Ein Label als Non-Profit-Organisation: New Amsterdam

03.09.2026

New Amsterdam legte den Grundstein für die Karriere Arooj Aftabs und führte ein breiteres Publikum an Julius Eastman heran. Seinen genrefluiden Künstler:innen gewährt es kreative Freiheit und 100 % der Einnahmen. Was für ein Label macht das schon?

Als die Komponist:innen Judd Greenstein, Sarah Kirkland Snider und William Brittelle im Jahr 2007 New Amsterdam gründeten, wollten sie die Dinge nicht nur anders, sondern auch besser machen. »Damals gab es in der Musikwelt noch strikter definierte Genregrenzen«, sagt Greenstein. Mit New Amsterdam wollte das Trio sie insbesondere innerhalb der zeitgenössischen klassischen Musik durchbrechen und stattdessen auf »Genrefluidität« setzen. »Wir unterstützen Künstler:innen, deren Musik sich nicht in vordefinierte ästhetische Strömungen oder paradigmatische Vorgehensweisen einpasst«, sagt Kirkland Snider.

Zu den ersten Veröffentlichungen gehörten Alben von und mit dem Rohrblattbläser und Komponisten Sam Sadigursky, dem elektroakustischen Duo itsnotyouitsme, Olga Bell und den Gründer:innen selbst. Jazz, Ambient, Art-Pop und zeitgenössische klassische Musik standen im Katalog von New Amsterdam von Anfang an Seite an Seite. Auch das finanzielle Konzept von New Amsterdam wirft die Frage auf, was für ein Label das ist – oder ob es sich überhaupt um eines handelt. Denn obwohl ein solches aus rechtlichen Gründen als gewinnorientiertes Unternehmen existiert, leitet New Amsterdam auch ein Non-Profit. 

»Wir wollten ein Non-Profit gründen, weil uns klar war, dass die Notwendigkeit der Monetarisierung der Musik unsere Entscheidungen darüber beeinflussen würde, was wir veröffentlichen«, sagt Greenstein. Das Label und das Non-Profit arbeiten im Tandem, um New Amsterdam einen anderen wirtschaftlichen Ansatz zu ermöglichen. »Traditionelle Labels funktionieren wie eine Bank: Sie verleihen Geld an Leute, die dieses Geld zurückzahlen müssen«, erklärt Brittelle. New Amsterdam übernimmt jedoch keine Aufnahmekosten, weshalb sie auch niemand zurückzahlen muss. 

Anders anziehend

Stattdessen produzieren die Künstler:innen ihre Platten selbst und zahlen dem Label etwa ein Drittel der Verwaltungskosten. Der Rest wird über den gemeinnützigen Verein von New Amsterdam selbst aufgebracht. Artists bekommen sogar die Kontrolle über ihre Masterbänder. »Wir ermöglichen ihnen, 100 % der Einnahmen zu behalten«, so Hirkland Snider. Das ist ungewöhnlich, fühlte sich aber richtig an: »Wir sind selbst Künstler:innen und wollten ein Label schaffen, durch das wir uns fair und respektvoll vertreten fühlen.« Eh klar, dass dieser Ansatz ein paar interessante Figuren zum Label geführt hat.

New Amsterdam hat Arooj Aftab dabei unterstützt, ihre bahnbrechenden Alben Siren Islands und Vulture Prince zu veröffentlichen, und gleichzeitig Jazzgitarristin Mary Halvorson eine Plattform für ihre Kollaborationen mit Multi-Instrumentalist Robbie Lee und Deerhoof-Gitarrist John Dieterich geboten. Pulitzer-Preisträgerin Caroline Shaw veröffentlichte dort ebenso Alben wie Tristan Perich seine 1-Bit-Musik und Tyondai Braxton von Battles Solo-Musik. Mit Jace Claytons The Julius Eastman Memory Depot führte das Label außerdem ein breiteres Publikum an die Musik Eastmans heran.

»In einer Zeit politischer Unruhen überrascht es nicht, wenn Künstler:innen mehr persönliche und politische Projekte umsetzen

Judd Greenstein

Dass New Amsterdam dem ikonoklasistischen Komponisten in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Ensemble Wild Up eine ganze Albumserie widmen sollte, war allerdings nicht abzusehen. »Eigentlich bringen wir keine Werke heraus, wenn davon schon Aufnahmen existieren, und eigentlich sollten die Komponist:innen am Prozess beteiligt sein«, sagt Greenstein. »Aber es fühlte sich in dem Moment richtig an, das mal über Bord zu werfen.« Nachdem sich Clayton kritisch mit der Fetischisierung des Schwarzer schwulen Komponisten auseinandergesetzt hatte, spricht dank Wild Up nun seine Musik für sich. 

Einige jüngere Releases wie Dorian Woods Canto de Todes oder Andrew Yees Trans Requiem denken das Persönliche noch enger mit dem Politischen zusammen. »In einer Zeit politischer Unruhen überrascht es nicht, wenn Künstler:innen mehr persönliche und politische Projekte umsetzen«, sagt Greenstein. Damit sich auch kommende Generationen Gehör verschaffen können, hat New Amsterdam 2017 das Workshop-Programm Composer’s Lab und bietet jungen Talenten mittlerweile sogar die Möglichkeit, ihre Alben praktisch kostenlos zu veröffentlichen. Auch das: eher ungewöhnlich für ein Label. 

Aber vielleicht ist New Amsterdam in erster Linie gar kein Label, sondern vielmehr ein Kollektiv von Menschen, die Dinge nicht nur anders, sondern auch besser machen wollen.

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