Aigners Inventur – März 2014

26.03.2014
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Carpet Patrol, Rick Ross, Tensnake und Skrillex.
Freddie Gibbs & Madlib
Pinata
Madlib Invazion • 2014 • ab 29.99€
Deine Social Media-Feeds sind voll damit, als du am Samstag das Nintendo64 entstaubt hast, insistierte deine Peer Group darauf den Ton von »Mario Party« abzustellen und Kolumnenpartner freuen sich darüber, zufällig Samples in ihrer Plattensammlung entdeckt zu haben: keine Frage »Piñata« dominierte diese Woche. Madlib hat mit Freddie Gibbs endlich wieder ein Schwergewicht am Mikrofon gefunden, das seiner würdig ist und die Chemie, die die beiden hier entwickeln mag zwar noch keine »Madvillain«-Ausmaße angenommen haben, dafür ist Gibbs auch zu limitiert, aber mit Alchemist & Prodigy in der »Return of The Mac«-Ära nehmen es die beiden hier direkt auf. Es ist außerdem schön zu beobachten, wie Gibbs’ Delivery Madlib dazu verleitet, Kick und Snare mal nicht ganz so schluffidruffig baumeln zu lassen und »Champion Sound«-Energie zu investieren. Ein Riesenalbum von zwei Riesentypen, die sich auch noch Riesengäste eingeladen haben, die Riesenlust auf diese Riesenpiñata haben.

Carpet Patrol (Suff Daddy & Torky Tork)
Carpet Patrol HHV Bundle
Melting Pot Music • 2014 • ab 16.99€
Ja, ich hab es ihm nicht immer leicht gemacht. Meist begann ich die zweimal pro Jahr anstehenden Suff Daddy-Rezensionen mit mäßig zurückgehaltener Geringschätzung für das was dort passierte. Dann fielen Vokabeln wie Stones Throw-Derivate, Premo-Chops, Been There Done That und gähnen. All das könnte man als uneinsichtiger Pressehorst auch wieder bei Carpet Patrol, Suff Daddys Zusammenarbeit mit Torky Tork tun und sich anschließend selbstgerecht zurücklehnen und den eigenen Avantgardismus mit einem weiteren Rondo Numba 9-Clip feiern. Das tue ich hier aber nicht. Weil: Beats. Beziehungsweise BEATS, in all caps, da alleine schon »Indian Slip« so hart pumpt, dass ich gerade ernsthaft meine Müslischüssel durch zu energischen Ellbogeneinsatz vom Tisch geschossen habe. Als Katholik könnte ich beichten gehen, richtig?

Bisher immer noch etwas unter geht Vince Staples, der trotz einiger Zwischenerfolge 2013 immer noch nicht so richtig Internet-famous geworden ist. »Shyne Coldchain II« soll das bitte ändern, weil es ungeheuer pointiert die Qualitäten des Kaliforniers betont: in der Beatselektion durchaus mit den Gralshütern von TDE zu vergleichen, rappt Vince Staples mit einer eleganten Slickness, die selbst bei Ignant-Übungen seltsam melancholisch wirkt und gerade deswegen eine ungewöhnliche Spannung in Staples’ Raps erkennen lässt. Ich glaube da steht noch Großes bevor.

Rick Ross
Mastermind
Def Jam • 2014 • ab 9.79€
Rick Ross ist schon irgendwie der Bawse. Seit acht Jahren veröffentlicht Rozay das gleiche Album, gleich sequenziert, mit wechselnden Gästen und Produzenten und trotzdem freue ich mich immer noch darüber. »Mastermind« demonstriert dann auch wieder, dass unser Lieblingsmoppel unglaublich darin ist, das Beste aus seinen beschränkten Fähigkeiten zu machen und trotz all der Tumblr-Clownery einfach konsequent an dieser Kunstfigur festzuhalten. Auf die nächsten 8, Ricky!

Freddie Gibbs & Madlib
Pinata
Madlib Invazion • 2014 • ab 29.99€
Nein, ein »The Documentary« ist es nicht geworden, aber »My Krazy Life« ist dennoch eines der zwingendsten Westküsten-Alben des neuen Jahrtausends, was nicht zuletzt auch an DJ Mustard liegt, der YG hier mit seinem wenig originellen, aber momentan das Rapspiel dominierenden kristallklaren Sound einen Banger nach dem anderen auf den Leib schneidert. Mit der Strafe der späten Geburt geht hier leider ein Mangel an Nate-Dogg-Hooks einher, dem letzten Schritt um »My Krazy Life« tatsächlich langfristig in der Khakipants-Rezeptionsgeschichte zu immortalisieren.

Karate Andi
Pilsator Platin
Macheete • 2014 • ab 16.99€
Wir wechseln dann auch direkt mal nach Berlin-Neukölln, bevor uns YG wieder zu postpubertären Eskapismusfantasien verleitet. Karate Andi bleibt auch auf seinem Debütalbum »Pilsator Platin« der einzige deutsche Rapper, der wirklich über den Dingen steht. Das hat zur Folge, dass hier Deutschrap jeglicher Heiligkeit beraubt wird, gleichzeitig lauert aber hinter jeder fiesen Line auch diese unangenehme Supreme-Schlangensteher-Ebene, die Andis Musik als pures Tumblr-Checkertum brandmarkt. Aber darüber hatte sich ja der Kollege Kunze schon aufgeregt

Samy Deluxe
Männlich
Vertigo • 2014 • ab 27.99€
Dann rege ich mich halt über Samy Deluxe auf und dessen penetrante musikalische Schizophrenie. Nachdem sich Herr Sorge schon recht fremdschämig an Erwachsenen-Genres abgearbeitet hat, heißt er jetzt wieder Deluxe mit Nachnamen, rappt sich zu Beginn dahin, wo er Ende der 1990er Jahre lange war, an die Spitze deutscher Vokalakrobatik, nur um kurze Zeit später wieder mit Jan Delay’ismen und semi-ironischem Miley-Pop zu nerven. Vielleicht ist »Männlich« auch einfach nur ein subversives Gender-Statement, das ich nicht verstehe, aber musikalisch läuft da mal wieder einiges schief.

Freddie Gibbs & Madlib
Pinata
Madlib Invazion • 2014 • ab 29.99€
Noch mehr auf die Nerven geht mir Kid Cudi und dessen völlig wahnwitzig verschobene Selbstwahrnehmung. »Satellite Flight« heißt dessen Album nach der unsanften Abtreibung aus dem GOOD Music-Schoß, aber anstatt sich Gedanken zu machen, warum Kid Cudi heute nicht mehr relevant genug ist für eine Clique, in der sogar noch Common so tun darf, als hätte er nicht vor zehn Jahren mit dem Rappen aufgehört, entdeckt Cudi hier nun den Art-Rocker in sich. Und es geht schief. Oh Gott, wie es schief geht. Ein grausames Album, entstanden aus dem Habitus größer als das Spiel zu sein, aber ohne die Einsicht nur mit dem Talent eines Jürgen Kohler geschlagen zu sein.

Pharrell Williams
G I R L
Columbia • 2014 • ab 4.99€
Zum gefühlt einhundertsten Mal größer als alle ist die 2014er »Happy«-Edition von Pharrell. Und man muss es ihm, genau so wie seinen letztjährigen Kollaborateuren mit den Masken ja lassen: wenn Popmusik im Formatradio und auf Karnevalsparties so klingt wie »Happy«, dann ist Deutschland vielleicht doch nicht das unfunkieste Land der westlichen Hemisphäre. Ich mag ja den “Ich schlage zwei Bleistifte aneinander und addiere noch einen Just Ice Drumbreak”-Pharrel lieber als den organische Retro-Popsongs schreibenden, aber man muss es wieder mal konstatieren: »Girl« ist in all seinen Assimilierungstendenzen und kleinen, schmierigen Soccermom-ismen ein weiteres wichtiges Kapitel in der Neptunes-Saga, die die Musiklandschaft vor gut 15 Jahren an der Gurgel packte und nicht mehr los ließ. Früher spuckte einem dabei Busta Rhymes ins Gesicht, heute drückt sich Pharrell im pingestripten Blazer an das Hinterteil deiner Frau.

Neneh Cherry
Blank Project
Smalltown Supersound • 2013 • ab 25.99€
Also irgendwie werde ich nicht warm mit »The Blank Project« Es ist Neneh Cherrys erstes Soloalbum seit einer Ewigkeit, der Anlass ein trauriger: der Tod ihrer Mutter will verarbeitet werden und mit Four Tet hat sie sich hierfür auch exakt den richtigen Mann ausgesucht, um dies geschmackssicher tun zu können. Aber irgendwie zündet hier wenig, die aufgekratzten Songs wühlen nicht auf, sondern wirken ziellos, die stillen Momente wirken durch anachronistische Trip Hop-Klischees teilweise komisch artifiziell. Schade eigentlich, Four Tet kann es eigentlich besser. Und Neneh Cherry sowieso.

Ich finde Metronomy muss man gern haben. Gut, dass deren aktuelle Single sich an zwei, drei 70s-Klischees zu viel abarbeitet, ist unnötig, aber wie man auf eine derart hitdurchzogene Platte wie dem Vorgänger jetzt etwas so unaufgeregt uncooles wie »Love Letters« folgen lassen kann, das ist schon wieder spektakulär. Joseph Mount bleibt als Chef-Songwriter ein Trickster, der nichts wissen will von Erwartungshaltungen und der hier sein Heil mal in Reduktion und der Flucht in Billig-Equipment sucht, nur um im nächsten Moment eine völlig übergeschnappte Bowie-Verneigung zu schreiben. Hach ja, das ist schon gut gemacht alles.

Tensnake
Glow
True Romance • 2014 • ab 35.99€
Genau diesen handwerklichen Aspekt sollte man auch bei der Einordnung von Tensnakes erster Platte im Albumformat nicht vergessen. Natürlich ist »Glow« nicht der Versuch die heilige Kuh zum x-ten Mal durch die Church of Chicago zu treiben, so naiv ist Tensnake schon lange nicht mehr. Er weiß um die Erwartungen, die ein House-Album auf einem Major mit sich bringt und er weiß mit dem Druck umzugehen auf Überhits mit neuen Überhits zu antworten. Er weiß, dass auf diesem Album kein Platz ist für 2,5 minütige Drum-Intros und er ist clever genug Piano-House-Hedonismus mit nonchalanten Vocals auch für nicht 80s-Kids zugänglich zu machen und das Tempo mit blitzeblanker Permanent-Vacation-Disco zu regulieren. Und ihm dabei Kalkül zu unterstellen, ginge dann auch an der Essenz vorbei. Denn »Glow« ist eine professionelle Auftragsarbeit, wie sie jeder in seinem Beruf täglich auch verrichten muss.

Magic Touch
Palermo House Gang
100% Silk • 2014 • ab 10.99€
Hätte Tensnake 2007 bereits ein Album veröffentlicht, es hätte vermutlich geklungen wie »Palermo House Gang«, das erste Magic Touch-Album des notorischen Sympathikusses Damon Palermo, der hier seine Vision von Todd Edwards, Henry Street und überbordendem Mit-Neunziger-House-Hedonismus in Vinyl schnitzen lässt. Das bedeutet eine Menge ungenierter Peaks, exaltierter Vocal-Passagen und all der Sachen, für die sich dann um die Jahrtausendwende auf einmal alle zu fein waren.

Shit Robot
We Got A Love
DFA • 2014 • ab 11.99€
Es deprimiert mich etwas dies sagen zu müssen, aber »We Got A Love« ist vielleicht das redundanteste Album, das James Murphy auf DFA bisher hat veröffentlichen lassen. Redundant deswegen, weil Shit Robot selbst praktisch alles, was hier geschieht, schon mal so ähnlich nur besser gemacht hat. Da sind die den Geist von Manchester atmenden Rave-Tracks, die Juan MacLean-igen Mädchen-Houser, die DFA-Trademark-Disco-Roller, aber irgendwie fühlt man hier statt Euphorie nur Langeweile.

6th Borough Project
Borough 2 Borough
Delusions Of Grandeur • 2014 • ab 20.99€
Den Umgang mit Disco-Samples erfindet auch das »6th Borough Project« auf Borough 2 Borough nicht neu, aber Craig Smith und The Revenge haben dieses Gespür selbst enervierend-repetitive Tech House Tools mit ein, zwei geschickt geschnippelten Samples für sieben Minuten interessant zu machen. Auf Albumlänge nutzt sich dieser Effekt freilich ab, aber man sollte »Borough 2 Borough« auch eher als Selbstbedienungsladen wahrnehmen, aus dem man sich dann Sachen wie »The Vibes« mitnimmt.

Vermont (Innervisions' Marcus Worgull & Danilo Plessow (Motor City Drum Ensemble))
Vermont
Kompakt • 2014 • ab 16.99€
Wie traumwandlerisch sicher Marcus Worgull und Danilo Plessow aka MCDE den Tanzboden im Griff haben, davon kann man sich als Kölner in schönster Regelmäßigkeit ein Bild machen. Umso toller ist es dann zu sehen, wie sehr sich die beiden als Vermont um solche Trivialitäten einen Dreck scheren. Das hier ist Maschinenliebe, durchexerziert von zwei erfrischend unprätentiösen Protagonisten, die beim Knöpfchendrücken nicht an Neu! und Nietzsche, sondern vermutlich an Riesling und Robocop dachten und damit eines der schönsten Ambient-Not-Ambient-Alben gemacht haben, seit der legendären Gas-Reihe auf – exakt – Kompakt.

Valentin Stip
Sigh
Other People • 2014 • ab 34.99€
Busenfreund Kunze behauptet ja, dass das, was ganz großes ist, und ich mir unbedingt diesen Valentin Stip anhören soll. Ich recherchiere kurz und stelle direkt skeptisch fest, dass der quasi ein Zögling vom notorisch übertätschelten Labelchef Nicolas Jaar ist. Hmm, keine guten Voraussetzungen. Aber so nach 2-3 Versuchen, nachdem der Spott über diese Mikroben-Drums sich in ein anerkennendes Wiegen verwandelt hat und »Aletheia« mehrere Male das morgendliche Zurechtzupfen des Hemdkragens begleitet hat, muss ich sagen: er hat ein bisschen Recht, der Kunze. Das ist emotional abgründige Elektronik, produziert mit diesem Indieschönlings-Gestus, aber dennoch mit viel Urvertrauen.

Wen
Signals
Keysound • 2014 • ab 19.99€
# Nun aber genug rumgefeelingzt, Wen geht direkt in die Zone, mit Wookie-Basslines straight outta 2001 und einer dermaßen demonstrativen Britishness, dass man sich einfach nur freuen kann. »Signals« erscheint über Blackdowns Keysound Imprint und zementiert weiter das, was seit einigen Jahren eigentlich schon bekannt ist: die mutigsten und der britischen Seele am nächsten liegenden Bass-Mutationen findet man mittlerweile hier.

Den Beweis antretend, dass Bassmutation nicht zwangsweise ein Kompliment sein muss, hackt sich zum Schluss noch Skrillex durch elf furchtbar schrille, aber in ihrer Attitüde zumindest konsequente Zeitdokumente der schwasted youth worldwide. Natürlich ist das grauenhaft, natürlich kann sich kein nüchterner Mensch, der im alten Jahrtausend geboren wurde »Recess« in voller Länge anhören ohne sich hinterher nicht den ganzen Glitzer aus den Ohren spülen zu wollen. Aber ganz im Ernst: im Gegensatz zu den anderen Schergen mit denen Skrillex um kaputtgemollyte Erstsemester konkurriert, gibt es hier in fast jedem Track Hinweise darauf, dass er könnte, wenn er wollte. Und beim letzten Track, einer clever geschoppten Joy Orbison anno 2010-Hommage, wird aus dieser These Gewissheit. Mit dieser verstörenden Erkenntnis wechsele ich das Zimmer in der Hoffnung, dass mir Ballauf und Schenk mein Weltbild wieder gerade rücken.