Asher Gamedze macht Jazz als Zeitzeugnis

08.05.2023
Foto:Dylan Valley © International Anthem
Der Freund sah die Trommeln nie wieder. Asher Gamedze, der sie ausgeliehen hatte, fand viel zu viele Verwendung für das Instrument. Metal, Reggae, irgendwann Free Jazz. Eine Reise, auf der sich der südafrikanische Musiker noch immer befindet.

Asher Gamedze schreibt an seiner Doktorarbeit in Geschichte, er ist linker Aktivist und Schlagzeuger. Außerdem bezeichnet er sich als »cultural worker«. Die Arbeit des Südafrikaners – ob an der Uni, auf der Straße oder hinter den Trommeln – richtet sich an einem moralischen Kompass aus. Gamedze zitiert Marx. Spricht von Dialektik. In Worten, die jemand wählt, der das Gedankengut aus dem Elfenbeinturm retten will, um Ermächtigung zu finden, wo andere nicht einmal suchten.

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»In vielerlei Hinsicht fühlen sich die Praxis eines Historikers und jene eines Musikers wie dasselbe an«, sagt Gamedze, als ich ihn via Zoom in seinem Arbeitszimmer in Kapstadt erreiche. Hinter ihm quillt ein Regal voller Ordner über, Zettel stapeln sich, aus dem rechten Bildausschnitt ragt das runde Messing eines Beckens. »Beide Bereiche beschäftigen sich mit der Erinnerung. Sei es die Erinnerung an musikalische Traditionen und das, was sie ausdrücken. Oder die Erinnerung an historische Ereignisse.«

»Schwarze Musik ist nie ein unbeschriebenes Blatt.« (Asher Gamedze)

Gamedze, der 1989 in Bristol zur Welt kommt, später mit seinen Eltern nach Johannesburg zieht und zum Studium nach Kapstadt geht, bezeichnet Musik als Bewahrerin der Erinnerung. Für ihn sind Musiker:innen Produzent:innen von Geschichte. Sie schreiben sie auf. In Form von Noten. Aber auch, indem sie durch sie ausdrücken, was sie angeht und betrifft. Die Musik werde zum Ausdruck über den Zustand ihrer Gegenwart. Deshalb bestehe seine Arbeit als Schlagzeuger darin, etwas zu verdeutlichen, was bereits in der Musik enthalten ist, so Gamedze.

»Wenn wir uns Musik anhören, die vor uns entstanden ist – und ich spreche von Schwarzer Musik –, kann man hören, was in ihr vor sich geht. Man muss diese Musik natürlich in ihrem Kontext verstehen: Was bedeutete ein Lied im Moment, in dem es aufgenommen wurde? ›Alabama‹ von John Coltrane, ›Tears for Johannesburg‹ von Max Roach, die Lieder von Miriam Makeba. Ihre Musik ist nie ein unbeschriebenes Blatt.«

Was es heißt, die Zeit zu öffnen

Gamedze beginnt während seiner Zeit an der Highschool, Schlagzeug zu spielen. »Eher durch Zufall«, wie er sagt. Seine Eltern hatten ihn zwar wie seine beiden älteren Schwestern zur Musik ermutigt. Weder das Keyboard noch die Gitarre habe aber die Begeisterung ausgelöst, die Asher Gamedze verspürte, als er das erste Mal am Schlagzeug gesessen sei.

Geld für ein eigenes Kit habe er allerdings keines gehabt. Deshalb leiht er die Trommeln bei einem Freund aus – und bringt sie nicht mehr zurück. Er probiert verschiedene Stile aus, treibt sich auf Metal- wie Reggae-Konzerten rum. Seine Offenheit führt ihn zum Free Jazz. Schließlich spielt er 2019 mit Angel Bat Dawid und deren Brothahood-Band.

»Magie kann entstehen, [wenn] wir eine Richtung einschlagen, die nicht vorab festgelegt ist« (Asher Gamedze)

Sein erstes Soloalbum erscheint 2020 auf On The Corner Records. Es heißt »Dialectic Soul«. Asher Gamedze komponierte darauf, was viele als Zufall hören: Improvisation, Free Jazz, Avantgarde. Inzwischen folgt eine zweite Platte. »Turbulence & Pulse« sei die Fortführung dessen, was er als »endlose Reise« beschreibt: sein Spiel am Schlagzeug, das er in der Tradition von Trommlergrößen wie Rashied Ali, Sunny Murray oder Elvin Jones versteht. Gamedze mag das nicht offen aussprechen – er ist kein Angeber. In seinen Worten schwingt vielmehr Ehrfurcht und Anerkennung mit, wenn er über die, wie er sie nennt, »Öffner von Zeit« spricht.

Gamedze weiß aber, dass er als Erbe dieser Schlagzeuger auftritt, wenn er die »spekulative Praxis« ihrer Musik zitiert. »Die Komposition wird zum Anlass für das gemeinsame Spiel, bei dem eine gewisse Magie entstehen kann, sofern wir eine Richtung einschlagen, die nicht vorab festgelegt ist«, sagt er. Gamedze bezieht sich auf sein Ensemble, das zusammenfinde, um etwas zu organisieren. Dieses »Etwas« mag Widerstand oder Zerstreuung sein, radikale Veränderung oder Militanz – es sei und bleibe die Wurzel »von allem«. Schließlich setze es sich aus dem zusammen, was er im politischen Kontext häufig »Kollektiv« nennt.

Gamedze vergegenwärtigt mit seiner Arbeit die Vergangenheit. Sie ist Triebfeder und Vorbild. Aus ihr sprechen Geschichten. Nicht nur für ihn als Historiker, sondern als Schlagzeuger, der in die Zeit springt, sie öffnet und so weit dehnt, dass sich zur unstillbaren Bewegung wird, die Geschichte produziert und zu ihr wird. Um das zu fühlen, muss man kein Musiker sein, nicht studiert oder gelehrt haben. Man muss nur genau hinhören – und dadurch etwas über jene Realität erfahren, die außerhalb der eigenen Wirklichkeit liegt.