Lights
Lucifer
Domino • 2012 • ab 9.06€
Eine andere Art von Ganja-Affinität demonstriert das bezaubernde Pärchen Peaking Lights auf ihrem dritten Longplayer »Lucifer«, auf dem sich die verwaschene Lo-Fi-Ästhetik, die beim Vorgänger »936« in teilweise sensationellen Psych-Perlen resultierte, zwar auch breit macht, aber fidelere Momente dennoch nicht ausschließt. Dub war mir als Zitat dennoch lieber als ASTA-Reggae, aber so lange die beiden weiterhin solch wunderschöne Liveshows spielen wie vor kurzem im Kölner King Georg, möchte ich nicht meckern.

Bobby Womack
Bravest Man In The Universe
XL Recordings • 2012 • ab 25.99€
Ob Bobby Womack in fortgeschrittenem Alter eine Beziehung zu Mary Jane aufrecht erhält, ist mir nicht bekannt. Sicher hingegen ist, dass sich Damon Albarn mit seinem Co-Produzentenstatus für »Bravest Man In The Universe« einen weiteren Traum erfüllen konnte. Ähnlich wie Richard X zuvor für Gil Scott-Heron, wird Womacks unvergleichliches Organ hier nicht in klassische Retroballaden überführt, sondern mit einem modernen britischen Touch versehen, dabei jedoch stets ein angenehmes Understatement wahrend. Nach ersten Schwierigkeiten wächst das mächtig und »Please Forgive My Heart« ist jetzt schon einer der eindringlichsten musikalischen Momente des Jahres.

Laurel Halo
Quarantine
Hyperdub • 2012 • ab 17.99€
War Laurel Halos Debüt auf Hippos In Tanks noch so etwas wie semiautistischer Techno-Not-Techno, hat sich die eigenwillige Dame auf »Quarantine« völlig in ihre eigene Welt verkrochen. Die Stimme wird prominenter eingesetzt, mal in schrägem Björkschem Quietsch-Duktus, mal mit dem Selbstverständnis einer Kate Bush. Dazu dann häufig beatfreie Soundlandschaften, die stets so unbequem programmiert sind, dass sich keiner traut von Ambient zu sprechen. Gut, aber anstrengend.

Jahiliyya Fields
Unicursal Hexagram
L.I.E.S. • 2012 • ab 17.99€
Fast noch schräger ist das, was Jahiliyya Fields auf ihrem Debüt für Ron Morellis wie immer großartig unvorhersehbares L.I.E.S. anstellt. Avantgardistische, häufig auf wenige Synthschlieren reduzierte Exkursionen, die sich noch weiter von funktionalistischen Überlegungen distanzieren als das bisherige, eh schon extrem eigenwillige Material auf einem der momentan aufregendsten Labels. Ach ja, heißen tut das Ganze mit »Unicursal Hexagram« auch noch wie ein verloren gegangener Foucault-Essay.

Acid Pauli
mst
Clown & Sunset • 2012 • ab 18.99€
Dass Acid Paulis Album in der kommenden Zeit intellektuell wesentlich höher gehängt werden wird als die Platten von Halo und Fields, lässt sich nicht nur auf dessen eigene musikalische Vita zurückführen, sondern auch auf den Umstand, dass »mst« auf Nicolas Jaars Label erscheint und dieser auch einen gewissen kreativen Einfluss auf das Endprodukt hatte. Ähnlich wie bei Jaars Album gilt aber auch: so querköpfig und originell ist das alles bei weitem nicht. Spaghetti-Western Samples hier, Tango trifft auf Mo’Wax Beats aus den Mitneunzigern, da ein schräges Saxofon, hier ein krummer Beat, alles schön langsam und mit vielen Wendungen. An sich ein gutes Album, aber ich möchte mir mal erdreisten zu sagen, dass sich dafür keiner interessiert hätte, wäre das vor zehn Jahren über Ninja Tune erschienen.

Darling Farah
Body
Civil Music • 2012 • ab 17.99€
Radikaler ist da schon der Soundentwurf, den Darling Farah auf »Body« präsentiert. Wie eine entschlackte und hochtourigere Version dessen, was Andy Stott mit seinem Doom House in den letzten 18 Monaten so eindrucksvoll kultiviert hat, programmiert der Brite seltsam transzendent wirkende Techno-Skizzen, die manchmal gar an den großen Techno-Nonkonformisten des Jetzt erinnern, den auch von mir so verehrten Actress. Das sollte Lob genug sein.

Cooly G
Playin’ Me
Hyperdub • 2012 • ab 6.79€
Auch schön: Cooly Gs erfreulich songlastiges Debüt »Playin Me«, auf dem sich die Neumutti nicht scheut ihre Stimme immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen und erst gen Ende ihren shuffligen Trademark-Sound ausführlicher zu kultivieren. Das eigentlich Erstaunliche ist aber, dass genau diese Tanzboden-nahen Stücke nicht unbedingt zu den Höhepunkten zählen, sondern eher diese verhallten, getragenen Pop-Songs, die keine sein wollen. Zur Hölle, nichtmal das Coldplay-Cover saugt. Ausrufezeichen.

Jam City
Classical Curves
Night Slugs • 2012 • ab 17.99€
Ein klassisches Beispiel dafür, dass forcierte Emanzipation nicht immer eine gute Idee sein muss, ist »Classical Curves«, der erste Longplayer der verdienten Night Slugs Vorarbeiter Jam City. Zu viel gewollt und eine teilweise unhörbare Kakophonie an pseudo-avantgardistischen IDM-Bass-Stolperern fabriziert. So kann’s auch gehen.

Wesentlich besser stellt sich da I:Cube an, der in den späten Neunzigern einer der unterbewerteteren Filter-Franzosen war und auch dieses Jahr mit Pianos in Paradise bereits einen Track produziert hat mit dem diese ganzen Eierköpfe ihre Festival-Sets beenden sollten, wenn sie mehr Geschmack hätten. I:Cube legt nun sein neues Album direkt im Mixformat vor und exerziert auf »M’Megamix« mit traumwandlerischer Sicherheit aber dermaßen viele House-Spielarten durch, dass es eine wahre Freude ist.

Chicago Skyway
Wreckage
• 2012 • ab 16.99€
Handwerklich ansprechend, aber irgendwie redundant triggert sich Chicago Skyway durch »Wreckage«, einem Album, das wiedermal Jack ein House baut, manchmal aber zur reinen 707-Fingerübung verkommt und so retrospektiv ist, dass man eher provoziert wird, den eh immer griffbereiteten Trax-Katalog auf die Teller zu packen.

Oder aber das neue Album von Legowelt-Busenfreund Orgue Electronic, einem Analogfetischisten vor dem Herrn, der sich zwar ebenso wie Chicago Skyway mental nie aus dem Chicago der Mitachtziger verabschiedet hat, sein Vintage Gear teilweise aber so virtuos bedient, dass man das als Larry Heard Fanboy nur sehr schwer nicht lieben kann. Definitiv die Retro-Platte der letzten beiden Monate.

Big Strick / Generation Next
Resivior Dogs
7 Days Entertainment • 2012 • ab 12.59€
Nächster Halt: Detroit. Dort produziert der Mittvierziger Big Strick nach seinen Schichten als Busfahrer auch auf seinem zweiten Album die verdammt nochmal einzige echte Alternative zu Omar-S’ eigentlich konkurrenzlosem Œuvre. Wobei, Alternative muss man das nicht mal unbedingt nennen, sind die beiden doch bekanntermaßen Cousins und der Ältere (Leonard) hat dem Jungen (Alex) damals ja quasi den ganzen Kram beigebracht. Kein Wunder also, dass Resivior Dogs (sic) wieder ein essentielles Album in der ruhmreichen Historie dieser so speziellen Stadt geworden ist. Und das will was heißen, Kids!

San Proper
Animal
Rush Hour • 2012 • ab 8.24€
Erstaunlich schwach für Rush Hours Verhältnisse ist »Animal«, die Neue von San Proper, der offenbar ebenfalls den Drang verspürt hat für sein Album in die Trickkiste zu greifen. So lässt er seinen immer etwas sterilen, aber an sich soliden Tech-House Sound weit hinter sich, singt viel, krautrockt ein wenig und geht damit vor allem auch deswegen unter, weil genau das so viele Gitarrenjungs besser können. Und auch die Hedonisten-Pop-Alternative, die er alternativ versucht zu kultivieren, scheitert teilweise böse. Schuster bleib bei… ach, lassen wir das.

Besser machen das die Smallpeople, auch wenn ich diese Hamburger House-Schule manchmal gerne schütteln würde. Das Herz am richtigen Fleck, aber immer eine Spur zu zurückhaltend, zu kalkuliert schön. Dabei wäre ein Bekenntnis zu rauen Ecken und Imperfektion eigentlich nur konsequent, so eindeutig wie sich Salty Days an der goldenen House-Ära orientiert. Aber das ist mit den heutigen technischen Möglichkeiten wohl häufig immer noch schwer zu vermitteln.

Pawas
Starvation To Salvation
Night Drive Music Limited • 2012 • ab 19.77€
Ach, ja, das Selbe gilt auch für Pawas. Der veröffentlichte dieser Tage eine umfangreiche Skizzensammlung alter Tracks, voll mit elegantem Deep House, aber auch er motiviert mich wieder nur dazu erneut Glass Eights aus dem Regal zu ziehen, jenes Album also, das diese ganze Dial und Smallville-Ästhetik genau so weiterentwickelt hat, wie ich das seit Anbeginn gerne gehabt hätte.

Soul Clap
Efunk: The Album
Wolfandlamb • 2012 • ab 7.98€
An sich ist auch das, was Soul Clap versuchen durchaus honorig. Im Rahmen der Wolf & Lamb-Invasion für die B-Boy’ismen verantwortlich begnügen sich die beiden auf Efunk nicht mehr nur damit R&B-Schmonzetten auf 120 BPM hochzuschrauben und plakative Klassiker zu samplen, nein, die beiden Bostoner versuchen sich hier an einer eigenen Version zeitgenössischer Boogie-Kunst, hochgradig inspiriert von Prince natürlich und mit durchaus nicht uncharismatischen Gästen. Spannender als das x-te Floortool, aber insgesamt noch zu unausgereift, um eine echte Alternative zu den Originalen zu sein.

Jamie Jones
Tracks From The Crypt
Crosstown Rebels • 2012 • ab 18.99€
Genau ersteres macht dann erwartungsgemäß Jamie Jones auf »Tracks From The Crypt«, einer soliden Ansammlung funktionaler Techhouse-Tracks, die es ähnlich wie Jones’ Sets schaffen, eine gewisse Deepness vorzugaukeln und dennoch die Pillenfresser mit ordentlich Ufftata bei der Stange zu halten.

Dann lieber der entschleunigte Dolce Vita Pop von Poolside, die es auch dieses Jahr wieder schaffen, wie ein vertonter Liegestuhl zu klingen und in ihren DFA-geschulten Yacht-Habitus immer wieder überraschende Dance-Elemente einzubauen und selbst die 303 klingt hier wie eine Fango-Packung. Zu dieser Jahreszeit schon ein kleines Spektakel, diese Pacific Standard Time.

Totally Enormous Extinct Dinosaurs
Trouble
Polydor • 2012 • ab 24.99€
Wem das noch nicht genügt kann sich auch bei Totally Enormous Extinct Dinosaurus bedienen. »Trouble« ist cleveres Zitate-Raten, mal episch badebemantelt wie Poolside, mal den gesamten aktuellen Brit-Bass-Kanon verarbeitend. FM4-Girls, gestatten, euer neuer Lieblingsact.

Hot Chip
In Our Heads
Domino • 2012 • ab 4.18€
Vielleicht behalten diesen Titel aber auch Hot Chip, deren neues Album »In Our Heads« wieder total Hot Chip ist. Stagnation könnte man das nennen, aber dafür sind die Jungs einfach zu gut gelaunt. Bei mir hat das auf Albumlänge nie wieder so gut funktioniert wie auf »The Warning« und dennoch machen mich Human League B-Seiten immer noch glücklicher, aber irgendwie muss man sie trotzdem gern haben, diese Knuffelbären.

Twin Shadow
Confess
4AD • 2012 • ab 25.99€
Dafür habe ich jetzt etwas neues aus dem Intro/Pitchfork/Fingerimpoindiezoo-Kosmos adoptiert: Twin Shadow, dieser gelackte, arrogante Drecksack, der vom der gesamten Chuzpe her eigentlich mit The Weeknd verwandt sein MUSS, macht geilen Larger-Than-Life-80s-Kram, sexuell überstimuliert wie Prince und insgesamt genau so asozial, dass das tatsächlich doch irgendwie interessant ist, obwohl jener Prince, Morrisey, Bowie und alle in Patrick Batemans Walkman hausenden Kraftmeier das alles an sich schon besser gemacht haben und der Herr in seinen schlechten Momenten ein wenig klingt wie Arcade Fire im All-Inclusive-Urlaub. Sei’s drum, ich feier’ »Confess« mehr als ich je erwartet hätte. (Edit: Heilige Kuh, habe ich etwa tatsächlich den größten Hipster-Hype 2010 verpasst?!)

Sebastien Tellier
My God Is Blue
Record Makers • 2012 • ab 19.99€
Ziemlich erschöpft hat sich für mich hingegen das Kunstprodukt Sebastien Tellier. Das wäre kein Problem, wenn er immer noch Songs vom Kaliber »La Ritournelle« aufnehmen würde, oder wie auf »Sexuality« zumindest ein so abstruses Konzept hätte, dass man dem großen Zampano folgen will. »My God Is Blue« erschöpft sich aber in getragenen Balladen und halbgaren, gitarrenlastigeren Midtemposongs. Naja.

R. Kelly
Write Me Back Deluxe Edition
RCA • 2012 • ab 13.56€
Und gleich der nächste Berufswahnsinnige. Ich habe meinen Kells ja am liebsten mit schön viel Pathos und/oder komplett kaputt. Leider liefert »Write Me Back« beides nicht. Gleich zu Beginn versteigt sich R. Kelly in ungelenker Motown-Disco, bevor er sich durch für seine Verhältnisse erschreckend unanstößige Radio-Songs singt, in denen dieser grandios bekloppte Narzissmus und die ihm eigene Doppelmoral nie so recht zum Zug kommen. Handbremse lockern, Robert und ab in den Wandschrank. Real Talk!