Antilopen Gang – »Es wurde einfach unbequem«

08.12.2014
Foto:Thomas Schermer / © JKP
Es hat sich einiges verändert bei der Antilopen Gang. Wir sprachen mit den Düsseldorfern über ihr Album »Aversion«, darüber, dass beinahe ein echter »Hitler« das Cover geziert hätte und den fehlenden Punk im deutschen Rap.

Manche würden sagen, dass die Antilopen Gang gerade dabei ist, sich neu zu erfinden: Neues Label, professionelle Strukturen, hochwertigerer Sound. Vorbei die Zeiten der abgeranzten und verdreckten Clubs, kaputten Mikrophone und Aufnahmen im eigenen Kleiderschrank, um am Ende selbstgebrannte CDs in Eigenregie unters Volk zu bringen. Aber ist das wirklich so? Lassen sich derart beschriebene Zustände vielleicht auch kombinieren, um am Ende etwas Einzigartiges zu kreieren ohne die eigene Identität zu verlieren? Klar ist seit »Spastik Desaster« viel passiert und zwangsläufig musste das auch so sein. Grund genug sich mit Koljah, Danger Dan und Panik Panzer mal näher zu befassen und sie nach dem aktuellen Release »Aversion« auszufragen.

Euer neues Album trägt den Titel »Aversion«. Was hat es damit auf sich?
Koljah: Wir hätten eigentlich gerne keine Aversionen und wünschen uns, dass keine Aversion nötig ist, aber leider funktioniert das nicht. Und deswegen sprudelt hier da doch mal ein kleines Aversiönchen aus uns heraus. Aber das ist alles nur ein stummer Schrei nach Liebe.
Danger Dan: Es ist fehlgeleitete Liebe. Wir sind sehr lebensbejahende Menschen, die die Welt und die Menschen lieben und deswegen krass darunter leiden, dass alle dumm sind. Und dadurch, dass auch wir dumm sind. Dadurch entstehen dann diese Aversionen. Aber diese sind auf jeden Fall ein Zeichen der Zuneigung und lassen sich positiv lesen.

Lass uns über das gemalte Artwork von »Aversion« reden. Darauf sind auch Dinge zu sehen, die erst beim zweiten Blick sichtbar werden wie zwei Regenbögen oder ein Pinguin, der das Lamm entweder neckt oder ihm an den Kopf pickt….
Panik Panzer: Die beiden sind Freunde. (lacht) Ich hatte mir als erster Gedanken zu dem Artwork gemacht und nachdem wir uns auf den Titel »Aversion« geeinigt hatten, der ja recht destruktiv klingt, war klar, dass das Artwork irgendwie im Kontrast dazu stehen müsse. Und dann hatte ich auf Google nach alten Ölgemälden gesucht, auf denen so etwas wie die perfekte Idylle zu sehen ist. Das hab ich den Jungs gezeigt und dann kamen die mit Adolf Hitler als nächsten Zwischenschritt, den ich aber nicht wollte.
Koljah: Hitler war ja ein bekannter Landschaftsmaler, der ganz biedere Kunstmalerei betrieben hat. Wir haben dann nach Bildern von ihm gesucht und fanden es eine wahnsinnige Idee einen originalen »Hitler« zu nehmen. Rechtlich wäre das sogar gegangen. Panik Panzer fand die Idee aber nicht gut.
Panik Panzer: Mir war einfach schon zu viel Hitler auf dem Album, als dass wir das auch noch auf dem Cover bräuchten. Dann sind wir jedoch auf die Paradiesdarstellung der Zeugen Johovas gekommen und haben eine Illustratorin aus Düsseldorf gefunden, die davon total begeistert war. Dann hat sie das letztlich für uns gemalt und ich hab noch die Typografie draufgeknallt. Ich finde auch, dass es bis jetzt auf jeden Fall unser coolstes Cover ist.
Danger Dan: Yvonne Domava heißt die Frau, falls du ein bisschen Werbung machen willst.

»Trotzdem hat sich an unserer Arbeitsweise nichts geändert: Wir haben das Album in meinem Kleiderschrank aufgenommen, Daniel hat die Beats auf seinem kaputten Laptop aufgenommen und wir haben uns, so wie immer, getroffen, gemeinsam abgehangen und letztlich diese Musik gemacht.« (Kolja)

Ihr seid mittlerweile bei JKP, dem Label der Toten Hosen unter Vertrag, und erwähnt auch in »Die neue Antilopengang« dass sich, wenn auch ironisch gemeint, nun einiges ändert für euch. Was hat sich denn tatsächlich geändert und vielleicht auch im Entstehungsprozess des Albums im Vergleich zu früher?
Koljah: Also was sich auf jeden Fall geändert hat, ist, dass wir nicht mehr alles alleine machen. Wir haben zwar immer noch die kreative Kontrolle, aber gewisse Arbeiten müssen wir nicht mehr selbst machen, sondern uns wird geholfen. Trotzdem hat sich an unserer Arbeitsweise nichts geändert: Wir haben das Album in meinem Kleiderschrank aufgenommen, Daniel hat die Beats auf seinem kaputten Laptop aufgenommen und wir haben uns, so wie immer, getroffen, gemeinsam abgehangen und letztlich diese Musik gemacht. Nur dann hatten wir eben die Möglichkeit das Album nochmal von Roe Beardie abmischen zu lassen, so etwas ermöglicht dann eben JPK. Und natürlich auch, dass es die Platte nun im Laden gibt.
Danger Dan: Früher haben wir auch versucht unsere Promo selbst zu machen, aber wussten im Prinzip gar nicht wie. Jetzt gibt es eben Agenturen, die uns dabei unterstützen und uns viele Arbeitsschritte abnehmen. Dadurch ändert sich dann auch, dass wir z.B. am Bahnhof in Dresden stehen und auf einmal Leute auf uns zukommen und uns erkennen. Ich bin mal gespannt wie sich das weiterentwickelt. Bis jetzt finde ich alle Veränderungen recht schön.
Koljah: Es wurde zuletzt auch einfach unbequem, weil wir auch vorher schon langsam etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen haben und wir uns um jeden Arbeitsschritt selbst gekümmert haben. Das war irgendwann gar nicht mehr alleine zu bewältigen oder zumindest wäre die Kreativität auf der Strecke geblieben. Jetzt ist es zwar immer noch stressig, aber wir können uns wieder ein bisschen mehr auf das konzentrieren, was wir eigentlich machen wollen: Nämlich tighten Rapshit yo!

Im Lied »Spring« setzt ihr euch mit dem Thema Freitod auseinander und versucht auch den Suizidgefährdeten zu verstehen bzw. ermutigt ihr ihn sogar, das zu tun, was er möchte. Ist der Track auch als eine Art Vergangenheitsverarbeitung im Zusammenhang mit dem Tod von NMZS zu verstehen?
Danger Dan: Mit Sicherheit. Wobei das Lied schon vor seinem Tod geschrieben wurde und NMZS das Lied auch schon, in einer anderen, weniger ausgearbeiteten Version, kannte. Und es hat eben nach seinem Tod für mich und uns alle nochmal eine ganz andere Bedeutung bekommen. Wir gehen jetzt nicht bewusst an etwas heran und sagen, wir machen jetzt ein Lied, in dem wir irgendetwas verarbeiten wollen oder so. Aber mit mehr zeitlichem Abstand würden wir das wohl so unterschreiben, dass wir sagen, klar ist das auch eine Auseinandersetzung.
Koljah: Gerade das Ende von dem Lied hat eine große Gewichtung. Wir sagen zwar, wenn sich jemand umbringen will, dann können wir ihn nicht daran hindern. Das ist halt eine Erfahrung die wir gemacht haben. Trotzdem sagen wir ja am Ende auch »ich glaub du liegst falsch und wir kriegen das hin«, und das finde ich mit Hinblick auf Jakob die zentrale Aussage in dem Lied. Es gibt auch schon Diskussionen im Internet, in denen Leute anzweifeln, dass wir mit Jakob befreundet waren, denn man würde seinem Freund ja nicht zum Selbstmord raten. Abgesehen davon, dass ich nicht finde, dass die Leute darüber urteilen sollten, sagt das auch keiner, sondern das ganze ist schon ein bisschen ambivalenter. Man sollte das Lied schon bis zum Schluss hören.

Auf dem Album ist mit »Anti Alles Aktion« auch ein sehr punk-lastiger Track mit dabei und auch das Label JKP steht ja eher für Punkrock. Wie ist euer Verhältnis zu Punk und wie viel Punk steckt in Rap?
Danger Dan: Es fehlt halt Punk krass an Rap (lacht).
Koljah: Ich hätte jetzt ein bisschen Angst, wenn jetzt irgendwelche Rapcrews versuchen einen auf Punk zu machen. Ich würde das vielleicht Zugezogen Maskulin noch zutrauen. Punk spielt für uns natürlich eine Rolle als Attitüde, das merkt man zwar auf dem Album, war aber auch schon immer so.
Danger Dan: Unser Verhältnis zu Punk ist recht gut. Wir sind für eine Rapcrew doch einigermaßen bewandert, was Punk betrifft. Wir waren alle schon mal auf einem Punkkonzert oder der eine oder andere von uns hat eine große Punksammlung. Für mich persönlich ist Claus Lüer der Boss im deutschen Punkgeschäft und alle seine Bands sind super. Am allerbesten finde ich Knochenfabrik. Das ist meine Lieblings-Punkband.

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