Alice Russell ist eine der wichtigsten Soul-Stimmen der Gegenwart

20.04.2012
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Eine Stimme, die im letzten Jahrzehnt im Grenzgebiet zwischen klassischem Soul, Nu Jazz und Jazztronica herausstach, war die von Alice Russell. Nun hat sie sich mit Quantic für ein gemeinsames Album zusammengetan.

Die Veröffentlichungen von Amy Winehouse und alle ihren Erfolg säumenden und folgenden Platten haben Soul sowohl als Stilrichtung, v.a. aber als Gesangsstil, mehr denn je in den Mainstream gespült. Jenseits dieser, oft gerade auch wegen ihrer nostalgischen Referenzen erfolgreichen Künstler, gibt und gab es jedoch eine von eher klassischen Soul bis hin zu Jazztronica und Nu Jazz reichende vielfältige und kommerziell weniger bedeutende Szene der vergangenen Dekade, die sich diese soulful Vocals nicht zur historischen Referenz, sondern vielmehr als energetischen Ausgangspunkt musikalischen Schaffens genommen hat. Eine Stimme an der man in diesem vielfältigen Universum nicht vorbei kommt, ist Alice Russell.


Die britische Sängerin ist in den vergangenen zehn Jahren auf so vielfältigen, wie gleichsam prägenden Tracks zu hören gewesen, so dass sich beinahe die Frage stellt: Ist es die vage Verwurzlung im Jazz und Soul oder Alice Russell mit ihrer stets wiederzuerkennden Stimme und ihrem sehr eigenen Gesangsstil, die eben jene Prägung ausmacht. Während die Sängerin selbst frei heraus sagt, dass ihr die Kollaborationen die Möglichkeit gegeben hätten, in einer enormen Vielfalt an Stilen zu arbeiten, stellt sie aber auch fest, dass der Drang einen Song, seien es ausgearbeitete Backing-Tracks oder noch rohes Ideen-Material, mit ihrere Stimme zu bearbeiten, zu formen, ebenso intendiert gewesen sei.

In dieser koallborativen Form der Arbeit, die neben ihren beiden Soloplatten ihre bisherige musikalische Arbeit geprägt hat, habe sie, einer Bildhauerin gleich, versucht die Songs und Tracks zu bearbeiten und sich einzuverleiben. Mit »Under the Munka Moon« und »Under the Munka Moon II« hat Alice Russell folgerichtig zwei Alben veröffentlicht, die als Sammlungen ihrer Kollaborationen angelegt sind: Singles, Remixe, Neuinterpretationen. Vor allem für das für viele das Original in den Schatten stellende Cover von »Seven Nation Army« der White Stripes mit Nostalgia77 ist sie auch fernab der Szene gefeiert worden.

Was Alice Russell zeigt, ist, das der Umgang mit ihrer Stimme, dieses Aufgehen in bedingungslosen Extremen, in ekstatische Höhen und bodenlose Tiefen, dass es das ist, was Soul zu Soul macht.

Alex Cowan aka TM Juke hat sich mit »My Favourite Letters« und »Pot Of Gold« der Produktion ihrer beiden Soloalben angenommen. Es sind vor allem diese, die Alice Russells Qualitäten als Composerin, Texterin und Songwriterin herausarbeiten. Bei den Kollaborationen variiert der kompositorische Anteil und bleibt oft wenig nachvollziehbar, ist es hier doch oft der Groove, der der entscheidende Ausgangspunkt für den gemeinsamen Song ist. Auf ihren Soloalben hingegen zeigt sich eine lyrischere Herangehensweise, die eine Nähe von Text und Gesang schafft, die ihr zwischen der enormen Fülle an Projekten nicht abhanden kommen möchte: »Mein nächstes Projekt wird wieder ein Soloprojekt sein. Ich möchte ab und an einfach gerne mit mir und meinen Texten alleine sein.«

Souls als Begegnungsmusik


Zunächst ist es aber die soeben erschienen Platte mit Quantic, mit dem sie bereits seit mehr als zehn Jahren immer wieder zusammengearbeitet hat, die ihr neue Aufmerksamkeit verschafft. Zum ersten Mal arbeitet sie darauf mit einem ihrer musikalischen Partner früherer Jahre für die Länge eines Albums zusammen, alles Songs enstanden in der kolumbianischen Wahlheimat des britischen Musikers und Produzenten. »Wir haben uns für einen sehr intensiven Monat in Kolumbien getroffen und alle Songs der Platte zusammen geschrieben. Es war eine sehr viel intuiitivere Arbeit als alles was wir zuvor gemacht haben.« Und auch wenn sie sich mit »Look Around The Corner« dank der kolumbianischen Backingband The Combo Barbaro stilistisch wieder mehr im klassischen Soul verortet, bleiben die Ausflüge in Electronica und Nu Jazz, in Kollaborationen wie zuletzt mit David Byrne und Fatboy Slim (»Men Will Do Anything«) fester Bestandteil ihrer Arbeit.

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Denn, was Alice Russell zeigt, ist, das der Umgang mit ihrer Stimme, dieses Aufgehen in bedingungslosen Extremen, in ekstatische Höhen und bodenlose Tiefen, dass es das ist, was Soul zu Soul macht. Es sei für sie nicht wichtig, wie der musikalische Rahmen gesetzt sei, ob es sich um Elektro, Jazz oder Klassik handele. Aber eine Erfahrung zu verkörpern und zu vertonen, die es einem Gegenüber ermöglicht, diese Erfahrung nachzuempfinden, dass sei die große Fazination und die zeitlose Bedeutung von Soul. Niemand hat dies bislang besser geschafft zu verkörpern als die Sängerin selbst.