Die Weltenwanderung von New-Age-Musiker Ariel Kalma

05.02.2024
Foto:© Ariel Kalma
Er fand vom Jazz zum Schlager, bei den Pfadfindern zur Spiritualität und in Nepal das Universum. Ariel Kalma, der im Nachkriegs-Paris zur Welt kam und zu den Pionieren im Bereich der New-Age-Musik gehört, erzählt von einem ganzen Leben, das ihn um die Welt und zur Magie geführt hat.

Mit 13 sieht Ariel Kalma das Universum. Ein Junge schlägt ihm mit der Faust in den Solarplexus, das Nervengeflecht zwischen Brustbein und Bauchnabel. Kalma sackt benommen zusammen, wird ohnmächtig, zwei, drei Minuten. »Es war eine wunderbare, eine unfassbare Erfahrung!«, strahlt der Franzose.

An diesem Tag im Pfadfinderlager, ein paar Kilometer außerhalb von Paris in den späten 1950er Jahren, verändert sich sein Leben. Der Junge, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Künstlerviertel Montparnasse neben Marktschreiern und Straßenmusikanten aufwächst, blickt in eine andere Welt. Eine, die er nicht benennen kann, bis er Jahre später auf einem Konzert der indischen Dagar Brothers landet. »Sie sangen und sangen und ich weinte und weinte. Da wusste ich, welchen Zustand ich damals entdeckt hatte: Spiritualität!«

In seiner Jugend beginnt Kalma, Free Jazz zu hören. Bald greift er selbst zum Saxofon. Die Radikalität des Sounds fasziniert ihn. Er treibt sich in den Spelunken der Hauptstadt herum, rutscht in Rockbands auf den Knien über die Bühnen. Und landet 1970 durch Zufall bei Salvatore Adamo. Der Schlagersänger ist in Frankreich ein Star und rekrutiert den jungen Kalma für eine Welttournee. »Ich wusste, dass ich eigentlich was anderes machen wollte, aber in seiner Band konnte ich all diese Orte sehen. Und damit auch die Menschen.«

Honig und Haschisch

Kalma erzählt von seinem ersten Trip nach Indien und von einem zweiten, bei dem er mit wenig mehr als seiner Flöte durchs Land reist. Er lernt Yoga und die Grundkenntnisse klassischer indischer Musik kennen. Ein Schlangenbeschwörer bringt ihm bei, wie man zirkular durch den Mund atmet. »Ich musste ein Glas Brandy exen, um meinen Verstand zu überlisten. Dann reichte er mir ein Glas Wasser und einen Strohhalm. Ich sollte immerfort hineinpusten und das Wasser zum Blubbern bringen, ohne je aufzuhören. Das habe ich getan.«

Als Kalma schließlich in Kaschmir, dem Norden Indiens, landet, ist es Winter. »Was ich nicht wusste: Der Bergpass wird in dieser Zeit geschlossen. Ich kam an und saß fest. Allerdings gab es dort sehr viel Haschisch. Die Leute, mit denen ich in einem Hausboot lebte, hatten eine riesige Hubble-Bubble – eine Wasserpfeife, bei der man im Kreis sitzt und die Pfeife herumreicht. Wir mischten das Haschisch mit Tabak, der in Honig getaucht wurde. Ich hatte so eine Erfahrung bereits in Südfrankreich gemacht, aber in Kaschmir habe ich das Ganze erlebt.«

Ariel Kalma verlässt Kaschmir als Vegetarier und besorgt sich Bücher von Hermann Hesse. Er hat in Nepal ein Tor geöffnet, das weiß er. Deshalb will er zurück in seine Heimat, zurück nach Paris, doch: Das Geld fehlt. Ein verkrüppelter Amerikaner, der Indien bereiste, habe ihm schließlich zu einem Job verholfen. »Er wollte die Tempel sehen, ich habe ihn gefahren – bis ich genug Geld für die Rückreise beisammen hatte.«

Aus der schnellen Heimkehr wird nichts. Es ist 1974, die Zeit der ersten Ölpreiskrise. Kalma reist zu Fuß, im Auto, den sogenannten Hippie Trail entlang. »Zuerst kam ich nach Pakistan, das ich nicht mochte, weil die Leute unhöflich und aggressiv waren. Danach war ich in Afghanistan, wo man bereits die politischen Spannungen wahrnahm. Der Iran war wiederum am Ende der Schah. Schließlich landete ich in der Türkei. Dort traf ich einen Saz-Spieler, mit dem ich in die Berge fuhr, um dort zur Unterhaltung von Soldaten zu musizieren.«

Die teure, japanische Flöte, die Kalma zu Beginn seiner Reise mit sich trug, hat er zu diesem Zeitpunkt längst eingepackt. Alle Musiker, die er unterwegs trifft, spielen nur billige Instrumente. Von ihnen habe er gelernt, dass man nicht viel braucht, um in einer bestimmten Stimmung zu sein. »Das Hupen der Autos, die Ketten der Fahrräder, sogar eine Drei-Dollar-Flöte hat eine Stimmung, weil in der indischen Musik alles gestimmt ist«, so Kalma.

One-Way-Ticket nach New York

Mitte der 1970er Jahre haben in Paris nur wenige von dieser absoluten Stimmung gehört. Kalma arbeitet zwar am GRM, dem Institut zur Erforschung elektroakustischer Musik, wo er an Bandmaschinen immer längere Loops bastelt. Seine Faszination für endlos erscheinende Kaskaden-Klänge und ihre Trip-ähnlichen Oberklänge teilt aber kaum jemand mit ihm. 

Trotzdem verkauft Kalma 1000 Platten seines Debüts »Le Temps de Moisson« – repetitive Guru-Musik aus dem Schwanenhals der Erleuchtung. Ein Weltmeer weiter westlich verfolgen einige Wesensverwandte ganz ähnliche Vorstellungen von Musik: Terry Riley, La Monte Young und Charlemagne Palestine spielen in den USA sogenannte Minimal Music. Als Kalma davon mitbekommt, bucht er sofort ein One-Way-Ticket nach New York.

»Sie sangen und sangen und ich weinte und weinte. Da wusste ich, welchen Zustand ich damals entdeckt hatte: Spiritualität!«

Ariel Kalma

Er lebt einige Wochen in den Katakomben einer Kirche in Manhattan, hält eine weiße Taube als Haustier und spielt untertags in Parks mit zufälligen Bekanntschaften wie Don Cherry. »Eines Tages traf ich eine Frau, sie war Tänzerin und meinte: ›Oh, du bist Ariel, ich tanze zu deiner Musik.‹ Daraufhin wurden wir ein Liebespaar und sie kam mit mir nach Paris. Ich stellte ihr meine Meditationsgruppe vor und sie war sehr interessiert. Also sagte ich zu ihr, lass uns im Geiste verbinden. Ich bereitete all meine Instrumente vor und begann zu spielen. Fast hätte ich vergessen, die Aufnahmetaste zu drücken. Zum Glück habe ich es doch getan, sonst wäre »Musique Pour Le Rêve Et L’Amour« nie entstanden.

Mit »Osmose« erscheint ein weiteres Album, das die Richtung für Ariel Kalmas Musik vorgibt. Als einer der ersten verwendet er Aufnahmen von Vögeln. »Ein Kollege am GRM schickte diesen Bildhauer, Richard Tinti, zu mir. Er sei in Borneo gewesen und hätte 15 Stunden an Aufnahmen aus dem Regenwald. Also lud ich ihn in meine Wohnung ein und er spielte mir die Bänder vor. Als ich seine Aufnahmen hörte, konnte ich es nicht glauben. Die Vögel waren im Einklang mit meiner Musik! Ich musste sie nur noch abmischen. Das war’s!«

Blutkuren und Hörgeräte

Jahre vergehen. Alben entstehen. Ariel Kalma hört nie auf, Musik zu machen. Zudem beschäftigt er sich in den 80ern mit Tantra, landet der Liebe wegen in Hamburg und übersiedelt mit ihr nach Maui. »41 stürmische, intensive und liebevolle Jahre sind seither vergangen«, sagt Ama, seine Frau, die neben Ariel ins Bild rückt. Seit über 20 Jahren leben sie mit ihrer Familie an der Ostküste Australiens. Von dort aus kümmert sich Ama darum, dass »die Welt die Musik von Ariel hören kann – und dass er nicht jede Anfrage annimmt, die er bekommt.«

Nachdem Kalmas frühe Aufnahmen vor einigen Jahren neu aufgelegt wurden, sind die Anfragen häufiger geworden. Dass Ariel Kalma genauestens verfolgt, was sich in der elektronischen Musik der Gegenwart abspielt, beweist seine Auswahl: Er hat sich in den letzten Jahren mit jungen Musiker:innen wie Sarah Davachi, Gilbert Cohen und Jonathan Fitoussi zusammengetan. Zuletzt spielte er für die BBC eine Session mit Jeremiah Chiu und Marta Sofia Horner ein. 

Reviews zum Künstler

»Eine Blutkur«, seien diese Zusammenarbeiten, sagt Kalma, der sich – nach seinem ideologischen Vorbild Miles Davis – wünschen würde, viel öfter mit jüngeren Menschen zu spielen. »Leider geht das nicht mehr richtig, weil ich kaum noch hören kann. Ich verwende zwar ein Hörgerät, aber wenn ich Saxofon spiele, tut es in den Ohren weh. Ich kann nur noch das Didgeridoo spielen, das ich harmonische Röhre nenne. Na ja, Magie lässt sich überall finden!«

Deshalb werden auch weiterhin neue, alte Aufnahmen erscheinen. Schließlich besitzt Kalma inzwischen alle Bänder, die er seit der Zeit in Paris aufgenommen hat. »Vor einigen Jahren schickte mir ein Freund viele Kisten voll mit meinen alten Aufnahmen. Es sind über 150 Stunden Musik. Manchmal höre ich sie mir an. Manchmal veröffentliche ich sie, aber glaub mir: Das kann ich tun, bis ich tot bin.«