Das Phänomen Taktloss – Der Undertaker des Deutschrap

02.05.2016
Foto:Tobias Hoffmann/PhyreWorX
Geliebt, gehasst, als lächerlich empfunden, zum Genie erklärt. An Taktloss scheiden sich die Geister. Bei seinem letzten Konzert wollen trotzdem alle dabei sein. Doch was ist es genau, das Taktloss so besonders macht?

Zu sagen, Tatkloss sei frauenfeindlich wäre falsch. Denn es wäre entschieden zu einseitig. Tatkloss’ Texte sind nicht nur frauenfeindlich, sie sind allesfeindlich. Taktloss hasst alle. Er behandelt alle gleich schlecht.

Massenvernichtend nicht massentauglich, das sind sein Lyrics. Klar, die Zahl jener, die Gangsta-Rap oder Battle-Rap generell ablehnen, ist groß. Doch selbst in dieser Gruppe gibt es zahlreiche Sich-zu-Taktloss-Bekenner. Er genießt einen schwer greifbaren Ausnahmestatus. Fans, Journalisten, Kritiker, andere MCs: Über Taktloss ist man sich einig.

Er ist einer der Gründe, warum jeder halbwegs eingeweihte weiß, was die Berliner Schule ist. Die Genre-Schublade des Battle-Rap verdankt ihm hierzulande viel von ihrer heutigen Popularität. Erfunden hat er sie sicher nicht. Aber er und einige Gleichgesinnte haben sie seinerzeit mal so richtig aufgezogen, anstatt nur verschämt hinein zu lugen.

Taktloss ist einer jener Typen, die sich gegen Ende der 1990er Jahre bei den Freestyle-Sessions im Berliner Royal Bunker herumtrieben. Es ging dort weniger um geistreiche Reflexionen über eigene Befindlichkeiten, sondern vielmehr um das, was man heute Flexen nennt. 1997 tat er sich mit Bunker-Mitstreiter Kool Savas zusammen.

»Nigga, ich stech’ dich ab, Bitch.« ( Taktloss)

Unter dem Namen Westberlin Maskulin schufen sie eine brandheiße Antithese zum Deutschrap-Status-Quo. Sie schlugen dem zeitgenössischen Hip Hop-Sound mit einem Enthusiasmus in die Fresse, dass ihm noch heute der Schädel brummt. In zunächst nur kleiner Auflage veröffentlichten sie das Tape »Hoes, Flows, Moneytoes«. Es entpuppte sich als Initialzündung für einen Rap-Entwurf, der auf skandalträchtige Weise provoziert, schockiert, verstört – und unterhält.

Zeigen, was Rap auch sein kann
Dass Taktloss ein Anhänger der amerikanischen Rapcrew Project Blowed ist, ist dabei eine bezeichnende Randnotiz. Bei den regelmäßigen Freestyle-Sessions im Good Life Café waren Schimpfworte verpönt – ganz im Gegenteil zur damals angesagten Rap-Sprache. Münzt man diesen Anspruch auf die seinerzeit vorherrschende Deutschrap-Attitüde, könnte man sagen, Westberlin Maskulin schlugen einfach den umgekehrten Weg ein. Sie zeigten einer ganzen Hip Hop-Generation, was Rap auch sein kann.

Anders ausgedrückt: Sie hielten dem bis dahin etablierten Sprechgesang eine ungeheuerliche FSK18-Version von Rap vor Augen. Dieser verhielt sich zum Rest wie Youporn zur FHM, Kickboxen zu Judo, oder eine schwarze dänische Komödie zu einem Schweiger-Film. Alles inklusive unerhörter Flows. Oder, um es mit Taktloss zu sagen: »Wenn du im Untergrund rumhängen willst, dann nur an einem Strick.« Und: »Die Kontroverse des Zeitalters des vernünftigen Individuums ist vorbei, wenn das Geschrei überhand gewinnt und die Säkularisierung, die damals Chaos hieß, die nötige Balance zum Gegenteil verliert. Sätze wie dieser sind leicht zu verstehen wenn man wie ich im stehen gehen kann.« Oder einfach und eindrücklich: »Nigga, ich stech’ dich ab, Bitch.«

Taktloss und Kool Savas trennten sich nach dem Release von »Battlekings«, dem zweiten WBM-Album. Auch von der parallel bestehenden Crew MOR nahm Taktloss Abstand. Weiterhin verfolgte er, was für ihn Priorität hat: Battle Rap.

Seine Soloalben tragen dies bereits im Titel: »BattleReimPriorität«, »BRP2«, »brp3«, »BRP 4Life«, »Battlereimpriorität Nr.7«, »B R P 56«. Kollabos mit Jack Orson, Justus, Abstract Rude oder Rifleman unterstreichen sein Anliegen, während er mal als Taktloss Eisenschwanz oder als Der Letzte Tighte Nigga, mal als TAK 47 oder als Takti der Blonde über die Stränge schlägt. Außerdem hat er mit Fick Die Biaaatch Rekordz sein eigenes Label lanciert und als selbsterklärtes Medium seines Alter Ego Realgeizt hergehalten. Und nährte mit sehr spärlich gesäten Fernsehauftritten den Mythos um seine Person. Allen voran mit dem bei der VIVA-Show »Supreme« im Jahre 2001. Für Zeitzeugen wird sein Gastspiel für immer unvergessen bleiben.

Mal Taktloss Eisenschwanz, mal Takti der Blonde
Dann, Anfang Januar dieses Jahres: Die Schlagzeile, er wolle bald seinen letzten Auftritt geben, schlug mit brachialer Wucht ein. Klar, sie stammte von ihm. Er gab mit Samstag, dem 28.5., schon einen Termin an, legte aufgrund des großen Interesses noch den darauffolgenden Sonntag als zweiten Termin eines Doppelkonzerts fest. Für beide Tage hat sich schon eine prominente Rap-Riege als Gast angemeldet. Sido will bei Taktis Finale dabei sein, auch Frauenarzt, Bogy, Mach One und diverse MOR-Mitglieder. Sogar zu einer WBM-Reunion mit Savas soll es kommen, während bei Ebay derweil Konzerttickets für mehrere Tausend Euro kursieren.

Angesichts eines deutschen Rappers, der nie aus dem Underground herausgetreten ist, erscheint all das komplett verrückt. Was ist dran an Taktloss? Auf was gründet die denkwürdige Faszination, die von ihm ausgeht?

Weil Taktloss Rapper ist: Zuerst natürlich auf seinen Raps. Seinen entrückten, losgelösten Style braucht man dabei gar nicht groß herauszustellen. Denn auch, wenn das in Rap-Deutschland nach wie vor schief beäugt wird, steht er damit nicht allein da. Sein nasaler Flow ist jedoch im doppelten Sinne taktlos, denn es gibt kaum einen Song, der auch mal oberhalb der Gürtellinie bleibt, wenn man die Wortwahl betrachtet.

Verbale Tiefschläge sind aber kein Selbstzweck, viel mehr geht es ihm darum, Erwartungshaltungen zu unterlaufen. Ohne Punkt und Komma, aber in langen, verschachtelten Sätzen, legt er ein durchgedrehtes Storytelling an den Tag, das er um immer weitere Ecken denkt. Um es plötzlich in entweder vollkommen übersteigerten oder bodenlos plumpen Diss-Attacken aufzulösen.

»Tatkloss gehört auf ähnliche Weise zu Rap wie der Undertaker zum Wrestling ( Seine Figur besteht zu großen Stücken als Sinnbild einer zeitlosen Bedrohung.«:)

Der Kontrast zwischen komplexen und plumpen Lyrics schafft sinnliche Dissonanzen, die in den Untiefen zwischen Abstraktion und Absurdität in humoristisch-groteske Abgründe blicken lässt .Und dabei wie nebenbei Fragen nach Sinnhaftigkeit und Ästhetik, oder auch zu der nach dem Wesen der Welt aufwirft, ohne sie als Frage zu formulieren. Hinzu kommt natürlich noch seine unverkennbare Stimme. »It´s mostly the voice« formulierte einst Guru mit einiger Berechtigung. Taktloss’ Organ sticht in der Deutschrap-Landschaft zweifellos raus.

Dada? Avantgarde? Alles bedeutungsentleerte Begriffe, will man ihnen losgelöst ihrer unmittelbaren Anschauung auf die Schliche kommen. Ein schlichtes Bejahen oder Verneinen solcher Fragen raubt den inhärenten Zauber. Das verhindert zwar weiterführende Weihen Richtung kommerziellem Erfolg, trägt jedoch umso mehr zur Legendenbildung bei.

Mit Taktloss spricht man nicht
Man spricht nur über ihn. Die Folge: So etwas wie das vielbeschworene Rap-Battle gegen ihn wird zum Theoretikum, denn messbare Kategorien lösen sich auf. So gesehen gehört er auf ähnliche Weise zu Rap wie der Undertaker zum Wrestling: Seine Figur besteht zu großen Stücken als Sinnbild einer zeitlosen Bedrohung, die einen aufgrund ihrer unergründlichen, aber unvermeidlichen Wirklichkeit keine andere Wahl lässt, als sie ins Herz zu schließen.

Ansätze wie diese benötigen eine standesgemäße Inszenierung. Taktloss meistert sie, indem er all das Genannte, außerdem aber nichts bedient. Indem er der Möglichkeit widersteht, aus ihr herauszutreten, erreicht er ihren Kern.

Dass ihm oft eine Verweigerungshaltung unterstellt wird, ist entsprechend falsch. Vielmehr zeichnet ihn im Gegenteil eine Haltung aus, die sich selbst bedingungslos bejaht. Seine Unberechenbarkeit ist an die Frage geknüpft, wo die Figur Taktloss anfängt und wo sie aufhört.

Das hätten auch die Damen und Herren der Düsseldorfer Kunstakadmie erkennen können, als sie ihn 2012 für einen Vortrag einluden.

Das Thema, über das er referieren sollte, durfte Taktloss selbst wählen. Er entschied sich für: kein Thema. Sein Vortrag bestand aus Schweigen unter künstlerisch-künstlichen Bedingungen: Er dunkelte das Licht ab. Das Schweigen ließ er nur einer Person zuteil werden, die ihm gegenüber Platz nehmen konnte und ihrerseits schwieg. Die anderen mussten den Saal vorher verlassen. Das stille Anstarren in der Dunkelheit fand unter Veränderung einer Variable statt: Er und sein Gegenüber wechseln zwischendurch, auf ein Handzeichen von ihm, die Plätze, tauschten Dozentenpult gegen Studentenstuhl. Als der Auserwählte irgendwann zuckt, bricht Taktloss ab – und lässt die anderen wieder herein. Nachdem alle sitzen, verlässt er den Saal. Vortrag beendet.

Man kann das lächerlich oder genial finden, egal: Das Geschilderte birgt Raum für allerlei Interpretationen. Und das nicht nur isoliert betrachtet. Allein der Umstand, dass eine bestimmte Person für einen Vortrag geladen wird, hüllt all ihre in diesem Rahmen unternommen Taten in eine Aura des Bedeutsamen. Man kann also unmöglich davon sprechen, er hätte nichts getan. Schon merkwürdig, dass die Zuständigen der Kunstakademie ihm Arbeitsverweigerung vorwarfen und daher nicht die Fahrkosten erstatten wollten.

Sie wussten offenbar nicht, worauf sie sich bei Taktloss einließen.