Aigners Inventur – Mai 2017

07.06.2017
Das einzige Fuck You kriegt die Yogamatte. Weil: alles geil macht der Mai, zumindest musikalisch. Unser Kolumnist hat so viele Empfehlungen im Gepäck wie selten, ganz harter Ehrfurchtsscheiß.
Morcheeba
Charango
WEA • 2002 • ab 6.40€
Fangen wir mit dem wichtigsten Album an: »Black Origami« ist ein Geniestreich, ein irrwitziger Derwisch, der gleichzeitig Warps breakigste IDM-Klassiker von Amon Tobin bis Squarepusher aus einer komplett neuen Perspektive rekodiert, Don’t DJs Exotismus’ auf absurden 78RPM belächelt und dabei DJ Rashad hilflos aus dem Fegefeuer mit teuflischen gutturalen Lauten japsen lässt. Jlin etabliert sich hiermit endgültig als eine der innovativsten Produzentinnen der Jetztzeit und wer das alles nach diesem Video immer noch nicht versteht, hat nicht einen rhythmischen Knochen in sich.

Forest Swords
Compassion Deluxe Edition
Ninja Tune • 2017 • ab 23.99€
Während sich Jlins Kampf mit diesen Zeiten über virtuose Percussion-Konfusion artikuliert, sucht Forest Swords nach Worten und findet sie in gothisch-choral gepitchten Schnippseln, Portishead-Violinen und der melancholischen Verklärtheit der späten 90er-Jahre. »Compassion« ist im Herzen Trip Hop as fuck, aber mit Hauntology-Bachelor und Glasfaserkabeln statt »Endtroducing«-Diplom und Adern. Natürlich schockt das, angekommen auf Ninja Tune und Musikexpress.de, nicht mehr so wie das unerreichbare »Dagger Paths«, aber alleine, dass jemand 2017 ein unpeinliches Sequel zu Blockheads Gänsehaut-Staple »Music By Cavelight« produzieren konnte, ist eine große Sache.

Kreidler
European Song Black Vinyl Edition
Bureau B • 2017 • ab 20.99€
Nochmal hard times in this crazy world, dieses Mal aus Düsseldorfer Perspektive. Kreidler haben den Entwicklungen des letzten Jahres vielleicht so konsequent wie sonst keiner Rechnung getragen und ihr ursprüngliches Album komplett papiergekorbt. Stattdessen jetzt ein post-industrieller »European Song«, auf dem die technische Präzision früherer Alben etwas mehr Raum lässt für Detlef Weinrichs (aka Tolouse Low Trax) gescrewten Vodoo-Wave und dramaturgisch wichtige Leerstellen.

Ryuichi Sakamoto
async
Milan • 2017 • ab 39.99€
Ryuichi Sakamoto ist der Boss, auch heute noch. Über die Unantastbarkeit des schmächtigen Japaners im letzten Jahrtausend müssen wir nicht reden (ein zwei Videos sollten reichen), aber wie wunderbar fragil und emotional transparent Sakamoto auch heute, nach überstandener Krebserkrankung, zahllosen Hollywood Scores und universeller Verehrung ein so reduziertes Album wie »async« schreiben kann, ist ganz harter Ehrfurchtsscheiß.

Dedekind Cut
American Zen
Hospital Productions • 2017 • ab 24.99€
Looooong stretch, aber: stellt mal bitte einer Dedekind Cut Sakamoto vor. Der hat nämlich nach wie vor einen Arsch voll Talent, aber immer noch nicht die richtige Balance gefunden zwischen Reduktion und Ideen-ADHS. Natürlich will »American Zen« unbequem sein, natürlich kann es nicht darum gehen eines der größten Noise-Talente der letzten Jahre plötzlich ruhig zu stellen, aber verdammt noch mal: »American Zen« könnte mit einer Kontrollinstanz noch so viel mehr sein. Vielleicht reicht aber auch Yves Tumor als Schirmherr beim nächsten Mal.

Aaron Dilloway of Wolf Eyes
The Gag File
Dais • 2017 • ab 19.99€
Oder Aaron Dilloway (genau, Wolf Eyes). Der ist zwar auf »The Gag File« etappenweise immer noch so bockig wie ich 1997 im ersten Algebra-Kurztest, aber ähnlich wie vor kurzem auf dem Wolf Eyes Album, schafft es Dilloway mittlerweile viel besser seine Hörerschaft an die Hand zu nehmen. Und sie bei der ersten Gelegenheit diabolisch grinsend von der Aussichtsplattform zu stoßen.

AC/DC
Live In Cleveland August 22, 1977
Dol • 2017 • ab 14.99€
In meinem inoffiziellen Ranking beinahe gleichauf mit Jlin: Creme De Hassan, die mich mit ihrem morastigen Tribal-Techno-Jazz zu diesem vollkommen übergeschnappten, im Kern aber wahren Satz provozierten: da hat jemand Muslimgauze, Don Cherry, Ariel Kalma und Hüften gleichermaßen verstanden.

Marco Shuttle
Systhema
Spazio Disponibile • 2017 • ab 19.99€
Nochmal Techno in seltsam. Marco Shuttle, der annodazumal mit »The Vox Attitude« eine meiner Lieblingsabrissbirnen produziert hat, bleibt auf seinem zweiten Album verspielt. Das unumstrittene Highlight »Thebe« trommelt und windet sich wie eine Auftragsarbeit für ein Jan Schulte Set, aber auch die eher in Detroit und Berlin zu verortenden Stücke des Italieners fügen sich problemlos in das – erstaunlich durchdachte – Narrativ von »Systhema« ein.

Gunnar Haslam
Kalaatsakia
The Bunker New York • 2017 • ab 21.99€
Uuuuuund nochmal komischer Techno. Gunnar Haslam veröffentlicht sein neues Album ausnahmsweise nicht auf L.I.E.S., aber »Kalaatsakia« klingt trotzdem wie die logische Fortführung seiner Alben-Trilogie auf Morellis wieder erstarktem Oddball-Powerhouse, auch weil Haslam seinen unbequemen, angedubbten Industrial-Ambient nicht selten mit weicheren Harmonien und klassischen Techniken anpinselt.

Shinichi Atobe
From The Heart, It’s A Start, A Work Of Art
DDS • 2017 • ab 26.99€
Demdike Stare hören derweil nicht auf Shinichi Atobes Festplatten zu plündern. »From The Heart It’s A Start« ist wahrscheinlich die bisher schwächste Buddelarbeit in der 90er-Kiste des japanischen Techno-Ästheten, aber vielleicht hilft rücksichtloses Minus-A-Lot am Pitchfader.

V.A.
Danzas Electricas
Macadam Mambo • 2017 • ab 36.99€
Fast 40 Euro sind eine harte Ansage, addiert man aber die Discogs-Preise der auf »Danzas Electricas« editierten Avant-EBM’ler, teilt die Summe durch den Mehrgewinn spielbarer Intros und Outros und subtrahiert noch den Anlagewert bisheriger Macadam Mambo Platten, dürfte man bei +1Sommerurlaub rauskommen. Also echt jetzt, essentiell, alles.

Gamelan Voices
I
Gong Ear • 2017 • ab 17.84€
Wir wechseln von serotoninverseuchten belgischen Proberäumen zu Treibsand in Indonesien. Gamelan Voices ziehen, ähnlich wie Black Merlin zuvor, genau die richtigen Schlüsse aus Balis Gamelan-Tradition, allerdings mit weniger Emphase und mehr Transzendenz. »I« ist allerdings viel zu clever, um sich in Ethno-Appropriation und Fangopackungsbeliebigkeit zu verlieren, das hier ist ein einziges leidenschaftliches Fuck You an die Yoga-Matte.

Iona Fortune
Tao Of I
Optimo Music • 2017 • ab 17.99€
Bereits letzten Monat angenehm aufgefallen, liefern Optimo direkt eine LP von Iona Fortune mit, die in der Vergangenheit bereits als Cover-Gestalterin für die Schotten auffiel, jetzt aber mit »Tao Of I« erneut verdeutlicht, dass avantgardistisches, reduziertes Sounddesign aktuell vielleicht seine stärkste Phase seit gut 25 Jahren hat. Sorry, noch so eine, die ihr kaufen müsst.

Jonny Nash & Suzanne Kraft
Passive Aggressive
Melody As Truth • 2017 • ab 15.99€
Und hätten Johnny Nash und Suzanne Kraft nicht bereits schon bessere Platten gemacht, würde das auch für »Passive Aggressive« gelten. Wow, war doch einfacher als gedacht dem Titel des Albums gerecht zu werden.

Gaussian Curve (Gigi Masin, Jonny Nash & Young Marco)
The Distance
Music From Memory • 2017 • ab 17.99€
Dabei hasse ich es ja, der Amsterdamer Posse nicht mit Hochachtung zu begegnen. Also auch für die neue Gaussian Curve eine hinterfotzige Strategie: wer nicht schon mindestens 10 Masin-Nash-Katsoulis-Saiz-Platten zuhause stehen hat, braucht »The Distance« unbedingt, der Rest darf einmal aussetzen.

Slowdive
Slowdive Colored Vinyl Edition
Dead Oceans • 2017 • ab 20.99€
Wie kriege ich jetzt die Kurve zu ätherischem Shoegaze? Drauf geschissen: ähnlich wie drei der vier oben genannten Herren waren Slowdive lange weg vom Fenster und melden sich nun mit einem mehr als ordentlichen Album zurück. Hätte ich in Sachen Slowdive mehr zu bieten als Nackenhaarektionen bei »Crazy For You« , könnte ich besser einordnen wie sich »Slowdive« komparativ schlägt, aber ich vertraue da mal – äääääh – allen und sage: voll gut.

Molly Nilsson
Imaginations White Vinyl Edition
Dark Skies Association • 2017 • ab 22.99€
Molly Nilsson ist insgeheim am besten, wenn sie musikalisch ganz nah dran ist in »Geronimo’s Cadillac« einzusteigen, sich aber dann doch entscheidet zu Fuß und mit einer Pulle Rotwein im Arm zum Madonna-Karaoke zu gehen. »Imaginations« fehlen natürlich die Überraschungsmomente; wir wissen schon, dass die Schwedin auf ein besonders käsiges Saxofon-Solo mit einem besonders lethargisch vorgetragenen, soziopolitisch aufgeladenen Haikku antworten wird, aber Nilsson Alben sind und bleiben diese Treffen mit alten Freunden, bei denen mindestens einer grinsend vom öffentlichen Evakuieren zurückkommt und noch eine Runde Kurze für alle bestellt. Siehe auch: