Gangrene – Ein irres Zweigespann

03.12.2010
Foto:Decon Records
Alchemist und Oh No haben sich zusammengeta, um ein Album aufzunehmen. Ein Interview mit zwei Verrückten

Menschen mit sensiblem Magen sei davon abgeraten in die Google-Bildersuche das Wort »Gangrene« einzugeben. Den danach aufkommenden Brechreiz beim geneigten Hörer haben Alchemist und Oh No wohl bewusst erzeugen wollen, als sie für ihr gemeinsames Projekt das englische Wort für »Wundbrand« wählten. Als Beleg für diese These dürfte das nachfolgende Interview ausreichen, das ähnlich wie ihr aktuelles Album Gutter Water verschroben und erfrischend anders ausfällt. Was folgt ist ein Gespräch über Ninja-Sterne, American-Idol-Loser, Nutrias, laufende Nasen und Videospiel-Kabinen.

hhv.de: Ich hörte, ihr wart in der letzten Woche für mehrere Tage in Sao Paulo. Was habt ihr denn in Brasilien getrieben?
The Alchemist: Wir sind dahin geflogen um mit heißen brasilianischen Bräuten abzuhängen, in Helikoptern zu fliegen, eine Menge braunes Gras zu rauchen und die Red-Bull-Straßenmusikanten auszuchecken. Irgendwie müssen wir ja das Album promoten.

Euer Album Gutter Water ist vom Titel, über das Artwork bis hin zu den Songnamen voll mit negativen Bildern. Man könnte meinen, die letzten Monate waren keine gute Zeit für euch?
Oh No: Nein, nicht unbedingt. »Gutter Water« repräsentiert das dreckige, drogenverseuchte Flussbett, das durch die Kanalisation fließt, in der sich Nutrias in eine Art neue Biester verwandeln, die Städte in der selben Art terrorisieren, wie einst Godzilla.

»Wir gingen ins Studio um zu rauchen… Und auf magische Weise waren die Songs dann fertig. Mit all dem Rauch im Studio war es einfach schwer herauszufinden, wer welchen Song produziert hat.« (Oh No)

Erzählt etwas über den Produktionsprozess. Lief es via E-Mail oder habt ihr Songs auch gemeinsam im Studio produziert?
Oh No: Wir gingen ins Studio um zu rauchen… Und auf magische Weise waren die Songs dann fertig. Mit all dem Rauch im Studio war es einfach schwer herauszufinden, wer welchen Song produziert hat.

Bei eurem offensichtlichen Hang zum Graskonsum waren die Aufnahme-Sessions sicherlich chaotisch?
Oh No: Oowaps. Euro-Joints. Bongs. Zigarren, länger als ein Plattencover. Feiern über YouTube-Clips. Bashar empfangen. Studio verlassen. Zurückkommen. Weitere Blunts. Euro-Joints. Bongs. Pro-Tools öffnen. Wow, ein neuer Gangrene-Song? Song abspielen. Oh Shit, was ist das?

Wie kam die Connection zum Maler Dan Park zustande, der das Cover entwarf?
The Alchemist: Wir sind in die Zentrale von Decon Records gestürmt und haben Peter Bittenbender mit einer richtig großen, illegalen Waffe bedroht, dass gleich jemand gelöchert wird, wenn das Artwork nicht auch genauso dope wie die Musik wird. Wir hatten Ninja-Wurfsterne und all das.

Was war denn Madlibs erste Reaktion, als er hörte, dass ihr ein Album im Stile von »Champion Sound« aufnehmt?
Oh No: Madlib war erfreut. Er möchte auch Beats für uns liefern und wünscht sich im Gegenzug Songs von uns für seine Projekte. Fam bam! Gangrene/Madlib-Shit!

Seht ihr Gangrene als Produzenten-Team, so wie Sid Roams?
Alchemist: Ich habe es noch nicht gesehen, aber gerochen, berührt, geschmeckt und davon gehört. Aber Sid Roams sind großartig. Ich empfehle euch alles von denen zu kaufen. Doppelt. Übrigens, ich frage mich, ob einer von ihnen Sid und der andere Roams ist, so dass Leute auf der Straße fragen können: »Hey Roams. Wo hast du Sid gelassen?« Killer!

Habt ihr darüber nachgedacht in Zukunft als Gangrene für andere Künstler zu produzieren?
The Alchemist: Definitiv. Wir arbeiten aktuell eifrig an William Hungs neuem Opus, ein Kinder-Mitmach-Song mit Gigi Allen. Ich möchte noch nicht all zu viel preisgeben, alles was ich sagen kann ist: 2010. Haltet die Augen offen für den Kerl, der ein starkes Comeback mit seinem Solo-Debüt feiern wird.

Was schätzt ihr an euch gegenseitig an meisten?
The Alchemist: Ich schätze an Oh, dass er andauernd gemeinsame Bilder von uns knipst.
Oh No: Den ALC-Wahnsinn! Yo, er ist irre. Ehrlich. Dieser Typ ist geisteskrank.

»Ich leide an einer seltenen Krankheit, die wissenschaftlich als »akutes Kompliment-Akzeptanz-Syndrom« bekannt ist. Wann immer mir jemand ein Kompliment macht, verdrehen sich meine Augen, ich mache für zehn Sekunden ein ziemlich schreckliches Geräusch und der Rotz beginnt aus meiner Nase zu laufen.« (The Alchemist)

Alchemist, kürzlich scherzte Evidence in einem Interview, dass du zu Whooliganz-Zeiten besser gerappt hast, als heute. Dabei klingst du auf »Gutter Water« raptechnisch deutlich verbessert.
The Alchemist: Ich leide an einer seltenen Krankheit, die wissenschaftlich als »akutes Kompliment-Akzeptanz-Syndrom« bekannt ist. Wann immer mir jemand ein Kompliment macht, verdrehen sich meine Augen, ich mache für zehn Sekunden ein ziemlich schreckliches Geräusch und der Rotz beginnt aus meiner Nase zu laufen. Die Leute denken dann, ich sei verärgert, doch ich kann meine Gesichtsmuskeln nicht kontrollieren, wenn ich im Freudentaumel bin. Es ist wirklich peinlich.

Welcher Beat gefällt euch vom jeweils anderen am besten?
Oh No: Win Or Lose von Mobb Deep, Prodigys Keep It Thoro. All den neuen verrückten Kram, den er mir vorspielt.
Alchemist: Ich habe keinen bestimmten Lieblingsbeat von Oh No, weil er niemals nur an einem Beat tüftelt. Der weiß gar nicht, wie man nur einen einzelnen Beat macht. Er macht eine Serie von Beats. Ein verdammter Psychopath. Meine Lieblings-Beat-Serie von ihm ist die Jaws-Reihe. Keine weitere Erklärung notwendig.

Alchemist, hast du bereits Samples von den Platten verwendet, die dir Fans vor einer Weile in Moskau schenkten?
The Alchemist: Ja. Ich habe damit erst kürzlich ein Projekt beendet. Es wird »Russian Roulette« heißen und ist ein musikalisches Erlebnis. Das war’s mit Infos.

Oh No, damals warst du einer der ersten, die 8-Bit-Videospiel-Sounds in ihre Beats eingebaut haben. Heutzutage verwenden zahlreiche Produzenten diese Sounds. In deinen Augen Copy-Cats?
Oh No: Ach nee, alles cool. Es sind halt auch alles verschiedene Stile. Meistens hat man doch eh nie vorher voneinander gehört. Habt euren Spaß. Ich drehe da jetzt nicht durch. Ich habe eine ganze Dr.-No-Nintendo-Beat-LP produziert. Zieht euch den 8-Bit-Kram rein.

Wie steht ihr zum aufstrebenden LA-Beat-Movement und Events wie Low End Theory?
The Alchemist: Puh, frag mich nicht so was. Ich bin gefangen im Studio und getrennt vom Universum. Mit der Ausnahme von Kaffeebohnen, Teeblättern und dem lokalen Weed-Verkäufer. Dennoch, Props an all die dopen Sachen, die aus LA kommen. Alt wie Neu.

Oh No, ich hörte du arbeitest auch mit Pete Rock an einer Platte?
Oh No: Yeah, Grüße an Pete Rock! Roc C und ich haben vor einiger Zeit mal an einer LP mit Pete Rock gearbeitet. Raw Shit. Wir traten mit Pete in Kontakt und er hat uns mit Bangern versorgt. Also haben wir am selben Tag noch mit neuen Songs geantwortet.

Hast Du eigentlich noch einen Überblick über deine zahllosen Projekte?
Oh No: Zur Zeit gebe ich Ohnomite den letzten Schliff, arbeite an neuem Gangrene-Stuff, der Prince-Po-LP, dem The-Professionals-Album gemeinsam mit Madlib, dem Street-Crux-Projekt mit Roc C und Chino XL. Zudem bastele ich im Videogame-Sektor am nächsten True Crime-Spiel, dem Download zu Red Dead Redemption und an Disruptcade, der abgefahrensten, selbst gebauten Arcade-Kabine.

»Ich bin gefangen im Studio und getrennt vom Universum. Mit der Ausnahme von Kaffeebohnen, Teeblättern und dem lokalen Weed-Verkäufer.« (The Alchemist)

Existiert die Kali-Wild-Crew eigentlich noch?
Oh No: Die Kali-Wild-Crew ist definitiv noch am Start. Jeder arbeitet halt an seinem Solo-Kram. Cornbread beendet eben sein Album. Sauna und ich haben vor kurzem im Studio verrückte Sachen produziert. Und mein Homie J Duce ist auch weiter am hustlen.

Es gab Gerüchte du hättest Stones Throw verlassen?
Oh No: Ich bin immer noch down mit Stones Throw. Es ist schön zu sehen, dass sie in den letzten Jahren mit unterschiedlichen Künstlern viele Erfolgsmomente hatten. Sie machen das, was sie wollen und darum geht es doch letztlich.

Alchemist, was steht bei dir demnächst an? Wie weit ist das Step-Bros-Album mit Evidence fortgeschritten?
The Alchemist: Zunächst steht Cats & Dogs von Evidence an, das sehr, sehr gut wird. Im Anschluss dann das Step-Bros-Projekt, über das ich noch nicht viel mehr berichten kann. Haltet Ausschau!

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