Aigners Inventur – September & Oktober 2021

01.09.2021
Keift und brummt sich wieder durch die Veröffentlichungen der letzten zwei Monate: Aigners Inventur, mit Bärlauch-Antipathie und Seerobben-Ehrfurcht. Dazwischen Alben von Flying Lotus, Erika De Casier, Space Afrika und Maxine Funke.
J. Cole
The Off-Season
Interscope • 2021 • ab 23.99€
Dafür, dass ich mich eigentlich entschlossen habe, dass J. Cole in meinem Leben nicht vorkommt, kommt J. Cole zu oft in meinem Leben vor. Meist zwar in Corner 3 Form auf Instagram, aber auch an dieser Stelle mit hartnäckiger Regelmäßigkeit. »The Off-Season« spielt wenig subtil auf J. Coles Halbkarriere als B-Ball-Tryout-Kandidat an und musikalisch wie lyrisch ist das alles schon total in Ordnung eigentlich. Weil ich auch für meine irrationale Ablehnung für dieses Kraut keine Begründung habe, möge J. Cole bis zum nächsten Album den Mittelnamen Bärlauch tragen.

Flying Lotus
OST Yasuke (A Netflix Original Series ) Red Vinyl Edition
Warp • 2021 • ab 25.99€
So, jetzt können wir anfangen. Flying Lotus hat ein Blade Runner-mäßig instrumentiertes Beattape gemacht, das gleichzeitig als Soundtrack für ein Netflix Anime fungiert. »Yasuke« ist das unkomplizierteste, slappendste, was Fly Lo in den letzten zehn Jahren veröffentlicht hat und ungenierte Drill-Snares und 90 Sekunden Tracks ein wahrer Befreiungsschlag. Nix gegen den hochbrauige Fusion-Maniac, aber wer solche Grundvoraussetzungen hat, schuldet uns einfach auch mal wieder solche elementare Beats.

Erika De Casier
Sensational
4AD • 2021 • ab 25.99€
Eines der Alben des Jahres kommt aus Dänemark. Erika De Casier bedient sowohl Murder Inc. als auch So Solid, ohne aber an den dümmlich tradierten Rollenklischees der Neunziger kleben zu bleiben. »Sensational« ist ein – ähem – sensationelles modernes R&B-Album, das sich nicht an überkandidelter musikalischer Dekonstruktion verhebt, sondern das melodiöse Genie der Hype Williams Ära mühelos ins Hier und Jetzt rüber rettet.

Bug, The
Fire HHV Exclusive Transparent Red & Yellow Vinyl Edition
Ninja Tune • 2021 • ab 32.99€
*[The Bug](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/522/the-bug) böllert auf »Fire« nach einigen introvertierteren Projekten wieder mächtig los, mit Wall Of Sound Grime, der Zuhause nur ansatzweise seine Wirkung entfaltet. Während East Man mit seinen beiden Alben eher den Minimalismus des Genres als Outsider reinterpretierte, lässt The Bug hier erahnen, was passiert wäre, wenn die Bomb Squad nach England rübergemacht hätte.

Bug, The
Fire HHV Exclusive Transparent Red & Yellow Vinyl Edition
Ninja Tune • 2021 • ab 32.99€
Joy Orbison scheint dem Albumformat immer noch zu misstrauen und nennt sein de facto Debütalbum deswegen einfach Mixtape. »Still Slipping« folgt diesem semantischen Trick durch stilistische Diversität, wobei Joy Orbison sich hier die ärgsten Basslawinen verkneift und durchaus poppig housy wird, geerdet durch trickreiche Beat-Interludes, diverse Vocalschnippsel seiner Familie und Rap- und Vocal-Features. Er selbst nennt das dann Soul im weitesten Sinne, man könnte es aber auch einfach als logische Weiterentwicklung seiner »Slipping«-EP begreifen.

Moin
Moot!
Ad 93 • 2021 • ab 19.99€
Ich meine, ich habe das hier schon zwölfmal zu Protokoll gegeben, aber der Raime-Auftritt bei Le Guess Who? 2016 bleibt eines meiner fünf nachhaltigsten Konzerterlebnisse überhaupt. Was auf »Tooth« stellenweise noch etwas steril wirkte, wurde live zu diesem entfesselten K-Hole-Alptraum, inklusive Math Rock Gitarre gone Helmet. [Moin](https://www.hhv-mag.com/de/review/11759/moin-moot,) Raimes mit Valentina Magaletti, kultiviert diese Live-Ästhetik nun weiter und »Moot!« ist dabei so erfrischend uncool in seinen Gitarren-Zitaten, dass das verbunden mit UK’schem Rhythmusverständnis wirklich klingt wie nichts sonst da draußen. Als alleinstehendes Album eventuell schwierig zu fühlen, als Live-Reminder unfickmitbar.

LNS & DJ Sotofett
Sputters Black Vinyl Edition
Tresor • 2021 • ab 27.99€
LNS & DJ Sotofett für Tresor: keine Frage hier wird abgeliefert. »Sputters« ist weniger verspult dubby als viele der letzten DJ Sotofett-Releases, dafür mit glassklarem 808 Electro und dreckigstem 909 MPC Techno ein Riesenspaß für den 2G-Flur deiner Wahl. Irre, Tanzmusik.

LNS & DJ Sotofett
Sputters Black Vinyl Edition
Tresor • 2021 • ab 27.99€
Rey Sapienz & The Congo Techno Ensemble machen ebenfalls Tanzmusik, Hakuna Kulala Style. Hier wird Dancehall auf Equinoxx Level weiterentwickelt, Techno der eurozentrische Tunnelblick aus der freudlosen Pulvervisage gefeixt, 170 BPM mal nicht aus dem D&B-Prisma gedacht und dazwischen expressive Vocal-Beiträge, die es irgendwie schaffen sich diese unbezähmbaren Instrumentals mühelos zu eigen zu machen. Next Level Scheiß, durchgehend.

Alan Vega
After Dark
In The Red • 2021 • ab 23.99€
Immer next level gewesen, selbst wenn er sich wie hier an recht hemdsärmeligem Blues versucht, anstatt den Puls von Techno mitzuerfinden: der GOAT Alan Vega. »After Dark« bringt jetzt posthum zwei Drittel der »Cubist Blues« Besetzung wieder zusammen, ergänzt durch Palmyra Delran und Barb Dwyer. Aus welchem Jahr diese Sessions stammen, müsste ich nochmals nachgooglen, viel wichtiger ist aber eigentlich, dass das überhaupt keine Rolle spielt. Vega keift und brummt sich unverwechselbar durch die sechs Tracks wie nur er das konnte und streitet sich vermutlich gerade außerweltlich mit Mark E Smith über die schnoddrigste Delivery der Musikgeschichte.

Suzanne Kraft
About You
Melody As Truth • 2021 • ab 15.39€
Ein Suzanne Kraft Album zu verreißen ist wie eigenhändig ein Seerobbenbaby zu erwürgen, deswegen hier also die Light Variante: »About You« ist ein kuschelig angeproggtes Soft Rock Album, auf dem sich Diego an Bewährtes hält (angekitschte Balearica) und neue Wege geht (behutsames Gecroone). Funktioniert in der Kombination nicht so richtig für mich, aber für echte Kritik ist der einfach ein zu lieber Schnuckel.

Anika
Change Silver Vinyl Edition
Invada • 2021 • ab 26.99€
Anikas Nico-Transfers gehen dafür irgendwie immer. »Change« ist nach raueren Sideprojects das erste Soloalbum seit einer halben Ewigkeit und das Titelstück ein tränendrüsiger Popsong, der erstmals diese postpunkige Rotzigkeit, die Anika Songs sonst so unverkennbar machten, zugunsten einer slick profesionellen Oberfläche aufgibt. Sollte eigentlich nicht funktionieren, ist aber vielleicht meine Hymne der vierten Welle. Ansonsten auch alles prima hier und keine Sorge: Schmirgelpapiersongs gibt es immer noch zuhauf.

Maxine Funke
Seance
A Colourful Storm • 2021 • ab 19.99€
Maxine Funke veröffentlicht derweil über die überverlässlichen Australier von A Colourful Storm ein akustisches Album, das in seinen stärksten Momenten schon fast die vokale Präsenz einer Joni Mitchell erreicht und so spärlich instrumentiert ist, dass »Seance« zu einer äußerst intimen, episodischen Mininovelle wird.

Space Afrika
Honest Labour Clear Vinyl Edition
Dais • 2021 • ab 23.99€
Warum Space Afrika in diesem modernen, von Sferic entscheidend mitgeprägten modernen Ambient-Ding vielleicht die wichtigste Größe geworden sind, ist hingegen schwerer zu beschreiben. »Honest Labour« für Dais besticht aber ohnehin nicht nur mit diesen perfekt zwischen Harmonie und Dissonanz pegelnden beatlosen Skizzen, die immer ein bißchen spröder sind als bei allen anderen, sondern vor allem auch durch fehlerloses Sequencing und einen Haufen “echter” Songs mit Vocal- und Rap-Features, die dem Duo aus Manchester erstmals eine Menge Gewicht auf die weightless (höhö) Schultern hiefen.

Li Yilei
Z / Of
Metron • 2021 • ab 24.99€
Generischer, aber auch total okay: [Li Yilei](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/6752/li-yilei,) die sich auf »Z / Of« in die endlose Reihe lockdown-induzierter Isolationsalben einreiht, die die Selbstentfremdung mit Field Recordings, japanischen Ambient-Tropen und zaudernder Entrücktheit versuchen zu verarbeiten. Das klingt dispektierlicher als es gemeint ist, weil »之/OF« ein gutes Album ist, das es halt leider so ähnlich schon zwei, drei Mal zu häufig gegeben hat.

Alexander Melzak
Alexander Melzak
Light Sounds Dark • 2021 • ab 16.79€
Von Alexander Melzak habe ich noch nie gehört, aber von Veröffentlichungen des notorisch unsichtbaren Light Sounds Dark Umfelds darf man eigentlich immer viel erwarten. Melzaks gleichnamiges Album ist für LSD-Verhältnisse ungewöhnlich stromlinienförmig, mit den eklektisch zusammengebootlegten Compilations hat dieses Album nichts zu tun. Stattdessen astrein cineastischer Tangerine Dream Kram mit kryptischen Sprechpassagen, alles arg im Frühachtziger Sci Fi Kosmos einzuordnen und ein perfekter alternativer OST für »Beyond The Black Rainbow«. Wem das alles noch nicht weit draußen genug ist: bis zur nächsten Inventur müsste das Album von Oi Les Ox auf Vinyl erschienen sein und das klingt tatsächlich wie eine LSD-Compilation.

V.A.
And Felt Like...
Knekelhuis • 2021 • ab 22.99€
Die Compilation des Jahres, ach vermutlich des Jahrzehnts, kommt aber aus dem Hause Knekelhuis und nach einigen schwächeren Katalognummern ist »…And Felt Like« die sozialmüdeste und gleichzeit affirmativste Platte des Sommers. Ein Allstar-Cast, der perfekt diesen unkategorisierbaren Low Company Trademark Sound mit der bleiernen Göteborg-Szene zusammenbringt, Hassell aus dem Off zutrompetet und am Ende mit krummem Rücken und Zoom-induzierter Bindehautentzündung doch nochmal kurz die Drum Machine anwirft. Irgendwer murmelt noch etwas auf skandinavisch oder slavisch über verpasste Chancen und am Ende weiß man wenigstens welches Album man seinen Enkeln wird vorspielen müssen, um zu erklären was da los war 2020 und 2021.