Aigners Inventur – September 2016

28.09.2016
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Nick Cave, Travi$ Scott, Zomby und M.I.A.
Mac Miller
Divine Feminine
Warner • 2016 • ab 16.99€
Rap und Frauen, ein schwieriges Thema direkt zu Beginn – nicht nur weil der schmale Grat zwischen Gender Mainstreaming-Schwachmatismus und althergebrachter neanderthalerischer Geringschätzung auch als Fan kaum zu überqueren ist. Auch deswegen ist Mac Millers »The Divine Femininity« konzeptionell wohltuend, weil hier Weiblichkeit nicht, wie zuvor mancherorts befürchtet, wieder aus dem maskulinen Elfenbeinturm herab verhandelt wird, sondern weil Mac Miller eigentlich vor allem über genderübergreifende Liebe spricht, genuin, aber nicht schmierig. Würde Drake Filterzigaretten rauchen, anstatt seine Koituspartner vorher von seinem Management keimfrei reinigen zu lassen, er hätte vielleicht so ein Album gemacht. Blöd nur, dass mir Mac Miller, der Rapper, komplett am Arsch vorbeigeht.

Mykki Blanco
Mykki
Dogffood MF • 2016 • ab 23.99€
Wenn Mac Miller gerade Der Duft Der Frauen vertont hat, dann ist Mykki Blancos »Mykki« ein Dallas Buyer’s Club Remake mit mehr Weitsicht. Wie üblich lässt Blanco hier kein Thema aus, von der medialen Reduzierung zur HIV-Rapperin bis zur schmerzhaften Erkenntnis, dass das Leben gruppendynamisch immer so funktionieren wird wie der Pausenhof in der High School. Interessant, wie immer.

Kool Keith
Feature Magnetic
Mello Music Group • 2016 • ab 25.99€
Kool Keith war noch nie als Gleichstellungsbeauftragter unterwegs, aber immerhin kann dem guten alten Keith niemand absprechen seit drei Jahrzehnten äußerst souverän und transparent mit Perversionen aller Art umzugehen und damit Rappern überall (Hinter)Tür und Tor geöffnet zu haben. Und weil Keith Keith bleibt, ist auch »Feature Magnetic« ein Kleinod an lyrischen WTFs, das es seinen (ebenfalls in die Jahre gekommenen) Gästen schwer macht, die Außerweltlichkeit des Gastgebers zu erreichen. Wäre 1999 ein super Album gewesen.

Letztes Rap-Album des Monats, kaputtestes Frauenbild. Travi$ Scott vermengt auf »Birds In The Trapp Sing Brian McKnight« den misanthropischen Isolationismus von The Weekend und die megalomanische Einfältigkeit seines Quasi-Papas Kanye zu einem Album, das im Turn Up ständig schon den Come Down im Nacken sitzen hat und sich im Come Down nur mit dem erneuten Turn Up zu helfen weiß (aka die Future-Formel). Dass Scott nie ein Künstler von Kanye’schem Format werden wird, ist auch auf Album Nummer Zwei mehr als offensichtlich, Scott bleibt in der Rolle des seltsamen Sidekicks am besten. Aber: für jemanden, der in der öffentlichen Wahrnehmung von vornherein im Epigonentum steckte, ist das hier eine deutliche Steigerung.

Mndsgn
Body Wash
Stones Throw • 2016 • ab 23.99€
X und Y wären dann durchdekliniert für heute, kommen wir zu einfacheren Dingen. Mndsgn klingt immer ein bißchen so als hätte jemand entweder Thundercat gezwungen Beats für Nite Jewel zu machen oder so als hätte sich Nite Jewel bei ihrer Kollaboration mit Dam-Funk etwas mehr Thundercat gewünscht. Das macht »Body Wash« nicht zu einem schlechten, aber einem irgendwie erreignisärmeren Album als erhofft.

Cuthead
Return Of The Sample Jesus
Uncanny Valley • 2016 • ab 13.99€
Cutheads hiphoplastiger Zugang zur House-Musik war nicht nur auf seinen vorherigen EPs eindeutig, auch sein Künstlername nimmt einen Großteil seiner musikalischen Pointen vorweg. »The Return Of The Sample Jesus« klingt nicht nur direkt nach lahmem Boom Bap Stalinismus, der Titel verdeutlicht auch warum nicht jeder vermeintlich zeitlose Ansatz auch ein Garant für spannende Musik sein muss. So samplet sich der Uncanny Valley Regular wieder durch allerlei 90s-Tropen ohne wirklich einen Mehrwert zu generieren, insbesondere jetzt wo Money $ex und Konsorten den Kuchen unter sich aufgeteilt haben, fairerweise aber auch nur selten essentielleres liefern können.

Zomby
Ultra
Hyperdub • 2016 • ab 26.39€
Neulich beim Platten aussortieren erkannt: was Zomby seit seinem spaßigen Debüt gemacht hat, muss man eigentlich nicht behalten. Aber irgendwie gaukelt mir auch »Ultra« wieder erfolgreich vor mehr zu sein als es eigentlich ist. Da sind diese Momente, in denen der Twitter-Troll Synth-Lines einspielt, die klingen wie für die Ewigkeit und sich dann doch nicht halten können, weil bei Zomby wie immer alles Style und nichts Substanz ist. Auch bezeichnend: da denkt man die langerwartete Burial-Kollabo wäre in ihrem dadaistischen Mittelfingertum genau das Richtige, nur um sich drei Tage später einzugestehen, dass da so viel geht wie auf Schalke.

Sad City
Shapes In Formation
Meda Fury • 2016 • ab 24.99€
Sad City und dessen »Shapes In Formation« hatte ich letztes Mal übersehen, aber mit den ersten Regentropfen seit Juli machte das alles plötzlich Sinn. Weil sich der Schotte hier zwischen rigiden Drumpatterns und freier Improvisation so wunderbar zwischen die Takte schmiegt wie es sonst nur Seulenheilige (inklusive halbakurater Sprinkles- und Fly Lo-Verweise bei den Kollegen von RA) hinbekommen und weil Melancholie hier kein Streicheln, sondern nur ein Nicken einfordert.

DJ Pippi
Bocadillos Variados
Music For Dreams • 2016 • ab 19.99€
Traurigkeit ist jetzt nicht unbedingt DJ Pippis Kernkompetenz, aber ähnlich wie Jose Padilla letztes Jahr schafft es die Balearen-Legende auf Albumlänge nicht ganz dieses lebenslang vorexerzierte Balearen-Legendentum in Musik zu übersetzen, die sich in nicht ihrer Unverbindlichkeit verliert. »Bocadillos Variados« stört nicht, in guten Momenten klingt das wie verloren gegangene Grace Jones Dubs, in schlechten aber auch wie die Wurzelbehandlungsplaylist deines Zahnarztes.

Exploded View
Exploded View Black Vinyl Edition
Sacred Bones • 2016 • ab 20.99€
Anika ist die Beste. Egal ob solo oder hier in Form eines neuen Projekts namens Exploded View. Was da wer mit wem wann gemacht hat, steht alles hier vor allem aber die wichtigste Pointe: diese Stimme bleibt USP.

Elektro Guzzi
Clones
Macro • 2016 • ab 18.99€
Ach man, irgendwann dachte ich mal Elektro Guzzi wären aufregend. Dann kam Album 1 (joaa, ok) und jetzt Album 2 (joaa, ok). Mittlerweile sind die Österreicher neben Brandt, Brauer & Frick aber eher das Aushängeschild dafür, dass Techno mit echten Instrumenten nicht unbedingt der interessantere Techno sein muss. Klar, das mäandert ganz schön, die Snares sitzen und besser als ein zusammengekacktes Ableton-Preset-Tool ist das sowieso, aber Autorentechno kann man halt auch nur machen, wenn man schreiben kann.

Skudge
Balancing Point
Skudge • 2016 • ab 16.99€
Vielleicht ist aber auch gerade nicht die Zeit für Techno-Alben, zumindest haben mich die nächsten drei Alben auch nicht immer abgeholt. Vielleicht noch am ehesten die neue Skudge, die ganz elegant um die Ecke dubbt und erst spät im tatsächlich vorhandenen Spannungsbogen Säure auf dem Flur verteilt. »Balancing Point« geht mindestens in Ordnung, aber nach zweihundertfündzwanzigtausend ähnlichen Maxis des zum Soloprojekt geschrumpften Schweden darf man sich schon fragen, ob das reicht.

Bjarki
Lefhanded Fuqs
Trip • 2016 • ab 22.99€
Bjarki mag Aphex Twin, so viel ist nach »Lefthanded Fuqs« klar. Nun veröffentlicht das Original aber seit ein paar Jahren statt nichts viel zu viel auf einmal , so dass mein Bedürfnis nach einer Triple-LP, die so offensichtlich in ihrem Anliegen ist, leider gen Null strebt. Killer tho: dieser Telefonnummern-Stop’n’Go-Boogie-Track auf der B-Seite.

Cristian Vogel
The Assistenz
Shitkatapult • 2016 • ab 12.79€
Stellenweise besser macht das Cristian Vogel, dessen »The Assistenz« immer dann besonders gut ist, wenn Vogel Raucherbein-Techno für Teilzeit-Misanthropen macht. Da wirkt die teerfreie Koda schon beinahe wie ein läppsches Zugeständnis an die Krankenkasse.

Trentemoller
Fixion
In My Room • 2016 • ab 18.99€
Irgendwie süß hingegen wie Trentemoller nach so vielen Jahren des Wanderns einfach bei Robert Smith stehen geblieben ist. Gut, auch schon in seiner minimalen Phase waren beim Dänen Vorlieben für angewaveten Goth zu erahnen und bereits die letzten Alben waren schon eher klassischem Songwriting verpflichtet, aber »Fixion« fügt das alles jetzt angenehm unprätentiös zusammen. Halt schon immer noch eher der Lieblingskünstler mitteltoller Mensche, aber eine wirklich okaye Platte.

Tschö M.I.A., ich hoffe das war’s jetzt wirklich. »Aim« ist ein derart substanzloses, ideenfrei hingerotztes Album, das wie schon früher hochkomplexe globale Probleme in Agit-Tweetismus umkodiert und sich für jede musikalische Dummheit stolz auf die Schulter klopft. Sorry, aber so geht das nicht. Nicht nur weil M.I.A. das Gespür für Avant-Pop schon lange verloren hat, sondern vor allem weil sie hier ihre Persona so konsequent selbst demontiert wie das selbst der größte Nörgeljürgen nicht hätte antizipieren können. Aber wer weiß, vielleicht rettet ihr ein Video den Arsch. Mal wieder.

How To Dress Well
Care Deluxe Edition
Domino • 2016 • ab 29.99€
Kommen Frank Ocean und How To Dress Well in eine Bar. Sagt der eine…ach komm ey, ich gebe auf. Hatte mir für How To Dress Wells neues Album notiert einen tumben Frank Ocean Gag zu machen, und dann irgendetwas dummes zu sagen, Marke: How To Dress Well” hat das Alt & B – Hitalbum gemacht mit dem alle Frank Ocean Fans glücklicher wären als mit »Blond«. Dann fiel mir aber auf, dass das alles nicht funktioniert, weil »Care« viel, viel schmieriger ist als ich dachte und »Blond« immerhin eine länger Aufmerksamkeitsspanne als 15 Sekunden pro Song einforderte. Schade, Ginobili Junior.

Nick Cave & The Bad Seeds
Skeleton Tree
Bad Seed Ltd. • 2016 • ab 26.99€
Aber seien wir ehrlich: keins der hier genannten Alben verdient es überhaupt in einem Atemzug mit »Skeleton Tree« von Nick Cave & The Bad Seeds genannt zu werden. Weil hierfür grundsätzlich andere Parameter zur Evaluation herhalten müssen. Natürlich ist Cave auch hier noch Künstler, Charismatiker, knurrender Kauz, vor allem aber ist er ein Vater, der seinen Sohn verloren hat. Und weil dieses Album so erschütternd ist, in seiner Alltagsreflektion nach einer katastrophalen Zäsur, in seiner fragmentarisch poetischen Offenheit und gleichzeitigen Hyperauthentizität, fühlt sich ein Urteil über Cave nicht nur vermessen, sondern unmenschlich an.