Bei Laura Misch ist Langsamkeit der Move

25.05.2026
Foto: Joya Berrow

Laura Misch erlebte, was schon viele vor ihr erlebt hatten: Erst ging es schnell – und dann gar nicht mehr so gut. Mit ihrer ureigenen Herangehensweise ans Musikmachen fand die Britin einen Ausweg aus dem Burnout.

Als Laura Misch für ihr Album Lithic mit dem Saxophon auf dem Rücken in Höhlen abstieg, Steinbrüche erklomm und in Felsenbecken eintauchte, ging es ihr nicht um Naturerlebnisse. Sie suchte nach Resonanz. Und nach etwas, das in der Musikindustrie oft rares Gut ist: Zeit.

Die britische Musikerin verbrachte Monate damit, zuzuhören, zu experimentieren und Klänge zu sammeln.
Die gesammelten Field Recordings schichtet sie auf Lithic mit Saxophon, Stimme und elektronischen Elementen zu einem Sound zwischen Jazz, Ambient und experimenteller Elektronik. Das Album ist das Ergebnis einer Suche nach einer anderen Art, Musik zu machen. 

»Mir geht es eher um das Erlebnis als um das perfekte Equipment«, sagt Laura Misch. Ihre Musik entsteht aus Bewegung und Umgebung. Der Ort selbst wird Teil der Komposition, manchmal sogar zum Instrument. 

Diese Herangehensweise hat auch mit ihrer Biografie zu tun. Misch studierte nicht etwa Musik, sondern Biomedizin. »Ich spiele komplett nach Gehör«, sagt sie. »Ich kann keine Notenschrift, schreibe mir nie etwas auf. Wenn ich also mit dem Album auf Tour bin, wird es sich jeden Abend ändern, weil es keine Noten davon gibt.«

Steine hören

Musikproduktion hat sie sich nach einer Dekade des Saxophonspielens im Alter von 24 Jahren selbst beigebracht: »Ich habe mich schon immer gerne künstlerisch ausgedrückt, aber als ich das Produzieren gelernt habe, fühlte sich das wirklich befreiend an. Ich war nicht mehr auf andere angewiesen.« Diese neu gewonnene Autonomie aber benutzt Misch nicht, um ihre Kontrolle über die Musik auszubauen. Im Gegenteil: Viele ihrer Arbeiten entstehen gerade dort, wo Kontrolle abgegeben wird – an Umgebung, Wetter, Akustik oder Zufall.

»Ich habe viel weniger Angst vor dem Auftreten als vor dem Reisen. Die Musik ist mein Safe Space.«

Laura Misch

Diese Herangehensweise darf man auch als bewusste Gegenbewegung zu einer Musikindustrie verstehen, die auf Wachstum, Tempo und Verwertung getrimmt ist. Laura Misch spricht offen über Burnout und darüber, wie schwer es sein kann, langfristig gesund zu arbeiten: »Man sitzt im Flugzeug, gibt eine Show, baut alles ab und steigt gleich wieder in den nächsten Flug. Dazwischen Soundcheck, Kommunikation und Merch-Stand – da war ich einfach total ausgebrannt und bin regelrecht zusammengebrochen.« Ihre Musik setzt diesem Takt etwas anderes entgegen: Langsamkeit, Aufmerksamkeit, Raum. »Ich habe viel weniger Angst vor dem Auftreten als vor dem Reisen«, sagt sie. »Die Musik ist mein Safe Space.«

Wenn Misch von einer Musik-Ökologie spricht, meint sie genau das. Der Begriff beschreibt nicht bloß ihre Nähe zur Natur. Er verweist auf die Bedingungen, unter denen Musik entsteht und geteilt wird. »Es gibt immer so etwas wie ein leises Rauschen des Windes oder Vogelgezwitscher oder das Plätschern eines Flusses«, sagt sie. Für Misch ist Musik immer ein Teil eines größeren Zusammenhangs. Zwischen den Felsen fand sie, was keiner mehr hat: Aufmerksamkeit – und Zeit. Auf Lithic kann man beides hören.