Hiroshi Ebina zieht seinen Sound aus den kleinen Momenten des Daseins. Er greift jene Augenblicke auf, die an vielen unbemerkt verfliegen. Das lässt sich auf jedem seiner Alben in Variationen hören. Auf It’s Always Autumn to Say Goodbye (2025)sind es die Leerstellen, die ein Verlust hinterlassen hat. Auf Silver Lining (2023) das Licht eines Sommermorgens. Und auf seinem aktuellen Album On Solitude das Alleinsein zu später Stunde. Ebina verschiebt die Aufmerksamkeit: Weg vom Offensichtlichen, hin zum Unscheinbaren.
Die Inspiration für »On Solitude« lieferte Wim Wenders‘ »Perfect Days«. Das Große im Kleinen. Und das Kleine im Kleinen. Das kann Licht sein. Das kann ein Baum sein. Das kann die Lektüre am Abend sein. Nichts daran ist spektakulär. Aber es ist in seiner Einfachheit wunderschön. »Der Film gab mir den Anstoß, die Idee der Abgeschiedenheit und die Ahnung der tiefen Erfüllung fernab des Internets zu erkunden«, so der 1987 in Tokio geborene Künstler.

On Solitude - Winter Grey Gray Vinyl Edition
In »Your Mind Is Like The Ocean« fächert Ebina dieses Alleinsein mit ein paar Tönen eines Synthesizers auf. Mit »One Step Closer To Awareness« bewegt sich Ebina in Richtung Techno. Und in »Transience Permanence« trägt nur ein Klavier den Track über die vier Minuten. »Ich setzte mich für den Track ans Klavier und die Akkordfolge ergab sich aus dem Fluss. Ich wusste, dass ich mich auf das Klavier und dezente Ambient-Klänge konzentrieren wollte, daher verlief der Entstehungsprozess relativ mühelos.« Am Ende verschiebt sich das Stück aus den Moll-Akkorden in eine Dur-Tonart, um einen Kontrast zu schaffen.
»Ich beginne nicht mit einer konkreten Idee, wie das Album am Ende sein wird«, sagt Ebina. »Es ist vielmehr ein anhaltender Dialog innerhalb des Aufnahmeprozesses, währenddessen ich die Themen jedes Tracks und des Albums forme.« Dieser Dialog ist bei Ebina nie laut.
»Mein Stil hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert.« Ebinas frühe Arbeiten seien vor allem aus Improvisation und Experimenten innerhalb des Genres entstanden. Aktuell bewegt sich Ebina in Richtung elektronischer und techno-orientierter Strukturen. »Ich schätze nach wie vor feine Texturen und einen minimalistischen Ansatz, und diese Elemente prägen meinen Sound weiterhin, ganz gleich, in welche Richtung ich mich entwickle.«
Tiefe in der Fläche
Sein aktueller Ansatz ist vielleicht so greifbar wie nie. Auf zwei Tracks finden sich sogar Lyrics – einmal von Hinako Omori und einmal von marucoporoporo. Um als Künstler zu wachsen, brauchte es dies, so Ebina. Wie sehr er sich mit seinem Sound bewegt hat, wird dabei besonders deutlich, weil sich Klang und Gesang so organisch wie selten bei Ambient verbinden. Die Stimmen fügen Worte hinzu: Eine eigene Bedeutungsebene, in einem Genre, das sonst nur Soundfläche sein will und selbst Gesang dem oft unterordnet.
»Ich war beeindruckt, wie ein minimalistischer Ansatz so eine tiefe und eindringliche Soundlandschaft erschafft.«
Ebinas Reaktion auf »Landing« von Taylor Deupree
Als Kind machte Ebina bereits Musik. Als Teenager spielte er irische Musik und Gagaku, die traditionelle japanische Hofmusik. Mit Mitte 20 begann er mit Ambient und elektronischer Musik. »Ich hatte seit einiger Zeit diese Art von Musik gehört, aber als ich 12k entdeckte, änderte sich mein Zugang noch einmal grundlegend.« Es war »Landing« von Taylor Deupree auf dem Label, das Ebina in die Hände fiel. »Ich war beeindruckt, wie ein minimalistischer Ansatz so eine tiefe und eindringliche Soundlandschaft erschafft. Diese Erfahrung sorgte dafür, dass ich ähnliche Musik machen wollte«, sagt Ebina, der ebenso mit Fotografie und visueller Kunst arbeitet.
Im vergangenen Jahr zog Ebina aus dem Zentrum von Tokio weg, lebt jetzt in einer wohnlichen, stillen Gegend. Viele Bäume, viel Ruhe. Es gebe ein großes Publikum für Ambient in Japan, allerdings sei die Community der Künstler selbst eher klein. »Um ehrlich zu sein: Es kann ziemlich schwierig sein, sich selbst zu differenzieren, wenn du strikt innerhalb des Genres Ambient arbeitest.« Was auch ein Grund war, um sich mit Vocals und techno-orientierten Elementen für »On Solitude« auseinanderzusetzen.
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Mit seinen Alben findet Ebina die Schönheit im flüchtigen Alltag und im alltäglich Flüchtigen. Alles fließt entlang Ebinas Dialog mit seinem Sound. In »Your Mind Is Like The Ocean« trägt eben mal der Synthesizer den Track, in »How To Belong To Yourself« ist es hingegen keine Klangfläche, sondern ein Rhythmus. Hiroshi Ebina entwickelt Ambient viel weiter, als er es zugeben würde.
