Aigners Inventur – Oktober 2013

13.11.2013
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Pusha-T, Twit One, Haim, Four Tet und Laurel Halo.
Pusha T
My Name Is My Name
Decon • 2013 • ab 11.39€
Jetzt sitze ich wieder hier und soll euch erklären, warum Pusha-T mein Lieblingsrapper des neuen Jahrtausends ist. Obwohl »My Name Is My Name« wiederum die Kohärenz fehlt, die das Clipse-Frühwerk auszeichnete. Obwohl es kaum eine Entwicklung seiner Schneeschipp-Persona gegeben hat. Obwohl er Chris Brown zu einer relativ jämmerlichen »House Of Balloons«-Persiflage zwingt. Obwohl Hudson Mohawke hier eine große Enttäuschung ist und obwohl 80% der Album-Highlights bereits vorher bekannt waren. Pfffff, Hasser, ich höre das alles nun mit dem Abstand von über vier Wochen und jede einzelne Zeile, in der Puuuush wieder mit dem Säbel rasselt, macht mich glücklich. Musik ist eine irrationale Sache und der Thornton, der ist der Allergeilste.

Danny Brown
Old
Fool's Gold • 2013 • ab 5.23€
Ebenfalls höchstpräsent ist »Old« geblieben, Danny Browns neues Album, auf dem er die eigene Schizophrenie in zwei völlig unterschiedlichen Albenhälften kulminieren lässt. Zu Beginn sorgen Steinwerfer wie Paul White und Oh No für dreckige Post-Shaolin-Beats, auf denen sich der – höhö – alte Pillenpopper durchaus ernstzunehemende Fragen über die eigene Sozialisierung macht, bevor auf Hälfte Zwei dann primär Rustie und Darq E Freaker mit der Abrissbirne und kiloweise Molly im Club wedeln. Ein seltsamer Spagat, der in dieser Form nur Danny Brown zusteht.

Deltron 3030 (Del The Funky Homosapien, Dan The Automator & Kid Koala)
Event 2
Ball Park • 2013 • ab 8.49€
Richtig old klingt hingegen die neue Deltron 3030, was nicht unbedingt verwundert, angesichts einer Entstehungszeit von angeblich über neun Jahren, aber dennoch umso enttäuschender ist. War die erstmalige Zusammenarbeit von Del, Dan The Automator und Kid Koala noch eine wirklich futuristische Sensation, die die Impulse aus »Funcrusher Plus« und »Dr Octagon« perfekt zu einer komplexen, aber musikalisch extrem ansprechenden »Brave New World«-Hommage zusammenfügte, wirken hier die beiden Hauptakteure Del und Dan The Automator fast durchweg uninspiriert und auch die Nebenrollen sind unglücklich besetzt. Ne, das ist Denkmalbeschmutzung.

Black Milk
No Poison No Paradise
Fat Beats • 2013 • ab 10.44€
Äußerst solide hingegen wieder Black Milk, der seine Formel aus Detroit’schem Stoizismus und energetischen Live-Drums mittlerweile derart perfektioniert hat, dass fast jeder Beat eine kleine Sensation ist. »No Poison, No Paradise« ist ein weiterer Baustein in einer bemerkenswert konstanten Diskographie, auch weil Black Milk auch am Mikro von Jahr zu Jahr besser wird.

Twit One
Urlaub In Der Bredouille
ENTBS • 2013 • ab 14.99€
Derweil macht Twit One »Urlaub in der Bredouille«. Mit patentierter Seelenruhe schnitzt er sich Samples aus aller Herren Länder und Genres zurecht, packt – wenn überhaupt – ganz behutsame Drumkits drunter und dennoch kotzt keiner, weil hier nichts passiert, was man im Hause Stones Throw nicht schon vor acht Jahren gemacht hätte. Woran das liegt? Weil dieser Twit One innerhalb der deutschen Beatmaker-Szene vielleicht das sicherste Händchen bei der Auswahl seiner Quellen hat und er damit häufig seinen Inspirationsquellen ohne große Anstrengung näher kommt als jene, die die eigene Madlibifizierung systematisch vorantreiben.

Ryan Hemsworth
Guilt Trips
Last Gang • 2013 • ab 9.99€
Ryan Hemsworth ist der Gegenentwurf zu Twit Ones schlumpfiger Räucherstäbchen-Gemütlichkeit, wenngleich er vordergründig ebenfalls entschleunigte, »deepe« Musik produziert. In erster Linie als Hipsterblog-Remix-Sternchen bekannt geworden, darf Hemsworth nun ein richtiges Album für Last Gang veröffentlichen. »Guilt Trips« hat soviel Seele wie ein Urban Outfitters-Lookbook, es fiepst und schmeichelt, manche Synth-Stabs könnte man sich, wenn sie nicht durch trügerische Halftime-Passagen kaschiert würden, so auch bei der Swedish House Mafia vorstellen, aber das vergisst man schnell wieder weil einem dann als nächstes auf einmal penetrante Gitarren auf den Wecker gehen. Auf die Trap-Fingerübung dann noch eine schmierige R&B-Ballade? Natürlich. Und schließen mit einer sperrigen Rap-Chose? Aber selbstverständlich. Ein Album, das Jimmy Blue seinen zweifelhaften Freunden vorspielt, um cleverer zu wirken als sie.

Arcade Fire
Reflektor
Arcade Fire • 2013 • ab 37.99€
Ich hätte bestimmt viel zu sagen zu Arcade Fire. Da ich aber »Reflektor« noch nicht gehört habe und das ohnehin die Review ist, nach der keine Review mehr geschrieben werden muss, klaue ich an dieser Stelle einfach die besten Kalauer der Washington Post: »Win Butler — still as dreadful a lyricist as ever — tries to correct his charisma deficiency with an affected sneer: ›You’re down on your knees, begging us please, praying that we don’t exist.‹ (Dramatic pause.) ›We exist!‹ Oder: »Butler is at his most irritating with ›Normal Person,‹ pulling David Byrne’s oversize blazer out of the closet and asking, ›is anything as strange as a normal person? Is anyone as cruel as a normal person?‹ You tell us, dude. « Und auch: »Reflektor isn’t neoclassicism. It’s something conservative pretending to be something bold. It’s Sandra Bullock’s hack dialogue in ›Gravity.‹ It’s square, sexless, deeply unstylish, painfully obvious rock music. It’s an album with a song called ›Porno‹ that you could play for your parents.« Na dann.

CHVRCHES
The Bones Of What You Believe
Glassnote • 2013 • ab 21.59€
Ich verkneife mir jetzt mal an dieser Stelle, dass ich ein bisschen in Lauren Mayberry verliebt bin, weil deswegen Nun ja, Gender-Issues außen vor gelassen, verbuchen Chvrches mit »Bones Of What You Believe« gerade genau jenen Crossover-Erfolg, den man am Reißbrett nur schlecht planen kann. Gestern Boiler Room, heute Format-Radio. Das mag daran liegen, dass das zu weiten Strecken so klingt, als hätten The Knife die neue Katy Perry-Platte produziert. Für manchen ein apokalyptischer Vergleich, für mich durchaus eine charmante Vorstellung.

Haim
Days Are Gone
Vertigo • 2013 • ab 24.99€
Direkt weiter mit Hype, Kaugummi und Cutesie-Pop. Warum uns Haim mit ihrem drollig-euphorischen Pop-Entwurf auf allen Covern entgegen lächeln, ist schnell klar. »Days Are Gone« ist unglaublich unprovokant, dabei aber doch so cool, dass man den drei Damen die Oberflächlichkeit ihres Songwritings nicht mal übel nehmen kann. Ich will ja jetzt nicht den Hashtag #Aufschrei missbrauchen, aber wenn Vampire Weekend sich trauen würden derart austauschbar zu schreiben, würde man sie ans Kreuz nageln.

Lorde
Pure Heroine
Virgin • 2013 • ab 29.99€
Irgendwie ist mir da die clever orchestrierte Lorde Del Rey-Kampagne fast sympathischer. Die Geschichte ist schnell erzählt, Lorde wird seit sie 12 Jahre alt ist von einem Major Label unterstützt, der Quantensprung folgte nun im vergangenen Jahr, im Alter von 16 Jahren. Auf »Pure Heroine« gibt sich die Neuseeländerin betont kühl, popkulturell kredibel und bedient damit natürlich sämtliche Tumblr-Fantasien, angetrieben von einer cleveren musikalischen Melange aus launischem Dreampop und The Weeknd-Manierismen.

Noch einen Schritt weiter geht das Teilzeit Saint Laurent-Model Sky Ferreira. Für »Night Time, My Time« (ein selten doofer Titel übrigens) zieht der ehemalige designierte Kinderstar blank und schreibt arty Pop-Nummern für die Pitchfork-Crowd, die Mileys Anbiederungsversuche mühelos dechiffrieren und lieber den Pomp der 80er in ein Flannelshirt gehüllt sehen. Das ist alles ein klein wenig zu prätentiös, um großartig zu sein, aber dennoch ein sehr unterhaltsames, weil auch Melodien nicht scheuendes Arbeitszeugnis einer Künstlerin, die ihre Nische endlich gefunden hat.

Haim
Days Are Gone
Vertigo • 2013 • ab 24.99€
Prätentiös ist leider immer noch das erste Adjektiv, das ich mit Prettboy Nicolas Jaar in Verbindung bringe, ein Umstand an dem auch Darkside, Jaars erneute Zusammenarbeit mit Dave Harrington, nichts ändert. »Psychic« folgt direkt auf deren mäßig überzeugende Bearbeitung des letzten Daft Punk-Albums und wieder mal verfranst sich Jaar in unhaltbaren eigenen Ansprüchen. Ein proggiges Techno-Album ist an sich kein Oxymoron, die Art und Weise wie Jaar und Harrington hier aber tragisch unfunky, kosmische Gitarrenlicks und leidend leiernde Vocals mit den verkopften Ausläufern der späten Mnml-Welle vermählen wollen, ist einfach auf weiten Strecken langweilig. Hinzu kommt, wie ich unlängst im Gespräch mit Ex-Fanboy Kunze festgestellt habe, dass Jaar keine Drums kann. Gerade die wären aber unerlässlich gewesen, um aus »Psychic« mehr zu machen als den Default-Soundtrack für eine zähe Ausstellung eines weiteren narzisstischen Kleinkünstlers in Neukölln.

Machinedrum
Vapor City
Ninja Tune • 2013 • ab 11.99€
Während sich Jaar scheinbar mit jedem neuen Projekt etwas beweisen will, macht Machinedrum das einfach. Ohne Bohei, seit über einem Jahrzehnt. »Vapor City« ist der Nachfolger zu einem der besten Juke-Longplayer, die es bisher gab; »Rooms« übersetzte die Rotzigkeit, die da vom großen Teich rüberschwappte äußerst eindrucksvoll in eine britisch anmutende Sophistication, die man dem Genre nicht unbedingt zugetraut hätte. »Vapor City« löst sich nun etwas von Juke als primäre Inspirationsquelle, Jungle wird in einem Prisma diversester elektronischer Spielarten immer wieder gebrochen und neu zusammengesetzt, häufig begleitet von diesen unglaublich geschnittenen Vokal-Sample-Fetzen, die in ihrer Eindringlichkeit ansonsten vielleicht nur noch von Burial zwingender gesetzt werden. Große Platte, erneut.

Four Tet
Beautiful Rewind
Text • 2013 • ab 17.99€
Jungle ist auch ein gutes Stichwort für »Beautiful Rewind«, die neue von Four Tet, auch wenn Hebden rüde Jungle-Passagen meist meidet und seine eleganten Garage/House-Tracks mit kurzen Breakbeat-Stolpersteinen würzt. Für mich bleibt »There Is Love In You« immer noch das Nonplusultra im Floor-orientierten Output Hebdens, aber dieses Gespür schroffe Peaktime-Allüren mit unglaublich nuancenreichen Details zu kontrastieren, das kann man nicht lernen und Four Tet bleibt darin ein Meister, auch wenn wir uns mittlerweile vielleicht schon zu sehr daran gewöhnt haben.

Field, The
Cupid's Head
Kompakt • 2013 • ab 19.99€
Ganz wunderbar ist auch »Cupid’s Head«, Album Nummer 4 des schwedischen Loop-Gottes The Field. Wie die Kollegen von Resident Advisor bereits feststellten, ist »Cupid’s Head« im Grunde ein Schritt zurück, zurück zum ersten, frenetisch gefeierten Album, zu weniger Krautrock und mehr Hypnose. 6 Tracks, die sich fast eine Stunde Zeit lassen und dennoch könnte das den ganzen Tag auf Repeat laufen, weil Axel Willner so unglaublich gut darin ist Passagen zu finden, die nie enden wollen und sollen. Auf »No No…« klingt er dann sogar fast wie die weniger gemeine Version von Oneohtrix Point Never… uiuiui.

Laurel Halo
Chance Of Rain
Hyperdub • 2013 • ab 10.49€
Nicht einfach macht es sich Laurel Halo, die auf »Chance Of Rain« vollständig auf das Element verzichtet, das ihr Debütalbum vor zwei Jahren so besonders machte. Doppelt und dreifach getriggerte Vocalspuren, die »Quarantine« diese angreifbare Aura verliehen hatten, fehlen hier vollständig. Stattdessen autistischer Techno-Not-Techno, Synthlines, die sich in schlingernden Basslines verlieren, Off-Beat-Kicks, Laisser-faire Hi-Hats, die Trap evozieren und dennoch verkopfter sind, als alles was wir diesbezüglich bisher gehört haben. Manchmal wirkt das auch wie eine EBM-Dissertation mit zynischen Fußnoten. Eine Herausforderung der lohnenderen Art und Weise.

Dass auch Ron Morellis erste Langspielrille nicht unbedingt ein Kaffeekränzchen werden würde, war absehbar. Auf »Spit« begrüßt uns der L.I.E.S.-Kurator noch unerwartet friedfertig mit stetem Viervierteltakt und fast sanften Pads, doch spätestens mit »Crack Microbes« ist Morelli dann dort wo man ihn erwartet hätte: in einem Sumpf aus desillusionierter Monotonie, aus dem er sich mit spitzzüngigen Dissonanzen und Hinterfotzigkeiten selbst herauszieht. Eigentlich genau das, was man erwartet hatte und dennoch eine Überraschung, weil dieser Trickster einfach die beiden Mittelfinger nicht still halten kann.

Gardland
Syndrome Syndrome
Rvng Intl. • 2013 • ab 18.18€
Und wer es sich nach den gerade mal 35 Minuten so schön bequem gemacht hat in Dystopia, legt zum Schluss bitte noch »Syndrome Syndrome« auf. Gardland konterkarieren hier jedes Australien-Klischee mit Donnergroll-Techno auf dem notorisch gut selektierten Auskennerlabel RVNG Intl. Nicht ganz so verzerrt und wahnsinnig wie Container, nicht so Dark Wave beeinflusst wie das ehemalige Sandwell District-Kontinuum, aber dennoch mit derart viel Boshaftigkeit und einem unbändigen Improvisationsdrang, dass hier keiner Angst haben muss vor Stumpfsinn. All die Metallspänne abwischen kann man sich dann übrigens vorzüglich mit dieser Blood Orange-Platte, aber dazu kommen wir dann beim nächsten Mal.