Aigners Inventur – Oktober 2016

02.11.2016
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Danny Brown, NxWorries, Kassem Mosse und Uffe.
Danny Brown
Atrocity Exhibition Neon Pink Vinyl Edition
Warp • 2016 • ab 25.99€
Letzte Inventur für dieses Jahr und endlich gibt es ein drittes Rap-Album (neben Kas Samurai-Epos und klar, Kendrick), dem man einen Lyrics-Zettel beipacken könnte, ohne dass sich Szeneexterne an Kurt Prödel Poesie erinnert fühlen. Dass ausgerechnet der verfleischlichte Adult Swim Cartoon Danny Brown ein – schluck – literarisches Statement auf Augenhöhe mit den großen Zebrastreifen-Autoren von Kracht bis Easton-Ellis veröffentlichen würde, konnte man nicht unbedingt ahnen, umso fesselnder ist »Atrocity Exhibition« dann jedoch geworden. Ein psychotischer Rundumschlag, brillant musikalisch inszeniert von Psych-Ehrenmann Paul White, zerrissen zwischen zwanzigminütiger Nasenschleimhautekstase und trauriger -enzen (Inkontinenz, Impotenz, Niereninsuffiezienz et al.). Ein Alptraum von einem Album und jetzt schon das bessere zweite Trainspotting.

Ey, richtig schön: der A$AP Mob nervt doch noch nicht. Oder nicht mehr. Keine Ahnung, jedenfalls kommen die »Cozy Tapes Vol. 1« gerade zum richtigen Zeitpunkt, um die sexieste Rapcrew der Tenner (sagt man das so?) zu rehabilitieren und den Verdacht zu widerlegen, dass sich alle beteiligten ohne Yams als Geschmacksinstanz in Belanglosigkeiten verlieren könnten. Rocky klingt endlich wieder hungrig, Ferg entscheidet sich endlich wieder für die ODB statt Flavor Flav-Rolle und auch die Gäste, von Lil Uzi Vert bis Skepta, freuen sich offensichtlich über so viel kaltes New Yorker Understatement in den Beats.

NxWorries (Knxwledge & Anderson .Paak)
Yes Lawd!
Stones Throw • 2016 • ab 26.99€
Wer sein Tinderdate nicht direkt mit gezücktem Schnappmesser empfangen will, kann stattdessen auf NxWorries bauen, also Knxwledge und Anderson .Paak, die mit »Yes Lawd!« diesen Okayplayer-Scheiß ins dritte Jahrzehnt rüberretten und vor allem musikalisch so stilvoll zum Ge-Vauaufrufen, dass hierzu bestimmt ganz viel geschnackselt werden wird in der Altersgruppe Zu-Alt-Für-Snap-Zu-Jung-Für-Studivz.

Solange Knowles
A Seat At The Table
Saint • 2016 • ab 26.99€
Dass Solange die coolste Knowles ist, dürfte klar sein, interessant ist aber, dass sich die Geschwister dieses Jahr beide auf eigenständige und vollkommen unpeinliche Art und Weise auf Albumlänge mit ihren Gedanken und Erfahrungen weiblich und schwarz zu sein im Jahr von #grabembythepussy und #alllivesmatter auseinandersetzen. Solange tut dies erwartungsgemäß etwas raffinierter, musikalisch verspielter und mit mehr Selbstaffirmation. Schön für uns, dass Vater Knowles’ Pläne seine Töchter in erster Linie zu perfekt designten Produkten zu formen, langfristig nicht aufgegangen sind.

Uffe
No!
Tartelet • 2016 • ab 22.99€
Es ist fast unfair, dass danach Uffe dran war. MPC-Fusion-House, direkt aus der Schluffisackgasse, Moneytarteletboxausgähn, ich habe genug. Hier ein bißchen Jazz, dort ein paar Afro-Horns und Donuts-Sampling – an sich ist es ja schön, dass ehemalige Rap-Spießer jetzt auch House-Platten kaufen können, die nicht auf Mahogani oder Sound Signature veröffentlicht wurden, aber sind wir mal ehrlich: »No!« gibt diesem Mikro-Genre wirklich nicht einen neuen Impuls.

Paradise Bangkok Molam International Band, The
Planet Lam
Studio Lam • 2016 • ab 16.99€
Dann doch lieber wahnwitzige Livejams aus Bangkok. Zum zweiten Mal schon improvisieren sich diese Weirdos von der Paradise Bangkok Molam International Band durch ein Album, »Planet Lam« klingt dabei in weiten Strecken so als ob man Jose Padilla und Suso Saiz den Meerblick versperrt hätte oder die Antibalas an Codein herangeführt wurden. Supersache, offensichtlich.

Len Leise
Ing
General Purpose • 2016 • ab 11.99€
Len Leise hat zwei meiner Lieblings-EPs der letzten Jahre gemacht, dementsprechend angegeilt musste ich mich auch auf »Ing« stürzen. Und dann das: Len singt jetzt, manchmal zwar nur und doll verzerrt, aber: nö. Noch nö-er dann die Einsicht, dass das Pressegefasel im Vorfeld leider Programm war: ganz anders sollte alles werden, mehr Dub, mehr Postpunk, mehr Song, weniger Flächen, Powernap war gestern. Schlecht ist das immer noch nicht, aber Leise schlingert hier einfach zu häufig zwischen zweitklassiger Lee Perry Kopie und ESG-Coverband, ohne seinen eigenen Groove zu finden.

Don't DJ
Musique Acéphale
Berceuse Heroique • 2016 • ab 23.99€
Seinen eigenen Groove gefunden hat definitiv Don’t DJ, dessen oft minimalistischer Vodoo-Percussion-House in seiner Eigenartigkeit höchstens noch mit Lieblingsquertreiber Toulouse Low Trax vergleichbar ist, allerdings nachdem dieser eine Malaria nicht vollständig auskuriert hat. Seltsam ist »Music Acephale« für westliche Ohren, vielleicht auch zu toolig für Wohnzimmer und Peaktime gleichermaßen, aber wunderbar eigensinnig.

Kassem Mosse
Disclosure
Honest Jons • 2016 • ab 23.79€
Und überhaupt: nach einem musikalisch wenig ergiebigen Sommer kriechen sie alle mit dem ersten harten Ostwind aus ihren Löchern, diese Eklektiker. Kassem Mosse macht mit »Disclosure« das Album, das man aus seinem bisherigen Oeuvre zwar konstruieren, aber in dieser Konsequenz nicht unbedingt erwarten konnte. Gab es bisher bei Mosse nach jedem morastigen Lo-Fi-Crawler wieder Licht am Ende des Flurs, ist das jetzt hier das Loch aus dem sich keine noch so schöne Synth-Melodie befreien kann. Ein bißchen klingt das so wie in Andy Stotts Sturm-und-Drang-Phase vor gut fünf Jahren, aber verwirrter und hektischer und trotzdem geerdet in einem hart erarbeiteten, unerschütterlichen Wissen um die eigenen Qualitäten.

Powell
Sport
XL Recordings • 2016 • ab 28.99€
Und während Kassem Mosse der Hochtalentierte ist, der nicht mehr um Aufmerksamkeit betteln muss, zieht sich durch Powells erstes Album für XL eine unangenehme Rezeptionsgeilheit. »Sport« ist in seinen besten Momenten eine ADHS-ige Splittergranate, die ätzend vergessene Blog House und Big Beat – Tropen verhöhnt, oft aber klingt Powell hier wie ein boomkatisierter Mr. Oizo, der für diese neue grelle Fahrigkeit aber bitte ganz viel gestreichelt werden will. Ein seltsames, vor allem aber ein selbstverliebtes Album.

Tuff City Kids
Adoldesscent
Permanent Vacation • 2016 • ab 20.99€
Angenehm hemdsärmelig dagegen der Habitus den Gerd Janson und Lauer als Tuff City Kids kultivieren. German Fließbandarbeit, keine Spur von Innovations-Brimborium und Avantgarde-Gockelei. »Adolesscent« ist hierbei weniger Album denn Compilation: Carpenter-Arpeggio, Italo Pop, Hacienda-Pianos und Breakbeat-Klamauk: man spürt förmlich wie die beiden feixend im Studio saßen und nicht anders konnten als »komm, einer geht noch«.

Michael Mayer
&
!K7 • 2016 • ab 24.99€
Den Spaß hört man »&« zwar meist an, immerhin hat Michael Mayer hier auf jedem Stück mit mindestens einem befreundeten Künstler zusammengearbeitet, aber die Kompakt-Legende schafft es auf Albumlänge erneut nur bedingt das einzufangen, was seine DJ Sets schon seit einer halben Ewigkeit zu Instanzen gemacht haben: loslassen zu können. Wenn Janson und Lauer Pizzabäcker sind, dann ist Mayer hier der Typ, der aus Unsicherheit seine Currywurst mit Safran beträufelt.

Roman Flügel
All The Right Noises
Dial • 2016 • ab 19.99€
Roman Flügel liefert hingegen schon so lange Pizza aus, dass es nicht verwundert, dass er zuhause auch mal Lust auf einen streberhaft gegarten Barsch hat. »All The Right Noises« ist jedenfalls, um diese Essens-Metapher endlich wieder loszuwerden, der feingeistige Flügel, der den Flur in Schlieren hüllt und niemandem mehr etwas schuldet. Auch einer der Gründe warum Flügel das Fernduell mit seinem Spezi Mayer klar für sich entscheidet.

Pangaea
In Drum Play
Hessle Audio • 2016 • ab 23.99€
Also so ganz zufriedenstellend ist die stetige Technisierung der ehemaligen Dubstep-Granden nicht ausgefallen. Egal ob Pearson Sound, Joy Orbison, Martyn, Blawan oder Pangaea: mit der musikalischen Minimalisierung beraubten sich viele Briten ihrer eigentlichen Fähigkeiten: instinktiv mehr rhythmische Komplexität aufsaugen und verarbeiten zu können als der teutonische Darkroom-Lieferservice. Pangaea mag vielleicht still und leise eh schon immer einer der interessantesten Scenester gewesen sein, aber auch er tut sich, nach zwei sehr starken ersten Tracks mit »In Drums Play« auf ganzer Länge keinen Gefallen mit seiner neuen Liebe für emphatischen Techno.

Marie Davidson
Adieux Au Dancefloor White Vinyl Edition
Cititrax • 2016 • ab 25.99€
Dann lieber so wie Marie Davidson, die in ihren dreistesten Momenten so klingt als wäre SebastiAn bei Robert Armani in die Lehre gegangen, um endlich wieder ein aufregendes Peaches Album zu produzieren, in anderen klingt sie wie der Beelzebub persönlich und am Ende werden wir noch unverschämt sexy bezirzt. Auf Französisch. Hrrrrrrrrrr.

Machinedrum
Human Energy Clear White Marbled Vinyl Edition
Ninja Tune • 2016 • ab 24.29€
Als nächstes faselt dann Machinedrum etwas von »Human Energy« und New-Age-Selbstfindungsschwurbelei in der Musik. Die Farbpalette ist neonfarben, der Zuckerwatten-EDM der heutigen Chartlandschaft wird mit ordentlich manischen Hud Mo’ismen persifliert und trotzdem meint der gute, alte Travis das irgendwie doch Ernst. Früher war hier mehr – Hirn, vor allem aber Gefühl.

Kuedo
Slow Knife
Planet Mu • 2016 • ab 9.99€
Kuedo hingegen bestätigt auf »Slow Kniffe« seine bestechende Spätform, an das grandiose »Severant« kommt er allerdings nicht ran, dafür wird es hier stellenweise zu seifig und die Ausflüge in noisige Dissonanzen wirken eher wie Kalkül denn echte Emotion. Trotzdem: wenn das jemand unter eine schöne Doku über Prag bei Nacht legt: würde gucken.

Carla dal Forno
You Know What It’s Like
Blackest Ever Black • 2016 • ab 17.99€
Carla dal Forno ist allein schon deswegen eine Kandidatin für meine Jahresliste, weil ich schon ewig ein schwarz-weißes Cover mit rotem, asymmetrischen Rand haben wollte. Jetzt hängt da auch noch der Bilderrahmen schief, ich bin entzückt. Musikalisch ist das erwartungsgemäß leicht angeschwurbelter Cold Wave Pop, für alle, die bei Tropic Of Cancer gerne bei jedem Song Vocals dabei hätten. Also für mich.

Method Man
Release Yo Delf
Def Jam • 1994 • ab 6.99€
Das beste Album des Monats, vielleicht sogar des Quartals kommt von Yves Tumor aus Mykki Blancos unberechenbarer Entourage, der auf »Serpent Music«, das bezeichnenderweise über PAN erscheint, in Sachen Synapsenverlötung in einer Liga mit Dean Blunt spielt und ähnlich wie dieser auf jeden noch so schönen Soul-Schmachter aus dem Nichts das Nichts folgen lässt. Oder schlimmer: Stimmen aus der Zwischenwelt, nichtendenwollendes, wortwörtliches Rudern gegen den Strom, die totale mentale Desintegration. Kunscht, kann man da schreien, für mich klingt das aber vor allem nach Seelenabstrich.

Bon Iver
22, A Million
Jagjaguwar • 2016 • ab 37.99€
Diesen Anspruch hatte Justin Vernon vermutlich auch schon immer, nur dass in dessen Seelen keine Derwische Cumshots verteilen, sondern Landschaftsgärtner dem Gras beim Wachsen zusehen. Einigermaßen affig wirkt dann auch das neue Bon Iver Album. »22, A Million« kugelt sich beim Versuch die »Yeezus«-Ästhetik zu stemmen die Bandscheibe aus und im schlimmsten Fall ist das der Vorbote für eine Zeit, in der Kanye in Funktionskleidung mit Tim Cook und Mark Zuckerberg jeden morgen joggen geht. Gruselig.

Leonard Cohen
You Want It Darker
Sony • 2016 • ab 21.99€
Hätten nicht schon Nick Cave und David Bowie das Gänsehaut-Pathos für 2016 komplett unter sich aufgeteilt, Leonard Cohens »You Want It Darker« wäre eine noch größere Sache geworden. Aber auch so darf hier, angesichts der ungeheuren Präsenz des heute 82-Jährigen, ungeniert vor dem Kamin gefröstelt werden.