Es folgt: ein fünf Jahre alter Song.
Dass ausgerechnet anhand von »Done Before« hier gleich die Besonderheit der Musik einer Band besprochen wird, die gerade ein neues Album veröffentlicht hat, ist das Ergebnis eines Prozesses, der keine innere Logik hatte. Grob: Wegen Mangelhaftigkeit des Umfelds in Musik vertieft, wegen Mangelhaftigkeit des Selbst keinen Plan gehabt, Musikjournalist geworden, Kiran Sande entdeckt, Kiran Sande per se aus der Hand gefressen, ihn in seinem Plattenladen besucht, von ihm Tara Clerkin Trio empfohlen bekommen, und später, bei nassem, in das Wohnzimmer einfallenden Herbstabendlicht bei »Done Before« im Lockdown eine Erfahrung von Fülle gemacht.

Somewhere Good
Die Aufmerksamkeit eines Menschen. Wohin der Blick fällt und was er aktiv auf- und wahrnimmt. Was er damit sammelt, welche Verbindungen er zieht zwischen unendlichen, vollkommen arbiträren Entdeckungen. Das ist natürlich eigentlich: die banalste Sache der Welt.
Aber das, was oddly specific ist, ist 2026 ein Gut, das wertvoller ist, als man im ersten Moment denkt.
Ein erstes Zitat: »The thing that makes you most real to yourself, is the thing you notice.«
Ist von Schriftstellerin Rachel Cusk.
Das Eine führt nicht zum Anderen
Erstmal: nichts. Ein erstes Knacken nach, warte, neun Sekunden. Nach 18 wird ein Gegenstand über eine Fläche geschleift. Nach 26 Sekunden macht es: Plops. Vielleicht das Ankommen eines Arsches auf einem Schemel.
Und dann setzt, zögerlich, das Klavierspiel ein. Als würde jemand an einem See mit den Zehen die Wassertemperatur antesten und schnell feststellen, dass sie, die Temperatur, ganz und gar herrlich ist, woraufhin die Person vor Freude darüber beginnt, ganz sanft, kleine Wassertropfen mit dem Fuß die Waden des anderen Beines zu besprengen. Tropfen im Sonnenlicht. Die Fingerspitzen beginnen mit dem Wasser zu spielen, Knöchel werden benetzt, Bauch und Nacken. Und dann, bei 1:25, gleitet das Stück los, taucht der Schwimmer ein und findet sofort in einen Schwung.
Ein gleichmäßiger Klavier-Loop wie gleichmäßige Züge. Ein Loop, der wie eine kleine Welle nach oben verläuft, dabei aber, kaum hörbar, schlingert. Er ist gleichzeitig ur-rund und eiert. Nach knapp zwei Minuten fängt Tara Clerkin einfach an zu singen. »Your eyes reflect the sky/only half the time«. Ab Minute 3:18 kommen, merkwürdig ungelenk, Kontrabass und Geige dazu, brauchen ihre Zeit, um sich einzufinden, bis sie sich irgendwann doch einfädeln in den Song, der schon da war. Der Gesang geht dann weiter – und fängt gleichzeitig von vorne an. Es entsteht ein Kanon, und das Stück schlingt sich um sich selbst.
The death of the gute Unberechenbarkeit
Ob KI irgendwann berührende Kunst machen kann? Bislang tut sie es nicht. Warum? Man kann das verkürzt beantworten: Sie hat halt keinen Geist. Alle wissen, was gemeint ist. Aber… was ist gemeint? Was soll das sein, Geist? Es ist einfacher zu sagen, was er nicht ist. Geist ist nicht erklärbar. Seine Erzeugnisse sind nicht zurückführbar auf eine schlüssige Kette von Abfolgen. Deshalb ist Geist nicht reproduzierbar.
Das, was berührt, ist durchzogen davon. Weil da noch irgendwas ist. Noch irgendetwas anderes, neben dem Benennbaren.
Genau dafür geht mehr und mehr der Sinn verloren. Der Raum schwindet, um es überhaupt wahrzunehmen. Das hat natürlich etwas mit Taktung und Informationsdichte des Alltags im Kapitalismus zu tun. Es ist aber auch ein, Achtung, spirituelles Problem. Es fehlt mehr und mehr die Bereitschaft, sich die Welt als etwas zunächst komplett Undefiniertes vorzustellen und sich mit ihr in eine offene Auseinandersetzung zu begeben. Es fehlt die Bereitschaft, das Unterfangen zu wagen, ohne Herleitung und zielgerichtete Hinführung zu leben. (Wen interessiert, wie’s sich das anfühlt: ask a queer friend).
Weltmaschine
Meet den jungen allemanischen Boy, Hartmund Rosa. Der Soziologe hat diesen grassierenden Zustand mal wieder ganz toll beschrieben. In seinem jüngsten Buch Situation und Konstellation führt er an, wie der Thermomix dem Kochen die eigene Note nimmt, wie Google Maps dazu führt, dass man zwar am Ziel ankommt, der Welt auf dem Weg aber komplett fremd geblieben ist. Er beschreibt, wie Kinder beim Lego-Spielen zunehmend einem Bauplan folgen, statt Gebilde aus dem Kopf heraus zu entwerfen. Überall dasselbe Muster. Urteilen, abwägen, irren, lernen – tatsächliches Befassen: It’s just not happening. Man lässt das System übernehmen.
Rosa sieht hierin den Übergang von einer Gesellschaft des Handelns zu einer Gesellschaft des Ausführens. Wer ausführt, hat die Antwort schon (oder meint, sie zu haben). Wo keine Auseinandersetzung mit der task at hand notwendig ist, entsteht keine Reibung. Man kommt durch – ohne, dass einen etwas angeht. Aber ohne Reibung keine Resonanz. Und ohne Resonanz kein Zwiegespräch, das die Zwischenräume im eigenen Denken schleift. Das ist eine algorithmische Gesellschaft mit einem mechanistischen Weltbild. Alles ist ein Apparat. Auf A folgt B. Dazwischen: nichts.
Wenn man nicht das Fertige wählt, fängt alles gerade erst an
Wo war es gleich? Ah ja, neulich im New Yorker. Da schrieb der amerikanische Autor Hanif Abdurraqib Folgendes: »I want to embrace minor discomforts if doing so can make me feel slightly more alive and engaged in the world.«
Bei der Dichterin May Sarton liest man:
»The first hour of the day I spend enjoying the air and watching for miracles.«
Was für schöne Gegenentwürfe zum maschinenbasierten Leben. Minor discomforts. Watching for miracles. Schon unterschiedliche Dinge. Die aber eine Sache eint: Sie haben einen Sinn für das Unfertige. Das, was nicht reibungslos läuft – und das, was vielleicht gar nicht erst existiert. Das sind die absoluten Gegenbewegungen zum bloßen Ausführen und der gedankenlosen Zurkenntnisnahme einer Berechnung. Aus A wird dann das, was aus der eigenen aufmerksamen Auseinandersetzung mit den Dingen entsteht.
Und da sind wir wieder, erleichterndes Durchschnaufen beim Publikum, bei der Musik. Bei der Kunst insgesamt, wenn man will. Denn irgendwo in unseren zerfurchten, alleingelassenen, zur Funktion verdammten Körpern sitzt ein lebendiger, unkorrumpierbarer Punkt, der wächst, wenn Reibung entsteht.
Checken jetzt wieder mehr. #frictionmaxxing is what they call it.
Was uns zu einem verwandten Begriff führt.

Frisson who, Frisson what?
»When that chord is not quite what we expect, it gives you a little bit of an emotional frisson.«
Der Musikpsychologe John Sloboda sagt, dass das Gehirn Musik hört und dabei pausenlos macht, wovon es sich einfach nicht abhalten kann: Es sucht Muster. Wenn dann in das gerade erfasst gemeinte Muster ein Akkord bricht, der nicht ganz der erwartete ist, entsteht dieses kleine, manchmal kaum wahrnehmbare emotionale Erschauern. Frisson genannt. Minor Discomforts. Mircales. Der Körper meldet: Ich bin noch da.
Von ~GuterKunst wird man rausgeschossen aus einer Art Trance, in der man die Dinge wie sie sind verinnerlicht für voll nimmt. Es haut einem die Annahmen aus dem Unbewussten. Man begreift, dass man komplett frei vor einer Welt steht, die überhaupt keinen eingeschriebenen Sinn hat. Sie befreit einen aus der Newsfeed-Zugeschissenheit und erinnert einen, der Gesellschaft des Ausführens ab- und Rilke zusprechend, wieder mit den Fragen zu leben.
Diese Erinnerung kriegt man nicht von 10000 Hours of Lo-Fi beats to study to. Ein Genre, das ja längst keine Hörgewohnheit mehr beschreibt, sondern eine Beziehung zur Welt.
Beim Tara Clerkin Trio hat man ständig diese Frisson. Und deswegen ist deren Musik nicht einfach nur ganz tolle, schöne Musik, sondern eine Notwendigkeit. Gerade, weil das jetzt nicht Noise, Free Jazz oder bulgarischer Glotal-Gesang ist. Es ist Pop. Aber Pop mit diesen göttlichen Irritationsmomenten.

Ein Tara-Clerkin-Moment
Man denkt beim Tara Clerkin Trio nie: logisch.
Aus dem einen folgt nie einfach das andere. Da sind immer Brüche.
Das neue Album beginnt, als würde eine Person ohne großes Noten- und Melodieverständnis Jingle Bells auf einem N64 spielen wollen. Dazu Klavierspiel wie kurz vom Wind aufgewirbelte Blätterhaufen neben dem Bordstein.
Dragging your dreams down the same old streets.
Auf »Ups And Downs« plötzlich ein Chipmunks-Belcanto über Twin Peaks-Jazz.
Man könnte jetzt meinen, dass es also nichts weiter ist als Randomness, die hier frischen Wind durch den Wahrscheinlichkeitsbaum der Populärkultur pustet. Das wäre aber zu billig. Die Kunst dieser Musik ist, dass sie weder beliebig noch nachvollziehbar klingt.
Man spürt da das, was hier im Text eingangs über die Aufmerksamkeit gesagt wurde: Dieser Musik liegen Verbindungen zu Grunde, die drei Menschen aus den Inspirationen geknüpft haben, die ihre eigenen sind. Du kannst diese Spezifität nicht faken. Du kannst Somewhere Good nicht prompten. Das ist nicht einfach ein Nebeneinander einzelner musikalischer Elemente. Selbst wenn man jedes einzelne benennt, hat man die Songs immer noch nicht beschrieben. Denn da ist: noch irgendwas anderes in den Stücken. Etwas, das nicht auf Knopfdruck rekonstruierbar und für einfache Anwendung programmierbar ist: die lustige, die geile, die unwahrscheinliche, die immer allen Dingen eine zusätzliche Ebene verleihende, weil gar nicht anderes könnende Subjektivität.
Die Philosophin und Lacan-Abblitzenlasserin Hélène Cixous sagte neulich, alles, was man tun müsse, sei zu lesen – das sei aber die schwierigste Sache der Welt. Das lässt sich auf die Aufmerksamkeit, das Lesen der Welt also, erweitern. Man kann annehmen, dass das Tara Clerkin Trio aus guten Lesenden dieser Art besteht.
Es ist so, als würde jede neue Instrumentenwahl, jede einsetzende Melodie, jede Passage eine neue Region im Gehirn freischalten. Man war da immer noch nie. Es ist ein typischer Tara Clerkin Trio-Moment. Man schwebt für einen kurzen Moment zwischen allen Dingen, die Kategorien lösen sich auf, es gibt keine Fragen mehr – oder alle –, vor allem ist da ein sehr großes Ja zu einer komplett ungeklärten Situation. Bevor das Gehirn wieder seinen Mustererkennungszwang durchzieht und alles schnallt und einordnet, blickt man auf ganz instinktiver Ebene voller Gier in einen noch hellen, vollkommenen offenen Raum und ist erfüllt von einem Gefühl der… Neuheit? Es sind wirklich immer nur Bruchteile von Sekunden, aber in denen ist es als wäre das eigene Erfahrungswissen aufs Herrlichste weg, vollkommen verflogen und egal. Es gibt auch keine Kognition. Man steht nur zwischen zwei Tara Clerkin-Loops und weiß – und man weiß es mit dem Körper –, dass die Welt voller Wunder steckt.
Spiritual Pop
In ihrem Podcast »Gott und die Welt« spricht ein anderer großartiger Boy, die »freelance POC« Wana Limar, mit Ahmad Milad Karimi, Religionsphilosoph. Der droppt diesen Vollbanger: »Spirituell zu sein, heißt mit der Welt nicht fertig zu sein. Mit der Welt fertig zu sein, bedeutet, dass ich weiß, wie alles geht. In dem Moment, wo ich so viel Wissen habe – oder meine zu haben! –, ist alles geklärt. Das Leben [aber] ist die Kunst der Unverfügbarkeit.«
Unverfügbarkeit. Ah! Das ist das perfekte Gegenstück zu Rosas Begriff des Ausführens. Unverfügbarkeit is so not Thermomix-Google-Maps-KI-generierte Inhalte.
Unverfügbarkeit. Das ist dieser typische Tara Clerkin-Moment, das trifft es noch viel besser. Mit jeder neuen musikalischen Entscheidung erweitert die Band die Karte. Aber hinter jedem gelüfteten Nebel zeigt sich keine Finalität, sondern noch mehr Klang, den man nicht geahnt hätte. Jede Entdeckung schürt die Neugier. Du kannst diese Musik nicht haben. Du kannst sie nicht nehmen und auf einen Knopf drücken und sagen: mach diese Musik nochmal.
Das ist Musik, die kannst du nur machen, wenn du ein eigenes Leben führst.
