Karen Willems: Die große Nähe, die durch umfallende Gläser entsteht

29.06.2026
Foto: Dominiek Claeys

Ist es Klangkunst? Ist es Pop? Karen Willems' Musik ist vieles. Vor allem ist sie: unmittelbar. Und das macht sie so groß.

Ein kleines Mädchen vor blauem Hintergrund, mit Marschtrommel um den Hals. Das ist das Cover von Karen Willems‚ 2025er Album, A Fool’s Guide to Reality. Der Blick des Mädchens ist seitlich nach unten gerichtet, geistesabwesend blickt sie ins Off.

Es ist ein treffendes Abbild für die Musik der belgischen Schlagzeugerin und Komponistin. Denn in ihrer Musik ist beides da (und noch viel mehr): Die Dringlichkeit der Marschtrommel und das Verträumte ihres Blicks.

»Wenn ich Musik mache, habe ich keinen Plan«, sagt Willems. Das Ergebnis ist Musik zwischen Electronica, Ambient, Klangkunst und experimentellem Pop.

Wärme und Spannung

Etwa, wenn im Track »Jeu Mikado« das Schütteln der titelgebenden Stäbchen des Geschicklichkeitsspiels zum strukturierenden Perkussionselement wird, um das herum es dann knarzt und raschelt. Ab und an gluckst ein Kind.

In vielen ihrer Stücke greift Willems auf Field Recordings zurück. Es entsteht dadurch eine Nähe, eine Wärme, die wiederum in einem spannenden Kontrast zum kompositorischen Ansatz steht, der durchaus etwas Avantgardistisches an sich hat.

Schon mit ihrem ersten Soloprojekt Inwolves veröffentlichte sie ab 2012 dräuende und doch seltsam beruhigende Klänge zwischen Post-Punk und atmosphärischen Drones. Mit Terre Sol startete sie später, 2020, eine weitere Veröffentlichungsreihe, als vierköpfige Band. Die Doppel-LP Grichte (2022) ist klanglich zweigeteilt. Der erste Teil schließt an ihre Soloarbeiten an: Hypnotisches Schlagzeugspiel mit perkussiven Eruptionen trifft auf Field Recordings.

»Wenn jemand sein Glas umstößt, verändert das auch mein Spiel.«

Karen Willems

Im zweiten Teil hingegen legt sie einen warmen Klangteppich aus: jazzy, leicht psychedelisch, immer gehen große Bilder auf. Im Zusammenspiel mit drei Saxofonisten offenbart sich eine Spielfreude, die auch das zugängliche Album Juju (2024) prägt. Im überbordenden Track »Fuzzy Williams« etwa sorgt nach dem geklöppelten Intro ein wiederkehrendes, recht wuchtiges Saxofonmotiv für Orientierung bei den vielen Verzweigungen, die sich in nur dreieinhalb Minuten auftun.

Auf ihrem aktuellen Soloalbum Fancy Cannot Cheat (2026) treffen dagegen eher ambienthafte Texturen auf verstolperte Beats und ihre wandelbare Stimme.

Längst ist das Schlagzeug nicht mehr ihr Hauptinstrument. Auf der Liste der Instrumente stehen neben Spielsachen auch Kochtöpfe, eine Zither, Synthesizer und vieles mehr. Willems erklärt: »Ich arbeite mit Objekten, mit Melodien. Mittlerweile setze ich meine Stimme häufiger ein. Ich betrachte sie als zusätzliches Instrument.«

Echtzeitmusik

Als Kind hat Willems tatsächlich in der belgischen Provinz in einem Fanfarenzug gespielt. Als sie mit Mitte 20 nach einem schweren Unfall ein halbes Jahr ans Haus gefesselt war, beschloss sie, das Musikmachen zum Beruf zu machen. Anfangs war sie in der belgischen Rockszene unterwegs, spielte etwa beim Bandkollektiv Zita Swoon. Zugleich entdeckte sie die Improvisationsmusik für sich. Es sind diese beiden Stränge ihrer musikalischen Sozialisation, die bis heute ihr Schaffen prägen

»Ich will, dass die Leute kommen, weil meine Musik sie etwas fühlen lässt – nicht weil ich irgendwelche Erwartungen an ein Genre bediene. Deswegen gefallen mir Konzerte: Man ist sich so nah. Wenn jemand sein Glas umstößt, verändert das auch mein Spiel.« Das Tolle an Willems’ Alben ist: Diese Unmittelbarkeit, die nicht zuletzt an Echtzeitmusik erinnert, scheint auch auf ihren Tonträgern durch. Sie sind voller umfallender Gläser. Und Nähe.

Dieser Beitrag ist Teil des Themenschwerpunkts

Belgischer Jazz

Unter dem Themenschwerpunkt »Belgischer Jazz« fassen wir Beiträge zur aus Belgien stammenden Jazz-Musik zusammen.

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